Löffelweise Nutella – und Kirschlikör

Von ganz weit weg höre ich Wasser rauschen. Im Halbschlaf und nur ganz leise. Wer jedoch einen Paul in der Familie hat, ist stets in Alarmbereitschaft. Müde schiele ich auf meinen Wecker – exakt 5.38 Uhr – und hebe meine alten Glieder aus dem Bett. Ich hätte immerhin noch 22 Minuten dösen können. Ein Luxus, den ich mir normalerweise nicht nehmen lasse. Es sei denn, es rauscht Wasser. Der Mann stellt sich erfolgreich schlafend.

Mein Gefühl hat mich nicht getrogen. Auf der Treppe hopst mir bereits ein munteres Paulchen entgegen – sehr wach für diese Uhrzeit mitten in der Nacht. Für meinen Geschmack viel zu wach. „Hallo Mama. Ausdeslaft?“, erkundigt er sich teilnahmsvoll und weidet sich an meinem leicht derangierten Anblick: Wischmopp auf dem Kopf, die Brille hängt schief, der Karo-Schlafanzug ist leicht zerknautscht. Ich erkundige mich, was er macht. „Paul hat Hände dewascht.“ Ah ja. „Warum, denn, Paulchen?“ – „Hab schon Nutella-Brot dedesst.“ Nutella-Brot? „Paulchen, wer hat Dir das gemacht?“ Ich bemühe mich um einen beiläufigen Ton, der mir so früh morgens nicht so recht gelingen mag. Denn jetzt habe ich seinen Mund entdeckt. Den ziert ein Vollbart aus meiner heißgeliebten Nuss-Nougat-Masse. Paul indes wirft sich stolz in die Brust: „Na – der Paul selba. Brot selba demacht.“ Und in der Tat: Paulchen streckt mir zwei über und über mit Nutella bezogene Händchen hin. Und erwähnt vollkommen überflüssigerweise: „Hände aber immer noch voll?!“ Das sehe selbst ich. Mit schiefer Brille.

Paulchen und ich machen uns auf in die Küche. Zuerst wird das Kind gesäubert, was einer Spontan-Dusche im Spülbecken gleichkommt. Danach suche ich das Nutella-Glas, das unschuldig auf dem Couchtisch steht. Mit einem (zum Glück!) Kindermesser von Ikea darin. Der Nutella-Gehalt ist seit meiner letzten Benutzung am Abend zuvor deutlich dezimiert. Paul ist immer noch stolz: „Hat Paulchen gut demacht, oder, Mama?“ Ich kämpfe mit einem dicken Grinsen und erkläre meinem Kind, dass zu einem Nutella-BROT auch Brot gehört. Denn das hat Sohn 2 vergessen. Mittlerweile ist der Rest vom Haus auch wach, angeklockt vom Dusch-Lärm. Jetzt sind es sowohl Sohn 1 als auch der Herzensgatte, die mit dem Grinsen kämpfen, denn Frau Kasi kann Nutella ebenfalls löffeln. Bevorzugt heimlich und mitten in der Nacht. Seufzend ob so viel Ungerechtigkeit putze ich sämtliche Türklinken, Nutellaglas, Couchtisch, segne meine Ledercoutch, da abwaschbar, und mache mich auf ins Gästeklo. Auch dort hat das morgendliche Nutellamonster sich ausgetobt. Vor der ersten Tasse Kaffee des Tages – die für mich lebenswichtig ist! – will ich noch eben die Salzbrezelchen des Lieblingsgatten in den Schrank räumen. Ein Salzbrezelchen-Desaster im Wohnzimmer brauche ich jetzt schließlich nicht auch noch. Das knirscht so eklig…

Müde und unachtsam stoße ich dabei gegen eine große Flasche polnischen Kopfwehalarm-Kirschlikörs, die die letzten zehn Jahre bei uns im Wohnzimmerschrank verbracht hat. Die Ein-Liter-Pulle zerbirst mit lautem Knall auf meinem wunderschönen Holzboden. Und noch schlimmer: Ihr unsäglich süßer Inhalt ergießt sich nicht nur über den wunderschönen Holzboden, sondern fließt munter unter alle Schränke – bevorzugt den mit der gesamten Wohnzimmertechnik. Ich laufe zu Hochform auf und fluche laut. Sch… Likör! Zum Glück mochte den eh niemand (sonst wäre er vermutlich längst nicht mehr da?). Paulchen kommt schuldbewusst ums Eck‘ geschlichen: „Mama! Aufpassen!“ und sagt zu Peter: „Paul hat Flasche aber nicht kaputt demacht. Puh.“

Schneller als ein Ferkel blinzelt

„Da könnte ich gleich einen Sack Flöhe hüten…“ Wie oft habe ich das von meiner eigenen Mama gehört, wenn ich wieder einmal auf dem Wochenmarkt ausbüchste (Fundort: Wurststand) oder mal eben in High Heels die Zugangsstraße zu unserem Wohngebiet abschritt. Wohlgemerkt: NUR in Mamas High Heels, also splitternackt, am Sonntag, morgens um 7 Uhr und mit zweieinhalb Jahren. Ich war damals wohl das, was man als „sehr lebhaft“ oder weniger freundlich als „Rabauke“ beschreiben könnte. Nichts und niemand war vor mir sicher.

