Ein ganz normaler Morgen

Schon häufig habe ich über unseren – sagen wir es freundlich – mitunter sehr unorthodoxen Familienalltag berichtet. Heute Morgen müssen die Kids zur Oma, weil Frau Kasi ins Büro einen Stock tiefer geht. Herr Kasi spielt Chauffeur, die Oma weiß Bescheid. Nur: Ausgerechnet heute schlafen beide Frühaufsteher lange. Herr und Frau Kasi frühstücken in absoluter Stille gemeinsam. Selten und ungewohnt. Keine Müslischüssel fällt unter den Tisch. Kein Wasserglas. Nur Ruhe und Kaffee und Nutellabrot. Wie langweilig.

6.45 Uhr: Endlich. Peter schlurft in die Küche. Verschwurbelt und grußlos: „Bin aber schon ganz lange wach. Hab schon lange gelesen.“ Aha?! Vor etwa zweieinhalb Minuten hat er noch tief geschlafen. Erster Griff zur Musikbox. Nein. Atzen und Discopogo brauchen wir noch nicht. Nein, die drei Fragezeichen sollen auch noch nicht ermitteln.
6.54 Uhr: Paul kräht durchs Babyphon: „Baba? Mama? Lalalalaa…“ Herr Kasi ist erleichtert. So kommt er zu einer menschlichen Zeit ins Büro.
7.01 Uhr: Peter findet keine frische Unterhosen, was ihn irgendwie so gar nicht stört. Im Wäschekorb, wo frisch zusammengelegte liegen, mag er nicht suchen: „Ich lass‘ einfach die hier an. Ist ja noch gut. Mit Spiderman.“ Kurzer Kampf. Frau Kasi gewinnt. Auch wegen frischer Socken und Zähneputzen. Kämmen wird heutzutage vollkommen überbewertet. Und: Wer braucht einen Kamm, wenn man Gel hat? Eben.
7.03 Uhr: Paul findet Wickeln doof und windet sich wie ein Aal. Dabei pieselt er die Unterlage, sich und die frische Wäsche voll. Weil die Riesenpfütze warm und groß ist, patscht er mit der Hand hinein. Paul lacht fröhlich. Herr Kasi wischt sich dezent Pipi vom Hemd und fragt nach einem neuen.
7.05 Uhr: Paul mag die weiße Strumpfhose nicht, was ich ehrlich gesagt verstehen kann. Als Mädchen fand ich sie schon schlimm genug, für einen Jungen, so sagt Herr Kasi, seien sie entwürdigend. Trotzdem ist Winter, auch wenn wir April und kalendarischen Frühling haben, und Paul muss sie anziehen. Den Beinkleid-Nahkampf gewinnt Herr Kasi: „Bababa lalala. Ommma.“ Paul wendet sich demonstrativ ab. So. Das hasse davon, Papa.
7.09 Uhr: Paul hat Hunger und bekommt noch einen kleinen Snack. Peter hat keinen und meckert über unser Müsliangebot. Viel zu gesund. Zu wenig süß. Und überhaupt: Wer sagt, dass man frühstücken muss?
7.12 Uhr: Pauls Schuhe sind weg. Peters auch. Und Herr Kasi sucht bei seinem Ipod die Dauer-Uhr. Was auch immer das sein mag.
7.13 Uhr: Peter kümmert sich um den Ipod: „Was hast Du auch wieder gemacht? Wenn man Dir mal was Technisches gibt.“ Paul zieht sich die soeben gefundenen Schuhe wieder aus. Das Telefon klingelt. Wo bitte liegt es wieder?
7.14 Uhr: Telefon hinter dem Blumentopf gefunden. Die umsichtige Oma. Sie hat keine Windeln mehr. Hektisch also wieder zwei Stockwerke höher. Windeln… Hmmm. Peter hat den Wickeltisch umsortiert. Ah. Da. Allerdings sind nur noch billige da. Kurze Suche nach den besseren, die Paul auswärts immer kriegt. Puh. Herr Kasi: „Sollte man noch einkaufen, so gute Windeln.“ Unausgesprochen: „Sollte man“ heißt: „Mach‘ doch Du mal…“ Ich weise ihn darauf hin, dass er heute mein Auto hat.
7.24 Uhr: Abfahrt. Frau Kasi frühstückt noch einmal. Stress macht hungrig. Kaffee und Nutellabrot, you made my day.

