Geldregen

Loses Geld, Kleingeld, liegt auf meinem Schreibtisch. Nicht viel, aber doch zwei, drei, vier Euro. Paulchen kommt ins Büro gehuscht. Ich sehe im Augenwinkel, wie er nach dem Geld greift und schnell die Biege macht.
Ich: „Paul, was machst Du da?“ (Anmerkung: Blöde, rein rhetorische Frage, ich sehe ja, das er mein Kleingeld gemopst hat. Oder zumindest im Begriff ist, dies zu tun.)
Peter: „Paul, sowas darf man doch nicht!“ (Vollkommen korrekt, Peter meint ja das Stehlen ganz grundsätzlich).
Paul (sehr entrüstet, nach Luft schnappend): „DAS STIMMT NICHT, Meeeeno! Ich weiß genau, was man mit Geld macht. Das kommt in mein Sparschwein. Das gehört sich so, PETER!“ Aha. Weißte Bescheid, nicht.

Update: Paul hat sein Sparschwein versteckt. Zur Sicherheit. Damit niemand sein Diebesgut klauen kann. Clever. Das ist der Beginn einer wunderbaren Karriere. Hmpf.

Guido Cantz, wo bist Du?

Wir waren in Urlaub. Frau Kasi, Herr Kasi, zwei Jungs. Was soll ich sagen? Es war schön, sehr schön. Wer in Italien jemals Auto gefahren ist, weiß, dass allein schon das sehr spannend sein kann – ganz ohne Rahmenprogramm.

Wir also in Florenz, an einem brütend heißen Tag. Während Paulchen ermattet in seinem Kindersitz eingepennt ist, Peter sich die Augen aus dem Kopf guckt und Frau Kasi sich angesichts der Schönheit der Stadt schier den Hals verrenkt, schwitzt Herr Kasi am Steuer unseres fast neuen Kombis. Der Arme. Links knattern zwei Vespas im Abstand von exakt zweieinhalb Zentimetern an uns vorbei. Rechts hupt ein Zweiradfahrer erst wild. Dann fuchtelt mit dem linken Arm, während er sich mit dem rechten eine Zigarette anzündet. Weiß der Herr, was er will. Herr Kasi, dem 29 Grad Celsius Außentemperatur ohnehin nicht wirklich sympathisch sind, mag nicht mehr. Er schwitzt. Er hat Durst. Er findet Sightseeing doof. Er blinkt. Das erste Parkhaus, das in Blickweite kommt. Raus aus dem Brutofen Auto. Trotz Klimaanlage ist es echt heiß hier drinnen.

Schon beim Einfahren bereuen wir unsere Wahl. Die zweite Spur der Einfahrt ist komplett zugeparkt. Innen wird es noch schlimmer. Kennen Sie das Spiel „Rush-Hour“? Das Spiel, wo man eingeparkte Fahrzeuge durch clevere Ausparkmanöver und viel Pfiffigkeit befreien muss? Genauso sieht es unten aus. Gefühlt hat das „Parkhaus“ die Größe eines sehr großen Wohnzimmers. Eines Wohnzimmers, in dem schätzungsweise 20 Wagen parken. Wiederum im Zentimeter-Abstand. Und irgendwie auch kreuz und quer. Schlimm für unseren deutschen Ordnungssinn. Vor allem Herr Kasi ist fassungslos.

Ein freundlicher Herr mit Sonnenbrille – warum er diese im Parkhaus trägt, bleibt uns unerschlossen – bedeutet uns, die Scheibe herunterzulassen. Herr Kasi tut dies und sagt mit fester Stimme auf Englisch, dass er wieder raus will. Jetzt und sofort. „Why?“ fragt die Sonnenbrille und fordert: „You give me your key and I will park for you.“ Herr Kasi, auf gut Schwäbisch: „Noi. Im Leba id…“ Der Herr erklärt noch einmal, wir könnten in Ruhe shoppen, er würde „the car“ für uns einparken und aufbewahren. Aha. Herr Kasi mag nicht mehr und verweist mit deutscher Arroganz darauf, dass ihm das Parkhaus zu klein sei. Der Brillenträger kontert lässig: „No. Your car is just too big.“ Mittlerweile ist Paulchen aufgewacht. Denn Peter gackert fröhlich: „Noi. Im Leba id. Das hat er sicher gleich verstanden.“

Weil beide im Leben wohl parktechnisch wohl keine Freunde mehr werden – „denk‘ mal, meine tollen Felgen…“ – setzt Herr Kasi todesmutig an zum Wenden. Der Brillenträger fuchtelt aufgeregt. Nein, er werde ihn doch gern dirigieren… wo das Parkhaus doch so klein sei. Herr Kasi hat endgültig genug gesehen von der Florentiner Unterwelt: „No, thank you. I have a…“ Weil ihm in der Hitze des Gefechts Worte wie „Park Assist“ oder „Park Pilot“ aktuell nicht mehr einfallen wollen, greift er aufs Lautmalerische zurück: „A beep… you know…“ Peter ist einem Asthma-Anfall nahe und lacht unpassenderweise Tränen. Paulchen singt: „I have a beep…“ auf die Melodie von „YMCA“. Ich schäme mich, weil ich ebenfalls lachen muss. Die Situation ist so skurril und komisch und erinnert fatal an Mister Bean. Oder wenigstens an die „Versteckte Kamera“. Guido Cantz, wo bist Du?

Im Hinausfahren entdecken wir, dass das „Park-Wohnzimmer“ horrend teuer gewesen wäre. 200 Meter weiter parkt Herr Kasi – ganz klassisch – am Florentiner Hauptbahnhof. Zu einem erträglichen Stundensatz, zumindest für eine Touristenstadt. Und vor allem ganz ohne Beep-Einsatz.

