Mit oder ohne Diplom

„Du hast ja auch die ganze Woche frei“, sagte unlängst ein Freund von uns zu seiner Frau, die derzeit in Elternzeit den jüngsten Familienspross betreut. Stellvertretend für alle Mütter der Welt wurde ich wütend. Frei? Hat je ein Herr, der solche Sätze von sich gibt, einen Tag lang (ohne Oma-Hilfe)  ein wuselndes Kleinkind versorgt, Brezelreste aus Autositzen geklaubt, hundert Mal – ungefähr nach jedem halbem Keks – Staub gesaugt oder Spielzeug aufgeräumt? Zum gefühlt zweihundertsten Mal „Oh, wie schön ist Panama“ vorgelesen? Ich schlug dem Herrn spontan vor, eine Woche lang mit seiner urlaubenden Gattin zu tauschen. Komischerweise ging er am nächsten Tag ins Büro – trotz der herrlichen Aussicht auf soviel Ferien im heimischen Hort. Aber schlimmer, davon bin ich felsenfest überzeugt, als hundert Kleinkinder auf einem Haufen sind das, was ich gern als „Diplom-Mütter“ bezeichne. Diese wissen grundsätzlich alles besser, ihre Kinder sind wohlgeratener als das meine (der gerade vor Wut rot anläuft und strampelnd auf dem Boden liegt), sie haben wirklich für jedes Nahrungsmittel eine zuckerfreie, biologisch abbaubare und zu 100 Prozent ökologisch recyclebare Variante mit Öko-Farbe, verabscheuen selbst den Kinderkanal zutiefst und finden sogar den blonden Michel von Lönneberga brutal. Mit ihrem Kind diskutieren sie in ihrem steril sauberen Heim, ob man bei 20 Grad minus eine Mütze braucht („Stevilein, heute ist es echt kalt. Wollen wir das noch einmal besprechen?…). Diese Mütter lieben Babymassage, Pekip-Förderkurse, Englisch für Babys und sind jeden Tag in einer anderen Gruppe, um sich für ihre Erziehung inspieren zu lassen. Selbstverständlich zu erwähnen, dass die Kinder dieser Frauen nie schmutzig sind, nie das böse Wort mit „Sch…“ sagen oder einen Flicken auf der Hose tragen. Außerdem geben „Diplom-Mütter“ gern Tipps weiter – meistens ungefragt und langatmig. Obwohl ihre Kinder in irgendwelche Spezial-Kindergärten mit ganz speziellen pädagogischen Konzepten gehen und gehen dafür täglich mindestens zwei Stunden durch die Gegend gefahren werden, kämpfen sie nie mit Bergen ungewaschener Wäsche oder ungebügelter Hemden. Mein Sohn hingegen geht mit großer Leidenschaft in den kirchlichen Kindergarten am Ort, besucht die Turnstunde des örtlichen TSV und keinen Kleinkind-Pilates-Kurs, ist ständig schmutzig und hat kaum eine Hose OHNE Flicken. Außerdem liebt er Gummibärchen, kennt Janosch auswendig und hat sich auf alle möglichen Firmenlogos spezialisiert – egal ob Lidl, Siemens, AEG, Campina, Audi oder Opel.  Das kann peinlich enden, wenn der Sprössling die Oma plötzlich fragt, von wem sie die Flasche Henkel trocken bekommen hat. Oder darauf hinweist, dass das soeben überreichte Geschenk nur von Aldi ist. Aber manchmal gibt er auch Anlass für großes Staunen. Vor einiger Zeit testete der Kinderarzt beispielsweise, ob Peter Gegenstände benennen kann. Er zeigte ihm ein Bildchen mit einem Auto, das augenscheinlich ein alter, etwas länglich geratener VW war. Peter musterte das Foto mit Kennerblick und sagte fachmännisch: „Gell Mama, das ist ein VW, ein Scirocco.“ Ein richtiger Wüstenwind halt.

