Erde an Küche

Bei Familie Kasi bringen Homeschooling und Homeoffice erste Schäden mit sich. Es wird – so hat man zumindest das Gefühl – pausenlos gekocht. Konsequenterweise hat dann auch das Glaskeramik-Kochfeld urplötzlich einen Sprung. Es kommt, wie es kommen muss: Natürlich war es niemand. Niemandem ist etwas auf das Feld gefallen. Keiner hat einen Topf etwas zu ruppig abgestellt. Vermutlich haben sogar fremde Leute darauf gekocht! Lange Rede, kurzer Sinn: Der Ersatz kommt zügig. Was bitte ist ein essensfreudiger Haushalt wie der unsere ohne Herd? Ohne warme Mahlzeiten? Das neue gute Stück erinnert eher an das Cockpit eines Raumschiffs als an eine Herdplatte. Ich bin sehr gespannt. Doch zuerst muss das Kochfeld eingebaut werden. Erde an Küche, Erde an Küche…

Der alte Herd wehrt sich nach Kräften. Er mag trotz seines Schönheitsfehlers nicht raus. Irgendwann halten der Gatte und der große Sohn das ausrangierte Stück in Händen. Der Familienfrieden kommt in Gefahr, als der Gatte nach dem idealen Platz für die Lüftungsschlitze sucht.

Ich (komplett konsterniert): „Wozu denn das?!“
Der Mann (fassungslos ob dieser dummen Frage): „Weil man solche Schlitze braucht.“
Wieder ich (entsetzt, dass er mich nicht versteht): „Womit haben wir denn bisher gelüftet?!“

Denn, das sei unbestritten, bisher hatte unser Mobiliar eben keine Lüftungsschlitze für den Herd. Aber der Gatte beharrt unnachgiebig darauf: Der neue Herd, ein Induktionskochfeld, brauche das. Sonst käme es intern zu einem Hitzestau. Ich denke an meinen eigenen Hitzestau, beende die sinnlose Diskussion und mache mich im Internet auf die Suche nach solchen Einbauteilen. Hätten Sie gewusst, wie viele verschiedene Modelle an Lüftungsschlitzen es gibt? Ich bin überfordert mit dieser Aufgabe und delegiere sie an den großen Sohn. Aber der muss ja beim Sägen helfen, was spätabends nicht eben wenig Krach macht. Ich trolle mich mit dem kleinen, sehr müden Sohnkind nach oben und überlasse das Raumschiff-Cockpit dem technikaffinen Teil unseres Haushalts.

Am nächsten Tag erfreue ich mich an der neuen Herdplatte und lasse – dank des sensationellen Tempos der Induktion – erst einmal Paulchens Morgen-Porridge anbrennen. Während ich dezent vor mich hinfluche und den Topf säubere, entdeckt Paul in der ausgedienten Verpackung ein weiß verkleidetes, übriges Brett. Aus der Transportsicherung, wie ich vermute. Ich schenke ihm das olle Holzteil, großzügig wie ich bin. Paul, der kleine Holzwurm, strahlt beglückt. Er baut und sägt und bastelt doch so gern. Als ich die Küche kehre, fällt mir spontan auf, dass ein stattliches Stück Sockelleiste an unserer Küche fehlt. In dieses muss der Mann offensichtlich noch die Lüftungsschlitze integrieren… Siedendheiß fällt mir Paulchens neues Bastelholz ein. Zum Glück hat er noch nicht begonnen.

Asterix liebt Caro-Kaffee

Unser ganzes Haus, das habe ich hier auch schon mehrfach erwähnt, liebt Asterix, den kleinen, fixen Gallier. Der die blöden Römer versohlt, Obelix auf dem rechten Weg hält oder den beim Mistelnpflücken gestürzten Miraculix rettet. Der kleine Mops liebt vor allem die alten Asterix-Filme: „Ganz Gallien ist von den Römern besetzt…“ Ich persönlich, das sei nur am Rande erwähnt, war zum ersten bei einem Asterix-Film im Kino – und zwar mit meinem Papa. Es war Hochsommer, draußen hatte es weit über 30 Grad Celsius.. Ob mein Papa mich begleitete oder ich ihn? Man weiß es bis heute nicht. Spaß gemacht hat der Film auf jeden Fall uns beiden.