Engel auf Erden

Was passiert, wenn die Zeit knapp ist? Richtig. Alles dauert NOCH länger als sonst. Heute wieder am eigenen Leib erfahren. Gegen 11 Uhr mit Pressetermin fertig. Super, denk‘ ich mir da, reicht gerade noch zum Einkaufen, um pünktlich am Kindergarten zu sein. Und so düse ich in de nächsten Supermarkt. Natürlich erwische ich einen Wagen, der nicht richtig läuft. Sprich: Eins der vier Rädchen klemmt. Massiv. Nur mit vereinten Kräften schaffe ich es überhaupt, das Gittermonster vorwärts zu bewegen. Egal, denk‘ ich, ich brauch‘ ja nich viel. Und betrete den Supermarkt.

Nanu, denk‘ ich, wieso ist das Gemüse plötzlich vorne links und nicht mehr hinten rechts? Stimmt. Ich als (unaufmerksame, jaaaaa, ich gebe es zu) Zeitungsleserin erinnere mich vage daran, dass aus dem Famila-Markt ein Kaufland-Markt wurde. Stimmt ja, unzählige Logos an den Wänden künden davon. Dummerweise sind die Regale auch komplett anders angeordnet als früher, so dass ganz fluchs für mich aus dem Markt ein Labyrinth wurde. Bis ich Fisch, Käse, Joghurt und Eier beisammen habe, vergeht eine gefühlte halbe Ewigkeit. Ach ja, schnell noch ein paar Kartoffel-Buchstaben zum Einkaufen in den lahmenden Wagen gepackt. Geht schön schnell, und das Sohnkind mag sie als Beilage frisch aus dem Backofen. Leider habe ich keine Uhr mit. Ich hoffe, es reicht noch zum Kindergarten.

Dummerweise hat nur eine Kasse auf. In der Schlange stehen unzählige Rentner. Prima, denke ich zynisch, die hätten doch wahrlich den lieben, langen Tag Zeit zum Einkaufen. Und überhaupt? Ordentliche Menschen (mich ausgenommen) essen doch pünktlich um 12 Uhr zu Mittag. Offenbar sind nicht einmal mehr die Rentner von heute das, was sie einmal waren, schlussfolgere ich messerscharf.  Während ich meine Siebensachen endlich auf das Kassierer-Förderband schleudere und mich in weiteren Überlegungen zum Verfall der Zeiten verliere, zieht plötzlich ein lauter Knall mein Interesse jäh auf sich. Die Tüte mit den Superduper-Kartoffelbuchstaben („Prima, da kann ich meinen Namen essen“) ist ganz schnöde geplatzt. Ja, Sie lesen richtig. Geplatzt. Ein keckes E und zwei Rs flutschen der Kassiererin entgegen. Sehr zur Freude der hinter mir stehenden Rentner flitze ich, den vorwurfsvollen Blick unter der grauen Dauerwelle ignorierend, zum Tiefkühlfach und hole mir neue Buchstaben. Atemlos komme ich wieder an der Kasse an. Um fassungslos festzustellen, dass mir zum Kindergarten-Schluss noch exakt 13 Minuten bleiben. Üblicherweise dauert eine Fahrt 20 Minuten. Macht also wiederum exakt sieben Minuten zu wenig Zeit. Ich bezahle hektisch und flitze, so gut es mein lahmender Wagen eben zulässt, zum Ausgang. Wenigstens mein Fitness-Studio-Abo rentiert sich an diesem Tag.

Weil ich in jüngster Zeit schon zweimal geblitzt worden bin (einmal ganz sicher), bemühe ich mich um wenig Gas. Ist aber gar nicht so einfach, wenn man vor dem geistigen Auge ein kleines Männchen hat, das mit großen Augen vorwurfsvoll sagt: „Ach Mama. Du hast mich gar nicht lieb. Die anderen Mamas kommen immer schon, BEVOR der Kindergarten aus ist.“ Weil ich auch an die lieben Erzieherinnen meines Sohnkinds denke, rufe ich kurz an. Wie gut das tut: „Immer mit der Ruhe“, sagt die beruhigende Stimme der Kindergartenchefin, „wir sind doch da. Und Peter auch.“ Ich danke Gott für diese Menschlichkeit. Und ärgere mich über die dritte Fahrschule, die sich soeben pflichtbewusst VOR mir eingeordnet hat und genauso pflichtbewusst auf das Tempo achtet. Mist aber auch.

