Ganz ohne Fußgängerzone

Wenn ich zu früher Morgenstunde genervt vor dem Spiegel stehe, meine widerborstigen Locken bändige, graue Haare entdecke (kein Wunder), mühevoll Augenringe zumale und zum x-ten Mal zur Jeans greife, wünsche ich mir einen tollen Hairdresser, einen Stylisten, eine Kosmetikberaterin und die komplette Klamottenabteilung vom Kadewe. Ich gebe es ja ungern zu, aber ich schaue mir auch gern mal in der Brigitte so genannte Vorher-Nachher-Reportagen an. Und im Fernsehen wird ja mittlerweile auf jedem Kanal umgestylt, was das Zeug hält. Ehrlich: Ich dachte immer, wie toll es sein müsste, mich einmal einen Tag lang verwöhnen zu lassen: mit tollem Make-up, ausgiebigem Friseurtermin (ohne „Ich muss aber pünktlich am Kindi sein…“) und anschließendem Power-Shopping.

Deshalb guckte ich mir letztens so eine Sendung mal auf meinem nicht gerade Lieblingssender RTL an, als ich auf dem Crosstrainer strampelte. Vor 20 Uhr muss man den Fernseher gar nicht einschalten, das hat sich mal wieder bewährt. „Verwöhnt“ wurde in der Stylingshow von der etwas stutenbissig wirkenden Moderatorin eine Hausmeisterin. Die Frau, allein erziehend und allein verdienend, musste entliche Kids satt bringen, einen stattlichen Mehr-Personen-Haushalt managen mit Kindergarten-Bastelabenden, Hausaufgaben und verhauenen Mathearbeiten, hatte niemand zum Abladen ihrer Nöte und war obendrein auch noch Ansprechpartnerin eines ganzen Häuserblocks. Nun ja, und eben bei dieser Dame war die sehr blonde Moderatorin zu Gast und wühlte sich angeekelt durch das sehr praktisch angelegte Kleidersortiment, wunderte sich offenkundig, ob es da nichts Schickeres gebe… Nun ja, wenn ich mein Haus putze oder meinen Hof kehre, trage ich auch selten High-Heels und Abendkleid. Die Moderatorin fragte sogar noch wirklich biestig nach, ob DAS etwa alles sei –  die Garderobe der Hausmeisterin ging in eine übersichtliche Kommode.  Ich ärgerte mich schwitzend auf meinem Crosstrainer spontan und stellvertretend für die verhärmt und abgearbeitet aussehende Frau. Was erlaubte sich diese Zicke? Und dann musste sich die Ärmste auch noch in die nahe gelegene Fußgängerzone stellen und öffentlich ihr Alter schätzen lassen. Mir raste der Puls. So eine öffentliche Zur-Schau-Stellung für etwas Make-Up und ein neues Klein? Nun ja. Das Verwöhnprogramm beeinhaltete tatsächlich ein Make-up und eine neue Friseur. Und dann steckten die Stylistin und die zickige Moderatorin die Hauswartsfrau in ein zweiteiliges Kostüm mit hohen Hacken. War das etwa typgerecht?  Ich wusste es nicht. Ach ja, hübscher sah die arme Hausmeisterin nach der Verwandlung nicht aus, allenfalls anders.

Ich beschloss spontan, dass ich mich künftig lieber wieder daheim vor dem häuslichen Spiegel über graue Haare ärgere. Dazu brauche ich keine ganze Fußgängerzone. Der Traum von der Typverwandlung? War ausgeträumt. Nachher kommt das blonde Gift noch zu mir nach Hause.

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