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Ruth und die Apfeltasche

Wir waren mal wieder im Schnellrestaurant mit dem großen M im Namen. Wenn Sohn und Mann solche Küche lieben, muss man sich des Familienfriedens Willen ab und an in solch einen Fresstempel begeben – auch wenn einem selbst eine stinknormale Butterbrezel oder eine Wurststulle mit Lyoner lieber wären. Was an dieser Art der Nahrungsaufnahme schnell ist, habe ich mir mehr als einmal überlegt, während ich in der Pommesluft in der langen Schlange stand. Stoßzeit, es war 12 Uhr Mittag. Eine Kasse auf. Vor mir eine hungrige Großfamilie, unentschlossen, was jeder essen will. Lieber Burger? Salat nach dem ganzen Weihnachtszeugs? Oder doch eine Apfeltasche? Ach ne, Papi ist eh zu dick. Ich stand und stand und stand. Ah, eine zweite Kasse. Schnell überholte ich rechts und ordnete mich hinter zwei jungen Mädels ein. „Die wollen ja eh nur Salat ohne Dressing“, frohlockte mein hungriger Bauch. Fehlgeschlagen. Zuerst bestellten die beiden jungen Fräuleins das gesamte Repertoire sieben Minuten lang. Dann war das meiste nicht vorrätig. Weil sie den Angestellten kannten, verwickelten sie ihn auch noch in eine lange Diskussion – seine Gattin war offenbar schwanger. Und während man an der Kasse gemeinsam disktuierte, ob ein Kaiserschnitt oder eine natürliche Geburt besser wären oder ob Namen wie Ruth, Mary-Jane oder Cindy Kindern schaden, hatte ich urplötzlich Hunger auf ein Leberkäsweckle.

Ganz ohne Falten

Zu welcher Kategorie gehören Sie? Sie lieben Geburtstage. Werden Sie selbst ein Jahr älter, planen Sie schon Monate vorher, mit welcher lustigen Mottoparty Sie Ihre Lieben in diesem Jahr beglücken werden. 70-er-Jahre-Schlagerfestival? 90-er-Jahre-Poprevival? Oder einfach eine italienische Nacht mit Leckereien von Nudel bis Risotto? Oder sind Sie eher – wie ich – der Festmuffel. Jedes Jahr älter ist mir ein Gräuel. Statt an Luftballons und Partypizza denke ich an Rheuma, Falten und Gicht. Womöglich gratuliert noch jemand dazu, dass man nicht mehr „Anfang 30“ sagen darf, wenn man nach seinem Alter gefragt wird. Uhhh… Mit Silvesterfeten ist das mittlerweile ja fast schon genauso schlimm. Wer Mitte November noch nicht zu einer szenigen Fete in Frankfurt, Zürich oder München (wenigstens) eingeladen ist, muss sich sagen lassen, er sei ein ungeselliger Zeitgenosse. Aber was bitte ist so schlimm an einem Fondueabend mit drei guten Freunden? Oder einem gemütlichen Abend auf dem heimischen Sofa? Ist das spießig? Nein, eigentlich nicht. Aber vielleicht muss ich mir die Ansichtsweise meines lieben (geradezu festfreudigen) Gatten zu eigen machen: „Wir feiern nicht, dass wir älter werden oder dass das Jahr vorbei ist, sondern die Tatsache, dass wir immer noch da sind.“ In diesem Sinne von ganzem Herzen: Ein gesundes neues Jahr! Am besten natürlich ohne neue Falten.

Feiern Sie auch Knut?

Ikea. Für meinen Sohn Peter und mich ein wahrer Hort der Freude, zum Stöbern, zum Kaufen, zum Bummeln, zum Blaubeer-Kuchen-Essen und Leute beobachten. Für meinen Mann Horror pur. Wie ich es geschafft habe, ihn an einem 29. Dezember, wo ungefähr die halbe Welt frei hat (und scheinbar auch zu Ikea fährt) ins große schwedische Do-it-yourself-Möbelhaus zu bringen, darf mein Geheimnis bleiben. Wie wir es geschafft haben, wieder heraus zu kommen, hingegen ein großes Rätsel. Menschenmassen wie am Volkswandertag – ich habe mich mit dem Gedanken getragen, den schwedischen Billy-Machern  vorzuschlagen, zwischen Bekvam und Hopen Getränkestationen einzurichten und Brühe auszuschenken. Bei Ivar gäbe es dann frische Banane, in der Markthalle Butterbrezeln und Kaffee. Doch davon waren wir weit entfernt. Langsam bewegte sich der Tross mit einkaufswütigen Großfamilien, nörgelnden Kleinkindern, missgestimmten Familienvätern und heillos überforderten Senioren von den Ausstellungs-Wohnzimmern zu den Küchen und wieder zurück. Der milde, weihnachtliche Friede verflog spätestens am Kinderparadies, wo eine lange Schlange von Kindern um Einlass bot. Beim obligaten Köttbular-Mahl im frisch umgebauten Restaurant war es mit der Gelassenheit meines Gatten vorbei. Peter hatte Hunger, freie Tische waren Mangelware, und die Kinder am Nachbartisch fanden Ikea generell doof und taten dies auch lautstark kund. Was wir gekauft haben? Verraten wir nicht. Sonst verstünde mit Sicherheit niemand, warum wir uns so eine Tortur angetan haben. Sagen wir es einfach so: Wir haben Knut gefeiert.

