Ein Gen bahnt sich seinen Weg

Seit knapp sechs Jahren wohnt Balakow bei uns: Balakow ist ein rotweißer, vormals streunender Kater. Er hat sich unsere Familie ausgesucht. Warum? Das wird immer sein Geheimnis bleiben. Eines Abends, es war zeitiges Frühjahr, hatten wir ziemlich viel Besuch. Wir hatten als alte VfB-Fans eine Ausfahrt geplant. An diesem Abend holten viele Leute ihre Karten ab. Wir haben schön miteinander gevespert, gelacht, gefachsimpelt. (By the way: Unvorstellbar in diesen seltsamen Corona-Zeiten!) Als ich nachts um 23.30 Uhr ziemlich müde meine Spülmaschine einräumte, saß dieser winzige Kater an meiner Balkontür und miaute jämmerlich. Es war offensichtlich: Er hatte Hunger. Ganz doll.

Ich gab dem bedauernswerten kleinen Geschöpf also die Reste der abendlichen Vesperwurst. Er dankt diesen Akt seither mit seiner grenzenlosen Liebe. Weil meine Söhne sich wünschten, dass er den Namen einer Legende tragen möge, tauften wir ihn – als leidenschaftliche VfB-Fans – Balakow. Nach Krassimir, dem Freistoß-Helden vom Wasen. Wie hätte ein Kater in Weiß und Rot auch sonst heißen sollen? Balakow zog ein bei uns. Sein Platz ist ein Ikea-Hocker unter dem Wohnzimmer-Glastisch.

Denn das Katerchen ist mittlerweile ein echtes Familienmitglied. Sitzt er, der aktive Freigänger, morgens mal nicht vor besagtem Balkonfenster, ist die ganze Familie krank vor Sorge. Bis er wieder angetrödelt kommt und unglaublich viel Hunger hat. Bala liebt den Gatten innig. Dieser ist meistens für seine Nahrung zuständig. Und natürlich die beiden Jungs. Bala verteidigt Paul, wenn er Beef hat mit anderen Jungs. Da fällt schon einmal der Satz: „Seid anständig, sonst hole ich meine Katze!“ Die meisten lachen nur einmal. Denn wenn Bala kommt, sein dickes Fell sträubt und furchteinflößend faucht, zieht das größte Schlitzohr ab. Wenn Peter indes heimkommt, bin ich abgemeldet. Dann entschwindet der Kater sofort nach unten. Ein einfaches: „Bala, ich bin da. Komm‘ mit!“ reicht da völlig. Schimpfe ich mit einem der beiden, kommt Bala und miaut. Es ist unglaublich, aber es fällt mitunter der Satz: „Pst, nicht so laut. Sonst hört es die Katze!“

Jetzt hat Bala Konkurrenz bekommen – vollkommen unverhofft. Seit einiger Zeit kommt ein neues Mini-Kätzchen an die berühmte Balkontür. Gerade jetzt, wo es so kalt ist! Die Jungs füttern natürlich auch es hingebungsvoll. Das Kätzchen ist scheu, traut sich aber zwischenzeitlich immer näher her. „Findus“, so hat Paul es getauft, und Bala haben sich auf Distanz, getrennt durch die Wohnzimmerscheibe, schon in Augenschein genommen. Eher durch Zufall. Während Bala fremde Tiere sonst gerne ausgiebig anfaucht, zeigte er offenes Interesse an Findus. Dieser wiederum sprang nicht sofort weg, sondern gab das Interesse gern zurück.

Einzig beim Essen beäugte Bala misstrauisch, wie ich – nach seinem Napf – ein zweites Schüsselchen füllte. Peter ergriff sofort Partei für den neuen Besucher: „Bala, stell‘ Dich bloß nicht an! Es ist immer genug für alle da. Hier muss niemand hungern!“ Ich musste still grinsen. Ganz klar: Hier bahnte sich gerade ein Gen seinen Weg! Denn wie oft hatte ich diese Sätze in meiner Laufbahn als Mama schon gesagt? Wenn die Jungs, als sie beide noch kleiner waren, um die Wetter Fischstäbchen essen wollten? Oder sich liebevoll um Schokoeis und Pfannkuchen stritten? Ich habe den sprichwörtlichen Futterneid stets zutiefst verabscheut. Hier war es also besonders schön, wie sich die eigene Erziehung durchsetzte. Tschaka!