Die Liebe zu den alten Galliern und ihren Römer-Feinden setzte sich fort. Ich behaupte gar, wegen Asterix und Obelix später in der Schule sogar Latein gelernt zu haben. Während die Klassenkollegen, die Französisch genommen hatten, erste Sprachversuche machten, um Baguette zu kaufen oder Milchkaffee in großen Schüsseln zu bestellen, übersetzten wir mühevoll, wie sich Claudius und seine Freundin im Colosseum treffen wollen. Später widmeten wir uns Caesar, Seneca oder Ovid. Das war dann schon deutlich anspruchsvoller als die ungelenken Anbandelungen von Claudius im Colosseum.

Eine von Pauls letzten Kindergarten-Aktionen war ein besonderer Sturz, der in der Ambulanz endete. Als ich ihn abholte, warteten Paul samt Lieblingserzieherin schon am Tor auf mich. Paul hielt das rechte Handgelenk seltsam verdreht am Körper. „Wir hatten einen Sturz“, informierte man mich, „wäre vielleicht gut, wenn ein Arzt kurz draufgucken würde.“ Gesagt, getan. Paul wollte auf der Fahrt ins Krankenhaus nicht so recht rausrücken mit der Sprache, wie es zu seiner Verletzung gekommen war. Der nette Herr am Empfang an der Klinik bohrte ebenfalls nach: „Paul, wenn wir Dir helfen sollen, musst Du uns schon sagen, was passiert ist.“ Die Antwort, die mein Sohn ihm gab, rang ihm ein fettes Grinsen und den Ausruf ab: „Du hast jetzt echt meinen Tag gerettet! Das höre ich nicht oft!“ Paul hatte mit seinen Kumpels im Kindergarten tatsächlich Caesar gespielt. Er, Caesar, war beim Kommandieren der Legionen von der Mauer gefallen. Sein Handgelenk hatte Caesar-Paul zum Glück nicht gebrochen, sondern nur ordentlich geprellt.

In den aktuellen Corona-Zeiten fiel uns dieser lange zurückliegende Zwischenfall unlängst wieder ein. Paul hatte vor der Schulschließung und wegen der ständigen Lüfterei immer heißen Caro-Kaffee in einer Thermoskanne mit in die Schule genommen. Eines Tages kam er heim und stellte mir die komplette Kanne wieder hin: „Mama, heute hast Du gekocht wie bei Asterix, als er bei den Briten war.“ Ich sortierte mein Gedächtnis: „Warum? War der Caro zu dünn?!“. Und ob. Ich hatte dem armen Kind – zur großem Belustigung seiner asterixkundigen Freunde, tatsächlich heißes Wasser mitgegeben. Mit Milch und Zucker. Immerhin.

Ein Gen bahnt sich seinen Weg

Seit knapp sechs Jahren wohnt Balakow bei uns: Balakow ist ein rotweißer, vormals streunender Kater. Er hat sich unsere Familie ausgesucht. Warum? Das wird immer sein Geheimnis bleiben. Eines Abends, es war zeitiges Frühjahr, hatten wir ziemlich viel Besuch. Wir hatten als alte VfB-Fans eine Ausfahrt geplant. An diesem Abend holten viele Leute ihre Karten ab. Wir haben schön miteinander gevespert, gelacht, gefachsimpelt. (By the way: Unvorstellbar in diesen seltsamen Corona-Zeiten!) Als ich nachts um 23.30 Uhr ziemlich müde meine Spülmaschine einräumte, saß dieser winzige Kater an meiner Balkontür und miaute jämmerlich. Es war offensichtlich: Er hatte Hunger. Ganz doll.

Ich gab dem bedauernswerten kleinen Geschöpf also die Reste der abendlichen Vesperwurst. Er dankt diesen Akt seither mit seiner grenzenlosen Liebe. Weil meine Söhne sich wünschten, dass er den Namen einer Legende tragen möge, tauften wir ihn – als leidenschaftliche VfB-Fans – Balakow. Nach Krassimir, dem Freistoß-Helden vom Wasen. Wie hätte ein Kater in Weiß und Rot auch sonst heißen sollen? Balakow zog ein bei uns. Sein Platz ist ein Ikea-Hocker unter dem Wohnzimmer-Glastisch.