Als mein Großer in jenem Alter war, war er diesbezüglich weniger draufgängerisch, sondern ein eher vorsichtiges Kind. Peter war nicht direkt ängstlich – ihm wäre es aber nie in den Sinn gekommen, morgens um 7 Uhr spazieren zu gehen und noch dazu alleine. Er hat in jener Zeit eher den Fernsehapparat angeschaltet, nach Bob Baumeister gesucht oder nach Benjamin Blümchen, sämtliche Fernbedienungen auseinander genommen und wieder zusammengebaut. Paul ist anders: Paul haut öfter ab als mir lieb ist – an und für sich müsste man ihm dauerhaft eine Notfall-Nummer um den Hals hängen. In Bruchteilen von Sekunden ist Paul weg. Wie sagte es einmal Astrid Lindgren? Schneller, als ein Ferkel blinzelt.

Egal ob er bei Nachbars durch die Terrassentür ins Wohnzimmer einsteigt („Hat Würstle gebt, Mama…“) oder die Straße hinaufläuft zur anderen Nachbarin („Paul Eis kriegt…“) oder beim Einkaufen, haste-es-nicht-gesehen, zwei Gänge eher abbiegt, während Mama unentschlossen vor den Joghurts steht: Paul bekommt ohne elterlichen Geleitschutz seltsamerweise nie Panik. Wir als Eltern schon. Es ist definitiv ein Super-GAU: eine höllische Freizeitbade-Insel (die ich eh wie die Pest hasse). Ferien. Und plötzlich fehlt der Kleine, weil Peter uns kurz demonstriert, wie toll er den Köpper kann und wir eben mal nicht richtig geguckt haben. Paul kommt kurz darauf mit zwei älteren Damen wieder ums Eck‘, die uns beglückwünschten zu einem so süßen Kind: „Und so freundlich!“ Ich, kurz vor der Schnapp-Atmung und leicht hyperventilierend, stammle mit Tränen in den Augen ein kurzes „Dankeee“. Und Paul? Winkt fröhlich und ruft: „Tsüsss, Ihr Ommas…“ und fragt sicherheitshalber noch einmal: „Sokolade?“ Man weiß ja nie.

Was ich Ihnen sagen will? Als junge Frau habe ich mich oft gefragt, wie es meine Eltern zulassen konnten, dass ich so viel aushecken konnte. Die Spalte in meinem gelben Kinderalbum, in der steht: „Das habe ich schon angestellt…“ ist nicht nur prallvoll, sondern wurde umfänglich durch Ankleben von Extrapapier verlängert. Gefragt nach Anekdoten mit ihrer einzigen Tochter, hätte meine Mutter wohl spontan eine Vortragsreihe im Vhs-Saal organisieren können. Oft habe ich gehört: „Das ging so fix bei Dir… wir waren einfach nicht schnell genug…“ Und ich? Konnte das nie verstehen. Wie kann ein Kind aber auch in der Garage Reifentürme hochklettern? Das Unverständnis dafür blieb – auch als Peter längst schon auf der Welt war. Ich nahm irgendwie an, dass alle Kinder so vernünftig sind wie mein Großer. Heute muss ich meinen Eltern jeden Tag mehrfach Abbitte tun. Wenn Paul mal eben (während eineinhalb Minuten Zähneputzen) vier Dymo-Bänder abwickelt. Oder 30 Filzstifte auseinanderbaut. 55 Kuscheltiere aus seinem Zimmer in den Flur wirft. Oder eben, wenn er bei Nachbars seelenruhig Würstchen isst und ihn drei Mann suchen. Seit Paul da ist, wiege ich deutlich weniger als vorher, weil ich irgendwie immer in Bewegung und Alarmbereitschaft bin. Gestern war ich ganz ohne Kinder eine Stunde lang einkaufen. Es war höllisch langweilig.

Working Mum

„Du hast es gut. Du kannst Dir Deine Zeit frei einteilen.“ Wie oft ich das schon gehört habe! An und für sich stimmt es ja auch. Ja. Ich kann mir meine Zeit frei einteilen. Ja. Ich kann spontan etwas anderes einschieben, kurz zu einem Elterngespräch in die Schule gehen oder etwas Dringendes einkaufen. Oft denke ich, dass ich meine Berufstätigkeit mit starren Arbeitszeiten nie im Leben geregelt bekommen würde. Ich ziehe vor jedem den Hut, der das tun muss. Aber:  Auch meine Freiheit hat ihre heimliche Kehrseite. Denn jeder setzt voraus, dass ich mich und meine Arbeit permanent „frei“ gestalte, sprich: Das regle, was andere nicht schaffen können oder nicht wollen. Dazu kommt, dass ich von zu Hause aus arbeite. Ich liebe mein Büro im Soutterrain unseres Hauses. Ich kann kurz hoch, um mir etwas zu essen zu machen. Ich habe keine Anfahrtsstrecke, spare Benzin und Geld. Ich kann nebenher mal so eine Waschmaschinen-Ladung laufen lassen oder den Trockner ausschalten. Viele Vorteile.

