Ehrlich und mit Fassung

Was ich dieser Tage wieder einmal dachte: Mittlerweile machen mich die Doppelmoral und die Scheinheiligkeit unserer Gesellschaft ganz fertig. Ein Beispiel: Gern reist man nach Mallorca, aber niemand gibt zu, dass er auf dem Ballermann war. Alle reisen nur auf die Nordseite der Insel, so hört man allenthalben. So langsam mache ich mir Gedanken um Mallorca: Vermutlich die einzige Insel weltweit, die nur aus einer Nordseite besteht. Alle gehen nur zum Mountainbiken oder Wandern ins wärmste deutsche Bundesland. Da frag‘ ich mich immer: Wer bitte trinkt den ganzen Sangria? Zweites Beispiel: das Fernsehprogramm. Formate wie „Dschungelcamp“ und Heidi Klums Modelsuche erzielen Top-Quoten, aber offenbar haben sie trotzdem kein Publikum. Niemand schaut so etwas: „Ach, das tu‘ ich mir nicht an. Ich habe es nicht so mit Fernsehen. Ich lese lieber ein gutes Buch.“ Aber irgendjemand muss die Sendungen ja gucken – außer mir. Die Fastfood-Tempel sind auch so ein Thema: Da geht offenbar außer mir und meinem Kind niemand hin. Genauso verhielt es sich in meiner Jugend übrigens mit Modern-Talking-Platten. Bohlen und Nora-Anders verdienten Millionen. Aber niemand kaufte sie. Noch Fragen? Also: Ich oute mich. Ich liebe Chicken-Mac-Nuggets und Burger-King-Pommes. Ich schaue „Germany’s Next Topmodel“. Ich war zwar noch nie auf Mallorca (echt!), würde mir den Ballermann aber unbedingt einmal angucken. Modern-Talking-Platten habe ich zwei (von früher). Und ehrlich gesagt: Manchmal ist mir Bücherlesen zu anstrengend, da gucke ich mir lieber die Schrottplatz-Brüder Ludolf auf DMAX an. Seien Sie ruhig entstetzt. Das trage ich stolz mit Fassung.

Müde Muskeln und Musik

Während die Starter des ersten Wettkampftags beim Gonso-Albstadt-MTB-Classic ihren müden Muskeln Ruhe gönnten, kamen auch die Ohren nicht zu kurz: Gerd Rube, Schorndorfer Sänger, Songwriter und Gitarrist, lockte am Samstagabend viele, viele Musikfreunde zu einem Open-Air-Konzert zur Zollernalbhalle.

Albstadt. Petrus muss wohl Mountainbiker oder Rockfan sein: Nach der klimatisch eher durchwachsenen Woche war das Open-Air tatsächlich eins; das Konzert musste nicht ins Hallenfoyer verlegt werden. Nach den ersten Bike-Highlights im „Bullentäle“ gesellten sich zu alten Rockklassikern wie „Dead or Alive“ von Bon Jovi oder „Summer of 69“ von Brian Adams fröhliche Popsongs von Roxette oder Prince, so dass für jeden Musikgeschmack etwas geboten war.

kasi für Zollernalbkurier

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Ausnahmezustand auf Rädern

Es war ein Ausnahmezustand auf zwei Stollenreifen: Die Stadt Albstadt untermauerte am Wochenende eindrücklich, warum sie bundesweit als Mountainbike-Mekka gilt.

Albstadt. Preisfrage: Was ist, wenn die Hotelzimmer in der kompletten Region bestens gebucht sind? Parkplätze rund um das Tailfinger „Bullentäle“ Seltenheitswert besitzen? Ganz klar: ein Bike-Highlight namens Gonso-Albstadt-MTB-Classic. Die vielen tausend Besucher erlebten am Wochenende neuerlich ein Radsportereignis, das seinesgleichen lange suchen muss. Selbst das Nationalteam aus Uganda hatte etliche Fahrer angemeldet, musste allerdings kurzfristig wieder absagen. Laut Organisator Stefan Salscheider von Skyder Sportpromotion hatte offenbar nur der Präsident ein Visum bekommen…

Schade, aber nicht zu ändern. Dafür waren viele andere da: etablierte Profi-Sportler aus dem In- und Ausland, unzählige Nachwuchsfahrer, aufgeregte und mitfiebernde Zuschauer. Die Bundesliga-Starterliste las sich wie ein Who-is-Who. Die Teams reisten nicht nur aus dem nahen Ausland wie Schweiz und Österreich an, sondern auch aus Belgien, Russland, Dänemark oder sogar Isreal. Die Welt zu Gast in Albstadt – über 20 Nationen gaben sich ein Stelldichein.

Kein Wunder also, dass schon am frühen Samstagmorgen rund um die Zollernalbhalle, den Expo-Bereich und die Rennstrecke reger Betrieb herrscht. Laute Musik dröhnt aus den Boxen, die ersten Nachwuchsfahrer erhalten Siegersträußchen und Urkunden. Man fachsimpelt an den Ausstellungsständen in allen möglichen Sprachen über Material und Strecke, holt sich die erste Rote Wurst oder – der zeitigen Sommersonne sei Dank – eine Apfelschorle.

Stets mittendrin in dem radsportlichen Tumult: Organisator Stefan Salscheider. Gerade verfolgt er aufmerksam die deutsche U19-Nationalmannschaft, deren Junioren schon emsig mit Bundestrainer Peter Schaupp ihre Runden drehen. Schaupps Spitzname ist passenderweise „Speedy“. Schaupp, wie er selbst sagt, „ein alter Schwede“, und Downhill-Spezialist, kennt die MTB-Szene wie seine Westentasche. Der drahtige Grötzinger mit der grauen Mähne und dem lustigen Zöpfchen im Nacken fällt auch in Albstadt auf; selbstverständlich hat er schon lange vor allen anderen die Strecke mit dem neuen Abschnitt getestet: „Alles wirklich super.“ Seinen Schützlingen gibt er noch letzte Tipps oder hilft ihnen bei technischen Problemen auf die Pedale.

Peter Schaupps einziges weibliches Nachwuchstalent ist dieses Mal Vanessa Mosch aus dem nordrhein-westfälischen Landeskader. In Albstadt ist sie nicht zum ersten Mal am Start. Sie schwärmt vor allem vom tollen Flair: „Die Leute hier sind echt voll cool“, sagt das 17-jährige Nachwuchstalent und grinst. Der Bundestrainer mit dem schnellen Namen pflichtet bei: Die Rennen auf der Alb seien zweifelsohne etwas Besonderes. Dann geht selbst einem „Speedy“ die Zeit aus. Was steht auf Vanessa Moschs Weste? „Adventure begins today – das Abenteuer beginnt heute“. Dann nichts wie los.

kasi für Zollernalbkurier

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