Denn das Katerchen ist mittlerweile ein echtes Familienmitglied. Sitzt er, der aktive Freigänger, morgens mal nicht vor besagtem Balkonfenster, ist die ganze Familie krank vor Sorge. Bis er wieder angetrödelt kommt und unglaublich viel Hunger hat. Bala liebt den Gatten innig. Dieser ist meistens für seine Nahrung zuständig. Und natürlich die beiden Jungs. Bala verteidigt Paul, wenn er Beef hat mit anderen Jungs. Da fällt schon einmal der Satz: „Seid anständig, sonst hole ich meine Katze!“ Die meisten lachen nur einmal. Denn wenn Bala kommt, sein dickes Fell sträubt und furchteinflößend faucht, zieht das größte Schlitzohr ab. Wenn Peter indes heimkommt, bin ich abgemeldet. Dann entschwindet der Kater sofort nach unten. Ein einfaches: „Bala, ich bin da. Komm‘ mit!“ reicht da völlig. Schimpfe ich mit einem der beiden, kommt Bala und miaut. Es ist unglaublich, aber es fällt mitunter der Satz: „Pst, nicht so laut. Sonst hört es die Katze!“

Jetzt hat Bala Konkurrenz bekommen – vollkommen unverhofft. Seit einiger Zeit kommt ein neues Mini-Kätzchen an die berühmte Balkontür. Gerade jetzt, wo es so kalt ist! Die Jungs füttern natürlich auch es hingebungsvoll. Das Kätzchen ist scheu, traut sich aber zwischenzeitlich immer näher her. „Findus“, so hat Paul es getauft, und Bala haben sich auf Distanz, getrennt durch die Wohnzimmerscheibe, schon in Augenschein genommen. Eher durch Zufall. Während Bala fremde Tiere sonst gerne ausgiebig anfaucht, zeigte er offenes Interesse an Findus. Dieser wiederum sprang nicht sofort weg, sondern gab das Interesse gern zurück.

Einzig beim Essen beäugte Bala misstrauisch, wie ich – nach seinem Napf – ein zweites Schüsselchen füllte. Peter ergriff sofort Partei für den neuen Besucher: „Bala, stell‘ Dich bloß nicht an! Es ist immer genug für alle da. Hier muss niemand hungern!“ Ich musste still grinsen. Ganz klar: Hier bahnte sich gerade ein Gen seinen Weg! Denn wie oft hatte ich diese Sätze in meiner Laufbahn als Mama schon gesagt? Wenn die Jungs, als sie beide noch kleiner waren, um die Wetter Fischstäbchen essen wollten? Oder sich liebevoll um Schokoeis und Pfannkuchen stritten? Ich habe den sprichwörtlichen Futterneid stets zutiefst verabscheut. Hier war es also besonders schön, wie sich die eigene Erziehung durchsetzte. Tschaka!

Ja hallo? Sie sind’s?

Das alte Jahr endete mit zwei Zahnspangen, die nach drei langen Jahren endlich raus durften. Wir waren alle froh, die Begleitumstände der beiden Gerätschaften hatten wir nicht immer genossen (Zahnentzündungen, Kieferschmerzen, Kopfweh). Wie waren wir also froh! Ein herrliches Weihnachtsgeschenk in einem Jahr, das so gar nicht richtig weihnachtlich werden wollte. Sie wissen schon!

Doch nachdem die ollen Metalldinger draußen waren (nebenbei: Das Ergebnis ist BILDSCHÖN!) setzten sich die Weisheitszähne im selben Kiefer in Gang. An und für sich hatte das bedauernswerte Sohnkind die gleichen Beschwerden wie vorher, nur eben ohne Metall im Mund. Was tat er mir leid!

Hilfe brachten der Zahnarzt unseres Vertrauens und der Kieferchirurg in der Nachbarstadt. Beide reagierten schnell. Weihnachten verbrachte der große Sohn folgerichtig ohne Spangen, aber mit dicken Backen. Während er Smoothies durch Strohhalme zog und dicke Gemüsesuppen schlürfte. Irgendwann waren auch die Weisheits-Fäden wieder draußen. Jetzt, so dachten wir, beginnen die Ferien. Mit Grausen erinnerte ich mich an meine eigene Weisheitszahn-OPs.

Exakt einen Tag nach dem Fädenziehen brachte ein Höllenschlag unser Haus zum Beben. Was war geschehen? Den frisch zahngenesenen Thronfolger hatte es – auf Socken – die Holztreppe hinuntergeschlagen. Bei einer Körpergröße von gut 1,80 Meter schafft man solche Manöver nicht, ohne sich irgendwo anzuschlagen. Den Mordslärm verursacht hatte jedoch ein komplexes Kurvenmanöver. Das gute Sohnkind wollte meine Bodensee-Kartoffeln, die nach dem Kochen unschuldig darauf warteten, wieder in den Keller getragen zu werden, quasi im Flug umfahren. Das Ende vom Lied: ein dicker, blauer Knöchel und neuerlicher Unwillen. „Wenigstens kann ich trotzdem wieder alles essen und trinken“, meinte der Sohn tapfer., während der Gatte ihm das Gelenk einsalbte und tapte. Und sprach mir aus der Seele, während er Schokolade, Kekse und Cola bunkerte. Es war außerdem nicht allzu lange her, dass mich der Arzt in der Notaufnahme nach einem freundlichen „Ja hallo, Sie sind’s! Mit wem sind Sie denn heute da?!“ begrüßt hatte.

