Solche Pannen gibt’s

Peter ist, wie bereits mehrfach erwähnt, ein multimedial sehr interessiertes Kind. Wenn er auf die Frage: „Peter, was machst Du?“ (die im übrigen meistens gestellt wird, wenn es im oberen Stock länger als 7,5 Minuten verdächtig ruhig ist), ganz unschuldig: „Nüx, Mama…“ antwortet, bastelt er meistens an der kleinen Digitalkamera herum, programmiert den DVD-Rekorder im Schlafzimmer oder surft widerrechtlich und ungefragt mit meinem iPhone im Internet. Gestern war wieder einmal die Digitalkamera dran. Liebevoll stellte er die Uhr neu (die noch nie gestellt worden war), er probierte sämtliche Programme aus und drehte im Überschwang der Gefühle zu DJ Ötzi gleich ein Musikvideo. Beiläufig erzählte ich meinem Mann, dass mein kleiner Bruder als Kind genauso war. Doch dieser, so erinnerte ich mich mit fiesem Grinsen, habe schon im zarten Alter von sieben Jahren bestimmt achtmal die Festplatte vom heimischen Rechner komplett formatiert. Sehr zu Freuden des Hausherrn, also meines Papas, versteht sich. „Von daher haben wir es ja ganz gut“, frohlockte der Gatte angesichts seines zu „I sing a Liad für di“ headbangenden Sprösslings, „Peter hat’s ja eher mit den Kameras und der Musik.“ Wir seufzten beide auf und frühstückten weiter.

Keine zehn Minuten später. Ein entsetzter, spitzer Schrei, abgelöst von hektischem Getrappel. Lautes Heulen. Noch lauteres Wehklagen. Peter kommt angeschlichen, tief gebeugt, wie ein geprügeltes Hundchen. „Huhuhu, Mama, ist das schlimm? Ürgendwie sind auf der Kamera plötzlich keine Bilder mehr…. Ich glaub‘, ich hab ALLES gelöscht.“ Ich tröste den armen Thronfolger (ist mir auch schon passiert, psst), trockne Tränen und tröste nach Kräften, so dass selbst Gandhi an meinem Tun seine helle Freude gehabt hätte : „Ach komm‘, das passiert den Besten, nicht mehr weinen, solche Pannen gibt’s halt.“ Peter schluchzt weiter: „Alle Bilder weg. Genau 155.“ Nun ja, sooo genau wollte ich es eigentlich nicht wissen. Das meiste, meine ich mich zu erinnern, war rein fotografisch gesehen ohnehin nicht das Gelbe vom Ei, es sei denn man mag leicht verwackelte Aufnahmen vom eigenen Rücken oder vom Gatten auf dem Sofa schlafend. Das Allermeiste ist auch schon zwischengespeichert. Kein Grund zur Panik also. Peter beruhigt sich.

Der Nusplinger Friede währt jedoch nur 3,5 Minuten – exakt bis Peters Papa, angelockt vom Riesengeschrei, seine tariflich gesicherte Klositzung unterbricht. „Was habt Ihr schon wieder miteinander?“ Seine Missbilligung tropft aus jeder Silbe. Klostörungen sind nicht schön. Peter beichtet. Peters Papa, ein hunderprozentiger und exakter Vorsorger, fragt ganz entsetzt: „Wurden die Bilder gespeichert?“ Ich erinnere mich an Dutzende Polonaise-Bildervon der Kinderfasnet (unscharf, weil bewegt) und bestimmt 30 Aufnahmen von der Wiese hinter unterem Haus und antworte wahrheitsgemäß: „Nee, nicht alle.“ Herr Kasi startet eine – irgendwie schon berechtigte – Moralpredigt über vorschnelles Drücken von Knöpfen, über hektisches Tun und so weiter: „So was passiert, wenn man einfach ohne Ruhe an die Sache herangeht…“ Ich zwinkere Herrn Kasi zu. Man darf kein Hobby übertreiben finde ich, das Kind grämt sich schon selbst genug – auch wenn Peter sicherlich meistens ein ganz Eiliger ist. Herr Kasi redet sich warm: „Das ist, weil Du immer so vorschnell bist…“ Peter, der Spitz, merkt intuitiv, dass seine Mama mal wieder auf seiner Seite ist, wenn sie es auch aus lauter innerehelicher Solidarität nie zugeben würde. „Haa, und wie war das mit dem Abflussrohr? Das, das Du angebohrt hast? Kurz nach dem Einzug? Warst du da auch vorschnell? Aber nein, ICH hab ja nix gesagt…“ Herr Kasi stutzt: „Wie meinste denn das jetzt…?“ Peter ist ganz im Element: „Weißt Du, die Mama sagt, solche Pannen gibt’s. Ich hab’nach meiner Panne nicht mal den Flaschner gebraucht. Und Wasser ist auch keins geflossen.“ Herr Kasi kämpft mit seinen Gesichtsmusikeln. Nein, humorlos ist mein Mann sicher nicht. Er wendet sich ab und verschwindet in der Speisekammer. Von weitem höre ich ihn leise lachen. Solche Pannen gibt’s.