Was für eine coole Type

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich mag das Internet. Ich bin nicht technikscheu. Ich habe ein Facebook-Profil. Ich google, wenn ich etwas nicht weiß, und ich liebe auch mein Smartphone heiß und innig. Dennoch treibt mich diese digitalisierte Welt stellenweise in den Wahnsinn. Weil ich Dinge erfahre, die ich eigentlich gar nicht wissen will. Mir ist natürlich klar, dass ich mich als Bloggerin angreifbar mache, weil ich ja selbst schonungslos aus dem Nähkästchen plaudere. Vermutlich will nicht jeder wissen, dass Paul keine Rosinen mag und Peter beim Schneeschippen nasse Füße bekommen hat. Ich selbst mag die tollen Reisebilder meiner ehemaligen Kollegin, die mir die große, weite Welt ins Büro zaubern. Ich lese gern von meinen Jahrgängerinnen und ihren Kindern. Ich freue mich darüber, mit alten Abi-Kollegen Kontakt zu halten.

Aber: Mein ehemalige Nachbar postet ein Foto seines Mittagessens. Schön, jetzt weiß ich, dass seine Frau formidable Linsen und Spätzle gekocht hat. Zum Nachtisch hat er Pudding gegessen und eine Tasse Kaffee getrunken – super Sache! Für kleine Königstiger war er dann auch noch. Aber: Wäre ich ohne dieses Wissen ärmer? Vermutlich nicht. Das große Sohnkind brachte es kurz und knackig auf den Punkt: „Mama, die meisten kochen heutzutage doch eh nur, weil sie ihr Gekochtes bei Facebook zeigen wollen. Nicht etwa, weil sie Hunger haben.“ So gesehen muss man dem Herrn für seine gut bürgerlichen Linsen und Spätzle wohl noch dankbar sein. Das Montags-Mittagessen hätte ja durchaus Filet vom Bergschaf an Nussschäumchen mit zartem Gemüsereigen sein können. Genauso treibt mich als Schreibmamsell um, wer diese ganzen Lebensweisheiten verfasst, die rund um den Globus geteilt, gepostet oder verschickt werden. Vermutlich sitzen in einer Schreibstube 260 freiberufliche/arbeitslose Journalisten, die sich Allerwertesten ablachen über Sätze wie: „Teile dies, wenn Du stolz auf Deine grünen Vorhänge bist.“

Eine Bekannte aus Kindertagen hat das Schwimmen für sich als Sport entdeckt. Jeden einzelnen Tag darf ich – dank einer wundervollen App und sozialer Netzwerke – lesen, wie viele Kilometer sie in welchem Tümpel/Bad geschwommen ist, wie sie sich dabei fühlt und wen sie in den Schwimmhallen dieser Welt trifft. Ganz ehrlich? An einem schlechten Tag regt mich das tierisch auf. Nicht, weil ich gern mehr Zeit hätte, um selbst mehr Sport zu treiben, sondern weil ich diese Poserei nicht mag. Würde sich ein Mensch auf die Straße stellen und der vollen Fußgängerzone zurufen: „He Ihr da, schaut an, wie heiß ich bin? Ich bin heute schon 289 Kilometer geschwommen und atme immer noch flüssig?“ Vermutlich eher nicht. Offen gestanden überlege ich, die Pragmatikerin, angesichts der Marathon-Schwimmstrecken, woher diese Menschen ihre Zeit nehmen. Haben die keine Socken zu waschen? Oder Wäsche zu falten? Man weiß es nicht.

Deshalb teile ich der Welt jetzt hochoffiziell mit: Soeben fünf Belege abgeheftet. Meinen Steuerberater angemailt. Ein Deutsch-Heft geklebt. Zwei Ladungen Kochwäsche durch die Trommel gejagt und kleinen Sohn in den Schlaf gesungen mit Udo Jürgens. Mensch, was bin ich für eine coole Type. Aber echt.

Die Dominanz der Michaels

Ich habe eine geheime Leidenschaft für Zollstöcke, also für das, was auf gut Schwäbisch „Meterstab“ oder kurz „Meter“ heißt. In meinen diversen Schreibtisch-Schubladen finde ich aktuell drei. Einen weiteren trage ich immer in meiner Handtasche, noch einen in meinem Kamerakoffer, und auf meinem Fototisch liegt nochmal ein „Meter“. Klingt absurd? Nein, nicht wirklich. Meine Meterstäbe brauche ich recht oft: Wenn ich mir ein Fotoformat „verbildlichen“ muss, hilft er mir. Oder wenn eine Kundschaft Fotos „aus einer Höhe von etwa 1,60 Meter“ wünscht. Und wenn ich schauen will, wie groß eine Anzeige von 9,2 mm auf 13,5 mm gedruckt ausfallen wird. Oder ganz einfach, wenn ich bei Ikea stehe, und nicht so recht weiß, wie breit das neue Büroregal sein soll. Außerdem kriegt man mit einem ordentlichen Meter, ruckzuck, ein Bier auf. Nicht dass ich das jemals getestet hätte.

