Herr Noci und der Alfon

Spaß mit den heimischen Produkten hatten Bello-Pedro, Herr und Frau Kasi in Italia natürlich auch. Während Frau Kasi Pasta in allen Variationen aß (sensationell mit Miesmuscheln!) und Herr Kasi Freude daran hatte, mal wieder Getränkedosen zu sehen, freute sich Peter vor allem über das Billig-Nutella im Hotel, das den schönen Namen „Nocita“ trug. Peter hatte daraufhin seinen Namen gleich weg: Herr Noci. Herr Noci entdeckte im Land von Ferrero und seinen feinen Küsschen jedoch nicht nur, dass es auch in Italien Billig-Nutella gibt, sondern auch seine Liebe zum Mau-Mau-Spielen.

Wie das immer so ist, wenn Familie Kasi etwas spielt, gibt es Streit über die Regeln. Das fängt bei Mensch-ärgere-Dich-nicht an, setzt sich übers Memory fort („Du hast geschummelt und die Karten extra so hingelegt…“) und erlebte beim Mau-Mau eine neue Blüte. Peter legte ein Ass und suchte nach einer Deckkarte. Diese gefiel Herrn Kasi nicht. „Doch“, beharrte Frau Kasi, die dank iPhone immer wieder mal gern Mau-Mau spielt, wenn der Termin zu lange dauert, „beim iPhone geht das.“ Peter gewann. Herr Kasi blieb beharrlich. Ein fröhliches Mau-Mau-Geplänkel über Asse, Deckkarten, Kreuz und Karo entspann sich. Peter half mir – klar. Vollkommen selbstlos. Er hatte durch meine iPhone-Regeln ja gewonnen. Irgendwann fragte Herr Kasi: „Sagt mal, Freunde der Sonne, über welchen Alfon redet Ihr eigentlich immer?“ Und an mich gerichtet: „Hast Du noch `nen Onkel, den ich nicht kenn´?“ Vollkommene Irritation meinerseits. Alfon? Nein. Gibt’s bei mir in der Familie keinen. Irgendwann prustet das Sohnkind heraus und piekst mich vorsichtig in die Seite, so diskret das mit sechs Jahren halt geht: „Maaaaama, der Papa meint, so glaub‘ ich, das i-Phone. Nicht den Al-Fon.“ iPhone und Alfon, ausgesprochen mit dem Rest vom Nachtisch in den Backen, klingen ziemlich ähnlich, so haben wir festgestellt.

Gar nix richtig warm

Dolce Vita ist vorbei – der Alltag hat uns wieder. Wir haben am Gardasee herrliche Tage verlebt – doch wie länge hält wohl der Ferienzauber? Wenn ich meinen vollen Terminkalender anschaue, vermutlich nicht bis nächste Woche. Aber egal. Meine satte Urlaubsbräune, die ich bekommen habe, erinnert mich an Strand, Rotwein und Pasta pur. Doch mit der Bräune ist es in Zeiten von Hautkrebs und Ozonloch so eine Sache. Für tagelange Sonnenbäder a là Wienerwald ist Frau Kasi ohnehin zu hibbelig.

Doch eines Nachmittags beschlossen wir trotzdem, alle drei Mann hoch, den Pool unseres netten Hotels zu entern. Stilecht ausgestattet mit Wasserspritze, Badelaken und dickem Buch (Frau Kasi) belegten wir drei Plätze auf der freundlicherweise fast leeren Liegewiese. „Cremt Euch gut ein“, riet ich vorausschauend meinen Lieben und schmiss eine Runde Alverde-Lotion für Kinder mit Lichtschutzfaktor 2000. Herr Kasi und Peter taten dies emsigst. Da die weiße Paste überraschenderweise ziemlich zäh war, verzichtete Frau Kasi selbst aufs gründliche Eincremen und verteilte eher pro forma ein Kleckschen der zart duftenden Pampe auf den Armen – wegen des guten Beispiels fürs Kasi-Kind. So kurz Sone macht ja nix – zumal es eigentlich auch nicht übertrieben hitzig war, denn vom Monte Baldo her wehte stets ein kühlendes Lüftchen. Abends im Hotelzimmer sah ich die Bescherung. Herr Kasi sprach Frau Kasi nur noch mit „Frau Krebs-Kasi“ an. Ich leuchtete wie eine Ampel oder ein rotes Ganzkörper-Kondom. Einzig die Arme taten nicht weh.

