Die rosarote Katze Kitty

Peter mag wie ich die Toten Hosen. Er verehrt Campino. Er schreit hemmungslos gern: „Nie im Leben würde ich zu Bayern gehn…“ Doch leider gibt es im Kindergarten Menschen, die diese Bayern-Anti-Liebe nicht verstehen. Sie womöglich sogar missbilligen. Nun ja. Irrende gibt es überall. Auch bei den Kleinen. Dialog beim Mittagessen. Peter führt heute sein „Nie-im-Leben-würde-ich-zu Bayern- gehn-T-Shirt“ aus.

Peter:  „Mami, meine Freundin findet mein T-Shirt blöd.“

Ich: „Ach was?“

Peter: „Jaaa… sie sagt sogar, die Bayern sind toll.“

Ich: „Dann hat sie keine Ahnung von Fußball.“

Peter: „Ich weiß auch nicht. Traurig bin ich trotzdem. Sie sagt, es sei voll hässlich.“

Ich: „Ich finde, Mädchen haben vor lauter Rosa und Glitzer oft vieeeel hässlichere Sachen an.“ (Merkt man, dass ich das ganze rosa Zeugs für kleine Mädels hasse?)

Peter: „Was denn zum Beispiel?“

Ich: „Würdest Du mit einem rosa Kitty-T-Shirt rumlaufen? Mit so ’ner komischen Katze auf dem Bauch?“

Peter: „Hmmmm….“

Ich: „Peter? Rosa?“

Peter (flüstert schuldbewusst): „Maaaami, ehrlich gesagt, find ich die Kitty gar nicht sooo schlecht…“

Tote Hose in der Kiste

Ich habe schlecht geschlafen. Mein herzensguter Mann lässt mich deshalb noch etwas dösen, während er das fortwährend quasselnde Kind bespaßt und anzieht und zum Zähneputzen anhält. Plötzlich höre ich den genervten Sprössling fragen: „Und unser Toten-Hosen-Fan? Der liegt noch in der Kiste, was?“ Kinder machen viel Freude.

Manchmal aber auch ganz in Echt. Peter und ich sind beides leidenschaftliche Stadtbummler (wenn man Besuche im Drogeriemarkt und im Großmarkt mit einrechnet). Am Montag waren wir mittags miteinander unterwegs. Im Auto sagt das Sohnkind mit feuchten Augen: „Ach Mama. Danke dafür, dass ich den Mittag heute mit Dir verbringen darf.“

Traumfrau aus Knete

Peter sitzt am Küchentisch und knetet hingebungsvoll mit seiner pädagogisch wertvollen Bio-Knetmasse. Ich frage ihn, was das quietschbunte, knollenähnliche Ding werden soll und tippe auf „expressionistische Kartoffelernte auf Holz“. Ich liege falsch. Mein Kind gesteht mit mit schamroten Wangen: „Ich knete mir eine Freundin.“ Aha. So einfach ist das. Ich frage ihn, warum er das tut. Er erklärt mir, dass er es einfach gut findet, jemanden so zu machen, wie er ihn haben möchte: „Die ist dann genauso, wie ich es haben möchte.“ Ah ja. Natürlich erkäre ich ihm, dass ein anderer Mensch für gewöhnlich nie zu 100 Prozent so ist, wie ihn andere haben wollen. Peter nickt verständnisvoll. Und macht weiter. Thema verfehlt.

Ich frage interessiert weiter, welche Eigenschaften das Knet-Fräulein haben wird. Peter überlegt und nennt mir das heiß geliebte Nachbarsmädchen, das er hingebungsvoll anhimmelt, als Vorbild für sein Bunt-Werk. Eine Einschränkung: „Aber schau… mein Mädchen hat einen viel gelberen Bauch und einen ganz pinken Kopf.“ Ach ja, so lange es sich um solche Äußerlichkeiten dreht, ist alles noch nicht so schlimm. Mein Mann mag an mir weder meine heiß geliebte, olle Lederjacke (ordentlich verratzt von einer Fülle von Konzerten), noch mein Tattoo auf dem Bauch. Mein Piercing findet er auch nicht so prickelnd, genauso wenig meinen Hang zu bunten Frisuren. Ich hingegen hasse seine „Kreisliga-Meister 1994“-T-Shirts, die tollen Karohemden aus den 80-ern und seine Baumwollwindeln, genannt Schals. Auch wenn Halstücher derzeit ganz groß in Mode sind.

Während ich die Kartoffeln fürs Mittagessen schnipple, lasse ich mein Kind weiter Traumfrauen kneten. Und überlege mir heimlich, wie mein Knetmännchen aussehen müsste. Eine Mischung aus Campino, Jon Bon Jovi und George Clooney? Oder eher aus Mario Gomez, Til Schweiger und Hugh Grant? Allesamt auf meiner persönlichen Werteskala eher bei „scharfe Schnittchen“ als „lahme Tüten“ angesiedelt. Aber trotzdem. Eigentlich bin ich mit meinem Mann ja ganz zufrieden. Er kann Lampen reparieren, wenn es abends im Coucheck knallt, isst widerspruchslos alle meine neuen Rezptversuche à la Lafer und Mälzer, füttert die heimische Tierfraktion und toleriert sogar das Tote-Hosen-Poster in der Wohnung. Was will man mehr.  Aber trotzdem: So machem eingefleischten Single-Herren, stets suchend und willig, möchte man ab und an schon eine junge Madame kneten. So eine wie die Schwester Hildegard aus der Schwarzwaldklinik.

