Kind 2.0

Peter ist ein Kind, das mit neuen Medien groß wird. So Leid mir das tut – aber Frau Kasi verbringt berufsbedingt viele Stunden am Computer, sein Papa genauso. Außerdem seine Onkels und sein Opa Schatz, der das Portal von der „Sendung mit der Maus“ mittlerweile ziemlich gut kennt. Peter weiß also, was Firefox ist, er kennt Safari und den Internet Explorer („Lass‘ doch den Mist, der hängt doch eh immer….“). Schon häufiger hat er im Kindergarten leider für Verblüffung gesorgt, wenn er spontan erklären konnte, wo man was ausdruckt, welcher Explorer besser ist oder warum ein Laptop handlicher ist als ein PC. Peter kennt die Marken meiner Kamera und die meines Druckers. Er weiß, was CD-Rohlinge sind und wo man sie in meinem Schreibtisch findet. Mittlerweile kann er Hörspiele schon alleine downloaden, obwohl er noch nicht einmal richtig lesen kann. Sorry! Durch den Job seiner Frau Mama kennt Peter auch die Begriffe Websites und Twitter, er weiß sogar was Facebook ist und „Spiegel online“. Und es ist wirklich nicht so – ich schwöre – dass das Sohnkind stundenlang am Computer spielen dürfte. Manches schnappt er er einfach nebenher auf – selbst wenn er selbstvergessen neben mir sitzt und malt, während ich telefoniere oder vor mich hin schimpfe, weil das Internet wieder so saulangsam ist.

Natürlich hat der Thronfolger auch mitbekommen, dass wir für unseren Hausbau manchen Preis im Internet verglichen oder gar bei Ebay bestellten. Es war nicht wahnsinnig viel. Aber beispielsweise waren unsere geswünschten Ikea-Schlaufenschals in keinem Einrichtungshaus der Nähe vorrätig, so dass wir auf einen Ebay-Sofort-Kauf-Anbieter ausweichen wollten. Diese Schals und GENAU diese waren schließlich die einzigen auf der ganzen Welt, auf die sich Herr UND Frau Kasi einigen konnten.

Jetzt hat das aufmerksame Sohnkind mitbekommen, dass überall Wahlplakatte mit schönen oder weniger schönen Politikergesichtern die Straßen zieren. Pädagogisch wertvoll erkläre ich dem jungen Mann, dass Wahlkampf ist und dass alle diese Herren/Damen in den Landtag oder in die Regierung wollen. „Aha“, sagt Peter. „Mit DIESEN Bildern? Hatten Sie keine anderen?“ Ich verkneife mir wenig erfolgreich ein Schmunzeln: „Hmmmm.“ Nach dem üblichen Fragenkatalog – was ist die Regierung? Warum will man da rein? Wie sieht es da aus? Was haben die für Stühle?- kommen wir irgendwann sogar zum Stichwort Sitzverteilung. Das Kind fragt mir nich nur Löcher, sondern ganze Lochreihen in den Bauch. Komplett erschöpft, google ich schließlich noch das Wahlprogramm der Grünen – Peter gefallen die bunten Bilder und die vielen Farben auf deren Plakate so gut. Bevor sich das Sohnkind über sein Müsli hermacht, hat er noch eine quälende Frage im Repertoire: „Kann man Landtagssitze eigentlich auch bei Ebay ersteigern? Dann würde sich das ganze Häckmäck mit der Wahl ganz schnell  erledigen.“ Die Sache mit dem Demokratieverständnis müssen wir noch einmal wiederholen, Kind 2.0.

Der Wackelzahn

Kann das sein? Eben erst – zumindest kommt es mir mit meinem müttersentimentalen Gehirn so vor – hat Peter mit viel Geschrei seine letzten Zähne gekriegt. Und jetzt sollen die ersten schon wieder raus. Der halbe Kiefer des Sohnkinds gleicht von seiner Stabilität her der venezianischen Innenstadt oder den wackligen Bücherstapeln in dem Regal hinter mir. Der Thronfolger verweigert deshalb standfest jegliche feste Nahrung und pocht streng auf die Einnahme von Apfelmus, Griesbrei und Nudelsuppe. Die Baustellen im Unterkiefer machen genussvolles Abbeißen vom grünen Apfel wie einst in der Zahncreme-Werbung („Damit Sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können“) in der Tat nicht leichter. Aber grüne Granny-Smith-Äpfel sind ja wegen der schlechten Ökobilanz – da meistens nicht heimisch – ohnehin etwas aus der Mode gekommen, wo es doch so tolle, rotbackige und vor allem heimische Bodenseeäpfel gibt, die theoretisch nur eine gute Stunde Fahrt von der Insel Reichenau bis Nusplingen bräuchten.