Der Knöchel wurde besser, die Laune im Haus auch. Bis der Kleine Bobfahren ging und hinter dem Haus eine Schneerampe zum Schanzen baute. Ja, was soll ich sagen? Beim Abendessen hielt er seinen rechten Arm seltsam verkrümmt über dem Wurstbrot. Man sah, dass er Schmerzen hatte. Investigative Recherchen meinerseits brachten das Ergebnis: besagter Wintersportunfall. Dass das Handgelenk dick anschwoll, muss ich wohl nicht erwähnen.

Was soll ich sagen? Wieder holten wir das Verbandsmaterial herbei. Die Kühl-Akkus waren noch griffbereit, die Salbe genauso. Überflüssigerweise wies der kleine Mops abends dann auch noch darauf hin, er habe Zahnweh. Was soll ich sagen? Er kriegt Backenzähne.

Scharfe Sache

Meine Kinder haben stets gern gekocht und gebacken. Peter zaubert zwischenzeitlich feine Menüs und aufwendige Torten, Paulchen bringt es gekonnt auf kleine Snacks, und das, ohne die Küche zu zerstören. Was soll ich sagen: Verhungern muss keiner mehr. Auch der kleine Mops experimentiert unglaublich gern – diese Woche mit einer Chilischote. Diese lag unschuldig bei Äpfeln und Tomaten in unserer Obst-Etagere. Eingeplant für ein deftiges Gulasch. Bis Paul auf die Idee kam, das gute Stück in einem Rührei zu verarbeiten. Alle Hinweise, das Ding sei wirklich scharf, verpufften im Nichts. Paul schnitt die Chilischote mühevoll klein. Er entfernte aber wenigstens die Kerne, verbunden mit dem fachkundigen Hinweis, das habe er in einer Kochsendung so gesehen: Letztere seien unglaublich geschmacksintensiv. In einem unbeobachteten Moment probierte der Mini-Koch ein Fitzelchen der Schote. Was soll ich sagen? Ja, die Schote war scharf. Das bedauernswerte Kind lief rot an und brüllte lautstark nach Wasser. „Nein“, brüllte der Gatte zurück, „Wasser ist ganz schlecht! Iss ein Stückchen Brot!“ Der kleine Thronfolger zürnte mit hochrotem Kopf zurück: „Ich.Will.Kein.Brot!!! Wasser!!!“ So ging es diverse Male hin und her. Irgendwann googelte Paul selbst auf dem Smartphone, was gegen zu scharfes Essen helfen könnte: Milch! Das gelang prächtig. Seine Gesichtsfarbe normalisierte sich umgehend. Zum Glück hatte Paul nicht zu viel probiert.

Der Rest der an der Misere nicht ganz unschuldigen Schote lag allerdings immer noch unbehelligt auf dem Schneidebrett. „Ist die echt so scharf?“, fragte der Gatte, „das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.“ Todesmutig legte auch er ein stattliches Stück auf sein abendliches Vesperbrot und biss beherzt hinein. Es war wie in Hollywood. Herr Kasi lief rot an. Tränen traten in seine Augen, Angstschweiß auf seine Stirn. Er bat um Wasser. Ich brachte ihm Milch. Wir wussten ja jetzt Bescheid.

Da der Gatte hausintern nicht zwingend als derjenige bekannt ist, der scharfe Speisen gut ab kann, packte mich spontan die Neugier. Auf meinem Käsebrot landete ebenfalls ein Stück Chilischote. „Boah“, dachte ich, „was stellen die sich wieder an! Männer!“ Nun, was soll ich sagen? Es schnürte mir den Atem ab. Ich spürte spontan meine Mundhöhle nicht mehr. Ein Gefühl wie beim Zahnarzt nach einer örtlichen Betäubung. Ich wollte Feuer spucken. Ich fuchtelte mit den Händen. Suchte nach einem Taschentuch für meine Tränenflut. In einem Trickfilm hätte es spontan aus meinen Ohren gedampft oder aus der Nase geraucht. Das Ende des beschaulichen Abends: Familie Kasi saß einträchtig und friedlich am Abendbrottisch. Jedes Familienmitglied hatte einen veritablen Becher Milch vor sich. „Zum Glück habe ich noch die Kerne rausgeschnitten“, meinte Paul, „die sollen ja wirklich scharf sein.“ Ja, was für ein Glück.