Rennenderweise komme ich endlich im Gruppenraum an. Alle sind fröhlich, heiter und entspannt. Kein vorwurfsvoller Blick streift mich, man fragt MICH sogar, wie es MIR geht. Peinlich berührt lege ich eine Tafel Schokolade auf den Tisch. Nehmen will die eigentlich keiner. Warum eigentlich nicht? Mir haben diese acht Minuten Verspätung das Leben gerettet. Und es ist schön zu wissen, dass es Menschen gibt, die um solch eine Geste keine große Sache machen. Ich hoffe, die Schokolade schmeckt. Danke! Manche Engel arbeiten auf Erden und ganz konkret im Kindergarten.

Schweiß in der Schlange

Ich bilde mir ein, ein höflicher und zuvorkommender Mensch zu sein. Stellt sich im Großmarkt jemand hinter mich und hat nur zwei Päckchen Zigaretten und eine Tüte Chips in der Hand, lasse ich ihn sofort vor. Komischerweise passiert mir das nie. Ich bin eine, die man nicht vorlässt.

Das liegt vielleicht auch im Entferntesten daran, dass es bei mir solche Minimal-Einkäufe nicht gibt. Wenn ich einkaufe – so einmal pro Woche – kaufe ich wirklich immer viel ein. Zuerst natürlichNahrungsmittel für unseren immer hungrigen und durstigen Drei-Mann-Haushalt: Die Palette reicht von Nudeln, gehackten Tomaten, Mehl, Mineralwasser über Backerbsen zu Gummibärchen und Pommes. Dazu kommen immer wieder einmal ein paar Zutaten für Handwerkervesper und die Kindergarten-Butterbrot-Tüten. Außerdem naschen wir alle verdammt gern. Macht wiederum viele bunte Päckchen auf dem Supermarkt-Förderband. Deshalb bin ich zum Unmut der hinter mir wartenden auch immer ewig und drei Tage mit Ausladen beschäftigt. Und habe gleichzeitig den Stress, das Zeug wieder in den Wagen zu kriegen. Ehrlich. Ich stand schon mit Schweißperlen auf der Stirn in der Schlange. Weil die Kassiererin immer schneller ist als ich. Klar. So eine lahme Ente lässt niemand freiwillig vor.

Weißrot beschirmt und etwas schusselig

Zur Zeit bin ich etwas schusselig. Beispiel: Letztes Wochenende. Viele Termine. Viel Arbeit. Stress pur. Nun gut, da passieren Pannen. Samstagmittag. Ich bin auf einem Termin und vergesse dort meinen Block. Sonntag: Ich vergesse konsequenterweise gleich den ganzen Termin. Dienstag: Ich finde nach dem Termin in der nächtlichen Innenstadt mein Auto nicht mehr. Am Mittwoch muss ich beim Unterzeichnen einer Überweisung doch glatt auch noch überlegen, wie ich eigentlich heiße – schlappe fünf (!) Jahre nach meiner Heirat. Am Donnerstag: blieb ein Regenschirm auswärts. Muss ich mir Sorgen machen? Vermutlich schon. Ich schätze, es gibt Ärzte, die so etwas therapieren. Allerdings würden die mir besser mal einen meiner vielen Termine abnehmen. Ach ja, ich hab übrigens alle Pannen wieder glatt gebogen. Den fehlenden Block brachte mir mein Kind über Umwege aus dem Kindergarten mit („Kannst Du mir mal sagen, warum ich ein Päckchen mit nem Block bringen muss?“). Den vergessenen Termin machte ich durch eine freundliche Telefonrecherche und eine riesig nette Gesprächspartnerin wieder wett. Und das Auto habe ich auch wieder gefunden (zum Glück). Einzig und allein mein Regenschirm blieb verlustig. Leider der einzig schwarze, den ich besitze – für traurige oder feine Anlässe. Wenn Sie also demnächst bei einer Beerdigung oder ähnlichem ein sorgsam gekleidetes Fräulein mit einem weiß-rot-gestreiften Schirm leuchten sehen, bin das ich.