Aber ich schweife ab. Weil Peter ein kleiner Mann ist, leidet er dabei gebührend. Während er, dick eingemummelt in meiner Kuscheldecke in meiner Sofa-Lieblingsecke sitzt (ihm geht es ja schlecht), nuckelt er müde an seinem Kaba: „Mama, weißt Du noch, wie der Michel der Lina den Zahn gezogen hat?“ Klar erinnere ich mich an die Zahn-Episode in Astrid-Lindgrens Lönneberga-Klassiker. Ich erzähle ihm also vom Pferd, dem Faden und Michels Idee, das Pferd könnte den Zahn aus dem Kiefer herauskatapultieren. „Ach ja“, macht Peter einen traurigen Mund, „so würde das bei uns auch enden. Die Lina ist dem Pferd ja nachgerannt wie blöd.“ Stimmt. Ich beruhige meinen gebeutelten Sprössling damit, dass wir kein Pferd haben. Und per se auch kein Dienstmädchen, an dem wir solche Dinge auszutesten gedenken.

Peter sitzt immer noch zahnleidend in meiner Sofalieblingsecke. „Mama“, erkundigt er sich mit geübten „Mir-geht’s-so-schlecht-und-keine-Sau-interessiert-sich-dafür“-Tonfall, „wie hast Du denn Deinen ersten Milchzahn verloren?“ Zugegebenermaßen wenig sensibel berichte ich von einem kleinen Mädchen, dessen linker Schneidezahn unten ebenfalls höllisch wackelte. Weil das kleine Mädchen eine sehr robuste Fünfjährige mit Hang zum Prügeln, zum Auf-hohe-Bäume-Klettern und durch Tiefe-Bäche-Waten war, entschied sie sie sich für eine sprichwörtliche Hauruck-Methode: die große, blaue Rohrzange von Peters Opa Schatz. Damit wurde das winzig kleine Zähnlein höchst erfolgreich aus Frau Kasis blütenweißer Milchzahnreihe gelupft. Die Wacklerei hatte ein schnödes und zugegebermaßen wenig kindgerechtes Ende genommen. Dank der blauen Rohrzahnge.

Peter und Herr Kasi schauen mich beide entsetzt an. „Neee“, sagt mein Gatte, „wie gemein. Und das an einem kleinen Kind.“ Auch mein Sohn ist einigermaßen ratlos – hat er doch einen gutmütigen, mit ihm jeden Spaß veranstaltenden Großvater im Hinterkopf und keinen mit einer Zange bewaffneten, fiesen Zähnezieher: „Mama“, sagt er demzufolge streng, „damit macht man keinen Spaß.“ Ich beteuere kleinlaut, dass dies aber die Wahrheit sei. Außerdem verstehe ich das Getue nicht. Warum auch nicht? Ich hatte danach zwar einen Zahn weniger, war aber des leidvollen „Ich-muss-jetzt-an-dem-Zahn-wackeln-bis-er-wehtut“ erlöst. Das wog den kurzen Schmerzmoment mit der riesigen Rohrzange eindeutig auf.

Eins ist klar. Peter will jetzt nicht wie eine Memme dastehen. Zögerlich fragt er seinen Vater nach einer Rohrzange. Diese findet sich in unserem vom Umzug gebeutelten Haushalt freilich nicht sofort. Wohl aber ein kleines, rotes Zänglein, von dem mein Mann, der gelernte Pädagoge im Haus, wohl annimmt, es sei viel kindgerechter und sozialverträglicher aus die Variante aus den späten 70-ern in Frau Kasis Elternhaus. Gemeinschaftlich machen sich also der mit der Kinderzange bewaffnete Herr Kasi und Frau Kasi als alter Hase an Sohnkinds Kiefer zu schaffen. Der kleine Mann hat den Mund noch nicht recht – zugegebenermaßen eher halbherzig – geöffnet, da brüllt er – wohlgemerkt mit offenem Mund: „Ich glaub‘, ich behalt‘ den Zahn noch ein bisschen.“ Soviel zu Dres. med. dent. Weiger. Schuster, bleib‘ bei Deinen Leisten. Mit und ohne Rohrzange. Wir haben einen tollen Zahnarzt im Ort.

Links abbiegen

Hektik pur! Ich muss zu einem Termin („auf einen Termin“ wie wir Zeitungsmenschen gern sagen, obwohl das natürlich sprachlicher Bullshit ist) – und bin wie fast immer zu spät dran. Frau Kasi hat sich nicht nur im Büro vertrödelt, sondern auch noch telefoniert, einen Schuh geputzt, die Handtasche ausgemistet und das vergessene iPhone aus Sohnkinds Gemälden vom Esstisch geborgen. Im iPhone ist mein Navigationssystem drin. Ich bin unterwegs in eine Kreisgemeinde just am anderen Zipfel des Landkreises. Deshalb habe ich auch ein bisschen Sorge, ich könnte mich verfahren. Sonst passiert mir das immer nur, wenn mir Herr Kasi eine todsichere, absolut leicht zu findende Abkürzung nennt. Das letzte Mal landete ich dabei auf einem Radweg und in einem Weiler, in dem wohl nur Pferde wohnten. Als ich das dritte Mal  mit Höchstgeschwindigkeit an den armen Tieren vorbeifuhr, schauten selbst die Rosse mir verständnislos hinter her. Die schon wieder….