Aber: Ich bin für jeden immer greifbar und daheim – egal für wen und egal für was. „Du bist ja daheim. Du kannst das kurz erledigen.“ Gern betone ich dann: „Ja. Vom Büro aus.“ Mein Homeoffice, das denke ich oft, wird eher als „Home“ als als „Office“ wahrgenommen. Stört mich normalerweise nicht. Allerdings sticht es mich gewaltig, wenn mich selbst Nahestehende fragen: „Warst Du heute mal wieder im Büro?“ Das fragt meinen Mann doch auch niemand! Ja, möchte ich dann brüllen. So wie JEDEN Tag! Wenn ich zum 124. Mal etwas erledigen soll, für wen auch immer, einzig aus der Motivation heraus, ich sei ja daheim, reagiere ich mitunter angefressen. Außerdem: Wenn jemand tatsächlich „daheim“ ist, egal ob als frischgebackene Mama oder als Rentner, hat er verständlicherweise auch keine Lust, immer all das zu tun, wozu anderen nicht der Sinn steht….

Manch einer weiß übrigens auch gar nicht, dass ich arbeite. Stört mich nicht. Soll er doch. Wenn blöde Sprüche über Frauen fallen, die ja eh bloß zum Kindergarten oder Einkaufen fahren und das Geld des Mannes ausgeben, beiße ich in jedem Fall zurück. Denjenigen sei ans Herz gelegt, es im Selbstversuch einmal zu testen, drei Tage lang ein backenzahnendes Kleinkind mit Fieberschüben und Brechattacken zu beschäftigen. Das ist anstrengender als eine dreitätige Messe. Glauben Sie mir. Ein Tag lang nur im Büro ist für mich manchmal wie Erholung :-). Psst.

Üblicherweise bin ich also morgens fest im Büro, wenn Peter in der Schule ist und Paul im Kindergarten. Um 12.45 Uhr hole ich den Kleinen ab – damit endet meine Vormittagspräsenz. Mittags bin ich – je nach Mittagsschlaf von Paulchen – normalerweise auch im Büro. Wenn ich gekocht und aufgeräumt habe. Wenn alle Buben daheim sind. Nur: mittags schläft Paulchen immer kürzer. Meine festen Arbeitszeiten sind also so zwischen 8.30 Uhr und 12.30 Uhr. Ganz grob. Es empfiehlt sich für mich nicht mehr, die Mittagsschläfchen als feste Büro-Zeit einzuplanen. Das endet in Nachtschichten und großem Frust. Ach ja. Überflüssig zu erwähnen, dass Peter als Drittklässler ab und an auch meiner Hilfe bei Hausarbeiten oder Referaten bedarf. Und sei es nur, weil man mal wieder gucken muss, ob der Schulranzen noch vollständig ist oder alte Pausenbrote in Tupperdosen vor sich hin modern.

Jeder, der Familie hat, weiß, dass da nicht immer alles gerade laufen kann. Der Große muss krank aus der Schule abgeholt werden. Der Kleine hat die ganze Nacht gehustet und kann gar nicht erst gehen. Zu allem Überfluss hat der Mann selbst einen frühen Arzttermin. Wer fängt das? Klar. Ganz oft ich. Weil der Gatte Urlaub nehmen müsste oder Fehlzeit. Weil der Gatte, der seine Arbeit übrigens auch sehr mag, schon genug tut und selbst oft am Limit läuft.

Allerdings sei vorsichtig und ohne Vorwurf anzumerken, dass sich Redaktionsschluss und Abgabetermine verständlicherweise nicht nach kranken Kindern oder Arztbesuchen richten können. Außerdem kann ich als berufstätige Mutter von niemandem ernst genommen werden, wenn ich ständig Fristen verschieben muss oder Termine absage. Deshalb lässt mir das der Stolz auch nicht zu. Notfälle immer ausgeschlossen – es gibt Fälle, da geht es nicht anders. Aber meine Kunden und meine Zuverlässigkeit ihnen gegenüber liegen mir sehr am Herzen. An einer Arbeit „dranbleiben“ ohne auf die Uhr zu gucken: Das ist großartig. Wenn ich dann aus einem Text „raus“ bin, weil ich „kurz  mal eben“ weg musste, brauche ich eine gewisse Zeit, bis ich wieder „drin“ bin. Das ist einfach so.

Das klingt jetzt deprimierend, was? Nö. So ist das gar nicht. Es gibt ja auch gaaaanz viele Tage, an denen alles glatt läuft. Ich liebe es, von beiden Seiten – Mamasein und Berufstätigkeit – zu profitieren. Ich bin leidenschaftlich gern Mama. Ich liebe meine Jungs über alles. Sie sind das Wichtigste, was der Gatte und ich haben. Aber: Ich liebe halt auch meinen Beruf. Dafür bin ich lange in die Schule gegangen und habe viel zu lange studiert. Ich mag die Vielfältigkeit meiner Arbeit. Die Menschen, auf die ich treffe. Was ich sagen will? Manchmal ist es nicht einfach, beides unter einen Hut zu bekommen. Es lohnt sich aber auf jeden Fall! An dieser Stelle geht ein Dankeschön an den verständnisvollen Ehemann, der selbst tut, was er kann und mich nie hängen lässt. Ebenfalls gedacht sei an das Konzept „OMA“. Ohne diese Helfer im Hintergrund wäre mein Boot schon das eine oder andere Mal auf Grund gelaufen. Danke!

Bernie, Klinsmann und notti matiche

Wir sind Weltmeister! Das Haus befindet sich im Kollektiven schwarz-rot-goldenen Taumel. Was für meinen Vater Bern 1954 mit Boss Rahn war und für mich Rom 1990, unvergesslich durch Andreas Brehme, wird für meinen Sohn Peter immer Rio 2014 sein. Das Wunder von Maracana. Ein Finale, das an Dramatik nicht zu überbieten war. Und uns heute noch, am Tag danach, zittern lässt. Danke, Mario Götze!