Gestern habe ich beim Einkaufen ein Regel mit besonders schicken Meterstäben entdeckt. Mit einer zarten Holzbrennerei – dem eigenen Vornamen! Toll, dachte ich, das ist endlich einmal was für mich! Für mich und meine geheime Meter-Schwäche! Genervt war ich obendrein, von dem ganzen Weihnachtsgedöns in den Läden und dem unsäglichen „Last-Christmas“, das im ganzen Land aus den Boxen dudelt. Ich suchte an dem Meter-Stand also eifrigst unter „K“. „K“ wie „Katja“ oder „Kasi“. Nach längerem Ständer-Kreiseln dann der Schock: Natürlich gab es die Meterstäbe mit personalisiertem Namenszug nicht für Mädels, klar, sondern nur für Männer. Hallo, Frau Kasi, jemand zu Hause?! Für „Michael“ gab es beispielsweise gleich zwei Schuber voll Zollstöcken, dazu kamen noch „Mike“ und „Micha“ als Kurzformen. Ich finde, aber mal ganz ehrlich, angesichts dieser Dominanz der „Michaels“ wäre durchaus noch Raum für ein „Kasi“-Fach gewesen.

blog

Was willste machen…

Schon häufiger habe ich über meine große Liebe zum VfB Stuttgart gebloggt. Und darüber, welchen Kummer sie manchmal mit sich bringt und welche potenzielle Leidensfähigkeit sie voraussetzt. Heute nähere ich mich dem Thema einmal von einer ganz anderen Seite: und das ist die Sache mit dem Aberglauben, und das hat gar nichts mit schwarzen Katzen, zerbrochenen Spiegeln oder Schornsteinfegern zu tun.

Denn Fußballfans – und Kicker – sind häufig sehr abergläubische Menschen. Als mein Gatte noch aktiver Kicker war (also öfter als einmal im Monat den Rasen betrat), zog er vor den Spielen die Stutzen inmmer in der gleichen Reihenfolge an. Erst rechts. Dann links. Gleiches Prozedere bei den Schuhen. Erst wurde rechts gebunden, und dann links. Als er selbst A-Jugend-Trainer war, aßen seine Jungs vor den Spielen immer Schoko-Erdnüsse, die er stets in einer hohen Dose in seiner Sporttasche aufwahrte und deren Füllmenge er samstags sorgfältig kontrollierte. Einmal hatten die Jungs nach dem Genuss solcher Schoko-Nüsse überragend gewonnen… Deshalb blieben die Nüsse auf Monate Teil eines diskutierfähigen Spielvorbereitungs-Konzepts, und vermutlich halten wir bis heute Anteile an der verantwortlichen Schoko-Nuss-Firma. Ganz nach dem Motto: „Never change a running system.“ Verstehen Sie doch, oder?

Wenn wir also ins Stadion fahren, überlegen wir immer, wie die letzte Partie war und was wir angehabt hatten. Roter, weißer oder schwarzer Dress? Welche Mütze? Was drunter? Daraufhin wird dann die aktuelle Garderobe abgestimmt. Mit leichtem Ekel erinnere ich mich an ein rotes VfB-Polo, dass ich 2007 – bis zum Meistertitel – wochenlang aus Aberglauben nicht mehr waschen konnte… Was willste machen? Aus der Nummer wäre ich ja nie mehr rausgekommen. Kennen Sie die lange und traurige Geschichte von Onkel Herbert? Onkel Herbert ist der Onkel von Kabarettist Frank Goosen. Er und eine fiese Darmgrippe tragen dem Vernehmen nach Schuld, dass Schalke einst nur Meister der Herzen wurde und nicht echter Meister… Aber das ist eine andere Geschichte, die Onkel Herbert mit sich ausmachen muss.

Am Samstag erlebten wir vor dem 4:5-Auswärtssieg in Frankfurt, den wir bibbernd vor dem Fernseher verfolgten, gefühlsmäßig eine echte Achterbahnfahrt. Dabei begann alles ganz ideal. Sohn 1 und ich schauten Fußball. Der VfB führte überraschend 1:3. Komfortabel und vergleichsweise deutlich. Weil wir als VfB-Fans allerhand gewöhnt sind, waren Sohn 1 und ich nicht wirklich gelassen. Exakt in dem Augenblick, als Frankfurt den 2:3-Anschlusstreffer landete, fuhr Herr Kasi bedauerlicherweise sein Auto in den Garagenhof. Sohn 1, angespannt wie eine Gitarrensaite, rannte zum Fenster und schrie seinem verdatterten Erziehungsberechtigten entgegen: „Hast Du nicht noch was zu erledigen? Du bringst Unglück!“ Herr Kasi maulte zurück und räumte noch in der Garage herum. Frankfurt glich aus: 3:3. Gab es sowas? Peter, kreideweiß. Wieder schreiend am Fenster: „FAHR‘ VOM HOF! FAHR‘ VOM HOF! BESUCH‘ OMA! Mit Dir wird das heute nix!“ Herr Kasi verzog sich schimpfend unter die Dusche, immer noch leicht verdattert. Vermutlich dachte er aber an seinen eigenen Aberglauben. Das Unfassbare geschah. Frankfurt ging in Führung. 4:3. Peter raste vom Bezahl-TV nach oben ins Bad, Wuttränen in den Augenwinkeln: „DU BIST SCHULD!!! Diesen Dreier hast DU geopfert!“ Der Rest seines Satzes, der sich irgendwie nach: „Wir haben doch geführt…“ und „So ein Sch….“ anhörte, ging in einer nicht ganz jugendfreien Schimpftirade unter.

Herr Kasi bewahrte, ich war so stolz auf ihn, die Haltung: Sohn 1 hat diesen Ausbruch überlebt. Das lag vermutlich daran, dass der Verein unserer uneingeschränkten Zuneigung die Partie abermals drehte und noch 5:4 gewann. Jetzt muss der Gatte halt samstagmittags zur besten Fußballzeit immer duschen, der Ärmste. Was willste machen.
PS: Sohn 1 hat sich bei seinem Vater selbstverständlich entschuldigt.