Genau das will ich heute vermeiden. Ich bin zwar spät dran, aber dank modernster Technik in meinem iPhone mit allen schlüssigen Abkürzungen innerhalb des Landkreises versorgt. Huch, laut Navi treffe ich exakt zwölf Minuten zu spät am Zielort ein. Also ordentlich aufs Gas. Zwei Ortschaften weiter habe ich schon vier Minuten herausgefahren. Es klappt alles bestens, ich bin zwar kein besonders versierter Navi-Fahrer, weil meine Isolde (so heißt meine Wegweise-Frau) mir für meinen Geschmack immer einen Tick zu spät sagt, dass ich die Spur wechseln oder jetzt endgültig rechts abbiegen muss. Aber egal. 35 Kilometer weit fahren wir zügig in friedlicher Koexistenz, Isolde, der Rocco und ich. Bis in die Zielortschaft. Ich muss in ein kleineres Wohngebiet irgendwo links am Hang, so viel erinnere ich mich. Mein Orientierungsvermögen ist nicht so ausgeprägt wie mein Schuhtick. Mein Gatte spöttelt gern, man könnte mich im Nachbarort aussetzen, ich würde sicherlich nie mehr wieder heimfinden – und schon gar nicht ohne meine Brille. Gemein, aber wahr. Deshalb blickt mein Rocco fröhlich, als Isolde gebieterisch fordert: „Biegen Sie links ab.“ Wir biegen ab. „Biegen Sie links ab“, die nächste Kreuzung ist nicht weit. Ich blinke also wieder. Das Fachwerkhaus mit den leuchtend grünen Fensterläden kommt mir bekannt vor. Der Mülllaster vor mir auch. Den hatte ich vorhin zielsicher überholt. Aber nanu…. irgendwie beschleicht mich das Gefühl, hier schon einmal gewesen zu sein. „Biegen Sie links ab.“ Aber hallo. Isolde ist heute wirklich beharrlich. „Biegen Sie links ab.“ Ach ja. Da ist ja wieder das schöne Fachwerkhaus. Es hat immer noch leuchtend grüne Fensterläden. Eins steht fest: Hier war ich schon einmal. Und leider nicht nur einmal. Sondern schon dreimal.  Der Augenblick für hektische, rote Flecken am Hals ist gekommen – ich komme mir vor, wie der kleine Bär und der kleine Tiger bei Janosch, die auf dem Weg nach Panama auch immer nur in eine Richtung abbiegen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Isolde leicht verwirrt ist. Oder gibt’s hier Linksverkehr? Ich beschließe, GPS-Isolde zu bemogeln und wende ganz kess. Isolde bleibt sich treu: „Biegen Sie links ab.“ Aber sie hat jetzt gute Nachrichten: „In 100 Metern haben Sie Ihr Ziel erreicht.“ Aha. Ausnahmsweise kann Frau Kasi nichts für diese unfreiwillige Ortstour, sondern das Navi. Immerhin. Dank meiner ständigen Wegesucherei kann ich aber eins perfekt: Wenden in drei Zügen.

Wir haben es nett

Was ist schlimmer als ein kranker Mann daheim? Ein kranker Peter daheim. Ein Peter, der nicht mehr soo richtig kränkelt, aber noch nicht so weit wieder hergestellt ist, als dass er wieder den Kindergarten besuchen könnte. Solch ein Peter hat viele gute Ideen, was die eigene Freizeitgestaltung anbelangt. Dumm nur, dass Frau Kasi arbeiten muss und Herr Kasi ebenfalls. Doch Frau Kasi arbeitet von zu Hause aus. Herr Kasi ist mit frohgemutem Grinsen  und dem fragwürdigen Satz „Mach es Dir schön…“ (!?) soeben abgezogen. Mit quietschenden Reifen versteht sich. Nicht dass ihn noch jemand aufhält. Ich setze auf die Vernunft meines fast Sechsjährigen: „Peter, ich muss noch zwei Sachen fertig machen und bin im Büro.“ Peter nickt. Klar.

Das Sohnkind zu bespaßen, ist eine schöne Aufgabe. Wenn man Zeit hat. Heute habe ich aber keine. Ich arbeite an einem Serienbrief für einen sehr netten Herrn mit viel Geduld und alter Schule. Peter ist schon nach zehn Minuten langweilig. „Mama, wir könnten Kuchen backen.“ Ich entgeistert: „Wann? Morgen?“ Peter hat für dererlei Zeitverzögerung kein Verständnis: „Ne. Jetzt. Du schreibst doch nur. Marmorkuchen? Der schmeckt lecker.“ – Ich: „Mein Kind. Außer Schreiben habe ich nichts gelernt, und damit verdiene ich mein Geld.“ Peter kann das nicht verstehen: „Ist Schreiben Arbeit? Das kann doch jeder, der groß ist.“ Hmmm. Ganz schön scharfsinnig. Stimmt ja eigentlich. Als ich ablehne, Bibi-Blocksberg-Hexenmasken zu drucken und meinen Rechner für eine Runde Benjamin-Blümchen-löscht-das-Feuer herzugeben, drollt sich der Thronfolger beleidigt. Puh. Jetzt wieder mit Hochdruck kreativ sein. Dummerweise habe ich Hunger. Peter übt derweil Melodica. Vierviertel e.