Nach einer unruhigen Nacht mit diversen vorsichtigen Wendemanövern brachen wir tags darauf nach Malcesine auf, um touristenmäßig die Innenstadt zu besichtigen. Doch vor Mole und Burg und ähnlichem zog es uns natürlich zunächst in eine Apotheke, weil sämtliche Vorräte der Reiseapotheke bereits aufgecremt waren – innerhalb weniger Stunden. Frau Kasi, immer noch so rot-leuchtend wie am Vorabend, der peinlich berührte Herr Kasi (wer will schon mit einem Krebs verheiratet sein? Oder mit einer zugegebenermaßen superdämlichen Klischee-Touristin?) und Peter. Der Apotheker musterte mich aufmerksam. „`Abe Sonnenbraaand?“ Richtig. „Bauch auch?“ Ich lüpfte vorsichtig mein T-Shirt. „Ojeojeoje. Du àbe große Schmeeerzen.“ Nun ja – „Ein wenig“, räumte ich tapfer ein und verkniff mir einen spitzen Schmerzenschrei, als er auf meine Haut klopfte. Der freundliche Herr verkaufte mir für 13 Euro eine sensationelle Aloe-Vera-Lotion, die super half. Abends machte der Kellner im Hotel-Restaurant ein trauriges Gesicht. Ich fragte ihn, ob er Kummer habe. „Ach jaaaa“, ließ er seinem Herzschmerz freien Lauf, „der Sommer ist soo schlecht. Gar nix richtig warm.“

Kurze Sache

Was soll ich Ihnen sagen? Ich warte mal wieder auf meinen Mann. Die Koffer sind gepackt, ich würde gern das Auto beladen. Aber das ist ja nicht da, weil es fort ist. Fort mit meinem Mann. Und der kommt nicht wieder. Er ist nur kurz weg. Betonung auf „kurz“. So wie immer.

In der Zeit, in der ich „kurz“ warte, habe ich kurz Emails gelesen, bei Facebook vorbeigeschaut, meinem Neffen zum Geburtstag gratuliert. Außerdem habe ich „kurz“ unsere dreckigen Wanderschuhe in Tüten verpackt (weil ich zum Putzen keine Lust mehr hatte), drei Quittungen abgeheftet und noch einmal Emails abgerufen. Zur Sicherheit. Soeben wollte ich meinen Gatten kurz anrufen, um zu fragen, wie lange noch „kurz“ dauert, aber sein Handy klingelte neben mir. So viel zum „mobil“ von Mobiltelefon. Soeben kommt er heim. „Mach schnell, wir müssten doch schon lang fort sein.“ Hat man da noch Worte?!

Die Sache mit Alf

Derzeit haben wir Besuch. Besuch von Melmac. Peter hat Alf entdeckt, Alf, den knapp ein Meter großen, rot und dicht behaarten Melmacianer (heißt das so?!), der einst bei Familie Tanner Unterschlupf fand und optisch eine Mischung aus Erdferkel und Spaniel darstellte. Peter findet Alf klasse. Alf rülpst laut, futtert seine sieben Mägen scheunendrescherartig voll, klaut Schokolade und sagt genau das, was er denkt. So gesehen haben Alf und mein Sohnkind vieles gemeinsam. Außerdem redet Alf unablässig, findet Mädels cool und Kates Ordnungsliebe ätzend – noch mehr Paralellen.  Montag dieser Woche fragte Peter gar: „Maaama, sach mal. Wann kommt eigentlich unser Außerirdischer?“ Das klang gerade so, als könnte man den bei Ebay oder Otto im Hermes-Paket bestellen, geliefert von dem freundlichen, kleinen Mann in der roten Latzhose. Als ich dem fassungslos dreinblickenden Knaben erklärte, Alf sei eine Serie wie Heidi, Biene Maya und Laura Stern, wurde er traurig: „Ach ne. Ich dachte, den gibt’s in Echt. Der is ja auch sowas von cooooool…“ Klar – ein Alf im Haus würde mir angesichts des permanenten Dauerchaos noch fehlen. Alf, nein, Du kannst heute nicht mit zum VfB. Alf… Du weißt doch, das Sportheim ist nichts für Außerirdische. Nein, Alf, ich glaube nicht, dass unser Bürgermeister Dich kennenlernen will. Alf…. bitte geh weg vom Fenster…. wir haben doch keine richtigen Vorhänge.