Selbst der Kleinste von Familie Kasi ist mittlerweile schon in der Küche aktiv…

Alle Jahre wieder: Grinch an Bord

Weihnachten ist das Fest der Bräuche, der geliebten, alten Gepflogenheiten. Ich bin da eher entspannt, aber es gibt Menschen in meinem Haushalt, die den Christbaum mit der Wasserwaage ausrichten oder den Abstand der einzelnen Kugeln mit dem Zollstock abmessen. Ich, ohnehin als Grinch im Haus bekannt, würde dies nie tun. Warum auch? Im neuen Jahr landet der Baum ohnehin als Fasnetstännchen im Garten. Alle Jahre wieder.

Der kleine Mops freut sich wie Bolle, wenn man den Christbaum schmückt, Kugeln sucht oder die Krippe aufbaut. Das finde selbst ich schön. Dank Corona haben die Jungs ja schon Ferien. Dementsprechend groß war in diesem Jahr die Resonanz auf das familieninterne Baumschmücken. Kennen Sie Loriots Klassiker „Weihnachten bei Hoppenstedts“? Oder die Weihnachtsfolge von Heinz Becker? Sicher kennen Sie das, diese Sendungen laufen im TV ja so sicher wie „Drei Nüsse für Aschenbrödel“. Mag ich übrigens nicht, so unpopulär das jetzt auch sein mag. Ich vertrete klar die Ansicht: Wenn eine Frau neue Schuhe möchte, soll sie einen Beruf erlernen und sie sich selbst kaufen. Punkt.

Zurück zu unserer Christbaum-Aktion. Man wähnte sich in der Tat bei Loriot oder Familie Becker. Die Söhne gaben sich, überaus friedlich, es ist ja Weihnachten, große Mühe, den Baum zu gestalten, fragten mich nach Lametta (igitt!!!), stritten freundlich um die besten Gold-Schneeflocken und mussten nur einmal Kugelsplitter aufkehren. Was soll ich sagen? Andy Warhol hätte an dem poppigen Nadelbaum mit den glossy-schimmernden türkisblauen, goldenen und lilafarbenen Kugeln durchaus seine Freude gehabt. Der neue Baumständer, so einer mit Pump-Spann-Funktion, hielt wie Kleister. Was will man mehr. Alles war gut.

Bis der Gatte heimkam. Er fixierte den Glitzer-Glamour-Baum mit scharfem Blick. Und raten Sie mal, was passierte? Das gute Stück gab sofort nach und kam ins Trudeln. Der alte Verräter! Natürlich mussten wir Belehrungen und Ratschläge über uns ergehen lassen. Viel Physikalisches war dabei, das habe ich konsequenterweise gar nicht erst verarbeitet. „Was für ein Zufall“, sprang mir der große Sohn zur Seite und meckerte, „jetzt steht der Baum stundenlang fest wie ein Felsen. Dann kommst Du heim und er wackelt. Was ein Zufall!“ Mit drohendem Unterton fragte er seinen Vater: „Was haste wieder gemacht?!“ Der technikafine Gatte ließ den Vorwurf der Baum-Sabotage natürlich nicht auf sich sitzen. „Immer bin ich schuld!“, wetterte er, „ich hab‘ ihn nicht mal angefasst!“

Es kam, wie es kommen musste. Sofort entspann sich eine rege Diskussion. In deren Verlauf einigte man sich gemeinschaftlich darauf, den bedauernswerten Christbaum wieder in die Gerade zu bringen. Zwölf Harzflecke und drei Daumen-Splitter später glückte das Ansinnen dann auch. „Da hast Du ja noch einmal Glück gehabt“, sagte der Sohn zum Vater, „das war jetzt etwa so, wie wenn das Schiebedach spontan rinnt, wenn das Auto in der Werkstatt war.“

Oh Du fröhliche!

Händewaschen mit „Happy Birthday“ und Glitzerpuder

Bügelperlen, Skype-Konferenzen und Chaos auf dem Esstisch: Wie andere Familien haben wir in der Corona-Pandemie Ausnahmezustand. Ein Alltag zwischen Schularbeiten, Homeoffice und einsamen Wald-Spaziergängen.