Peter Maus

40 – bitte helfen Sie mir über die Straße

„Herzliche Einladung zum 40er Ausflug.“ Als ich die Einladung meiner Jahrgänger zu einem gemeinsamen Auflug im Briefkasten hatte, fuhr es mir durch Mark und Bein. Geschrieben sah mein runder Geburtstag, ganz in echt, noch viel älter aus. Ich fühlte mich, als hätte ich eine dieser scheußlichen Geburtstagskarten mit goldener 70 und Kränzchen drumrum erhalten, als hätte soeben der Ministerpräsident (oder wer auch immer) sein Kommen „bei der rüstigen Jubilarin“ angekündigt oder zumindest die Stadtverwaltung einen Geschenkkorb mit Klosterfrau Melissengeist und Tai-Ginseng geschickt. Was mir einen Schreck einjagte, war aber die Einladung wirklich netter Jahrgänger zu einer Bierprobe in geselliger Runde*.

Ich beschloss, das Alter künftig zu ignorieren und den 40. Geburtstag weit weg zu schieben – so wie früher ein Kleist-Referat oder eine Mathe-Arbeit über Wahrscheinlichkeitsrechnung. Oder sollte ich mir ein T-Shirt kaufen, auf dem steht: „Ich bin 40, bitte helfen Sie mir über die Straße?“ Ein destruktives Buch mit dem Titel: „40 Jahre – wenn das Beste schon hinter einem liegt?“ Oder womöglich ein Wandtattoo mit der Aufschrift „1974. Made in Germany.“ Sie glauben gar nicht, was der Internethandel für Schmankerl zum 40. Geburtstag bereit hält. Ich jedenfalls bin stolz auf mich. Ich bin angesichts dieses Ereignisses, das eine Schwäbin von Haus aus zu Gescheitheit verpflichtet, eher entspannt als depressiv. Ich habe mir keine neue Faltencreme gekauft (aber eine neue Haartönung, psst). Ich habe mich damit abgefunden, dass ich halt nicht mehr aussehe wie mit 15. Betrachte ich alte Fotos aus jener Zeit, bin ich sogar geneigt zu sagen: „Zum Glück.“ Ich brauche gefühlt fünf Stunden Schlaf pro Nacht mehr als einst, und wenn ich einmal am Samstagabend irgendwo „verhocke“, dauert es schätzungsweise bis Donnerstag, bis ich wieder auf Spur komme.

Aber das Alter hat ja auch durchaus seine guten Seiten. Ich kann dem Bo-Frost-Mann freundlich und bestimmt sagen, dass ich kein „Weinchen“ bei ihm kaufen will und auch kein Tiramisu. Früher hätte ich mir sicherlich wenigsten eine Tüte Prinzessbohnen für das schlechte Gewissen aufschwatzen lassen. Ich weiß, dass ich vieles im Leben nicht mehr brauche – manches hat man einfach schon gehabt, und es war nicht gut. Ich habe es schon einmal erwähnt, dass mir lila Haare nicht stehen. Und wenn ich am Samstagabend mit meinem Großen Harry Potter gucke, ist das Gefühl, dass Wochenende ist, ich auf dem Sofa liege und NICHTS verpasse, unbezahlbar. Ehrlich.

*PS: Der Ausflug war wirklich ein klasse tat, und es tat auch gar nicht weh, bei einem 40er Ausflug zu sein. Aber da war ich, ganz genau genommen, ja auch noch 39.

Lila Haare und jede Menge Chucks…

Wie war das – damals im Jahr 1994? albmagazin-Mitarbeiterin Katja Weiger ist zum 20. Jubiläum des albmagazins auf eine spannende Spurensuche gegangen. Und zwar höchstpersönlich: im eigenen Leben. Da passt es ganz gut, dass sie 2014 selbst einen Runden feiert. Welchen, dürfen Sie erraten…

Im Herbst 1994, als das albmag das mediale Licht der Welt erblickte, hatte ich mein Abitur gerade so hinter mir. Dokumentiert wurde dies nicht nur im Abschlusszeugnis, sondern auch in der tieforangefarbenen Abizeitung unseres Jahrgangs. Unter dem pixeligen, unscharfen Schwarzweiß-Foto der kleinen Brünetten mit der wirren Lockenfrisur steht: „Notorische Zu-Spät-Kommerin“. Die kastenförmigen Autos, die in diesem Heft beworben werden, gelten heute als „Youngtimer“ und waren gleich bunt wie die beliebten Swatch-Uhren jener Zeit.

Die kleine Brünette war auf jeden Fall sehr froh. Froh darüber, die Schulzeit mit Juso-Treffen, Freistunden im „Fliegenden Holländer“ und Tropi-Besuchen hinter sich gebracht zu haben. Meine Eltern nahmen freudig zur Kenntnis, dass ich nach dem Abi überraschend konservativ agierte. Anstatt die Welt unsicher zu machen, hatte ich mich für ein Volontariat bei einer Lokalzeitung entschieden. Dieser bodenständige Background, so frohlockten Mama und Papa, würde es künftig wohl nicht mehr zulassen, dass sich das Töchterlein progressiv die schwarzlila Lockenmähne einseitig abrasierte und die ausrangierten Karo-Sakkos des Vaters auftrug. Vorsichtshalber sortierte meine Mutter die ältesten Converse-Chucks und ein paar Löcher-Jeans gleich weg. Dass man mich bei der Lokalzeitung sofort nahm, werteten sie wie ich als Glücksfall. Genauso den Umstand, dass ich endlich mit dem Geld verdienen konnte, was ich offenkundig am liebsten tat: Schreiben. Neben Fußballgucken und Lesen meine Leidenschaft.