Aber sind wir mal ehrlich. Gäbe es tatsächlich ein Raumschiff, das irgendwo in einem Garten auf Obdach-Suche landen wollte, würde es sicherlich auf der großen Wiese hinter unserem Haus zum Landeanflug ansetzen. Selbstverständlich würden alle Insassen auch aufgenommen. Artig würden alle Milchkaffee und Hefezopf serviert bekommen, garniert von freundlichem, aber nicht uninteressierten Smalltalk. Psst. Aber nicht weitersagen. Bekanntlich gibt es Dinge zwischen Himmel und Erde…. Nun ja, lassen wir das. Auf jeden Fall ist Alf für Peter derzeit ein Vorbild, was sich auf seine Essgewohnheiten nicht wirklich positiv auswirkt. Außerdem hat Peter Angst, unser Heimplanet könnte explodieren – nur wenn wir den Haarfön einstecken. Und das nur, weil Melmacs Ende die Turboföns der heimischen Melmac-Bäder waren.

Letzte Woche kuschelten das Sohnkind und ich also auf dem Sofa – während wir Alf schauten. Peter schlüpfte ganz nah an mich heran und schnupperte an meinem Parfüm. „Hach Mami, Du bist halt doch mein bester Freund. Und Du riechst so gut. Aber Deine Haut bin ich halt auch am längsten gewöhnt. Ich war doch mal in Deinem Bauch.“ Ich nicke gerührt. Bevor ich allerdings zu tief in die Rührseligkeit geraten konnte, setzte Peter seinen ernst gemeinten, schonungslosen Monolog fort: „Und weißt Du… der Papa…. der hat ja auch aber Haare…“ Peter zeigte mit seinen Händen eine geschätzte Länge von gut einem halben Meter an, „fast so lang wie beim Alf…“

Aha. Wenn es also nach dem Kasi-Sprössling geht, bin ich mit einem Alf verheiratet. Einem Wesen, das das Sofa vollhaart, den Staubsauger verstopft und das Haartönungsmittel finanziell nie aufbrächte. Ich breche eine deutliche Lanze für Peters Papa: Keine Sorge, mein Mann ist ein ganz normaler Erdbürger, ein reizender Ehemann und treusorgender Vater. Er haart nicht. Er sieht eigentlich vollkommen normal aus und rasiert sich ganz regelmäßig. Er kocht sensationelle Brotknödel und leckere Pizza. Sein Essverhalten ist zwar mitunter üppig, aber nicht riesig. Außerdem fährt er Opel und nicht Raumschiff. Noch Fragen?

Kind 2.0

Peter ist ein Kind, das mit neuen Medien groß wird. So Leid mir das tut – aber Frau Kasi verbringt berufsbedingt viele Stunden am Computer, sein Papa genauso. Außerdem seine Onkels und sein Opa Schatz, der das Portal von der „Sendung mit der Maus“ mittlerweile ziemlich gut kennt. Peter weiß also, was Firefox ist, er kennt Safari und den Internet Explorer („Lass‘ doch den Mist, der hängt doch eh immer….“). Schon häufiger hat er im Kindergarten leider für Verblüffung gesorgt, wenn er spontan erklären konnte, wo man was ausdruckt, welcher Explorer besser ist oder warum ein Laptop handlicher ist als ein PC. Peter kennt die Marken meiner Kamera und die meines Druckers. Er weiß, was CD-Rohlinge sind und wo man sie in meinem Schreibtisch findet. Mittlerweile kann er Hörspiele schon alleine downloaden, obwohl er noch nicht einmal richtig lesen kann. Sorry! Durch den Job seiner Frau Mama kennt Peter auch die Begriffe Websites und Twitter, er weiß sogar was Facebook ist und „Spiegel online“. Und es ist wirklich nicht so – ich schwöre – dass das Sohnkind stundenlang am Computer spielen dürfte. Manches schnappt er er einfach nebenher auf – selbst wenn er selbstvergessen neben mir sitzt und malt, während ich telefoniere oder vor mich hin schimpfe, weil das Internet wieder so saulangsam ist.

Natürlich hat der Thronfolger auch mitbekommen, dass wir für unseren Hausbau manchen Preis im Internet verglichen oder gar bei Ebay bestellten. Es war nicht wahnsinnig viel. Aber beispielsweise waren unsere geswünschten Ikea-Schlaufenschals in keinem Einrichtungshaus der Nähe vorrätig, so dass wir auf einen Ebay-Sofort-Kauf-Anbieter ausweichen wollten. Diese Schals und GENAU diese waren schließlich die einzigen auf der ganzen Welt, auf die sich Herr UND Frau Kasi einigen konnten.