Zehn Minuten und 20 Zeilen später. Das Telefon klingelt. Ein netter Neukunde, der Texte für seinen Webauftritt braucht. Peter indes braucht dringend was zu essen. Und Knete. Und hat keine Lust mehr auf Kranksein. Vor allem aber platzt er mitten in mein Neukunden-Telefonat: „Ein Stern, der Deinen Namen träääääägt…. hooooch am Horizont….“ Höflich aber bestimmt setze ich Ötzi-Junior mit einem energischen Griff und wild gestikulierend vor die Tür, was Peter mit lautem Klopfen und dem freundlichen Nachhaken „Was soll der Mist jetzt?“ quittiert. Ich erkläre dem freundlichen Herrn am anderen Ende der Strippe, dass ich kurz meinen kranken Sohn zur Raison bringen muss. Das mache ich nach Gesprächsende ausgiebig. Anschließend lasse ich Peter seinen Papa anrufen. Dass er sich über mich beklagt, nehme ich gerne in Kauf – so sieht Herr Kasi wenigstens, was ich mitmache. Jetzt gibt es aber erst einmal Mittagessen. Das Kind isst viel, ausgiebig und mit Spaß. Danach macht er Pause und beschallt das komplette Haus mit Elea Eluanda. Ezechiel, die Tröstereule, würde bei mir persönlich heute Abend im Suppentopf landen. Drei Ermahnungen (in steigendem Tonfall und mit anschwellender Lautstärke) später ist Ruhe im Haus. Peter hat sich hingelegt, weil ihm wieder eingefallen ist, dass er ja eigentlich krank ist. Ach stimmt ja. Überflüssig zu erwähnen, dass ich meine Arbeit erst spät abends auf die Reihe bekomme – als Herr Kasi nach etlichen Überstunden endlich heimkommt: „Na, hattet Ihr’s nett?“

Übertragung abgebrochen

Mein Kreditinstitut hat sein Online-Banking umgerüstet. Statt meiner TAN-Liste besitze ich nun einen so genannten „TAN-Generator“, der mir fluchs bei jeder Überweisung eine Tan generiert. Das Ganze ist dann supersicher, vor bösen Menschen geschützt und unglaublich praktisch.

So weit die Theorie. Der TAN-Generator ist aber mein Feind. Dieses kleine, bunte Gerätchen, das eher aussieht wie ein Werbegeschenks-Taschenrechner als wie eine technische Errungenschaft, die einen solch hochfuturistischen Namen verdient hätte, boykottiert mich. Es boykottiert mich nahezu täglich – und mit solch großer Leidenschaft, dass ich versucht bin, das unschuldige Teil in hohem Bogen in die Hagebuttenhecke vor meiner Bürotüre zu schleudern. Bevor Sie fragen: Einen Userfehler schließe ich aus. Der Generator ist so schwer zu bedienen auch nicht. Und schließlich klappt das mit der supersicheren High-Tech-Überweisung ja auch ab und zu. So in einem von zehn Fällen. Nach gut einer Stunde Arbeit an einer (!) Überweisung.

Von meiner Technik – egal ob Telefon, Computer, Handy oder eben Online-Banking – erwarte ich, dass sie funktioniert, wenn ich sie nutzen will. Langes Rädchendrehen oder technische Versuchsreihen lehne ich ebenso konsequent ab wie stundenlange Sessions am Rechner, am besten noch im Staub oder in liegender Haltung  – „Ich hab jetzt wirklich alles probiert…“. Bei mir muss das Zeug seinen ordnungsgemäßen Dienst tun – sonst landet es an einem sehr schlechten Tag im Garten. Wenn ich erbost bin, gehe ich sehr konsequent vor.

Mir fehlt das technische Grundverständnis, um die Sicherheit der einstigen TAN-Zettelwirtschaft komplett anzuzweifeln – klar, böse Buben gibt es im Internet zuhauf. Allerdings war ich schon sehr skeptisch, als  die bunten TAN-Generatoren mit der Post kamen: kleine, nicht zwingend solide gearbeitete Plastikteilchen mit großem Schlitz. In eben diesen muss man seine EC-Karte stecken, wenn man seine Online-Überweisung tätigen will. Man gibt die nötigen Daten ein und hält die ganze Apparatur schräg und nur in einem gewissen Winkel an einen blinkenden Lichtbalken am Monitor, der dem Stroboskop aus dem Physikunterricht ähnelt. Dabei muss man streng darauf achten, dass die blinkenden Pfeile am Balken justiert sind auf zwei Pfeile am Generator. Dann beginnt das Gerät die Übertragung. Bei Frau Kasi funktioniert das am besten stehend in einer Art Embryo-Haltung, leicht gebückt und mit lang gestrecktem Hals – Gründe dafür sind unter anderem geringe Körpergröße, zu geringe Armlänge und viel zu schlechte Augen. Und was passiert trotz so viel Körpereinsatz und diversen verspannten Muskelpartien (tun Sie das mal eine Stunde lang!) regelmäßig? Richtig. Nichts. Doch. Es erscheint der freundliche Satz: „Übertragung abgebrochen.“ Drei Anrufe bei der Online-Banking-Hotline meines Kreditinstitus brachten keine Besserung. Allein der Umstand, dass es fürs Online-Banking eine Hotline gibt, macht mir deutlich, dass das alles nicht so läuft, wie es soll.

