Schlaflos in Munich

Klirrend fällt irgendwo im Haus etwas aus geschätzt drei Metern Höhe zu Boden. Eine Kiste mit altem Kinderküchen-Zubehör wie verbeulten Blechtöpfen oder verbogenen Schneebesen? Die Weihnachtskiste mit der unleserlichen Aufschrift „Weih.-Deko rotweiß“? Ein letzter Umzugskarton mit unbeschrifteten Kasi-Videobändern und zig Sex-and-the-City-Folgen? „Es war gar nix“, schreit mein Sohnkind postwendend. Wollen wir dem einmal Glauben schenken, denn soeben kommt Herr Kasi ins Haus. Irgendetwas scheppert neuerlich, gefolgt von einem knarzenden Ziehen über den Fliesenboden. „Was is‘ das für ein Lärm?“ brülle ich vom Dachgeschoss in die Garage hinunter. „Och, gar nix“, brüllt Herr Kasi zurück. Na super. Im Haus herrscht eine Lautstärke wie einst auf der Großbaustelle, aber keiner weiß was.

Überhaupt ist Familie Kasi, vor allem Frau Kasi und das Sohnkind, eine laute Familie. Wir zoffen, brüllen und schreien entwaffnend ehrlich. Mitunter werden wir hektisch, vor allem wenn es nicht nach unserem Kopf geht. Manchmal schlägt auch eine Tür lauter ins Schloss. Diese Art, Groll und Wut zu zeigen, haben wir dem Sohnkind aber gründlich abgewöhnt. Die schönen neuen Türen. Gerade Peter und ich streiten mit unbändiger Leidenschaft, vertragen uns dann aber nach ungefähr 2,5 Minuten wieder. Beide können wir nicht unbedingt böse sein. Heute Mittag brüllte mich der Zwerg beispielsweise erbost und mit dem schönen Satz an: „Meeeeenno – Du behandelst mich schlecht. Wie einen Sohn.“ Ja, Peter. Ich bin Deine Mama. Und Mamas behandeln Söhne mitunter schlecht. Vor allem, wenn es um die Themenbereiche Nintendo DS, TV oder Süßkram geht.

Bei Herrn Kasi werde ich allerdings das Gefühl nicht los, dass ihm dererlei häuslicher Trubel mitunter zu viel ist. Er ist von früher eine gemütliche, Holz vertäfelte Dachgeschoss-Wohnung mit Riesenfernseher, PC-Zimmer und viel Ruhe gewöhnt. Da konnte man samstags gemütlich Bundesliga schauen, ohne permanent Support an Frau Kasis Technikparcours leisten zu müssen, oder zum 100. Mal „Conny macht das Seepferdchen“ zu spielen. Herr Kasi kann zwar auch schimpfen, ist im Grunde aber wie ein zufriedener Siebenschläfer, der erst aus seiner Höhle rauskommt, wenn man ihn übel schikaniert und es echt zu viel wird. Außerdem hat Herrn Kasi früher keiner des Nachts a) permanent die Decke geklaut (Frau Kasi), b) in seinem Bett eiskalte Füße gewärmt (Frau Kasi) oder c) Herrn Kasi fies getreten wie ein Abwehrrecke im Torraum (Peter). Vor kurzem war Herr Kasi eine Woche lang unterwegs – dienstlich. Nachts konnte er angesichts von ungeahnter Beinfreiheit und Tretsicherheit nicht so recht schlafen, obwohl er das Fernsehprogramm allein bestimmen durfte und ihn keiner mit dem mitternächtlichen Schrei: „Paaaaapa – Nasenbluten….“ weckte. Schlaflos in Munich sozusagen. Wegen zuviel Ruhe.

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