Jetzt hat das aufmerksame Sohnkind mitbekommen, dass überall Wahlplakatte mit schönen oder weniger schönen Politikergesichtern die Straßen zieren. Pädagogisch wertvoll erkläre ich dem jungen Mann, dass Wahlkampf ist und dass alle diese Herren/Damen in den Landtag oder in die Regierung wollen. „Aha“, sagt Peter. „Mit DIESEN Bildern? Hatten Sie keine anderen?“ Ich verkneife mir wenig erfolgreich ein Schmunzeln: „Hmmmm.“ Nach dem üblichen Fragenkatalog – was ist die Regierung? Warum will man da rein? Wie sieht es da aus? Was haben die für Stühle?- kommen wir irgendwann sogar zum Stichwort Sitzverteilung. Das Kind fragt mir nich nur Löcher, sondern ganze Lochreihen in den Bauch. Komplett erschöpft, google ich schließlich noch das Wahlprogramm der Grünen – Peter gefallen die bunten Bilder und die vielen Farben auf deren Plakate so gut. Bevor sich das Sohnkind über sein Müsli hermacht, hat er noch eine quälende Frage im Repertoire: „Kann man Landtagssitze eigentlich auch bei Ebay ersteigern? Dann würde sich das ganze Häckmäck mit der Wahl ganz schnell  erledigen.“ Die Sache mit dem Demokratieverständnis müssen wir noch einmal wiederholen, Kind 2.0.

Der Wackelzahn

Kann das sein? Eben erst – zumindest kommt es mir mit meinem müttersentimentalen Gehirn so vor – hat Peter mit viel Geschrei seine letzten Zähne gekriegt. Und jetzt sollen die ersten schon wieder raus. Der halbe Kiefer des Sohnkinds gleicht von seiner Stabilität her der venezianischen Innenstadt oder den wackligen Bücherstapeln in dem Regal hinter mir. Der Thronfolger verweigert deshalb standfest jegliche feste Nahrung und pocht streng auf die Einnahme von Apfelmus, Griesbrei und Nudelsuppe. Die Baustellen im Unterkiefer machen genussvolles Abbeißen vom grünen Apfel wie einst in der Zahncreme-Werbung („Damit Sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können“) in der Tat nicht leichter. Aber grüne Granny-Smith-Äpfel sind ja wegen der schlechten Ökobilanz – da meistens nicht heimisch – ohnehin etwas aus der Mode gekommen, wo es doch so tolle, rotbackige und vor allem heimische Bodenseeäpfel gibt, die theoretisch nur eine gute Stunde Fahrt von der Insel Reichenau bis Nusplingen bräuchten.

Aber ich schweife ab. Weil Peter ein kleiner Mann ist, leidet er dabei gebührend. Während er, dick eingemummelt in meiner Kuscheldecke in meiner Sofa-Lieblingsecke sitzt (ihm geht es ja schlecht), nuckelt er müde an seinem Kaba: „Mama, weißt Du noch, wie der Michel der Lina den Zahn gezogen hat?“ Klar erinnere ich mich an die Zahn-Episode in Astrid-Lindgrens Lönneberga-Klassiker. Ich erzähle ihm also vom Pferd, dem Faden und Michels Idee, das Pferd könnte den Zahn aus dem Kiefer herauskatapultieren. „Ach ja“, macht Peter einen traurigen Mund, „so würde das bei uns auch enden. Die Lina ist dem Pferd ja nachgerannt wie blöd.“ Stimmt. Ich beruhige meinen gebeutelten Sprössling damit, dass wir kein Pferd haben. Und per se auch kein Dienstmädchen, an dem wir solche Dinge auszutesten gedenken.

Peter sitzt immer noch zahnleidend in meiner Sofalieblingsecke. „Mama“, erkundigt er sich mit geübten „Mir-geht’s-so-schlecht-und-keine-Sau-interessiert-sich-dafür“-Tonfall, „wie hast Du denn Deinen ersten Milchzahn verloren?“ Zugegebenermaßen wenig sensibel berichte ich von einem kleinen Mädchen, dessen linker Schneidezahn unten ebenfalls höllisch wackelte. Weil das kleine Mädchen eine sehr robuste Fünfjährige mit Hang zum Prügeln, zum Auf-hohe-Bäume-Klettern und durch Tiefe-Bäche-Waten war, entschied sie sie sich für eine sprichwörtliche Hauruck-Methode: die große, blaue Rohrzange von Peters Opa Schatz. Damit wurde das winzig kleine Zähnlein höchst erfolgreich aus Frau Kasis blütenweißer Milchzahnreihe gelupft. Die Wacklerei hatte ein schnödes und zugegebermaßen wenig kindgerechtes Ende genommen. Dank der blauen Rohrzahnge.