Egal. Man beriet mich dort einigermaßen freundlich, ließ aber immer wieder durchblicken, dass es wohl eher ein technischer Userfehler sein müsste. Ich wurde sauer und konterte, dass in jenem unwahrscheinlichen Falle nicht einmal eine von zehn Überweisungen ordnungsgemäß augeführt würde. Danach fragte man mich, ob ich das Licht an hätte. Hallo? Es war Winter und früh am Morgen. „Ja“, sagte ich, „natürlich. Sie nicht?“ „Tjaaaaaa“, sagte die freundliche Hotline-Dame gedehnt, „das ist ja dann klar. Die Lampe blendet die Technik.“ Frau Kasi war dabei, Anstand und Erziehung über Bord zu werfen und musste herb an ihrem Groll schlucken, als sie gepresst sagte:  „Das ist eine absolut blendfreie Tageslicht-Lampe für hunderte von Euro. Mein Mann hatte beim Bezahlen Tränen in den Augen…. Und übrigens: Soll ich im Dunkeln überweisen? Da sehe ich noch weniger als am Tag – bei knapp minus acht Dioptrien.“ Das Frage-Antwort-Spiel ging weiter. „Haben Sie einen alten Monitor?“  Frau Kasi feixend: „Sind gut vier Wochen zu alt?“ Die Dame, nicht mehr ganz so gefasst, wurde ratlos, und ich lief so langsam richtig warm. Mit einer Hand hielt ich, immer noch gebückt, das Telefon, mit der anderen den hiflos blinkenden Generator an den Monitor. Dabei fauchte ich ausgiebig: „Wissen Sie was, stellen Sie mir das Konto einfach wieder auf Papier um wie vor dem Krieg. Dann werfe ich wie früher wieder Überweisungen bei Euch in den Briefkasten. Es kann doch nicht sein, dass Online-Banking heißt, ins Auto steigen zu müssen, um an den nächsten Service-Center in der Bankfiliale zu fahren. Genau das mache ich jetzt seit Monaten.“ Die Bankfrau am Telefon argumentierte indes, Sie hätten eigentlich keine Beschwerden in dieser Sache. Bei den meisten Leuten würde die neue Technik verlässlich funktionieren und solide arbeiten. Unterschwellig stand der Vorwurf im Raum, ob ich regelmßig am Computer… „Ja“, brüllte ich, „jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag. UND DAS VIELE STUNDEN LANG!“ Vorsichtshalber fügte ich an, bei Herrn Kasi funktioniere das Ganze auch nicht. Dieser würde gesondert anrufen. Sie erschrak. Der Satz „Noch so einer…“ hing in der Luft.

„Übertragung abgebrochen.“ Auch diverse Helligkeitsverdrehungen und Monitoreinstellungen später klappte es nichts. Der Generator hatte seine Generatoren-Tätigkeit eingestellt und brach ab. Eigentlich schön, das Geld blieb ja auf meinem Konto. Lange Rede kurzer Sinn: Die Dame erklärte mir dann, das ganze könne man auch „manuell“ eingeben (Super Formulierung, manuell heißt bekanntlich per Hand. Nimmt irgendjemand zum Überweisen die Füße?). Das heißt: Der TAN-Generator fordert statt eines blinkenden Balkens einen ungefähr achtstelligen Start-Code. Danach die gewünschten Bankdaten, und der Generator spuckt anstandslos den notwendigen TAN-Code aus. Zwar viel umständlicher als die unsichere TAN-Liste und weniger futuristisch als der blinkende Disko-Balken, immerhin aber wirksam. Zum Abschied sagte mir die Dame am Telefon, die Sache mit den Balken funktioniere bei so manchem nicht. Die manuelle Eingabe sei durchaus gängig und vielen Kunden ja auch so viel lieber. Haha.

Frau Kasi fletscht die Zähne

Frau Kasi ist allseits bekannt als Temperamentsbündel. Als eine, die aus ihrem Herzen keine Mördergrube macht, ordentlich schimpfen kann und dabei wohl auch recht grausig aussieht, die aber auch einen Tisch voll Leute spielend unterhalten kann – da muss kein anderer mehr reden.

Nun hat mich mein Kind gemalt – während ich jüngst ausgiebig und leidenschaftlich vor mich hinwetterte. Ich gebe zu, dass das rote Kleid und die lange Kette recht gut getroffen sind. Lila Stiefel besitze ich ebenfalls. ABER: Ich fletsche nie die Zähne, zumindest nicht wissentlich. Außerdem habe ich keine Teufelshörner. Überflüssig zu erwähnen.

