Links abbiegen

Hektik pur! Ich muss zu einem Termin („auf einen Termin“ wie wir Zeitungsmenschen gern sagen, obwohl das natürlich sprachlicher Bullshit ist) – und bin wie fast immer zu spät dran. Frau Kasi hat sich nicht nur im Büro vertrödelt, sondern auch noch telefoniert, einen Schuh geputzt, die Handtasche ausgemistet und das vergessene iPhone aus Sohnkinds Gemälden vom Esstisch geborgen. Im iPhone ist mein Navigationssystem drin. Ich bin unterwegs in eine Kreisgemeinde just am anderen Zipfel des Landkreises. Deshalb habe ich auch ein bisschen Sorge, ich könnte mich verfahren. Sonst passiert mir das immer nur, wenn mir Herr Kasi eine todsichere, absolut leicht zu findende Abkürzung nennt. Das letzte Mal landete ich dabei auf einem Radweg und in einem Weiler, in dem wohl nur Pferde wohnten. Als ich das dritte Mal  mit Höchstgeschwindigkeit an den armen Tieren vorbeifuhr, schauten selbst die Rosse mir verständnislos hinter her. Die schon wieder….

Genau das will ich heute vermeiden. Ich bin zwar spät dran, aber dank modernster Technik in meinem iPhone mit allen schlüssigen Abkürzungen innerhalb des Landkreises versorgt. Huch, laut Navi treffe ich exakt zwölf Minuten zu spät am Zielort ein. Also ordentlich aufs Gas. Zwei Ortschaften weiter habe ich schon vier Minuten herausgefahren. Es klappt alles bestens, ich bin zwar kein besonders versierter Navi-Fahrer, weil meine Isolde (so heißt meine Wegweise-Frau) mir für meinen Geschmack immer einen Tick zu spät sagt, dass ich die Spur wechseln oder jetzt endgültig rechts abbiegen muss. Aber egal. 35 Kilometer weit fahren wir zügig in friedlicher Koexistenz, Isolde, der Rocco und ich. Bis in die Zielortschaft. Ich muss in ein kleineres Wohngebiet irgendwo links am Hang, so viel erinnere ich mich. Mein Orientierungsvermögen ist nicht so ausgeprägt wie mein Schuhtick. Mein Gatte spöttelt gern, man könnte mich im Nachbarort aussetzen, ich würde sicherlich nie mehr wieder heimfinden – und schon gar nicht ohne meine Brille. Gemein, aber wahr. Deshalb blickt mein Rocco fröhlich, als Isolde gebieterisch fordert: „Biegen Sie links ab.“ Wir biegen ab. „Biegen Sie links ab“, die nächste Kreuzung ist nicht weit. Ich blinke also wieder. Das Fachwerkhaus mit den leuchtend grünen Fensterläden kommt mir bekannt vor. Der Mülllaster vor mir auch. Den hatte ich vorhin zielsicher überholt. Aber nanu…. irgendwie beschleicht mich das Gefühl, hier schon einmal gewesen zu sein. „Biegen Sie links ab.“ Aber hallo. Isolde ist heute wirklich beharrlich. „Biegen Sie links ab.“ Ach ja. Da ist ja wieder das schöne Fachwerkhaus. Es hat immer noch leuchtend grüne Fensterläden. Eins steht fest: Hier war ich schon einmal. Und leider nicht nur einmal. Sondern schon dreimal.  Der Augenblick für hektische, rote Flecken am Hals ist gekommen – ich komme mir vor, wie der kleine Bär und der kleine Tiger bei Janosch, die auf dem Weg nach Panama auch immer nur in eine Richtung abbiegen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Isolde leicht verwirrt ist. Oder gibt’s hier Linksverkehr? Ich beschließe, GPS-Isolde zu bemogeln und wende ganz kess. Isolde bleibt sich treu: „Biegen Sie links ab.“ Aber sie hat jetzt gute Nachrichten: „In 100 Metern haben Sie Ihr Ziel erreicht.“ Aha. Ausnahmsweise kann Frau Kasi nichts für diese unfreiwillige Ortstour, sondern das Navi. Immerhin. Dank meiner ständigen Wegesucherei kann ich aber eins perfekt: Wenden in drei Zügen.