Peter und Herr Kasi schauen mich beide entsetzt an. „Neee“, sagt mein Gatte, „wie gemein. Und das an einem kleinen Kind.“ Auch mein Sohn ist einigermaßen ratlos – hat er doch einen gutmütigen, mit ihm jeden Spaß veranstaltenden Großvater im Hinterkopf und keinen mit einer Zange bewaffneten, fiesen Zähnezieher: „Mama“, sagt er demzufolge streng, „damit macht man keinen Spaß.“ Ich beteuere kleinlaut, dass dies aber die Wahrheit sei. Außerdem verstehe ich das Getue nicht. Warum auch nicht? Ich hatte danach zwar einen Zahn weniger, war aber des leidvollen „Ich-muss-jetzt-an-dem-Zahn-wackeln-bis-er-wehtut“ erlöst. Das wog den kurzen Schmerzmoment mit der riesigen Rohrzange eindeutig auf.

Eins ist klar. Peter will jetzt nicht wie eine Memme dastehen. Zögerlich fragt er seinen Vater nach einer Rohrzange. Diese findet sich in unserem vom Umzug gebeutelten Haushalt freilich nicht sofort. Wohl aber ein kleines, rotes Zänglein, von dem mein Mann, der gelernte Pädagoge im Haus, wohl annimmt, es sei viel kindgerechter und sozialverträglicher aus die Variante aus den späten 70-ern in Frau Kasis Elternhaus. Gemeinschaftlich machen sich also der mit der Kinderzange bewaffnete Herr Kasi und Frau Kasi als alter Hase an Sohnkinds Kiefer zu schaffen. Der kleine Mann hat den Mund noch nicht recht – zugegebenermaßen eher halbherzig – geöffnet, da brüllt er – wohlgemerkt mit offenem Mund: „Ich glaub‘, ich behalt‘ den Zahn noch ein bisschen.“ Soviel zu Dres. med. dent. Weiger. Schuster, bleib‘ bei Deinen Leisten. Mit und ohne Rohrzange. Wir haben einen tollen Zahnarzt im Ort.

Links abbiegen

Hektik pur! Ich muss zu einem Termin („auf einen Termin“ wie wir Zeitungsmenschen gern sagen, obwohl das natürlich sprachlicher Bullshit ist) – und bin wie fast immer zu spät dran. Frau Kasi hat sich nicht nur im Büro vertrödelt, sondern auch noch telefoniert, einen Schuh geputzt, die Handtasche ausgemistet und das vergessene iPhone aus Sohnkinds Gemälden vom Esstisch geborgen. Im iPhone ist mein Navigationssystem drin. Ich bin unterwegs in eine Kreisgemeinde just am anderen Zipfel des Landkreises. Deshalb habe ich auch ein bisschen Sorge, ich könnte mich verfahren. Sonst passiert mir das immer nur, wenn mir Herr Kasi eine todsichere, absolut leicht zu findende Abkürzung nennt. Das letzte Mal landete ich dabei auf einem Radweg und in einem Weiler, in dem wohl nur Pferde wohnten. Als ich das dritte Mal  mit Höchstgeschwindigkeit an den armen Tieren vorbeifuhr, schauten selbst die Rosse mir verständnislos hinter her. Die schon wieder….