Schlaflos in Munich

Klirrend fällt irgendwo im Haus etwas aus geschätzt drei Metern Höhe zu Boden. Eine Kiste mit altem Kinderküchen-Zubehör wie verbeulten Blechtöpfen oder verbogenen Schneebesen? Die Weihnachtskiste mit der unleserlichen Aufschrift „Weih.-Deko rotweiß“? Ein letzter Umzugskarton mit unbeschrifteten Kasi-Videobändern und zig Sex-and-the-City-Folgen? „Es war gar nix“, schreit mein Sohnkind postwendend. Wollen wir dem einmal Glauben schenken, denn soeben kommt Herr Kasi ins Haus. Irgendetwas scheppert neuerlich, gefolgt von einem knarzenden Ziehen über den Fliesenboden. „Was is‘ das für ein Lärm?“ brülle ich vom Dachgeschoss in die Garage hinunter. „Och, gar nix“, brüllt Herr Kasi zurück. Na super. Im Haus herrscht eine Lautstärke wie einst auf der Großbaustelle, aber keiner weiß was.

Überhaupt ist Familie Kasi, vor allem Frau Kasi und das Sohnkind, eine laute Familie. Wir zoffen, brüllen und schreien entwaffnend ehrlich. Mitunter werden wir hektisch, vor allem wenn es nicht nach unserem Kopf geht. Manchmal schlägt auch eine Tür lauter ins Schloss. Diese Art, Groll und Wut zu zeigen, haben wir dem Sohnkind aber gründlich abgewöhnt. Die schönen neuen Türen. Gerade Peter und ich streiten mit unbändiger Leidenschaft, vertragen uns dann aber nach ungefähr 2,5 Minuten wieder. Beide können wir nicht unbedingt böse sein. Heute Mittag brüllte mich der Zwerg beispielsweise erbost und mit dem schönen Satz an: „Meeeeenno – Du behandelst mich schlecht. Wie einen Sohn.“ Ja, Peter. Ich bin Deine Mama. Und Mamas behandeln Söhne mitunter schlecht. Vor allem, wenn es um die Themenbereiche Nintendo DS, TV oder Süßkram geht.

Bei Herrn Kasi werde ich allerdings das Gefühl nicht los, dass ihm dererlei häuslicher Trubel mitunter zu viel ist. Er ist von früher eine gemütliche, Holz vertäfelte Dachgeschoss-Wohnung mit Riesenfernseher, PC-Zimmer und viel Ruhe gewöhnt. Da konnte man samstags gemütlich Bundesliga schauen, ohne permanent Support an Frau Kasis Technikparcours leisten zu müssen, oder zum 100. Mal „Conny macht das Seepferdchen“ zu spielen. Herr Kasi kann zwar auch schimpfen, ist im Grunde aber wie ein zufriedener Siebenschläfer, der erst aus seiner Höhle rauskommt, wenn man ihn übel schikaniert und es echt zu viel wird. Außerdem hat Herrn Kasi früher keiner des Nachts a) permanent die Decke geklaut (Frau Kasi), b) in seinem Bett eiskalte Füße gewärmt (Frau Kasi) oder c) Herrn Kasi fies getreten wie ein Abwehrrecke im Torraum (Peter). Vor kurzem war Herr Kasi eine Woche lang unterwegs – dienstlich. Nachts konnte er angesichts von ungeahnter Beinfreiheit und Tretsicherheit nicht so recht schlafen, obwohl er das Fernsehprogramm allein bestimmen durfte und ihn keiner mit dem mitternächtlichen Schrei: „Paaaaapa – Nasenbluten….“ weckte. Schlaflos in Munich sozusagen. Wegen zuviel Ruhe.

Herr Kasi im Kinderparadies

Herr Kasi und ich, das darf ich getrost behaupten, sind ein gutes Gespann. Wir können nach zehn gemeinsamen Jahren immer noch herzlich miteinander lachen, gehen miteinander zum Fußball und vermissen einander sehr, wenn einer von beiden einmal ein paar Tage weg ist. Unser vereint nicht nur unser wunderbares Sohnkind, und morgens bin ich in den vergangenen Jahren auch noch nie erschrocken: „Huch, der ist ja immer noch hier.“ Alles paletti also. Herr Kasi ist ein Traummann, noch dazu einer, der alles was Frau Kasi im Alltag schrottet, pfeilschnell und pflichtschuldigst reparieren kann.