Salsared in jeder Hinsicht

Wie bereits schon häufiger beschrieben, sind wir alle Scirocco-Fans. Egal ob alt oder neu. Jetzt ist es tatsächlich soweit: Wir holen unseren neuen Dreier-Scirocco in der Autostadt ab. Ein großer Tag für Familie Kasi – nach einer vor Aufregung sehr schlafarmen Nacht. Erst eine erlebnisreiche Fahrt mit der Deutschen Bahn (Baustellen und internistische Notfälle inklusive). Dann ein fulminanter Wolfsburger Italiener. Und dann die riesige Autostadt. Der Aufenthalt dort – ein Erlebnis. Wir gucken uns alles genau an. Bis wir total platt sind von so viel Automobil.

Und erst die Übergabe des neuen Wagens. Unser persönlicher Abholer ist ein netter junger Mann, der uns das Gefühl gibt, nur wegen uns, und wirklich nur wegen uns, sei er für VW tätig. Nur damit, um mir die neuen Zündschlüssel in mein vor Aufregung nasses Patschehändchen drücken kann. Oder mir die Schönheiten des neuen, samtroten Lacks zu preisen. Endlich lässt er Worten Taten folgen: Ich darf einsteigen. Peter sitzt schon und lobt das Armaturenbrett. Ich verscheuche das Kind. Nein. Heute ist mein großer Tag.

Ich verdrückte wenig erfolgreich drei Freudentränchen, während mein jetzt ausgestiegenes Kind lautstark dem Publikum, das auf der Empore oberhalb des Übergabe-Platzes auf seine Autos wartet, lautstark kundtut, dass nur seine Mami so eine heiße Kiste bekomme. Alle anderen Autos seien voll langweilig. Aber das Auto von der Mama sei eine „coole Sache“. Wobei: „Mir gefällt auch der Mini-Clubman.“ Peter… wir sind hier bei VW. Peinlich berührt, steige ich wieder aus und bringe ich  meinen Sohn für zwei Minuten zum Schweigen. Das auffällige Auto mit dem Sportfahrwerk und den Riesenfelgen an sich ist schon Show genug. Man macht man ein offizielles Wir-haben-ein-neues-Auto-Foto im Wolfsburger Gegenlicht. Und dann ist der offizielle Termin auch schon zu Ende. Nicht für mein Kind.

Als mir der freundliche, junge Mann, mein persönlicher Mitarbeiter, endlich die Schlüssel mit dem obligaten „Gute Fahrt allzeit und nicht zuviel Gas bei dem schnellen Wagen“ in die Hand gibt, schaltet sich Peter ein. „Jaja“, unkt es da aus 1,11 Meter Höhe, „das musste meiner Kasi-Mami schon sagen. Die is nämlich voll DER Raser. Und hat voll oft Strafzettels.“ Der junge Mann kann sich eines belustigten Grinsens nicht erwehren. „Aha. Dann pass‘ mal schön auf sie auf.“ Peter hat noch nicht alles gesagt: „Jaaaa. Weißte. Erst letztens hat man sie mal wieder geblitzt.“ Und in verschwörerischem Ton: „Sie dachte schon, die nehmen ihr diesmal echt den Lappen.“ Ich werde so rot wie mein neues Auto. Salsared sozusagen. Mein Mann grinst. Er hört allerdings auf, als er meinen Blick sieht, der ihn in hauchdünne Scheiben schneidet. Wie Parmaschinken. Peter macht weiter: „Und manchmal, da geht er auch noch der Sprit aus.“ Jetzt ist wirklich alles raus. Ich steige schnell ein, setze meine neue Turboschleuder in Gang und hupe noch einmal freundlich. Bloß weg hier. Ich habe Sprit im Tank für 200 Kilometer. Na bitte. Das Benzin geht heute also nicht aus. Wie sang schon Markus während meiner NDW-Jugend so schön: „Ich will Spaß… ich geb Gas…“ Mein persönlicher Markus indes sitzt auf dem Beifahrersitz und lacht sich den Allerwertesten weg.