Nusplingen. „Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Wie oft habe ich in den vergangenen Tagen über dieses afrikanische Sprichwort nachgedacht. Unser „Dorf“ – es ruht dank der Corona-Pandemie. Damit geht es uns wie vielen anderen Familien, die Job, Schularbeiten und „Kinderbespaßung“ unter einen Hut bringen müssen.

Denn all die Menschen, die sich sonst neben uns als Eltern um die zwei Jungs kümmern: Sie fehlen uns. Schmerzlich. Sie helfen beim Großwerden und beim Erziehen gleichermaßen – einfach, weil sie da sind. Es sind die Fußballtrainer, die geduldig Elfmeter demonstrieren. Oder die Schwimmlehrer, die den richtigen Beinschlag drauf haben. Oder es ist die herzensgute Musiklehrerin, die einmal in die Woche zur Keyboardstunde vorbeischaut. Dazu kommen die Schulpädagogen, deren Engagement über den regulären Unterricht hinausreicht. Und natürlich die Großeltern, die als ältere Menschen zur Risikogruppe gehören und die die Kinder aktuell nicht sehen. Unsere Jungs vermissen sie aufrichtig – da helfen weder Skype und Facetime, noch das gute, alte Telefon. Selbst unser Kater Balakov ist verwirrt: So viele Menschen, den ganzen Tag. Und das in seinem Haus. 

Als ich einige Monate nach der Geburt meines großen Sohns, Peter, wieder zu arbeiten begann, gab es diesen schicken Namen noch nicht: Homeoffice. Damals hieß es immer lapidar: „Die arbeitet von daheim aus.“ Wenn man überhaupt davon ausging, dass ich überhaupt irgendetwas arbeitete. Oft hieß es einfach: „Ach, Du bist ja eh zu Hause…“ Aber es war mir egal. Wer jemals ein Kind großgezogen hat, der weiß, dass man den Tag auch „nur“ mit Kind gut rumbringt. Als der Kleine, Paul, auf die Welt kam, hatte sich die Welt diesbezüglich schon etwas weitergedreht. Von daher: Ich bin mein „Homeoffice“ gewöhnt. 

Keiner hat eine Auszeit

Doch dieses Mal ist es anders als sonst. Das liegt daran, dass wir quasi alle im Homeoffice sind: mein Mann Markus und die beiden Jungs, inzwischen fast 15 und fast acht Jahre alt. Keiner hat eine sprichwörtliche „Auszeit“ außerhalb des Hauses. Wir nicht, die Jungs aber auch nicht. In Zeiten von Corona-Krise und Schul-Schließungen ist unser Esstisch mehr denn je zur Familienschaltzentrale geworden. Hier findet man sich aktuell nicht nur zu Spaghetti Bolo oder Hefekuchen zusammen, sondern auch zu Chemie-Experimenten, zum kleinen Einmaleins, zum Texteschreiben oder Schreibschrift-Üben. Klingt spannend? Ist es auch. Für uns wie für zigtausend andere Familien in Deutschland. Sie arbeiten, wohnen, essen, lernen – und das immer gemeinsam. Und sie machen sich Sorgen: um die Gesundheit ihrer Lieben, um verlegte Schulprüfungen, um Kurzarbeit, um ihre Existenz. Homeoffice-Zeiten sind unruhige Zeiten.

Schulaufgaben im Doppel: meistens friedlich

Auch wir sind, abgesehen von einsamen Spaziergängen, kleinen Radtouren oder Aufenthalten im Garten – immer beieinander. Irgendwie. Im Augenblick, da bin ich ganz ehrlich, hilft uns der Große sehr in dieser außergewöhnlichen Situation. Während wir Eltern am Laptop sitzen, unterstützt er seinen Bruder oft bei den Schulaufgaben, was meistens einigermaßen friedlich abläuft. Peter selbst hat vor kurzem die Schule gewechselt – von einem G9er-Gymi auf eins mit G8. Das bedeutet, dass er mehr oder weniger ein Schuljahr nachholen muss. Das hätte in „normalen Zeiten“ für einen kleinen Ausnahmezustand gesorgt. Jetzt hopsen die Jungs gemeinsam von der lateinischen i-Konjugation und mathematischen Gleichungen zum Aufbau eines Zahns oder zusammengesetzten Nomen in Schreibschrift. Als Ausgleich kocht Peter gern für uns alle: Garnelenpasta, Gulasch mit Spätzle oder Eintopf. Ich wiederum habe festgestellt wiederum, dass Mathe oder Physik nie mehr meine Lieblingsfächer werden. 