Ich erinnere mich als Kind der 70er noch gut an die großen Turniere jener Jahre und die Spieler, die sie geprägt haben. Illgner. Kohler, Klinsmann, Matthäus, Völler, Littbarski, Brehme. Idole meiner Jugend, feinsäuberlich aufgeklebt in den Duplo-Alben. Das Maskottchen der Europameisterschaft 1988 war Bernie, ein glubschäugiger Hase in riesigen Fußballschuhen. Mit knapp 14 Jahren habe ich mir solch einen Hasen sehnlichst gewünscht. Unfassbar, was? Meine Brüder, vier Jahre jünger, bekamen Bernies, weil ihre Geburtstage strategisch günstiger in der EM-Zeit lagen. Ich besitze bis heute ein Paar Bernie-Socken – überflüssig zu erwähnen, dass die bis heute wohlgehütet in meinem Schrank liegen.

Der Song von Gianna Nannini „Un’estate Italiana“ gehört zur legendären WM 1990. Läuft er im Radio, bekomme ich nasse Augen. Sehe Andreas Brehme schießen und den Kaiser mutterseelenallein über den Platz laufen, zunächst vollkommen unfähig, sich zu freuen… Brehmes Elfer vor Schluss hat sich in meine Erinnerung genauso tief eingebrannt wie die holländische Spuckattacke auf Rudi Völler. Ich fand dies damals unfassbar, und ich gebe zu, dieses Erlebnis hat meine Liebe zu manchen Teams dauerhaft geprägt. Gücklicherweise steht mir Orange als Farbe überhaupt nicht.

„Wave your flag“ gehört zum deutschen Sommermärchen 2006. Die Welt zu Gast bei Freunden. Fanmeilen. Deutschland im schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer. Im entspannten Umgang mit sich selbst. Ein deutscher Supersommer mit Goleo, einem Maskottchen ohne Hose. Alles ebenso unvergesslich und gut gehütet in meinem Erinnerungs-Schatzkästlein. Ehrlich gesagt habe ich nach dem verlorenen Halbfinale drei Monate lang keine Pizza mehr gegessen. Ja. Ich, weiß. Kein Pizzabäcker der Welt kann für diese Niederlage. Aber das Sommermärchen…

Als gestern nach gefühlten zwölf Minuten Nachspielzeit endlich abgepfiffen wurde und ein Urschrei durch das ganze Land ging, musste ich weinen. Ich habe kurz hochgerechnet, dass meine Kinder – sollte es bis zum nächsten WM-Titel wieder so lange dauern – bis dahin längst erwachsene Männer sind. Was haben wir also getan? Beide Jungs geschnappt. Mitten in der Nacht. Autokorso gefahren, bis die Hupe geglüht hat. Zwei Buben glücklich, mit großen Augen auf dem Rücksitz, Fahne schwenkend. „Fescht schüttla“, rief Paul, während Peter immer noch ungläubig den Kopf schüttelte. Wir haben ihnen hoffentlich eine tolle Erinnerung geschenkt. Für IHR Schatzkästlein.

Abstiegskampf und die Sache mit dem Fansein

Es ist nicht leicht, Fan des VfB Stuttgart zu sein – zumindest nicht immer. Während ich das hier schreibe, hütet mein Mann die heimische Couch und brüllt sich die Seele aus dem Leib. Stuttgart gegen Schalke. Derzeit 3:0 für uns. Der Gatte brüllt in Ermangelung eines Stadionbesuchs, der im natürlich 1000 Mal lieber gewesen wäre. Der ist übrigens ausgefallen, weil ich nicht ganz fit bin. Nur der Vollständigkeit halber. Während der Angetraute oben nach Kräften schreit, sitze ich also in meinem Souterrain-Büro und schreibe.  Damit eines klar ist: Ich bin kein Erfolgsfan, und wenn mein Club absteigt, besuche ich halt Spiele gegen Cottbus, Pauli oder Aue. Aber so ein Abstiegskampf schlaucht mich jedes Mal – ich halte es nicht mehr aus, die Spiele anzuschauen. Schon zwei Tage vorher habe ich Herzklopfen, wenn ich an die nächste Partie nur denke. Unausgesprochen die Frage, warum der weltbeste aller Vereine mir das in schöner Regelmäßigkeit immer wieder antut. Abstiegskampf. Sonntägliche Rechenspiele angesichts der Tabelle. Relegation? Direktabstieg? Klassenerhalt? Reicht es? Oder eher nicht? Wie ist der Trend? Gut? Durchwachsen? Sch…?

Soll ich es etwa machen, wie zwei Drittel aller jungen Bekannten meines Sohns, die den Club bei Platz 17 spontan „gewechselt“ haben, als hätte man sie für horrende Ablösungssummen gekauft? Die jetzt Bayern-Trikots tragen und dabei annehmen, dass Kahn, Klose und Gomez  immer noch in München die Kickschuhe schnüren? Nein. Da ertrage ich mit knapp 40 Jahren hoheitsvoll all die Häme, die regelmäßig über mich hereinbricht. Eine Frage beschäftigt mich aber immer wieder: Warum in aller Welt gehe ich nicht Stepptanzen oder zu einem Flechtkurs der Volkshochschule? Warum erliege ich nicht der Faszination japanischer Origamikunst oder erwärme mich fürs Kunstradfahren? Warum brauche ich zu meinem irdischen Dasein regelmäßige Stadionbesuche beim Verein meines Vertrauens? Wurst mit viel Senf? Das fürchterliche, in bunt bedruckten Pastikbechern ausgeschenkte, halbwarme Leichtbier? Das höllische Geschrei im Fanblock? Fangesänge, Fahnen und La-Ola-Wellen?

