Abstiegskampf und die Sache mit dem Fansein

Es ist nicht leicht, Fan des VfB Stuttgart zu sein – zumindest nicht immer. Während ich das hier schreibe, hütet mein Mann die heimische Couch und brüllt sich die Seele aus dem Leib. Stuttgart gegen Schalke. Derzeit 3:0 für uns. Der Gatte brüllt in Ermangelung eines Stadionbesuchs, der im natürlich 1000 Mal lieber gewesen wäre. Der ist übrigens ausgefallen, weil ich nicht ganz fit bin. Nur der Vollständigkeit halber. Während der Angetraute oben nach Kräften schreit, sitze ich also in meinem Souterrain-Büro und schreibe.  Damit eines klar ist: Ich bin kein Erfolgsfan, und wenn mein Club absteigt, besuche ich halt Spiele gegen Cottbus, Pauli oder Aue. Aber so ein Abstiegskampf schlaucht mich jedes Mal – ich halte es nicht mehr aus, die Spiele anzuschauen. Schon zwei Tage vorher habe ich Herzklopfen, wenn ich an die nächste Partie nur denke. Unausgesprochen die Frage, warum der weltbeste aller Vereine mir das in schöner Regelmäßigkeit immer wieder antut. Abstiegskampf. Sonntägliche Rechenspiele angesichts der Tabelle. Relegation? Direktabstieg? Klassenerhalt? Reicht es? Oder eher nicht? Wie ist der Trend? Gut? Durchwachsen? Sch…?

Soll ich es etwa machen, wie zwei Drittel aller jungen Bekannten meines Sohns, die den Club bei Platz 17 spontan „gewechselt“ haben, als hätte man sie für horrende Ablösungssummen gekauft? Die jetzt Bayern-Trikots tragen und dabei annehmen, dass Kahn, Klose und Gomez  immer noch in München die Kickschuhe schnüren? Nein. Da ertrage ich mit knapp 40 Jahren hoheitsvoll all die Häme, die regelmäßig über mich hereinbricht. Eine Frage beschäftigt mich aber immer wieder: Warum in aller Welt gehe ich nicht Stepptanzen oder zu einem Flechtkurs der Volkshochschule? Warum erliege ich nicht der Faszination japanischer Origamikunst oder erwärme mich fürs Kunstradfahren? Warum brauche ich zu meinem irdischen Dasein regelmäßige Stadionbesuche beim Verein meines Vertrauens? Wurst mit viel Senf? Das fürchterliche, in bunt bedruckten Pastikbechern ausgeschenkte, halbwarme Leichtbier? Das höllische Geschrei im Fanblock? Fangesänge, Fahnen und La-Ola-Wellen?

Ruhiger, das steht fest, hat man es, wenn einen der komplette Fußballkosmos kalt lässt. Als der VfB vor einigen Wochen zum ersten Mal auf Platz 17 rutschte, erhielt ich so viel Digital-Post wie selten. Es schien, als müsste mir jeder, der die Vereinsnamen einer Fußballtabelle einigermaßen flüssig buchstabieren kann, mitteilen, dass Platz 17 sch… lecht ist. Dabei blutete mein Herz ohnehin schon genug. Als ich einer guten Bekannten (vollkommen ohne fußballerische Bindung, sieht man davon ab, dass ihr Mann ab und an in der örtlichen AH aushilft), meine Nöte schilderte – mit Tränen in den Augen -, schaute sie mich verständnislos an. „Vom Fußball lässt DU Dir die Laune verderben? Ach komm.“ Ich konnte es nicht fassen. Meine Laune verdirbt, wenn man kleiner Paul eine Familienflasche Franzbranntwein im frisch geputzten Bad ausgießt oder ich Peters Schulranzen (Bermuda-Dreieick!) inspiziere. Fußball – das bricht mir stellenweise das Herz. Fast zumindest.

Ich versuchte ihr zu erklären, wie das ist mit Platz 17 – und kam in arge Erklärungsnöte. Ich schilderte, wie das ist, wenn in Deinem Stehblock (Dauerkarte, na klar) plötzlich gestandene Männer hemmungslos weinen. Wenn der Große nach Abpfiff schluchzt: „Warum tun die das… Warum nur?“ Da liegt die Antwort eigentlich klar auf der Hand. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass diese Fußballliebe natürlich weit mehr als über ein nettes Hobby zum Zeitvertreib hinausgeht. Es ist Leidenschaft und Passion. Es ist mein Leben – und das liegt längst nicht nur am Sport. Da sind die Menschen, die seit Jahren neben uns im Block stehen. Da sind die Ordner, die meinem Großen immer gute Plätze besorgen… „damit der Kleine auch was sieht…“ oder ihn huckepack getragen haben, als er (deutlich kleiner als jetzt) einmal eingeschlafen ist in der Halbzeit. Da sind die Frauen aus dem Fanshop, die schon von weitem rufen: „Ihr mal wieder…. alles klar in Nusplingen?“ Da ist die unbändige Freude über einen „Dreier“. Da ist Glück, wenn die Tormusik ertönt und sich alle freudetrunken in den Armen liegen. All das, das merke ich jetzt, ist gar nicht so leicht zu beschreiben.

Ich erinnere mich hingegen noch gut an meinen ersten Stadionbesuch als sehr, sehr junges Mädchen. Stuttgart gegen Karlsruhe. Derby. Wir hatten Plätze auf der Haupttribüne. Das Spiel gewann der VfB knapp, glaube ich. Ehrlich gesagt weiß ich das nicht mehr so genau. Genau weiß ich allerdings, dass ich, als ich die Treppe zu unsren Sitzplätzen hoch kam und zum ersten Mal über den Platz blickte, wusste, dass ich hierher noch viel öfter kommen werde. Außerdem wusste ich, dass ich künftig in die Heimkurve wollte. Dorthin, wo die Fangesänge und die Fahnen sind. Nie werde ich diese ersten Eindrücke vergessen. So gesehen, war es Liebe auf den ersten Blick. Mein Mann behauptet übrigens noch heute steif und fest, das erste, was ich ihn beim Kennenlernen gefragt habe, sei gewesen, ob er auch VfB-Fan ist. Er hat den Test bestanden. Ach ja, das Spiel. Der VfB hat 3:1 gewonnen. Ich hab‘ das Spiel aufgezeichnet und guck’s mir jetzt an. Aber jetzt rechne ich nochmal. Die Tabelle….

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