Während ich bei der Presse mit knapp 20 Jahren lernte, wie man ohne „Filterbruch“ die prähistorische Redaktions-Kaffeemaschine bedient und nicht jeden Satz mit „Ja aber…“ beginnt, starteten viele meiner Abi-Kollegen ihre Universitätslaufbahn. Mir war egal, dass ich von der Welt nicht viel mehr sah außer Gemeinderatssitzungen oder Kinderferienprogrammen mit Batik, Indiaka und brüllender DJ-Bobo-Musik. Treu begleitete mich in jener Zeit mein weißer Seat Marbella, an dem nur der Name wirklich spanisch-feurig war. Er hatte 34 PS und trug ironischer Weise rote Rennstreifen.

Als die Technik laufen lernte:
Lehrstunden in Sachen Kaffee

Mich störte es nicht, dass ich mir an meiner alten Schreibmaschine die Finger brach, wenn man das Farbband wechseln musste und das Redaktions-Radio keine Antenne mehr besaß. Vermutlich hasste es „Ace of Base“ oder „Rednex“ genauso innig wie ich. Was ich jedoch abgöttisch liebte: den Zeitungskosmos der 90er Jahre. Ich lernte viel; außerdem durfte ich abends immer den Sportteil Korrektur lesen. Und ich schrieb natürlich. Jeden Tag und über alles. Und ich träumte davon, die Welt zu verändern. Im Idealfall besser zu machen.

Das jedoch musste mit rudimentären technischen Voraussetzungen geschehen. Wir nutzen zum Zeitungsmachen alte Schreibmaschinen und ein Fax, das nur funktionierte, wenn man ab und zu beherzt auf den Deckel haute. Dazu gesellte sich eine Mini-Dunkelkammer, in der ich mir als Grobmotorikerin regelmäßig die Klamotten mit Entwicklerflüssigkeit einsaute. Abends reiste ein netter Kurierfahrer an, der die entwickelten Negative abholte und als Formel-1-Fan stets fragte: „Frollein, ham‘ ses Rennen jesehen?“ Zur Selbstverwirklichung, so dachte ich damals in jugendlichem Leichtsinn, würde ich später noch genug Zeit haben. Mir reichten zum Glücklichsein meine Arbeit, meine die Rolling-Stones-CDs und viele Bücher. Die glitzernde Girlie-Mode, die Mitte der 90er populär wurde, fand ich affig und nur schwer zu ertragen. Ich trug weiter am liebsten Jeans (ohne Löcher!) und Chucks in allen Farben. Mittlerweile hatte ich sogar ein Paar aus schwarzem Leder. Wie dekadent.

Die Monate vergingen. Nach zwei Jahren war meine Ausbildung beendet. Anfängliche Überlegungen, nach dem Volontariat studieren zu gehen, zerstoben im Wind. Erstens wusste ich damals, 1996, wirklich nicht, was ich hätte studieren sollen. Zweitens lockte eine Redakteursstelle in Ebingen. Ein Heimspiel. Ich sah meine Stammkneipen wie das „TomTom oder den „Trödler“ wieder. Außerdem wohnte ich zentrumsnah. Juso-Meetings besuchte ich keine mehr. Die Hoffnung, dass Helmut Kohl irgendwann einmal nicht mehr deutscher Kanzler sein könnte, hatte ich aufgegeben.

Der goldene Oli und die Rückkehr
von Musik, die keiner hören will

Fußballtechnisch gab es Höhen und Tiefen. Oli Bierhoff schoss Deutschland 1996 mit seinem legendären „Golden Goal“ zum Europameister-Titel. Mein VfB Stuttgart wurde im Jahr darauf mit Jogi Löw als Trainer Pokalsieger. Damals war Jogi, der heutige Weltmeister-Trainer, ausschließlich Trainer ohne Model-Attribute. Überhaupt die Mode in den 90ern… Wenigstens fiel ich in einer Zeit, in der Dauerwellen en vogue waren, mit meinem widerspenstigen Locken nicht mehr auf. Die deutsche Nationalmannschaft vergeigte bei der WM 1998 in Frankreich das Viertelfinale gegen Kroatien. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen? Doch. „Modern Talking“ fand wieder zusammen und brachte ein neues Album heraus, das ausgerechnet „Back for Good“ hieß.

Während die Welt kollektiv bei Jauchs neuer Sendung „Wer wird Millionär“ fieberte und Talkshows immer populärer wurden, gingen die Rolling Stones 1999 zum gefühlten 157. Mal auf Tour. Auch in meinem Leben veränderte sich nicht mehr viel. Es steckte irgendwie in einer Sackgasse und wiederholte sich, ähnlich wie die Abschiedstouren der Stones. Als einer meiner liebsten Schulfreunde bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, begriff ich endlich, dass auch meine Zeit auf Erden begrenzt ist. Die Idee eines Studiums geisterte wieder durch meinen Kopf. Ich recherchierte im Internet – wie sehr ich dieses Medium lieben gelernt hatte! – und las vom Journalistenkolleg an der FU Berlin. Ohne lange zu überlegen, schrieb ich eine Email – auch diese Art der Kommunikation hatte ich zu schätzen gelernt – und bewarb mich. Ich wurde genommen. Yeah!

Berlin war in jener Zeit der Jahrtausendwende, die übrigens nicht die prognostizierten Mega-Abstürze gebracht hatte, ein Melting Pot. Ein flirrendes, lebendiges Zentrum, das mir als Landkind das erhoffte Kontrastprogramm und neue Kontakte bot. Während ich emsig neben dem Job her büffelte, verabschiedeten wir unsere gute, alte Mark und bezahlten fortan in Euro. Das gab jedem Broteinkauf einen Hauch von Urlaubsflair, wegen der Umrechnerei. Ich träumte wieder – und zwar von einer beruflichen Veränderung in Richtung Großstadt. Doch wieder wurde alles anders.