Ein sehr prägender Part unserer Beziehung war der Bau unseres gemeinsamen Hauses. Glauben Sie mir, wenn man nachmittageweise zur Radio-Fußballübertragung auf SWR 1 miteinander Decken geschliffen und gemeinsam Tonnen von Staub ausgehustet hat, eint das doch sehr, genauso wie das Verlegen von fast vier Kilometern Leerrohr. Man überlege einmal: Das ist zweimal die Strecke Margrethausen-Lautlingen. Nie hätte ich also gedacht, dass das höchst spröde Thema „Wohnzimmer-Vorhänge“ uns zu solch immensem Diskussionsbedarf und der einen oder anderen Diskussion verhelfen könnte. Die Vorhang-Debatten – ganz ohne Goldkante – fielen mitunter derart heftig aus, dass unser Thronfolger nach seiner Rückkehr aus dem Kindergarten einmal pflichtschuldigst fragte: „Und wie war’s bei Euch? Habt Ihr wieder gestritten?“

Zur Vorgeschichte: Seit dem Einzug am 31. Juli 2010 sind unsere schönen, großen Fensterflächen vorhangslos. Monatelang hat mich dieser Umstand bis jetzt kein bisschen gestört. Als mich einmal eine wohlmeinende Bürgerin darauf ansprach – „Man sieht sie abends aber SEHR gut…“ – konnte ich noch fröhlich kontern: „Ja, aber nur, wenn man reinguckt.“ Auch für familieninterne Ratschläge: „Ich würd‘ hier was Beiges hinmachen… wenn Du mich fragst….“ war ich wenig zugänglich, genauso wie für erschreckte Besucherinnen, die angesichts unserer Aquariumscheiben hektisch BH-Träger versteckten oder den Sitz ihres Slips überprüften. Doch mittlerweile finde ich die schmucklosen Glasfronten karg und freudlos, ich hätte gern etwas Stoffiges, was den ohnehin großen Geräuschpegel senkt, wenn im Hause Kasi mal wieder heftigst geredet wird.  Zuviel Stoff will ich meinen Fenstern aber auch nicht zumuten – denn dann wäre meine herrliche Aussicht in die Natur ja verhängt, verhüllt und den Hasen. Sie sehen, ein Dilemma. Und jetzt muss ich auch noch Herrn Kasi von etwas überzeugen, von dem ich selbst noch nicht einmal so richtig weiß, wie es aussehen soll. Den bockigen Gatten beunruhige ich mit dem klugen Satz einer Bekannten: „Fliesen legen, Tapezieren, Wände bemalen – das geht alles noch selbst. Aber Vorhänge aussuchen? Neee. Ich hatte da einen Innendesigner.“

Der baumüde Herr Kasi hat wie einst Dagobert Duck angstvolle Dollarzeichen in den Augen, ich sehe es deutlich. Ich bin ja nicht hartherzig. Schnell mache ich dem Gatten deutlich, dass mein Innendesigner durchaus auch aus Schweden kommen und „Ikea“ heißen darf. Das wiederum setzt eine zweite Panikwelle in Gang. Samstägliche Ausflüge zu Köttbullar und Apfelkuchen sind für meinen Mann ein Greuel. Er liebt Billy, Benno und Ivar erst dann, wenn sie vollbepackt in der heimischen Wohnstatt stehen. Am liebsten, ließ er einmal verlauten, würde er sich bei solcher Art von – seltenen – Familienausflügen gern im Kinderparadies absetzen lassen: „Der kleine Herr Kasi möchte aus dem Kinderparadies abgeholt werden…“ Um dann anschließend Jahrtausend-Vorröte an Teelichtern, Servietten und Tischsets ans Auto zu schleppen. Ich beschließe nach reiflicher Überlegung, mich dem guten Rat einer befreundeten Familie anzuschließen: „Die Vorhänge hat SIE ausgesucht.“ Drei Fachgeschäfte später merke ich, dass ich nach der Quadratur des Kreises suche, nach einem schwarzen Schimmel oder einem weißen Rappen. Ich habe keine Ahnung, ob ich Schiebevorhänge (hat grad jeder, der hip sein will, am liebsten mit Naturmotiven oder psychodelischen Mustern), Schals oder Raff-Rollos haben will. Weil ich von letzteren den Namen schon dämlich finde, fallen die gleich wieder raus. Psychodelische Schiebevorhänge mag ich auch nicht. Also entscheide ich mich für legere Schals, die links und rechts an meinen tollen, freien Fensterflächen hängen könnten. Dummerweise gibt es die Schals in den von mir besuchten Märkten aber nur mit Muster, also kleinen Kreisen, changierenden, roten Sternen oder pfiffigen (was für ein Wort) Linienmustern in bleu, die einen glauben machen, man hätte am helllichten Mittag schon zwei, drei Kurze gekippt. Weil mich Herr Kasi für so etwas meucheln würde, lasse ich sämtliche Stoffproben, wo sie sind, nämlich im Laden. Beim kinderfreundlichen Einkaufsschweden finde ich dann ganz schlichte, ungebleichte Schals aus Leinen, die ich für passend halte. Herr Kasi, den die Schalsuche sehr ermattet hat, findet sie erfreulicherweise einwandfrei, sie sind nicht von Esprit und demensprechend günstiger. Diese Kuh wäre vom Eis.