Fotos Peter und Blog 003

Kollaps in Ludwigsburg

Mein großer Tag. Tote-Hosen-Konzert in Ludwigsburg. Seit Wochen bin ich aufgeregt, seit ich ein Schulkind war, Tote-Hosen-Fan. Ich kenne Campinos Biografie besser als meine eigene. Ich kann jeden Text auswendig hersingen. Ich mag die Typen einfach riesig gerne. Die Doku-DVD „Friss oder stirb“ habe ich geschätzte 1000 Mal gesehen, genauso die anderen Konzert-DVDs. Ich habe sogar noch Hosen-Videos aus frühester Urzeit. Und jetzt – jetzt fahre ich also wieder einmal zu einem Live-Konzert.

Dummerweise ist die Woche davor Chaos. Viel Arbeit. Viele Termine. Kaum Schlaf, keine Zeit zum Essen. Nur Hetze. Baustress. Ich habe mein Leben gründlich satt. Am Freitagmittag brechen wir trotzdem auf. Wie früher mit Schlafsack, Kulturbeutel, Reserveklamotten, frischen Schuhen. Ich setze meine Festkappe auf – und gut. Müde bin ich trotz Hosen-Klamotten immer noch. Macht nichts. Gatte Liebreiz tröstet mich: „Du schläfst einfach im Auto ein bisschen.“ Gut 30 Minuten klappt alles bestens. Ich döse vor mich hin. Werde wach, weil der Holde Schlangenlinien fährt  – vor Müdigkeit. Er schlägt eine Rast auf einem Parkplatz vor. Für ein Nickerchen. Pause? Iwo. Nachher verpasse ich noch meine Hosen. Geht gar nicht. Also klemme ich mich selbst hinters Steuer. Souverän düse ich über die Autobahn Alex, Johnny Thunders, Bonnie und Clyde entgegen. Mein Mann schläft nicht. Er gibt mir Fahrunterricht. Ich fahre noch was schneller. Pah.

In Ludwigsburg angekommen, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Schöne-Barock-Städtchen erschlagen ist vom Punkrock. Die Menschen schauen skeptisch auf uns. Hurra, da gibt es sogar noch ein paar ganz bunte Punks mit Stacheln und liebevoll gebürsteten Irokesen-Igeln auf dem Kopf. Sie gewinnen gar keine Fans. Das Festivalgelände erreichen wir problemlos. Mittag gegessen haben wir immer noch nicht. Wegen meiner geliebten Laktose-Intoleranz gibt es für mich trockene Brötchen. Lecker.

Das Konzert beginnt. Von Beginn an super Stimmung. Mein Mann steht vorsichtig an seinem Zaun, wir sehen gut. Neue Songs, alte Lieder, klasse. Ich hopse und singe und schreie. Ich hab schließlich bezahlt. Plötzlich wird der Pressegraben geräumt. Die Herren und Damen Journalisten müssen zum Aktualisieren in ihre Redaktionen. Glück vor die Fans: Ein paar wenige dürfen in den Luxus-Bereich direkt vor der Bühne. Ich gehe stiften. Muss ja wenigstens mal gucken. Das Gatter schließt sich wieder. Ich und ein erlesenes Grüppchen stehen in einem nahezu leeren Graben direkt vor der Bühne. Aug‘ in Aug‘ mit Campino, Andi und Co. Ich kneife mich gleich dreimal in den rechten Oberarm. Davon träume ich, seit ich denken kann. Das Konzert ist fantastisch. Meine Stimme schwindet. Wer braucht schon eine? Irgendwann singt Campino „Walk on“. Und ich kehre zurück. Zu meinem Mann an dem Zaun. Er schimpft nicht, guckt bloß etwas skeptisch auf meine wankende Gestalt. Ich erkläre wortreich, wo ich war. Er fragt: „Fühlst Du Dich gut.“ – „Ach, mein Kreislauf war schon besser. Ich trink gleich was.“ Wir setzen uns in Bewegung Richtung Ausgang. Inmitten der ganzen Fanherde merke ich plötzlich, dass mein maroder Kreislauf Faxen macht. Ich wanke zur Sicherheit in Richtung eines benachbarten Bauzauns, weil ich nicht unbedingt in den Massen umkippen will. Das erledige ich dann gepflegt am Zaun. Nicht allerdings ohne vorher freundlich anzukündigen: „Mir nimmt’s grad die Knie weg.“ Ich liege auf warmem Asphalt. Ein netter junger Mann will einen Sani holen. Mein Mann: „Ach, die kommt wieder zu sich. Wir legen einfach mal die Beine hoch.“ Ich liege immer noch. Der junge Mann bleibt hartnäckig: „Ich hole jetzt doch einen Sani.“ Gesagt, getan. Die DRK-ler rücken mit einer Trage an. Über die vielen hundert Fans, die Richtung Auto strömen, werde ich in Richtung DRK-Garage gebracht. „Scheiß Drogen“, meckert eine freche Teenager-Gruppe. Zwischen einer Alkohol-Leiche und einem jungen Mann mit lädierten Beinen werde ich hingebettet. Kriege Wasser. Und wieder trockene Brötchen. Mein Mann schämt sich. Er im DRK-Zelt beim Hosen-Konzert. Ich erkläre ihm, dass ich Leute kenne, die schon bei Roberto Blanco in Ohnmacht gefallen sind. Und ich das peinlicher finde. Die Schimpf-Tirade setzt sich fort: „Weißt Du, wie alt Du bist? Wie unvernünftig? Wie kann man so bescheuert sein? Nach ganz vorn zu gehen?“ Ich liege, fühle mich grün und flau. Und sage ihm: „Ich bin 34. Und ich würde es SOFORT wieder tun.“