Denn im Jahr 2001 war, sozusagen auch als Neu-Kontakt, mein heutiger Mann ins Spiel gekommen. Für meinen Arbeitgeber musste ich damals nach Polen reisen, um über einen Gemeindeaustausch zu berichten. Blöderweise hatte ich mir drei Tage vorher beim Inlineskaten den Zeh gebrochen. Ich trug eine schicke Schiene und diverse Pflaster im Gesicht. Meinen heutigen Gatten, der als Musiker mitfuhr, störte das nicht. Heute sind wir zehn Jahre verheiratet und haben zwei tolle Jungs: Peter und Paul, neun und zwei Jahre alt.

Das „Sommermärchen“ macht Lust…
auf Schwarz-Rot-Gold

Was soll ich sagen? Nach Peters Geburt habe ich meine feste Redakteursstelle aufgegeben und gegen die Selbständigkeit eingetauscht. Kurz vor dem deutschen „Sommermärchen“ 2006 und jener sensationellen Fußball-WM mit ihren schwarz-rot-goldenen Fanmeilen. Der Alltag einer Zeitungsredaktion schien mir nicht kompatibel zu sein mit einem Baby daheim. Deutschland bekam seine erste Kanzlerin, während wir uns mit vagen Hausbau-Gedanken befassten. Und als wir 2011 den Garten unseres Eigenheims anlegten, hatte das „Ländle“ einen grünen Ministerpräsidenten.

Erraten. Manche Revolution fand im Stillen statt, manche gar nicht. Ich arbeite bis heute mit großer Leidenschaft, aber nach wie vor freiberuflich – und seit vielen Jahren für das albmag. Ich trage immer noch gerne Chucks, liebe die Toten Hosen und Stadionbesuche! Nur dass uns zu den Hosen-Festivals und den VfB-Spielen der Große, Peter, begleitet. Das Jetzt: kurz nach Maracanã und dem vierten deutschen WM-Stern. 20 Jahre nach meinem Abitur und kurz vor dem bösen 40. Geburtstag. So what?

Denn wenn jetzt der kleine Paul morgens in mein Bett krabbelt und leise flüstert: „Maaama…. haaaaalllo… püsssen…“, weiß ich, dass ich das Meiste in meinem Leben richtig gemacht habe. So wie das albmag auch! Herzlichen Glückwunsch!
PS: Lila Haare stehen Ihnen nicht.

Quelle: http://www.albmagazin.de/

1 70er Jahre Schick

Schneller als ein Ferkel blinzelt

„Da könnte ich gleich einen Sack Flöhe hüten…“ Wie oft habe ich das von meiner eigenen Mama gehört, wenn ich wieder einmal auf dem Wochenmarkt ausbüchste (Fundort: Wurststand) oder mal eben in High Heels die Zugangsstraße zu unserem Wohngebiet abschritt. Wohlgemerkt: NUR in Mamas High Heels, also splitternackt, am Sonntag, morgens um 7 Uhr und mit zweieinhalb Jahren. Ich war damals wohl das, was man als „sehr lebhaft“ oder weniger freundlich als „Rabauke“ beschreiben könnte. Nichts und niemand war vor mir sicher.

Als mein Großer in jenem Alter war, war er diesbezüglich weniger draufgängerisch, sondern ein eher vorsichtiges Kind. Peter war nicht direkt ängstlich – ihm wäre es aber nie in den Sinn gekommen, morgens um 7 Uhr spazieren zu gehen und noch dazu alleine. Er hat in jener Zeit eher den Fernsehapparat angeschaltet, nach Bob Baumeister gesucht oder nach Benjamin Blümchen, sämtliche Fernbedienungen auseinander genommen und wieder zusammengebaut. Paul ist anders: Paul haut öfter ab als mir lieb ist – an und für sich müsste man ihm dauerhaft eine Notfall-Nummer um den Hals hängen. In Bruchteilen von Sekunden ist Paul weg. Wie sagte es einmal Astrid Lindgren? Schneller, als ein Ferkel blinzelt.

Egal ob er bei Nachbars durch die Terrassentür ins Wohnzimmer einsteigt („Hat Würstle gebt, Mama…“) oder die Straße hinaufläuft zur anderen Nachbarin („Paul Eis kriegt…“) oder beim Einkaufen, haste-es-nicht-gesehen, zwei Gänge eher abbiegt, während Mama unentschlossen vor den Joghurts steht: Paul bekommt ohne elterlichen Geleitschutz seltsamerweise nie Panik. Wir als Eltern schon. Es ist definitiv ein Super-GAU: eine höllische Freizeitbade-Insel (die ich eh wie die Pest hasse). Ferien. Und plötzlich fehlt der Kleine, weil Peter uns kurz demonstriert, wie toll er den Köpper kann und wir eben mal nicht richtig geguckt haben. Paul kommt kurz darauf mit zwei älteren Damen wieder ums Eck‘, die uns beglückwünschten zu einem so süßen Kind: „Und so freundlich!“ Ich, kurz vor der Schnapp-Atmung und leicht hyperventilierend, stammle mit Tränen in den Augen ein kurzes „Dankeee“. Und Paul? Winkt fröhlich und ruft: „Tsüsss, Ihr Ommas…“ und fragt sicherheitshalber noch einmal: „Sokolade?“ Man weiß ja nie.