Ruhiger, das steht fest, hat man es, wenn einen der komplette Fußballkosmos kalt lässt. Als der VfB vor einigen Wochen zum ersten Mal auf Platz 17 rutschte, erhielt ich so viel Digital-Post wie selten. Es schien, als müsste mir jeder, der die Vereinsnamen einer Fußballtabelle einigermaßen flüssig buchstabieren kann, mitteilen, dass Platz 17 sch… lecht ist. Dabei blutete mein Herz ohnehin schon genug. Als ich einer guten Bekannten (vollkommen ohne fußballerische Bindung, sieht man davon ab, dass ihr Mann ab und an in der örtlichen AH aushilft), meine Nöte schilderte – mit Tränen in den Augen -, schaute sie mich verständnislos an. „Vom Fußball lässt DU Dir die Laune verderben? Ach komm.“ Ich konnte es nicht fassen. Meine Laune verdirbt, wenn man kleiner Paul eine Familienflasche Franzbranntwein im frisch geputzten Bad ausgießt oder ich Peters Schulranzen (Bermuda-Dreieick!) inspiziere. Fußball – das bricht mir stellenweise das Herz. Fast zumindest.

Ich versuchte ihr zu erklären, wie das ist mit Platz 17 – und kam in arge Erklärungsnöte. Ich schilderte, wie das ist, wenn in Deinem Stehblock (Dauerkarte, na klar) plötzlich gestandene Männer hemmungslos weinen. Wenn der Große nach Abpfiff schluchzt: „Warum tun die das… Warum nur?“ Da liegt die Antwort eigentlich klar auf der Hand. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass diese Fußballliebe natürlich weit mehr als über ein nettes Hobby zum Zeitvertreib hinausgeht. Es ist Leidenschaft und Passion. Es ist mein Leben – und das liegt längst nicht nur am Sport. Da sind die Menschen, die seit Jahren neben uns im Block stehen. Da sind die Ordner, die meinem Großen immer gute Plätze besorgen… „damit der Kleine auch was sieht…“ oder ihn huckepack getragen haben, als er (deutlich kleiner als jetzt) einmal eingeschlafen ist in der Halbzeit. Da sind die Frauen aus dem Fanshop, die schon von weitem rufen: „Ihr mal wieder…. alles klar in Nusplingen?“ Da ist die unbändige Freude über einen „Dreier“. Da ist Glück, wenn die Tormusik ertönt und sich alle freudetrunken in den Armen liegen. All das, das merke ich jetzt, ist gar nicht so leicht zu beschreiben.

Ich erinnere mich hingegen noch gut an meinen ersten Stadionbesuch als sehr, sehr junges Mädchen. Stuttgart gegen Karlsruhe. Derby. Wir hatten Plätze auf der Haupttribüne. Das Spiel gewann der VfB knapp, glaube ich. Ehrlich gesagt weiß ich das nicht mehr so genau. Genau weiß ich allerdings, dass ich, als ich die Treppe zu unsren Sitzplätzen hoch kam und zum ersten Mal über den Platz blickte, wusste, dass ich hierher noch viel öfter kommen werde. Außerdem wusste ich, dass ich künftig in die Heimkurve wollte. Dorthin, wo die Fangesänge und die Fahnen sind. Nie werde ich diese ersten Eindrücke vergessen. So gesehen, war es Liebe auf den ersten Blick. Mein Mann behauptet übrigens noch heute steif und fest, das erste, was ich ihn beim Kennenlernen gefragt habe, sei gewesen, ob er auch VfB-Fan ist. Er hat den Test bestanden. Ach ja, das Spiel. Der VfB hat 3:1 gewonnen. Ich hab‘ das Spiel aufgezeichnet und guck’s mir jetzt an. Aber jetzt rechne ich nochmal. Die Tabelle….

Die Sache mit den Vorsätzen

Sie kennen das sicher. Man nimmt sich viel vor zu so einem neuen Jahr, das frisch gestärkt und sauber vor einem liegt und so viele Chancen zu bieten scheint. Man muss viel mehr Sport machen. Gelassener werden. Ruhiger agieren. Richtig gute Bücher lesen. Tolle Filme (also solche mit Anspruch) gucken. Vorsichtiger Auto fahren und vor allem nicht so schnell. Viel früher tanken und nicht warten, bis das Tanklicht auf Dauer-Rot geht. Mehr gesundes Obst essen. Sich viel weniger Milchkaffee und mehr Bio-Kräutertee zu Gemüte führen. Abends gleich ins Bett gehen und nicht auf dem Sofa einschlafen. Den eigenen Mann ausreden lassen. Die Söhne auch. Sehr viel weniger Nutella essen und am besten nicht vom Löffel. Sich nicht ereifern, wenn die Umwelt langsamer tickt als man selbst. Sich die (wenige) (Frei-) Zeit besser einteilen. Mehr stilles Wasser trinken und keinen trockenen Rotwein mehr. Wichtige Termine gleich aufschreiben oder ins Outlook klopfen. Und so weiter…