Drei Wochen ohne Schule und zwei weitere mit Ferien sind also eine echte Aufgabe – und nicht nur, weil man den Schulstoff irgendwie gemeinsam hinter sich bringen muss. Man muss sich eng abstimmen und Rücksicht nehmen. Und sei es nur, damit genug Ruhe herrscht für ein wichtiges Telefonat. Mit Humor geht’s natürlich leichter – zum Beispiel dann, wenn der kleine Mann eine Skype-Konferenz mit den Worten sprengt: „Mama, die Katze kann Purzelbaum! Eeeecht!“ Ganz ehrlich: Die Sache mit dem Humor gelingt mal besser und mal schlechter. Irgendwann hat man vielleicht auch einmal genug gelesen, gemalt, gebastelt, gekocht, genug Schoko-Muffins gebacken oder Memory gespielt. Wir persönlich haben gefühlte Tonnen an Bügelperlen zu Autos und Mäusen verarbeitet, schwarzen Edding vom Holzboden gewischt, nach vergessenen Büchern gekramt oder alte Disney-Filme geguckt. Wenn wir nicht spazieren waren oder laufen oder radeln. 

20 Sekunden Einseifen

Mit Glitzerpuder und blauer Farbe haben wir Paul erklärt, wie Viren weitergegeben werden – und warum Händewaschen in diesen Tagen so wichtig ist. Der Farbe und Puder wanderten hübsch von Hand zu Hand, am Ende glitzerten sogar der Salzstreuer und das Märchenbuch. Seither wäscht Paul eifrig – genauso lang wie zweimal „Happy Birthday“ singen. Für die Erwachsenen: Mit dem Refrain von „I’m so excited“ der „Pointer Sisters“ klappt es auch. Er dauert ebenfalls die empfohlenen 20 Sekunden.

Beiden Jungs hilft ein einigermaßen geregelter Tagesablauf mit Lern- oder Essenszeiten, um mit der seltsamen Zeit klarzukommen. Genauso wichtig wie Matheaufgaben oder Deutschlektüre ist es aber, sich ihrer Sorgen anzunehmen. Zum Glück konnten wir mit beiden immer gut reden. Wann darf ich wieder zu meinem Kumpel? Ins Schwimmbad? Oder in die Bücherei? Boah, ist mir langweilig: Mitunter liegen die Nerven blank. Vor allem für Paul, unser kleines Temperamentsbündel, das „Draußenkind“ mit Latzhose und Gummistiefeln, sind Regentage eine echte Herausforderung. „Mama“, schluchzte er vor ein paar Tagen herzzerreißend, „es ist wie im Gefängnis! Ich find’ das Corona-Virus so blöd!“ Wie gut konnte ich ihn verstehen! Manchmal bin ich morgens total zuversichtlich gestimmt – und schon am Mittag überrollt mich die Angst. Dann nämlich, wenn ich die hundertste Extrasendung im Fernsehen gesehen oder die allerneuesten Statistiken gelesen habe. 

Was zählt: Gesundheit und Miteinander

Welche Rolle spielt es also, dass ich mich mitunter genervt fühle? Vom Chaos auf dem Esstisch? Den Diskussionen um „Glotzen“ oder Daddeln am Smartphone? Oder vom Mehr an Krach im Haus? Denn als Familie funktionieren wir ganz gut. Unter dem Strich weiß jeder, was zählt: das Miteinander und die Gesundheit. Mehr denn je. „In der Krise“, das hat Helmut Schmidt einmal gesagt, „beweist sich der Charakter.“ Da steckt viel Wahres drin. Wir sind alle fit. Wir sind nicht einsam. Wir können arbeiten. Wir können raus, in den Garten, in die Natur, uns ablenken. Denn wenn das Wetter sonnig ist, kehrt zum Glück so etwas Ähnliches wie Normalität ein. Normalität wie in der Zeit vor Corona. Sie scheint Lichtjahre her! Es gab Wochen mit Klassenarbeiten, Konferenzen im Büro und Freunden im Garten, mit Eis im Straßencafé und Konzerten im Freien. Sie kommt wieder, diese Zeit. Da bin ich mir ganz sicher.

