Ich und Reich-Ranicki

Eigenlob stinkt ja bekanntlich. Aber durchs Internet kann man das ja nicht riechen. Und ich MUSS jetzt einfach einmal von etwas erzählen, was es schaffte, dass ich von einem Zeitungstermin heimflog und danach vor Stolz im Sitzen schlafen musste.

Ein feiner Termin in der örtlichen Stadthalle. Die Männer in Anzug und mit Krawatte (ich deshalb ohne Mann), die Frauen im Kostümchen mit hohen Schuhen (oh ja!) oder manche sogar im langen Kleid. Ich und ein Praktikant vom Konkurrenzblatt (mindestens zehn Jahre jünger) sitzen ganz vorne miteinander an einem Vierertisch, gegenüber von uns ein reizendes, älteres Ehepaar. Wie das so ist, kommt man bei Lachs-Häppchen, Entenbrust und Mousse ins Gespräch. Die nette Dame interessiert sich stark dafür, wie das so ist bei der Zeitung, was man da so lernen müsse, wie die Ausbildung über die Bühne gehe, ob man Journlismus auch studieren könne. Der junge Mann und ich geben bereitwillig Auskunft. Bis sie dann fragt, wann wir denn mit der Ausbildung fertig seien. Ich schweige höflich; der junge Konkurrenzblatt-Praktikant erklärt wortreich sein Praktikum, seine Zukunftsvorstellungen, seine Ideale und Ziele und überhaupt sein ganzes Leben – frei nach dem Motto „Ich, Reich-Ranicki und mein Verleger“.

Und ich? Ich schweige noch immer. Ist ja auch alles schon ne Weile her – das mit Ausbildung und so. Nebenbei: Den Journalismus-Zweig, der mich damals beherbergte, gibt es in der finanzschwachen Weltmetropole Berlin gar nicht mehr, und das auch schon seit einigen Jahren. Bis meine wissbegierige Tischnachbarin mich fragt: „Und Sie? Wann sind Sie fertig?“ Ich dachte, sie meint meine Essenstätigkeit und antwortete wenig einfallsreich: „Ach, in drei Minuten. Noch kurz die Erdbeerchen und die Schokosoße…“ Dann sagt sie und wedelt belustigt mit ihrer Serviette: „Nein, Fräuleinchen… nicht mit dem Essen, sondern mit Ihrer Ausbildung…“ Wäre ich woanders gewesen und hätte jetzt am Eingang einer Disko um Einlass gebeten oder im Fußballstadion auf die Leibesvisitation gewartet, hätte ich mit Sicherheit gedacht, dass mich da jemand ganz gewaltig aufs Ärmchen nimmt. Und gebrüllt: „He, Du glaubst wohl, Du kannst mich verarschen? Nein, kannst Du nicht. DA musst Du schon früher aufstehen…“ Aber die ältere Dame schaut mir ganz freimütig ins Gesicht und lächelt milde ob meiner Begriffsstutzigkeit. Ich fühle mich befleißigt, sie aufzuklären. Dass ich schon längst ausgelernt habe. Dass ich sogar schon studiert habe. Und dass daheim ein vierjähriger Peter auf mich wartet. Ihr Erstaunen ist echt: „Und ich dachte, da haben die Redaktionen heute echt Mut bewiesen und zwei ganz junge Küken geschickt.“ Wie gesagt, ich bin heimgeflogen. Und war glücklich darüber, dass sich meine teure Gesichtscreme rentiert hat und ich in der Nacht zuvor mal ausnahmsweise genug geschlafen hatte. Dass das Licht in der Stadthalle gedimmt war. Dass mein Make-up gelungen war. Stolz war ich trotzdem. Hach.

Der Fairness Willen aber auch ein Ereignis, an das ich mich weniger gern erinnere. Wir unternahmen vor ein paar Jahren eine Fahrt in polnische Partnerstadt unserer Gemeinde. Damals hatte ich mich kurz zuvor mit meinen Inlinern so was von auf die Fr… gelegt… ich sah aus wie gesteinigt. Überall Schürfwunden, das ganze Gesicht verquollen, blutunterlaufen. Kein wahrer Augenschmaus. Und zu allem Überfluss hinkte ich, weil ich mir bei meinem fiesen Sturz auch noch einen Zeh gebrochen hatte. So kam ich also nach Polen. Ich genoss Sonderbehandlung. Durfte immer sitzen, wo andere stehen mussten. Bekam immer gleich zu trinken oder zu essen. So gesehen, profitierte ich durchaus von meiner Sportverletzung und kam mit meiner Behinderung ganz gut zurecht.

Zwei Jahre später kam die polnische Delegation zu uns in den Ort. Es ergab sich ganz zufällig, dass ich kurz zuvor wieder sport-verunfallte: Ich riss mir den Knorpel im Knie im Fitness-Studio, was eine aufwändige OP und Krückenlaufen mit sich brachte. Plötzlich kam eine fröhliche, junge Frau auf mich zugelaufen: „Du musst sein Kaatja.“ Ich bejahte. „Soll Dir sagen viele Grieße von Deiner polnischen Gastgeberin.“ Ich freute mich ehrlich – die Gastgeberin war eine reizende Dame gewesen. Ich fragte, woher sie denn gewusst habe, dass ich Katja bin. Sie antwortete: „War ganz einfach. Deine Gastmutta hat gesagt, Katja is ganz arm Frau, wo kann nicht richtig gehen.“

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