Was ich Ihnen sagen will? Als junge Frau habe ich mich oft gefragt, wie es meine Eltern zulassen konnten, dass ich so viel aushecken konnte. Die Spalte in meinem gelben Kinderalbum, in der steht: „Das habe ich schon angestellt…“ ist nicht nur prallvoll, sondern wurde umfänglich durch Ankleben von Extrapapier verlängert. Gefragt nach Anekdoten mit ihrer einzigen Tochter, hätte meine Mutter wohl spontan eine Vortragsreihe im Vhs-Saal organisieren können. Oft habe ich gehört: „Das ging so fix bei Dir… wir waren einfach nicht schnell genug…“ Und ich? Konnte das nie verstehen. Wie kann ein Kind aber auch in der Garage Reifentürme hochklettern? Das Unverständnis dafür blieb – auch als Peter längst schon auf der Welt war. Ich nahm irgendwie an, dass alle Kinder so vernünftig sind wie mein Großer. Heute muss ich meinen Eltern jeden Tag mehrfach Abbitte tun. Wenn Paul mal eben (während eineinhalb Minuten Zähneputzen) vier Dymo-Bänder abwickelt. Oder 30 Filzstifte auseinanderbaut. 55 Kuscheltiere aus seinem Zimmer in den Flur wirft. Oder eben, wenn er bei Nachbars seelenruhig Würstchen isst und ihn drei Mann suchen. Seit Paul da ist, wiege ich deutlich weniger als vorher, weil ich irgendwie immer in Bewegung und Alarmbereitschaft bin. Gestern war ich ganz ohne Kinder eine Stunde lang einkaufen. Es war höllisch langweilig.

Working Mum

„Du hast es gut. Du kannst Dir Deine Zeit frei einteilen.“ Wie oft ich das schon gehört habe! An und für sich stimmt es ja auch. Ja. Ich kann mir meine Zeit frei einteilen. Ja. Ich kann spontan etwas anderes einschieben, kurz zu einem Elterngespräch in die Schule gehen oder etwas Dringendes einkaufen. Oft denke ich, dass ich meine Berufstätigkeit mit starren Arbeitszeiten nie im Leben geregelt bekommen würde. Ich ziehe vor jedem den Hut, der das tun muss. Aber:  Auch meine Freiheit hat ihre heimliche Kehrseite. Denn jeder setzt voraus, dass ich mich und meine Arbeit permanent „frei“ gestalte, sprich: Das regle, was andere nicht schaffen können oder nicht wollen. Dazu kommt, dass ich von zu Hause aus arbeite. Ich liebe mein Büro im Soutterrain unseres Hauses. Ich kann kurz hoch, um mir etwas zu essen zu machen. Ich habe keine Anfahrtsstrecke, spare Benzin und Geld. Ich kann nebenher mal so eine Waschmaschinen-Ladung laufen lassen oder den Trockner ausschalten. Viele Vorteile.

Aber: Ich bin für jeden immer greifbar und daheim – egal für wen und egal für was. „Du bist ja daheim. Du kannst das kurz erledigen.“ Gern betone ich dann: „Ja. Vom Büro aus.“ Mein Homeoffice, das denke ich oft, wird eher als „Home“ als als „Office“ wahrgenommen. Stört mich normalerweise nicht. Allerdings sticht es mich gewaltig, wenn mich selbst Nahestehende fragen: „Warst Du heute mal wieder im Büro?“ Das fragt meinen Mann doch auch niemand! Ja, möchte ich dann brüllen. So wie JEDEN Tag! Wenn ich zum 124. Mal etwas erledigen soll, für wen auch immer, einzig aus der Motivation heraus, ich sei ja daheim, reagiere ich mitunter angefressen. Außerdem: Wenn jemand tatsächlich „daheim“ ist, egal ob als frischgebackene Mama oder als Rentner, hat er verständlicherweise auch keine Lust, immer all das zu tun, wozu anderen nicht der Sinn steht….

Manch einer weiß übrigens auch gar nicht, dass ich arbeite. Stört mich nicht. Soll er doch. Wenn blöde Sprüche über Frauen fallen, die ja eh bloß zum Kindergarten oder Einkaufen fahren und das Geld des Mannes ausgeben, beiße ich in jedem Fall zurück. Denjenigen sei ans Herz gelegt, es im Selbstversuch einmal zu testen, drei Tage lang ein backenzahnendes Kleinkind mit Fieberschüben und Brechattacken zu beschäftigen. Das ist anstrengender als eine dreitätige Messe. Glauben Sie mir. Ein Tag lang nur im Büro ist für mich manchmal wie Erholung :-). Psst.

Üblicherweise bin ich also morgens fest im Büro, wenn Peter in der Schule ist und Paul im Kindergarten. Um 12.45 Uhr hole ich den Kleinen ab – damit endet meine Vormittagspräsenz. Mittags bin ich – je nach Mittagsschlaf von Paulchen – normalerweise auch im Büro. Wenn ich gekocht und aufgeräumt habe. Wenn alle Buben daheim sind. Nur: mittags schläft Paulchen immer kürzer. Meine festen Arbeitszeiten sind also so zwischen 8.30 Uhr und 12.30 Uhr. Ganz grob. Es empfiehlt sich für mich nicht mehr, die Mittagsschläfchen als feste Büro-Zeit einzuplanen. Das endet in Nachtschichten und großem Frust. Ach ja. Überflüssig zu erwähnen, dass Peter als Drittklässler ab und an auch meiner Hilfe bei Hausarbeiten oder Referaten bedarf. Und sei es nur, weil man mal wieder gucken muss, ob der Schulranzen noch vollständig ist oder alte Pausenbrote in Tupperdosen vor sich hin modern.

Jeder, der Familie hat, weiß, dass da nicht immer alles gerade laufen kann. Der Große muss krank aus der Schule abgeholt werden. Der Kleine hat die ganze Nacht gehustet und kann gar nicht erst gehen. Zu allem Überfluss hat der Mann selbst einen frühen Arzttermin. Wer fängt das? Klar. Ganz oft ich. Weil der Gatte Urlaub nehmen müsste oder Fehlzeit. Weil der Gatte, der seine Arbeit übrigens auch sehr mag, schon genug tut und selbst oft am Limit läuft.