Dieses Jahr halten sich meine Vorsätze im Rahmen. Die Sache mit dem Sport – nun ja, die sollte ich mir zu Herzen nehmen (meine Gelenke sind nicht die besten). Gelassenheit schadet nie, und es ist sicher gesünder, im eigenen Bett zu ruhen als s-förmig oder zu einem Seepferdchen gekrümmt auf dem Sofa im Wohnzimmer einzunicken, mit steifem Genick aufzuwachen und tagelang (aufgrund von Nackenschmerzen) in gebückter Haltung durch die Gegend zu schleichen. Aber ansonsten ist für 2014 mein großer Vorsatz, die Vorsätze Vorsätze sein zu lassen. Warum? Weil ich mich schlecht fühle, wenn ich es wieder einmal nicht geschafft habe, pro Tag fünf Gemüse- und Obstrationen am Tag zu essen, bei Milka zartherb wieder einmal schwach geworden bin oder dem Angetrauten zum dritten Mal ins Wort gefallen bin.

Solange alles im Rahmen bleibt, können mich die Vorsätze gerne haben. So.

Das ist der Moment

Familie Kasi plant einen Urlaub – eine Woche Wandern im wunderschönen Zillertal. „Rockt nicht zwingend“, bekennt der Große grundehrlich und zieht eine Schnute. Dabei nennt er ungefähr 203 Internet-Adressen, die Last-Minute-Reisen in alle Welt im Angebot haben – also nicht nur ins Zillertal, sondern in die Karibik, nach Südafrika oder auf irgendeinen Kreuzfahrt-Kahn. Aber egal: Wenn Rock ’n‘ Roll – wegen Juniorkeks Paul – gerade nicht angesagt ist, muss man sich halt auch einmal mit einem Walzer zufrieden geben. Hauptproblem für Herrn Kasi sind weder fehlende Action am potenziellen Urlaubsort Mayrhofen oder die dortige Stubenmusik, sondern kapazitäre Probleme in Frau Kasis Scirocco. Familienkutsche ist nicht mehr, seit der Opel Blitz das Zeitliche gesegnet hat. Frau Kasis kleiner Scirocco ist zwar schön und schnell, aber damit in Urlaub? Während Frau Kasi Angst um Lieblingsfelgen und Samtlack hat, sorgt sich Herr Kasi eher um die 34 Polohemden, die unsere Familie neben Kühlschrank, Waffeleisen und Reserve-Nachtlicht immer im Kofferraum hat, wenn man auf große Fahrt geht.

Ja, ich gebe es zu. Wir nehmen IMMER zu viel mit. Sachen für warmes Wetter. Sachen für kaltes Wetter. Sachen gegen Wind, Nässe, Fußpilz, Baby-Blähungen, ausgefallene Zahnkronen (obwohl wir gar keine haben, aber man weiß ja nie) und natürlich viel Nahrung. Kekse, laktosefreie Milch, Landjäger, Brot, Marmelade, Nutella. Es könnte im Zillertal ja schließlich spontan eine Hungersnot ausbrechen. Dieses Mal fassen wir uns sehr knapp; dem Rocco und dem Mini-Kofferraum mit obendrein hoher Ladekante sei Dank. Trotzdem sitzt Peter längs auf Paulchens Tragekraxe, und Paulchen kämpft (Gerd Müller, der Bomber der Nation, wäre stolz auf ihn), tretend mit beiden Beinchen gegen das Laptop von Frau Kasi und meckert laut und vernehmlich: „Bähähähä.“ Was frei übersetzt vermutlich soviel heißt wie: „Meno. Ich bin der Kleinste. Und ich bin eingebaut wie die Dosenpyramide aus Gulasch bei Aldi. Gemeeeeein.“

Als alle letztendlich – viel zu spät und nassgeschwitzt – im Auto sitzen und Herr Kasi schweratmend die letzten Paar Wanderschuhe im Handschuhfach verstaut hat, mag das Navigationsgerät (liebevoll „Isolde“ genannt) urplötzlich Österreich nicht mehr. Anders ist es nicht zu erklären, dass sich urplötzlich keine österreichischen Karten mehr laden lassen. „Ups, da ist beim Aktualisieren wohl was schief gegangen“, spekuliert Herr Kasi, und wie auf Kommando fahren die Köpfe herum zu Peter, unserem kleinen IT-Crack. „Vermutlich mag Isolde lediglich den stark und falsch schwäbelnden Ansager nicht“, mutmaßt Frau Kasi. Ihr geht der vermeintlich freundliche Automaten-Herr ebenfalls gewaltig auf den Keks. Dieser nölt –  statt eines umgänglich-sachlichen „Sie haben Ihr Ziel erreicht…“  bei der Ankunft schleimig: „Sodele, jetzedle. Du bisch do. Viel Spaß…“ Kommando zurück. Dass Paulchens Windel fies duftet, passt ganz gut. Herr Kasi aktualisiert sämtliche (!) Karten neu, was laut Anzeige 37,5 Minuten dauert. Man lässt noch kurz die Spülmaschine laufen. Jetzt, wo noch etwas Zeit ist.