Genau das will ich heute vermeiden. Ich bin zwar spät dran, aber dank modernster Technik in meinem iPhone mit allen schlüssigen Abkürzungen innerhalb des Landkreises versorgt. Huch, laut Navi treffe ich exakt zwölf Minuten zu spät am Zielort ein. Also ordentlich aufs Gas. Zwei Ortschaften weiter habe ich schon vier Minuten herausgefahren. Es klappt alles bestens, ich bin zwar kein besonders versierter Navi-Fahrer, weil meine Isolde (so heißt meine Wegweise-Frau) mir für meinen Geschmack immer einen Tick zu spät sagt, dass ich die Spur wechseln oder jetzt endgültig rechts abbiegen muss. Aber egal. 35 Kilometer weit fahren wir zügig in friedlicher Koexistenz, Isolde, der Rocco und ich. Bis in die Zielortschaft. Ich muss in ein kleineres Wohngebiet irgendwo links am Hang, so viel erinnere ich mich. Mein Orientierungsvermögen ist nicht so ausgeprägt wie mein Schuhtick. Mein Gatte spöttelt gern, man könnte mich im Nachbarort aussetzen, ich würde sicherlich nie mehr wieder heimfinden – und schon gar nicht ohne meine Brille. Gemein, aber wahr. Deshalb blickt mein Rocco fröhlich, als Isolde gebieterisch fordert: „Biegen Sie links ab.“ Wir biegen ab. „Biegen Sie links ab“, die nächste Kreuzung ist nicht weit. Ich blinke also wieder. Das Fachwerkhaus mit den leuchtend grünen Fensterläden kommt mir bekannt vor. Der Mülllaster vor mir auch. Den hatte ich vorhin zielsicher überholt. Aber nanu…. irgendwie beschleicht mich das Gefühl, hier schon einmal gewesen zu sein. „Biegen Sie links ab.“ Aber hallo. Isolde ist heute wirklich beharrlich. „Biegen Sie links ab.“ Ach ja. Da ist ja wieder das schöne Fachwerkhaus. Es hat immer noch leuchtend grüne Fensterläden. Eins steht fest: Hier war ich schon einmal. Und leider nicht nur einmal. Sondern schon dreimal.  Der Augenblick für hektische, rote Flecken am Hals ist gekommen – ich komme mir vor, wie der kleine Bär und der kleine Tiger bei Janosch, die auf dem Weg nach Panama auch immer nur in eine Richtung abbiegen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Isolde leicht verwirrt ist. Oder gibt’s hier Linksverkehr? Ich beschließe, GPS-Isolde zu bemogeln und wende ganz kess. Isolde bleibt sich treu: „Biegen Sie links ab.“ Aber sie hat jetzt gute Nachrichten: „In 100 Metern haben Sie Ihr Ziel erreicht.“ Aha. Ausnahmsweise kann Frau Kasi nichts für diese unfreiwillige Ortstour, sondern das Navi. Immerhin. Dank meiner ständigen Wegesucherei kann ich aber eins perfekt: Wenden in drei Zügen.

Wir haben es nett

Was ist schlimmer als ein kranker Mann daheim? Ein kranker Peter daheim. Ein Peter, der nicht mehr soo richtig kränkelt, aber noch nicht so weit wieder hergestellt ist, als dass er wieder den Kindergarten besuchen könnte. Solch ein Peter hat viele gute Ideen, was die eigene Freizeitgestaltung anbelangt. Dumm nur, dass Frau Kasi arbeiten muss und Herr Kasi ebenfalls. Doch Frau Kasi arbeitet von zu Hause aus. Herr Kasi ist mit frohgemutem Grinsen  und dem fragwürdigen Satz „Mach es Dir schön…“ (!?) soeben abgezogen. Mit quietschenden Reifen versteht sich. Nicht dass ihn noch jemand aufhält. Ich setze auf die Vernunft meines fast Sechsjährigen: „Peter, ich muss noch zwei Sachen fertig machen und bin im Büro.“ Peter nickt. Klar.

Das Sohnkind zu bespaßen, ist eine schöne Aufgabe. Wenn man Zeit hat. Heute habe ich aber keine. Ich arbeite an einem Serienbrief für einen sehr netten Herrn mit viel Geduld und alter Schule. Peter ist schon nach zehn Minuten langweilig. „Mama, wir könnten Kuchen backen.“ Ich entgeistert: „Wann? Morgen?“ Peter hat für dererlei Zeitverzögerung kein Verständnis: „Ne. Jetzt. Du schreibst doch nur. Marmorkuchen? Der schmeckt lecker.“ – Ich: „Mein Kind. Außer Schreiben habe ich nichts gelernt, und damit verdiene ich mein Geld.“ Peter kann das nicht verstehen: „Ist Schreiben Arbeit? Das kann doch jeder, der groß ist.“ Hmmm. Ganz schön scharfsinnig. Stimmt ja eigentlich. Als ich ablehne, Bibi-Blocksberg-Hexenmasken zu drucken und meinen Rechner für eine Runde Benjamin-Blümchen-löscht-das-Feuer herzugeben, drollt sich der Thronfolger beleidigt. Puh. Jetzt wieder mit Hochdruck kreativ sein. Dummerweise habe ich Hunger. Peter übt derweil Melodica. Vierviertel e.

