Die bescheidenen Bayern

Sind Sie Fußball-Fan? Finden Sie, Fußball schauen nur hirnlose Idioten, die ohne Esprit und ohne intellektuellen Tiefgang durchs Leben gehen (was natürlich NICHT IM ANSATZ korrekt ist)? Oder lieben Sie es, im Stadion zu stehen und lautstark sein Team anzufeuern (in meinem Fall ist es der VfB Stuttgart, die überhaupt beste Mannschaft der Welt). Ich liebe Fußball, habe eine Dauerkarte und reise also, sofern es irgend geht, alle zwei Wochen nach Stuttgart auf meinen Stehplatz. Dass das eher eine Männerdomäne ist, stört mich nicht. Ich liebe es, wenn ich das erste Mal die Treppen hochklettere und über den grünen Rasen blicke. Wenn in der Fankurve die Fahnen ausgerollt werden, kriege ich Gänsehaut, und wenn ein Tor für den Gegner fällt oder dieser auch noch frecherweise ein Foul an „meinen“ Spielern verübt, brülle ich manchmal so, dass ich froh bin, dass mein Söhnchen nicht dabei ist. Weil es nicht immer freundlich ist, was ich von mir gebe. Und manches Mal, das muss ich ehrlicherweise zugeben, sind auch Ausdrücke dabei, für die würde mein Kind nicht zwingend gelobt werden, auch wenn ich mich stets um sportliche Fairness bemühe. Es gibt für mich so gewisse Teams, denen bringe ich als VfB-Fan nicht unbedingt Liebe und Zuneigung entgegen. Dummerweise ist die Erzieherin meines Sohns, die ich im Übrigen sehr mag und schätze, eine Anhängerin genau einer dieser Teams. Nun ja, wir foppen uns also gern. Macht Peter im Kindergarten seinen Pulli beim Händewaschen nass, kriegt er einen Bayern-Pulli angezogen. Mittags kommt der schnell wieder retour, Peter trägt dafür sein VfB-Sweatshirt, eine VfB-Mütze, VfB-Handschuhe und einen weißroten Schal mit dem VfB-Fritzle drauf. Es kann auch sein, dass Peter heimkommt und sagt: „Mama, warum sind die Bayern immer die Besten?“ Für diese Weisheit der Erzieherin revanchiere ich mich mit einem kleinen antrainierten Schmähruf, den der Junior stets gern vermittelt, natürlich stets in einer politisch korrekten Jugendversion: „Alle Leute wissen… Bayern ist bescheiden…“  Überhaupt hat Peter von klein auf Fußballbegeisterung miterlebt. Weil seine Mama keine vernünftigen Kinderlieder (mehr) kannte, bekommt er bis heute als Gute-Nacht-Lied „You’ll never walk alone“. Abend für Abend gleich falsch gesungen. Außerdem kennt er die Wappen aller Bundesliga-Clubs, liebt sein Panini-Album über alles und hat eine Fan-Ausstattung, mit der man eine kleine Kindertagesstätte ausrüsten könnte. Jetzt hoffen wir inbrünstig, dass sich diese zugegebenermaßen sehr große Leidenschaft fürs runde Leder und den Stuttgarter Brustring-Club nie ins Gegenteil verkehrt. Und wir in die Allianzarena nach München reisen müssen, weil es sich der Junior zum Geburtstag sooo sehr wünscht. Das, glaube ich, wäre für mich besonders fatal.

kasi

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