Ein gutes Neues

Mit den guten Vorsätzen zu Silvester ist das immer so eine Sache. Man steht vor Kälte schnatternd draußen, schaut in den nächtlichen, von Raketen beleuchteten Himmel, und überlegt, was einem das neue Jahr so bringen wird. Während rosa Sterne auf die Welt regnen, es überall nach Feuerdampf riecht und sich alle Freude trunken ein glückliches Jahr wünschen, grübelt man meistens über gute Vorsätze. Mehr gute Bücher lesen. Sich besser ernähren und täglich mindestens sechs Portionen Obst, Gemüse und Salat zu sich nehmen. Weniger Schokolade.  Sich in Sanftmut üben. Mehr Ruhe walten lassen. Ins Sportprogramm einen Yogakurs aufnehmen. Fürs persönliche Gleichgewicht endlich mal Nähen lernen, weil man da ruhig hinsitzen muss. Aber wenn ich mir die Liste so ansehe, artet das ganz schön in Stress aus.

All die ganzen Jahre

Und wieder ist ein Jahr fast vorbei, und dieses Mal  habe ich ehrlich gesagt – wie immer? – das Gefühl, dass es besonders schnell vorbei gegangen ist.  Wie habe ich früher über mütterliche Sätze wie „Wenn Du einmal selbst Kinder hast, wirst Du erst einmal merken, wie alt Du wirst“ gelacht. Aber es ist wirklich so:Peter scheint rasend schnell groß zu werden, während sich meine Zipperlein stetig mehren. Wie singen die Toten Hosen: „Wir sind alte Punks…“ ? Ja, das ist es wohl. Vor kurzem waren mein Mann und ich mal wieder bei besagten „Hosen“ im Konzert. Die Ältesten waren wir nicht, Gott sei Dank. Allerdings zeigte uns der Parkplatz vor der Schleyerhalle mit diversen Nobelkarossen, dass das Hosen-Publikum ganz dezent in die Jahre – und zu einem gut situierten Wohlstand – gekommen ist.  Aber wenn Campino mittlerweile Hauptrollen in Wim-Wenders-Filmen spielt und den Mackie Messer gibt, darf der passionierte Hosen-Fan wohl auch den neuesten Daimler fahren. Und Rheumatabletten für den maladen Rücken schlucken.  Oder? Und die Musik? Die ist klasse wie ehedem. Mit oder ohne Stern.

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Oh Du Fröhliche…

Schade, dass es mit Weihnachtsgeschenken nicht immer so leicht ist wie bei meinem dreijährigen Sohn Peter: „Mama, ich hätt‘ gern den Einkaufsladen von Lego.  Aber ich nehm‘ auch Turnschuhe.“ Wie oft habe ich mich in den vergangenen Jahren geplagt mit guten Ideen für tolle Präsente, graue Haare gekriegt, weil die Post nicht pünktlich geliefert hat, oder am 23. Dezember stundenlang mit lustigem Weihnachtsmannpapier gekämpft. Nicht zu vergessen den Ärger, den mein Mann und ich an unserem ersten (!) gemeinsamen Weihnachten wegen einer dürren Weißtanne ohne Nadeln hatten („Sag mal Markus, kommen die Äste erst Morgen?“) oder der Stress, den das aufwändige Rehmenü uns im vergangenen Jahr beschert hat… („Bitte übergießen Sie den Braten alle zehn Minuten mit dem Fond…“) Dieses Jahr ist das alles anders. Wir verschenken nur Kleinigkeiten, unser Baum ist ein kostenloses Exemplar aus Nachbars Wald, und verpackt wird nur das Nötigste. Gekocht wird wie sonst auch, dann bekommt wenigstens keiner Sodbrennen von dem ungewohnt fetten Essen. Wie wohltuend ist es jetzt heute, sich ohne schlechtes Gewissen auf ein gutes Buch, einen schönen Film oder ein Gläschen Wein zu freuen! Entspannt mit dem Zwerg eine Weihnachtsgeschichte zu lesen, ohne voller Angst an Geschenkeberge zu denken oder hektisch Brotknödel vorzukochen. Herrlich. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass sich alle an die Abmachung, nur Kleinigkeiten zu verschenken, gehalten haben… Oh Du Fröhliche…

Peter Weihnachten 2008