Wie im Film

Paul hat sich die Nase blutig geschlagen. Als alles wieder okay ist,  etwaige Schäden behoben und alle Pfützen geputzt sind, sinniert er: „Ich hab‘ fast so stark geblutet wie der Mann im Film.“

Ich (alarmiert): „Welcher Film?“

Paul (ganz entspannt): „Den hast Du nicht gesehen. Den mit dem Motorradfahrer.“

Ich (noch alarmierter): „Welcher Motorradfahrer?!!“

Paul (sehr unbekümmert): „Weißt Du, den Film hab‘ ich mit Papa allein gesehen. Du hast ja geschlafen. Der Motorradfahrer hat einen Arzt überfallen. Weil er so geblutet hat.“

Ich erinnere mich (leider) an kein Schläfchen unter Tags und bohre nach: „Wie bitte??! Wann habt Ihr denn den Film gesehen? Ohne mich? Und wer überfällt Ärzte?“

Zwischenzeitlich hat mein Mann das Zimmer betreten. Er gestikuliert wild und hat jegliche Farbe verloren. Irgendetwas ist ihm sichtlich peinlich…

Paul plaudert weiter über seine filmischen, nächtlichen Abenteuer: „Klar hast Du den nicht gesehen. Du hast ja geschlafen. Es war ja nachts. Und den Arzt hat der Motorradfahrer überfallen, weil er ja zu keinem richtigen Arzt konnte. Die Polizei hat den doch gesucht. Mit Haftbefehl!“

Ich durchbohre den Mann, der mittlerweile fast gläsern ausschaut, mit fiesen Blicken: „Klär‘ mich bitte auf. Was für Filme schaut Ihr? NACHTS? Und ALLEIN?!?“ Der Große kommt ebenfalls dazu und feixt: „Jetzt wird’s hässlich. Weiß ich aus eigener Erfahrung.“

Nach intensiver Investigativrecherche meinerseits stellt sich heraus, dass der Mann nachts „Notruf Hafenkante“  geglotzt hat, weil er  nicht schlafen konnte. Oben im Schlafzimmer. Weil Paul schlecht geträumt hatte, lag er ebenfalls im Ehebett. Der Gatte ging natürlich davon aus, dass alle schlafen – ich und natürlich vor allem der Kurze. Tja. Wenn’s läuft dann läuft’s. Paul fragt nämlich: „Papa, wann gucken wir sowas Tolles noch einmal?“

Nacktes Subtrahieren

Oh, kleiner Gnom, Du wunderbares Kind! Manchmal ist es erschreckend, wie ähnlich Du mir bist. Paul ist krank, ich auch, gemeinsam holen wir den versäumten Unterrichtsstoff nach. Ich hustend, vergrippt und nach Luft schnappend, Paul nach Fieber bleich und etwas quengelig, weil er gern „glotzen“ würde. Nicht die allerbesten Voraussetzungen also. Paul muss rechnen, hm, sagen wir mal so, er macht lieber Deutsch. Subtrahieren. „Boah, wie blöd. Können wir nicht lesen?“, versucht er mich zu locken, mit zuckersüßer Stimme, „allerbeste Mami.“ Ich bleibe hart: „Nein, jetzt wird gerechnet.“ Paul ergibt sich klaglos in sein Schicksal. Ich wundere mich. Paul ohne Diskussion? Ganz ohne „Aber“? Oder eine klitzekleine Meckertirade? Er spitzt den Bleistift. „Fein“, denke ich bei Thymiantee und Keksen, „wird alles besser. Er hat verstanden, dass er so nicht davonkommt.“

Von wegen. Zu früh gefreut. Paul liest mit akribischer Sorgfalt alle, wirklich komplett alle, Arbeitsanweisungen der Doppelseite, mit jedem Punkt und jedem Komma. Und das, obwohl, sagen wir’s mal so, die Aufgabenstellungen intuitiv verständlich und ganz ohne Lesen ersichtlich gewesen wären. Irgendwann gibt’s dann wirklich nichts mehr zu lesen. Paul fängt tatsächlich an zu rechnen. „20 minus 12“, steht da. Plötzlich, und ich seh’s genau, blitzt Schalk in seinen Augen. Er zieht seine Hausschuhe aus und stellt sie feinsäuberlich nebeneinander unter seinen Stuhl. Dann legt er die Feuerwehrmann-Sam-Socken ab, faltet sie zusammen und legt sie daneben. Und plötzlich stützt er seine nackten Füße auf dem Tisch ab. Ich frage einigermaßen baff, was das jetzt bitteschön solle. „Mama,“, grinst mein Sohn, „ich hab‘ doch nur zehn Finger. Da muss ich schon die Zehen zu Hilfe nehmen.“