Doch wie kriegt man Vorhangschals jetzt an die Fenster? Gardinenstangen für so ein bisschen Schal finde ich dämlich und zu protzig. Ahnen Sie, wie viele verschiedene Möglichkeiten es gibt, Vorhänge aufzuhängen? Seilsysteme hängen durch und sehen  binnen kürzester Zeit aus wie ausgeleierte Wäscheleinen von der Oma. Für Schiebeschienen müsste ich meine so sorgsam geschliffene Decke wieder total verbohren. Sie ahnen – das nächste Problem. Im gefühlt 45. Markt finde ich endlich Schwenkhalter, die nicht nach Badezimmer-Einrichtung, Klorollen-Halter oder „20-Prozent-auf-alles-Baumarkt“ aussehen. Der Edelstahl ist zwar nicht echt, aber was soll’s. Vorhang auf! Beim Bohren, überflüssig zu erwähnen, hat dann wieder Herr Kasi seinen großen Auftritt als Heimwerkerkönig.

VfB-Fan-Dasein: eisige Zeiten

Peter kommt schlecht gelaunt und traurig aus seinem Kindergarten. Ich frage lieber nicht, was vorgefallen ist. Mein Sohn schaut mich mit einem kompromisslosen, unmissverständlichen Frag-lieber-nicht-Du-hast-von-sowas-ja-eh-keine-Ahnung-Blick an. Schweigend gehen wir also nach Hause. Peter schluchzt alle paar Meter herzzereißend auf und murmelt: „Ach ja.“ Ich sage immer noch nichts. Zu Hause decken wir schweigend den Tisch. Das muss man durchaus erwähnen, weil bei Familie Kasi, vor allem jedoch im Gespann Peter-Kasi, üblicherweise alles mit Gelächter, viel Geschwätz, Lärm, Krach, Hörspielen oder lauter Musik verbunden ist. Mein Sohn leidet – was soll ich tun? Hunger hat er zu allem Überfluss auch keinen. Ich wähne eine schwere Krankheit. Peter, der kleine Allesfresser, der saure Gurke, Pfannkuchen von gestern und Fischfilet mit Hochgenuss zum Frühstück mampfen kann – ohne Appetit? Das kann nicht sein. Und das, wenn es Knödel mit Soße gibt.

Irgendwann fasst sich der kleine Mann ein Herz. „Mamaaaaa? Warum sind wir eigentlich gerade VfB-Fans?“ Aha. Daher weht, wie so oft im Hause Kasi, der Wind. Die starke Front der kleinen Bayernfans im Kindergarten. Ich unterdrücke meine Wut. Ich bin schließlich über 5. Ich erkläre dem kleinen Mann, dass der VfB der coolste Club der Welt ist, egal wie bescheiden sie gerade spielen. Ich erzähle ihm von meinem ersten Stadionbesuch und den nie vergessenen Eindrücken. Von der Lautstärke, der Freude, der Gemeinschaft. Und davon, dass ich auch schon geweint habe im Stadion. Peter horcht auf: „Du? Echt? Du bist doch eigentlich schon erwachsen.“ Eigentlich? Naja. Das lassen wir jetzt. „Klar, Peter. Als Stuttgartfan ist man manchmal ganz schön traurig. Umso schöner ist es aber auch, wenn es wieder gut läuft.“ Peters Augen füllen sich jetzt tatsächlich mit Tränen. „Wird es irgendwann mal wieder besser? Platz 17 ist ja nicht gerade toll. Und die verlieren doch so oft.“ Ich erzähle meinem traurigen Sohn, der hemmungslos in meine teure Fürstenberg-Tunika weint und rotzelt, dass es manchmal schwer ist, seinem Club in schweren Zeiten die Treue zu halten. Dass es manchmal ganz übel ist, wenn andere Fans kommen und Öl ins Feuer gießen. Dass ich mich da am liebsten manchmal prügeln würde. Das kann Peter nicht fassen: „DU? Prügeln? Du bist doch so klein.“ Aber er erzählt mir, dass die Bayern-Fans ihn im Kindergarten wieder einmal verspottet haben: Sie hätten mehr Geld und seien deshalb besser. Für mich ein sehr fragwürdiger Ansatz.  Peter und ich schauen nach dem Essen einen VfB-Fotoalbum zum Meistertitel 2007 an und ich erzähle ihm, dass mir einer der Spieler dabei sein Bier geschenkt hat. Peter betrachtet verzückt die Fotos: „Du stehst da ja beim Gomez. “ Ja ich war mittendrin. Und bekomme angesichts der abgebildeten Feiermeile prompt selbst feuchte Augen. Da sitzen wir nun und heulen beide vor uns hin. Egal, da müssen wir jetzt durch.

PS: Das VfB-Spiel unmittelbar nach dieser Begebenheit ist gegen den BVB, was lange Zeit (genau bis zur 84. Minute) ja 1:0 für die anderen Stand. Als in der Halbzeit der Herr aus der Bierwerbung freundlich „weiterhin noch viel Vergnügen“ wünschte, brüllte mein Sohn den armen Mann vollkommen unmotiviert mit den Worten: „Du blöder Eumel! Wie soll ich bitteschön Vergnügen haben, wenn wir mal wieder 1:0 hinten sind?“