Tiger-Pete und die neue Tasche

Es gibt Situationen, die sind so skurril, dass man jederzeit irgendwo eine versteckte Kamera wähnt. Oder denkt, man spielt in einer dieser 1000 Comedy-Sendungen auf den Kabelsendern mit und jederzeit ruft jemand: „Überraaaaschung…“ Die Second-Hand-Boutique meines Vertrauens heute Mittag. Einer meiner liebsten Orte. Ich liebe es, stundenlang in Federboas und  Gürteltäschchen zu wühlen, Hüte und Kappen zu probieren, in lange Roben zu schlüpfen oder Mäntel zu testen. Während eine Dame ein tülliges Etwas sucht für eine Nummer als Clown und sich eine andere ergriffen durch die Truhe mit den Sonderangeboten (ab 50 Cent) wühlt, findet mein Kind das Geschäft eher langweilig. Einziger Lichtblick: Die sehr freundliche, kinderliebe Inhaberin, die stets Maoam hat. „Wenn Du heute schon mal da bist“, erklärt er der verdutzten Kleiderfrau, „hätte ich gern was Süßes.“ Verdutzt reicht sie ihm die beliebten Kaubonbons. Peter sortiert diese ergriffen, bis er etwas anderes entdeckt. „Dieeeeeeeeeeeee will ich haben“, brüllt der Knirps. Bitte? Feierlich zeigt er mir ein Mini-Damenhandtäschchen im Tigerprint, natürlich als Plüschausführung. „Peter“, wehre ich leicht schmunzelnd ab, „das ist jetzt echt was für Mädchen…“ Während Peter ergriffen die Plüschtasche streichelt – „sieht voll aus wie die Tigerente“ – , gibt eine blonde Frau, die das Geschäft soeben betreten hat, nachtschwarze Korsagen und Strapse in Zahlung. Peter lässt sich kurz von der Tasche ablenken: „Hast Du gehört, Mama? Die kurzen Hosen sind alle noch ungetragen… aber die Tasche nehm ich trotzdem.“ Das anwesende – weibliche – Publikum amüsiert sich königlich. „Da passt sogar mein Kindi-Vesper rein. Und was zu trinken. Ach ja, und die Maoams. Hab mir noch zwei Himbeeren genommen.“ Alle Überredungskünste schlagen fehl. Der von den Maoams leicht klebrige Peter will sich die Tasche sogar von seinem Ersparten kaufen. Nachdem ich ihm erklärt habe, dass man (leider!) nicht immer alles haben kann, was einem gefällt. Er leiht sich bei mir drei Euro und bezahlt das plüschige Objekt der Begierde höchstselbst mit dem feierlichsten Gesicht der Welt. Die Korsagen-in-Zahlung-Geberin steht immer noch unschlüssig an der Kasse und starrt fassungslos meinen permanent vor sich hinquasselnden Sohnemann an. „Soviel redet er schon seit heute morgen um halb sechs“, teile ich ihr freundlich mit. Sie verlässt das Geschäft fluchtartig. Auf der Heimfahrt singt Peter alle Strophen von „Geh’n wer mal rüber zu Schmitz‘ seiner Frau“. Und danach? Peter wollte die Tasche vorhin schon das erste Mal verleihen. An seinen Papa, der zu einem geschäftlichen Vortrag musste. Leider hat mein Mann das Angebot abgelehnt.

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