Irgendwann sind alle Digital-Karten auf Isolde wieder drauf. Was nicht fertig ist, ist die Spülmaschine. Um diese Zeit zu überbrücken, redigiert Frau Kasi einen letzten Text. Man muss die Zeit doch sinnvoll und gewinnbringend nutzen. Als die Spülmaschine klar gespült hat, ist Frau Kasi aber erst beim vorletzten Absatz. Herr Kasi wird ungemütlich. Satte vier Stunden Verspätung. Das ist selbst für unsere Verhältnisse mal richtig viel. Wieder im Auto. Wieder fieser Dampf aus Paulchens Hose. Irgendwann ist Paulchen wieder stadtfein, Herr und Frau Kasi rasen vom Wickeln nach unten. Das ist auch bitter notwendig, denn Peter hört zur Urlaubseinstimmung im Hof sehr laut „Das ist der Moment“ von den Toten Hosen (gegen 9.30 Uhr). Passend und sinnstiftend zugleich, denn urplötzlich verebbt Campinos Refrain im Nichts, und das so eben neu geladene Navigationsgerät wird dunkel. „Nein!“, brüllt Frau Kasi, „war der ganze Sch… immer am Strom? Ihr wisst doch, dass die Batterie schwach ist!“ Als Frau Kasi behutsam den Schlüssel im Zundschloss dreht, macht der Scirocco nur noch müde: „Böhöhöhö…“ Peter gibt seinen Senf dazu: „Ich sag’s ja immer… jetzt isser leer.“ Frau Kasi vergisst kurzfristig ihre gute Erziehung und brüllt ihren ärmsten Sprössling an: „Wer hört Musik? Wer tötet das Isolde-Navi? DU! Jetzt. Steigst. DU. Ein. Und. Bist. RUUUUHIG!“ Weil der neue Rocco aber dummreweise platzergiebig vor dem Garagentor steht, ist es gar nicht so leicht, den alten Scirocco zum Überbrücken nach draußen zu fahren. Dank Herrn Kasis Fahrkünsten (der Parkgott!) gelingt auch dieses Manöver ohne Fremdhilfe. Frau Kasi überbrückt. Der rote Scirocco läuft alsbald, der blaue kehrt – vermutlich leicht angesäuert – wieder in die Garage zurück. Endlich Abfahrt. Knapp fünf Stunden später als geplant. Respekt.

PS: Dass wir nach exakt 24,5 Minuten einkehren mussten auf ein ordentliches Frühstück,wird nicht separat erwähnt. Genauso wenig die Tatsache, dass just während des Überbrückens Nachbars freundlich winkend vorbeifuhren (vermutlich auf dem Weg zum Badesee) und sich ob des Tumults in Familie Kasis Hof sichtlich wunderten.

 

 

Deda mam. Hmmm.

Letztens las ich einen schönen Text einer erfahrenen Mutter, die von einer „gesunden Form der Verwahrlosung“ schrieb, die beim zweiten Kind eintrete. Wissen Sie was? Sie hat recht! Wenn ich darüber nachdenke, was für einen Aufstand wir alle um Peters Ernährung machten, als der Kleine ungefähr so alt war wie Paulchen heute… Peter bekam alles, was in irgendeiner Form pädagogisch wertvoll, biologisch auf Herz, Nieren und Leber geprüft und am besten auch noch sehr spaßfrei daher kam. Nun gut, Peter wusste es nicht besser und dachte vermutlich, so sähe das Leben nach der Muttermilch halt einfach aus. Eine traurige Tristess aus ganz viel Naturbelassenheit und schrumpeligen Äpfeln. Tapfer mampfte das Männlein Hirseschleim mit Fenchel (uägh) und tonnenweise Möhrengemüse mit komplett unbehandeltem Fleisch, das schon beim Kochen seltsam vor sich hin roch. Süßigkeiten? Werk des Teufels! Kannte Peter nicht bis zu seinem zweiten Geburtstag (halt, bis auf eine kleine Ausnahme, als er den Süßwaren-Schrank im heimischen Wohnzimmer enterte und Gummibärchen stahl.) Klar. So liest man es (vermutlich irgendwie auch zu Recht) in jedem Babyratgeber. Tonnenweise Nutella und Schokokuss sind halt einfach nichts für kleine Mägen. Dem stimme ich auch voll und ganz zu.

Wohl fast jede Mutter mit mehr als einem Sprössling wird mir bestätigen, dass ab dem zweiten Kind alles anders wird. Viele Gedanken macht man sich gar nicht mehr. Ehrlich gesagt sind viele auch gar nicht nötig, und die Zeit hat man irgendwie zwischen Diktatüben, Schwimmtraining und Schachkurs auch nicht mehr. Paul zum Beispiel isst vom Tisch, seit er vier Monate alt ist. Möhrenmatsch fand er seit jeher doof – er sah doch, dass Peter Pasta mit Lachssauce oder Hühnchen mit Grillkartoffeln aß. Wohlgemerkt am Stück und nicht zur Unkenntlichkeit vermascht und püriert. Weil Paulchen so sein wollte wie Peter, lehnte er außerdem konsequent alles ab, was fertig aus dem Glas kam (bis aufs Obst). Gut, ohne fertigen Gemüsematsch konnte ich leben – ich selbst mag an den Inhalt der meisten Gemüse-Gläschen nicht mal riechen. Was tun also mit einem Baby, das zwar keinen einzigen Zahn, aber dafür jede Menge Appetit hatte? Sie werden’s erraten. Wir haben ihm einfach vom Tisch gegeben. Wir haben einfach weniger gewürzt und gesüßt und später gegebenenfalls für uns selbst nachgesalzen, nachgezuckert oder nachgepfeffert. Rinderbraten, Kartoffelpuffer und Gemüse wurden fein und klein geschnitten und kamen – Achtung! – vor allem aus der gleichen Schüssel wie für den Rest der Familie. Paul aß darauf hin mit Hochgenuss Wiener Schnitzel, Gurkensalat und Sauerkraut. Nein, Bauchweh hatte er nie. Paul mag am liebsten Spaghetti mit Tomatensauce, Ravioli und Pfannkuchen. Und, pssst, Paul kennt natürlich auch schon den Wohlgenuss von Himbeereis, Gummibärchen und Schokolade. Um vorzubeugen, dass jemand hektisch aufschreit und nach dem Jugendamt verlangt: Paul darf davon ganz wenig und natürlich auch nicht jeden Tag. Aber er hat nicht dass Gefühl, dass er irgendetwas weniger bekommt als Peter. Dafür hat er auch noch nie den Süßschrank geplündert. Und die Zähne putzen wir ihm selbstverständlich auch. Und sind wir einmal ehrlich: Ab und an ein bisschen Nutella naschen, das ist doch das Himmelreich. Sagen wir es mit Paul: „Deda mam. Hmmmmm.“