Rechtlos in der Musikschule

Peter und ich kämpfen am hellen Nachmittag darüber, welche Schuhe er anziehen soll. Ich bin für die älteren, im Kindergarten geht man vermutlich nach draußen. Peter erbost: „Immer muss ich tun, was DU willst. Hab ich eigentlich gar keine Rechte – so als Kind?“

Peter geht zum ersten Mal in die Musikschule. Dort klebt er mit ein bisschen Hilfe mühevoll einen Notenschlüssel aus Wollfäden aus Papier. Stolz präsentiert er das Kunstwerk danach seiner Oma Schatz: „Schau mal, Oma Schatz. Ich hab einen Zündschlüssel geklebt.“ Mein kleiner Autonarr.

Wir wollen den neuen Scirocco probefahren, gleichzeitig wird mein Auto geschätzt. Peter schaut angeekelt auf die sandigen Sitze und die Brezelkrümel: „Da musste die Kiste aber noch ordentlich putzen. Sonst genier ich mich ja mit Dir.“

„Der Papa ist manchmal voll ne Spaßbremse.“

Peters Papa: „Peter, bin ich dick?“ – Peter: „Neee. Aber…“ 

Peters Papa: „Wen findest Du dick?“ Peter überlegt:  „Neee, die Mama auch nicht. Obwohl sie Busen hat.“

Elefantöse Bananenträume

Großeinkauf für eine hungrige Meute. Peter und ich sitzen ermattet im Scirocco. Wir düsen nach Hause. Im Inneren unserer alten Lady, Baujahr 1988, ist es trotz des offenen Dachs sehr heiß. Der Thronfolger schläft kurz vor dem Getränkemarkt ein. Als ich einparke und sacht die Tür öffne, wacht mein Sohnkind auf. Hebt halbherzig ein Auge auf Halbmast und murmelt schläfrig: „Ach ne, jetzt hab ich grad sooo schön geträumt.“ Anteilnahmsvoll erkundige ich mich nach dem Inhalt des schönen Traums. „Von einem Baaananenbaum in Afrika. Da war es so heiß, und es gab sogar Elefanten.“ alles klar: Nebenwirkungen von Janoschs kleiner Tigerreise rund um die Welt. Aber solche medialen Nebenwirkungen sind in Kauf zu nehmen.

Fotos Peter und Blog 001

Zu Gast bei Ludolfs

In Zeiten, in denen jeder nur noch Themen-Abende auf Arte guckt und Mc-Donalds meidet, sollte man mit Outings vorsichtig sein. Trotzdem wage ich jetzt eines. Ich mag nicht nur Burger, sondern schaue mir liebend gerne auf dem vermeintlichen Männer-Fernsehsender („Weil Männer keine Frauen sind“) Auto-Sendungen an. Beiträge, in denen total verrostete, schrottreife Saabs zu blitzenden Schönheiten „getunt“ werden. Sendungen, in denen eine hübsche Mechaniker-Braut einem alten Porsche neues Leben einhaucht. Sendungen, in denen meine geliebten Sciroccos gepflegt und gewienert werden, so dass ich mir wünsche, meinen eigenen Scala dort mal abgeben zu können. Mittlerweile habe ich meinen Sohn mit diesem Fieber schon angesteckt: „Maaaama, schauen wir heute wieder den Autokanal?“ Und wenn ich mir’s recht überlege, bin ich mir sicher, dass Scirocco-Tuner nicht schädlicher für die Entwicklung eines Kleinkinds sind als vieles, was einem auf den so genannten Kindersendern über den Weg kommt. Angefangen bei dieser vielen Werbung.

Besonderes Herzblut liegt mir an den Ludolfs, jenen vier Brüdern, die einen Schrottplatz von ihren Eltern vererbt bekommen haben. Peter (so heißt mein Kind, aber nicht wegen Ludolfs), Manni, Günter und Uwe haben es mir angetan. Egal ob sie alte Opel-Ersatzteile verticken, einen Capri umbauen, Vergaser herausmontieren oder einfach nur schweigend am Telefon sitzen. Ich finde es klasse, wie man in einem für den Laien so unübersichtlich wirkenden Ersatzteil-Lager den Überblick behalten kann. Ich liebe es, wenn im Hause Ludolf gekocht wird. Ich finde es schön nostalgisch, dass die Rezepte der Omma dort bis heute ihre Gültigkeit besitzen. Außerdem mag ich die vier kauzigen Brüder wirklich gern – auch wenn sie mich nicht zum Essen einladen müssten. Die Ludolfs gehen ab Mittwoch, 9. September, wieder auf Sendung.