Zehn Minuten und 20 Zeilen später. Das Telefon klingelt. Ein netter Neukunde, der Texte für seinen Webauftritt braucht. Peter indes braucht dringend was zu essen. Und Knete. Und hat keine Lust mehr auf Kranksein. Vor allem aber platzt er mitten in mein Neukunden-Telefonat: „Ein Stern, der Deinen Namen träääääägt…. hooooch am Horizont….“ Höflich aber bestimmt setze ich Ötzi-Junior mit einem energischen Griff und wild gestikulierend vor die Tür, was Peter mit lautem Klopfen und dem freundlichen Nachhaken „Was soll der Mist jetzt?“ quittiert. Ich erkläre dem freundlichen Herrn am anderen Ende der Strippe, dass ich kurz meinen kranken Sohn zur Raison bringen muss. Das mache ich nach Gesprächsende ausgiebig. Anschließend lasse ich Peter seinen Papa anrufen. Dass er sich über mich beklagt, nehme ich gerne in Kauf – so sieht Herr Kasi wenigstens, was ich mitmache. Jetzt gibt es aber erst einmal Mittagessen. Das Kind isst viel, ausgiebig und mit Spaß. Danach macht er Pause und beschallt das komplette Haus mit Elea Eluanda. Ezechiel, die Tröstereule, würde bei mir persönlich heute Abend im Suppentopf landen. Drei Ermahnungen (in steigendem Tonfall und mit anschwellender Lautstärke) später ist Ruhe im Haus. Peter hat sich hingelegt, weil ihm wieder eingefallen ist, dass er ja eigentlich krank ist. Ach stimmt ja. Überflüssig zu erwähnen, dass ich meine Arbeit erst spät abends auf die Reihe bekomme – als Herr Kasi nach etlichen Überstunden endlich heimkommt: „Na, hattet Ihr’s nett?“

Übertragung abgebrochen

Mein Kreditinstitut hat sein Online-Banking umgerüstet. Statt meiner TAN-Liste besitze ich nun einen so genannten „TAN-Generator“, der mir fluchs bei jeder Überweisung eine Tan generiert. Das Ganze ist dann supersicher, vor bösen Menschen geschützt und unglaublich praktisch.

So weit die Theorie. Der TAN-Generator ist aber mein Feind. Dieses kleine, bunte Gerätchen, das eher aussieht wie ein Werbegeschenks-Taschenrechner als wie eine technische Errungenschaft, die einen solch hochfuturistischen Namen verdient hätte, boykottiert mich. Es boykottiert mich nahezu täglich – und mit solch großer Leidenschaft, dass ich versucht bin, das unschuldige Teil in hohem Bogen in die Hagebuttenhecke vor meiner Bürotüre zu schleudern. Bevor Sie fragen: Einen Userfehler schließe ich aus. Der Generator ist so schwer zu bedienen auch nicht. Und schließlich klappt das mit der supersicheren High-Tech-Überweisung ja auch ab und zu. So in einem von zehn Fällen. Nach gut einer Stunde Arbeit an einer (!) Überweisung.

Von meiner Technik – egal ob Telefon, Computer, Handy oder eben Online-Banking – erwarte ich, dass sie funktioniert, wenn ich sie nutzen will. Langes Rädchendrehen oder technische Versuchsreihen lehne ich ebenso konsequent ab wie stundenlange Sessions am Rechner, am besten noch im Staub oder in liegender Haltung  – „Ich hab jetzt wirklich alles probiert…“. Bei mir muss das Zeug seinen ordnungsgemäßen Dienst tun – sonst landet es an einem sehr schlechten Tag im Garten. Wenn ich erbost bin, gehe ich sehr konsequent vor.

Mir fehlt das technische Grundverständnis, um die Sicherheit der einstigen TAN-Zettelwirtschaft komplett anzuzweifeln – klar, böse Buben gibt es im Internet zuhauf. Allerdings war ich schon sehr skeptisch, als  die bunten TAN-Generatoren mit der Post kamen: kleine, nicht zwingend solide gearbeitete Plastikteilchen mit großem Schlitz. In eben diesen muss man seine EC-Karte stecken, wenn man seine Online-Überweisung tätigen will. Man gibt die nötigen Daten ein und hält die ganze Apparatur schräg und nur in einem gewissen Winkel an einen blinkenden Lichtbalken am Monitor, der dem Stroboskop aus dem Physikunterricht ähnelt. Dabei muss man streng darauf achten, dass die blinkenden Pfeile am Balken justiert sind auf zwei Pfeile am Generator. Dann beginnt das Gerät die Übertragung. Bei Frau Kasi funktioniert das am besten stehend in einer Art Embryo-Haltung, leicht gebückt und mit lang gestrecktem Hals – Gründe dafür sind unter anderem geringe Körpergröße, zu geringe Armlänge und viel zu schlechte Augen. Und was passiert trotz so viel Körpereinsatz und diversen verspannten Muskelpartien (tun Sie das mal eine Stunde lang!) regelmäßig? Richtig. Nichts. Doch. Es erscheint der freundliche Satz: „Übertragung abgebrochen.“ Drei Anrufe bei der Online-Banking-Hotline meines Kreditinstitus brachten keine Besserung. Allein der Umstand, dass es fürs Online-Banking eine Hotline gibt, macht mir deutlich, dass das alles nicht so läuft, wie es soll.