Wir hatten es nett

Tage mit den beiden Buben – immer spannend, manchmal anstrengend, aber immer so, dass es irgendwie doch noch etwas zu lachen gibt. Die Sonne scheint nach gefühlten 1934 Tagen endlich einmal wieder. Passenderweise dazu muss Peter einen Text für Deutsch abschreiben. Mit Füller. Über Gewitter und prasselnden Regen. Paul beäugt seinen mit der Zunge mit Mundwinkel emsig schreibenden großen Bruder vom Hochstuhl aus überaus sehr aufmerksam. „Pepe?“ Nein. „Pepe“ schreibt über trommelnden Regen und dunkle Wolken. Paul, der kann jetzt nicht. Außerdem hat Peter jetzt auch noch bei „plötzlich“ ein „t“ vergessen. Mist. Ich betrachte den Frieden gerührt und beginne, die Spülmaschine einzuräumen. „Sowas“, ereifert sich Peter, „jetzt schreib‘ ich da was über Regen… dafür hätten wir doch wochenlang Zeit gehabt. Bin ja froh, wenn mal die Sonne scheint.“ Ich schmunzle. „Nun ja, aufs Wetter kann man die Hausaufgaben nicht auch noch abstimmen.“ Peter hat sehr liebe Lehrerinnen, das sei nebenbei bemerkt. Paul indes wittert Morgenluft. Peter macht eine Schreibpause und legt den Füller unbeabsichtigt sehr nah in Regionen, die vom Hochstuhl aus sehr gut zu erreichen sind. Klirr. Der Füller kracht zu Boden. „Ommm“, sagt Paul, „deda. Ommm.“ „Ihhhhhh“, entfährt es Peter. Blaue Tinte verteilt sich wie moderne Kunst großflächig über Fliesen, Küchentheke und Barhocker. Paulchen hopst in seinem Gestell sitzenderweise auf und ab (ja, das geht… kommen Sie ruhig vorbei, wenn Sie es nicht glauben). Endlich Action im Babyalltag! Peter ist schuldbewusst und senkt den Kopf: „Och nöö, und ich bin auch noch schuld an der ganzen Sauerei. Sorry, Mami.“ Ich wiegle ab: „Was glaubst Du, wie oft MIR sowas passiert…nicht so schlimm. Hilfst Du mir kurz beim Saubermachen?“ Peter nickt. Grinst wissend. Und erinnert mich dezent an das Rührei-Schüttelbecher-Massaker und den Mixer-Kürbissuppen-Zwischenfall. Beide Male war neue, weiße Wandfarbe nötig.

Weil Paul cliffhängerverdächtig in seinem Ikea-Hochstuhl zu klettern anfängt, hebe ich ihn heraus und beschäftige ihn mit pädagogisch wertvollen Entdeckerbausteinen aus naturbelassenem Holz, fünf Schritte weiter im Wohnzimmer. Paul nickt freudig. Freiheit! Spielen! Klasse! Dass die Bausteine lautstark über den vom Mann so heiß geliebten Parkettboden schlittern und seltsame Geräusche verursachen, nehmen Peter und ich billigend in Kauf. Der Große schrubbt hingebungsvoll Theke und Hocker, ich den Boden. Die Tinte ist allerdings hartnäckig. Ich muss die Fliesen ordentlich rubbeln, obwohl Familie Kasi (aufgrund zweier öfter sauigelnden Buben) im Besitz eines superduper Hightech-Bodenschrubbers ist. Hätte ich gar nicht gedacht: Fies, das Zeugs.

Während ich links an der Wand rubble, macht es rechts an der Wand neben mir laut: „Höhöhö“. Ich sehe, wie mein selig grinsendes Baby mit roten Bäcklein und vor allem mit viel Wucht durch die letzte große Tintenpfütze patscht. Nein, hechtet. Paul hat Spaß. Gibt’s ja nicht immer, so einen blauen See in der Küche. Trotz der Schweinerei hat das ganze eine gewisse Situationskomik. Heute Abend lohnt sich die Badewanne. Und Herr Kasi fragt, wenn er heimkommt, sicher wieder: „Naaaa, hattet Ihr es nett?!“ Oh ja. Im Großen und Ganzen schon :-).