Allerdings sei vorsichtig und ohne Vorwurf anzumerken, dass sich Redaktionsschluss und Abgabetermine verständlicherweise nicht nach kranken Kindern oder Arztbesuchen richten können. Außerdem kann ich als berufstätige Mutter von niemandem ernst genommen werden, wenn ich ständig Fristen verschieben muss oder Termine absage. Deshalb lässt mir das der Stolz auch nicht zu. Notfälle immer ausgeschlossen – es gibt Fälle, da geht es nicht anders. Aber meine Kunden und meine Zuverlässigkeit ihnen gegenüber liegen mir sehr am Herzen. An einer Arbeit „dranbleiben“ ohne auf die Uhr zu gucken: Das ist großartig. Wenn ich dann aus einem Text „raus“ bin, weil ich „kurz  mal eben“ weg musste, brauche ich eine gewisse Zeit, bis ich wieder „drin“ bin. Das ist einfach so.

Das klingt jetzt deprimierend, was? Nö. So ist das gar nicht. Es gibt ja auch gaaaanz viele Tage, an denen alles glatt läuft. Ich liebe es, von beiden Seiten – Mamasein und Berufstätigkeit – zu profitieren. Ich bin leidenschaftlich gern Mama. Ich liebe meine Jungs über alles. Sie sind das Wichtigste, was der Gatte und ich haben. Aber: Ich liebe halt auch meinen Beruf. Dafür bin ich lange in die Schule gegangen und habe viel zu lange studiert. Ich mag die Vielfältigkeit meiner Arbeit. Die Menschen, auf die ich treffe. Was ich sagen will? Manchmal ist es nicht einfach, beides unter einen Hut zu bekommen. Es lohnt sich aber auf jeden Fall! An dieser Stelle geht ein Dankeschön an den verständnisvollen Ehemann, der selbst tut, was er kann und mich nie hängen lässt. Ebenfalls gedacht sei an das Konzept „OMA“. Ohne diese Helfer im Hintergrund wäre mein Boot schon das eine oder andere Mal auf Grund gelaufen. Danke!

Bernie, Klinsmann und notti matiche

Wir sind Weltmeister! Das Haus befindet sich im Kollektiven schwarz-rot-goldenen Taumel. Was für meinen Vater Bern 1954 mit Boss Rahn war und für mich Rom 1990, unvergesslich durch Andreas Brehme, wird für meinen Sohn Peter immer Rio 2014 sein. Das Wunder von Maracana. Ein Finale, das an Dramatik nicht zu überbieten war. Und uns heute noch, am Tag danach, zittern lässt. Danke, Mario Götze!

Ich erinnere mich als Kind der 70er noch gut an die großen Turniere jener Jahre und die Spieler, die sie geprägt haben. Illgner. Kohler, Klinsmann, Matthäus, Völler, Littbarski, Brehme. Idole meiner Jugend, feinsäuberlich aufgeklebt in den Duplo-Alben. Das Maskottchen der Europameisterschaft 1988 war Bernie, ein glubschäugiger Hase in riesigen Fußballschuhen. Mit knapp 14 Jahren habe ich mir solch einen Hasen sehnlichst gewünscht. Unfassbar, was? Meine Brüder, vier Jahre jünger, bekamen Bernies, weil ihre Geburtstage strategisch günstiger in der EM-Zeit lagen. Ich besitze bis heute ein Paar Bernie-Socken – überflüssig zu erwähnen, dass die bis heute wohlgehütet in meinem Schrank liegen.

Der Song von Gianna Nannini „Un’estate Italiana“ gehört zur legendären WM 1990. Läuft er im Radio, bekomme ich nasse Augen. Sehe Andreas Brehme schießen und den Kaiser mutterseelenallein über den Platz laufen, zunächst vollkommen unfähig, sich zu freuen… Brehmes Elfer vor Schluss hat sich in meine Erinnerung genauso tief eingebrannt wie die holländische Spuckattacke auf Rudi Völler. Ich fand dies damals unfassbar, und ich gebe zu, dieses Erlebnis hat meine Liebe zu manchen Teams dauerhaft geprägt. Gücklicherweise steht mir Orange als Farbe überhaupt nicht.

„Wave your flag“ gehört zum deutschen Sommermärchen 2006. Die Welt zu Gast bei Freunden. Fanmeilen. Deutschland im schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer. Im entspannten Umgang mit sich selbst. Ein deutscher Supersommer mit Goleo, einem Maskottchen ohne Hose. Alles ebenso unvergesslich und gut gehütet in meinem Erinnerungs-Schatzkästlein. Ehrlich gesagt habe ich nach dem verlorenen Halbfinale drei Monate lang keine Pizza mehr gegessen. Ja. Ich, weiß. Kein Pizzabäcker der Welt kann für diese Niederlage. Aber das Sommermärchen…

Als gestern nach gefühlten zwölf Minuten Nachspielzeit endlich abgepfiffen wurde und ein Urschrei durch das ganze Land ging, musste ich weinen. Ich habe kurz hochgerechnet, dass meine Kinder – sollte es bis zum nächsten WM-Titel wieder so lange dauern – bis dahin längst erwachsene Männer sind. Was haben wir also getan? Beide Jungs geschnappt. Mitten in der Nacht. Autokorso gefahren, bis die Hupe geglüht hat. Zwei Buben glücklich, mit großen Augen auf dem Rücksitz, Fahne schwenkend. „Fescht schüttla“, rief Paul, während Peter immer noch ungläubig den Kopf schüttelte. Wir haben ihnen hoffentlich eine tolle Erinnerung geschenkt. Für IHR Schatzkästlein.