Egal. Man beriet mich dort einigermaßen freundlich, ließ aber immer wieder durchblicken, dass es wohl eher ein technischer Userfehler sein müsste. Ich wurde sauer und konterte, dass in jenem unwahrscheinlichen Falle nicht einmal eine von zehn Überweisungen ordnungsgemäß augeführt würde. Danach fragte man mich, ob ich das Licht an hätte. Hallo? Es war Winter und früh am Morgen. „Ja“, sagte ich, „natürlich. Sie nicht?“ „Tjaaaaaa“, sagte die freundliche Hotline-Dame gedehnt, „das ist ja dann klar. Die Lampe blendet die Technik.“ Frau Kasi war dabei, Anstand und Erziehung über Bord zu werfen und musste herb an ihrem Groll schlucken, als sie gepresst sagte:  „Das ist eine absolut blendfreie Tageslicht-Lampe für hunderte von Euro. Mein Mann hatte beim Bezahlen Tränen in den Augen…. Und übrigens: Soll ich im Dunkeln überweisen? Da sehe ich noch weniger als am Tag – bei knapp minus acht Dioptrien.“ Das Frage-Antwort-Spiel ging weiter. „Haben Sie einen alten Monitor?“  Frau Kasi feixend: „Sind gut vier Wochen zu alt?“ Die Dame, nicht mehr ganz so gefasst, wurde ratlos, und ich lief so langsam richtig warm. Mit einer Hand hielt ich, immer noch gebückt, das Telefon, mit der anderen den hiflos blinkenden Generator an den Monitor. Dabei fauchte ich ausgiebig: „Wissen Sie was, stellen Sie mir das Konto einfach wieder auf Papier um wie vor dem Krieg. Dann werfe ich wie früher wieder Überweisungen bei Euch in den Briefkasten. Es kann doch nicht sein, dass Online-Banking heißt, ins Auto steigen zu müssen, um an den nächsten Service-Center in der Bankfiliale zu fahren. Genau das mache ich jetzt seit Monaten.“ Die Bankfrau am Telefon argumentierte indes, Sie hätten eigentlich keine Beschwerden in dieser Sache. Bei den meisten Leuten würde die neue Technik verlässlich funktionieren und solide arbeiten. Unterschwellig stand der Vorwurf im Raum, ob ich regelmßig am Computer… „Ja“, brüllte ich, „jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag. UND DAS VIELE STUNDEN LANG!“ Vorsichtshalber fügte ich an, bei Herrn Kasi funktioniere das Ganze auch nicht. Dieser würde gesondert anrufen. Sie erschrak. Der Satz „Noch so einer…“ hing in der Luft.

„Übertragung abgebrochen.“ Auch diverse Helligkeitsverdrehungen und Monitoreinstellungen später klappte es nichts. Der Generator hatte seine Generatoren-Tätigkeit eingestellt und brach ab. Eigentlich schön, das Geld blieb ja auf meinem Konto. Lange Rede kurzer Sinn: Die Dame erklärte mir dann, das ganze könne man auch „manuell“ eingeben (Super Formulierung, manuell heißt bekanntlich per Hand. Nimmt irgendjemand zum Überweisen die Füße?). Das heißt: Der TAN-Generator fordert statt eines blinkenden Balkens einen ungefähr achtstelligen Start-Code. Danach die gewünschten Bankdaten, und der Generator spuckt anstandslos den notwendigen TAN-Code aus. Zwar viel umständlicher als die unsichere TAN-Liste und weniger futuristisch als der blinkende Disko-Balken, immerhin aber wirksam. Zum Abschied sagte mir die Dame am Telefon, die Sache mit den Balken funktioniere bei so manchem nicht. Die manuelle Eingabe sei durchaus gängig und vielen Kunden ja auch so viel lieber. Haha.