Stadion-Nickerchen

Das Kind wünscht sich einen Ausflug mit uns ins Stadion. Vorletzter Spieltag, Fahrt mit dem Bus. Peter freut sich 1) auf den Bus („Ich werd dann jetzt Busfahrer, wenn ich mal groß bin.“) und 2) auf das Fritzle, das giftgrüne Krokodil und Maskottchen des VfB Stuttgart. Wir haben Stehplätze im A-Block, und dort geht es bekanntlich laut zu. Peter stört das nicht, allerdings ist er etwas müde vom Fahren. Vor jedem Spiel erklingt beim VfB „You’ll never walk alone“, was ja bekanntlich Peters ganz persönliches Schlaflied ist. Und raten Sie mal, was passiert? Richtig. Peter schläft inmitten von Fahnen, Sprechchören, Geschrei, Gejubel, Trommeln und Gesängen ein. Tief und fest. Auf dem Arm seines armen Papas, dem sich fast der Rücken biegt. Pünktlich zur Halbzeit ist er wieder da, isst eine Schüssel voll Schupfnudeln und brüllt danach mit. Das Spiel gewann der VfB  2:0. Wenn man so ein Maskottchen hat, dürfte so ein Heimsieg ja auch kein Problem sein.

So ein alter Dackelkopf

Kurzes Samstagsfrühstück. Der Kasi-Mann muss auf seinen Bau, das Kasi-Kind frühstückt mit einer Eselsgeduld und ganz schön viel. Es dudelt eine alte CD der Toten Hosen: Pushed Again. Peter streckt mir sein leeres Brötchen hin und jodelt mit: „Wurscht again…“ Und danach, als er mir von einem anderen Kind berichtet, das ihn geärgert hat: „So ein alter Dackelkopf.“ Nie gehört. So viel Kreativität am Samstag ist mir persönlich dann doch zuviel am frühen Morgen.

Der Papa kann halt kochen

Ich bemühe mich täglich um ein abwechslungsreiches Mitagessen für mein Kind. Frisch gekocht, viel knackiges Gemüse, Salat. Fleisch und Fisch. Ballaststoffe. Vielfältig – er soll ja weltoffen sein. Zugegebenermaßen ist der Erfolg nicht immer gleich groß. Nicht jede Gemüsepfanne (mit Austerpilzen!) kommt gleich gut an, nicht jeder Fisch schmeichelt Peters Gaumen, wobei man zur Ehrenrettung des Thronfolgers sagen muss, dass er schon ein guter Esser ist. Unlängst hatte ich gleich zwei „Aha-Erlebnisse“. Mittags gab es knackfrische Möhren: „Oma kocht sie viel weicher. Das mag ich lieber.“ Das glaube ich gern, Du beißfaules Kind. Abends kochte mein Mann fürs Kind. Knatschige Päckle-Nudeln und eine pappige, braune Päcklesoße. Peter isst wie ein Scheunendrescher: „Mensch, Mama. Der Papa kann halt kochen.“

Schon längst geexcelt

Ich muss noch ein bisschen arbeiten und sitze am Rechner. Peter kommt vorbei und sagt mit dem normalsten Gesicht der Welt: „Ach, Du arbeitest mit Excel?“ Ich habe etliche Mühe, meine Fassungslosigkeit zu bändigen und erwidere: „Ach schau her, woher kennst Du das?“ Peter hat vor kurzem von einem Kumpel ein altes Laptop geerbt und antwortet ganz fachmännisch: „Ach, mit meinem Laptop hab ich schon längst mal geexcelt.“ Alles klar, oder?

Peter hat drei Haustiere: ein sehr zutraulicher Zwerghase, der Oskar heißt (und vermutlich weltweit der einzige Hase, der Möhren und Kohl nicht mag) sowie zwei Meerschweinchen, Fips und Lilli. Unser Mini-Zoo ist sehr ganzer Stolz; jeden Tag sitzt er bei seinen Tieren und fachsimpelt mit ihnen über den Kindergartenalltag. Heute erklärt er mir die Verwandschaftsverhältnisse im Gehege (nebenbei: natürlich gar keine!): „Also Mama, der Oskar, der ist der Hasenpapa, weil der der Größte ist.“ Aha, da ist die Welt noch in Ordnung. „Und die Lilli, die ist ein Schweinle-Hase. Oder sagt man da Ferkel-Hase? Die hat ja auch Fell. Die ist die Mama. Das Baby ist der Fips, der ist so schnell.“ Auch was Wahres. Und dann sagt er was, was meiner anarchischen Seele gut tut (ich wollte früher immer die Metzger-Schweine aus dem Anhänger befreien): „Außerdem lade ich alle Tiere aus ihren Gefängnissen (Käfigen) ins Wohnzimmer ein.“

Clementine Propper

Peter ist ein Meister für Flecken. Ständig übe ich mich im persönlichen Kampf gegen Ketchupkleckse auf neuen T-Shirts, gegen Grasflecken auf frisch gewaschenen Hosen oder Schokoeis-Schmiereien auf weißem Grund. Wenn sich mein Kind einsaut, steht meistens noch jemand daneben, der verständnisvoll sagt: „Gib es mir mit zum Waschen. Ich kenne mich damit aus.“ Ha – ICH AUCH! Ich habe das Kind schon fast vier Jahre. Und gekleckert hat er schon als Baby, nein eher gespuckt. Peter war ein Speikind-Gedeihkind. Wobei das „Gedeih“ immer weniger ausgeprägt war als das „Spei“. Nun ja, zurück zu den Flecken. Letztens war es wieder einmal Curry-Ketchup. Peter saut sich ein und fragt mich ängstlich: „Ach Mamalein, kriegst Du das raus?“ -„Klar“, sag‘ ich, „Ketchup ist eine meiner leichtesten Übungen“. Peter guckt ganz erstaunt und fragt: „Heißt Du Meister Propper oder Clementine?“ Nun ja, so gesehen. Gestatten Sie: Propper. Clementine Propper. Was ich allerdings bis heute noch nicht rausgefunden habe: Wo Peter die beiden Werbehelden, die während meiner Kindheit in den 70-ern ihre große Phase hatten, her kennt.

Aschenputtels Peeptoe

Ich habe mir total schicke Peeptoes gekauft (weil ich weiß, dass mich viele Männer lesen: Sandalen mit nur einem winzigen Loch vorne). Stolz präsentiere ich sie zu Hause. Mein Mann mag sie spontan nicht. Mein Kind wirkt unentschlossen. „Maaama, bist Du die böse Stiefschwester?“ – „Hä? Peter, was meinst Du? Ich habe keine Stiefgeschwister.“ Peter ringt um eine Antwort: „Na denk doch an das Aaaaaschenputtel.“ Da mussten die bösen Stiefschwestern genau so ein Loch in den schönen Schuh schneiden. Damit er ihnen gepasst hat. Und wei-ei-ßt Du waaas? In Wirklichkeit gehörte er dem schönen Aschenputtel.“

Lolli essen macht keinen Müll

Markus muss auf Geschäftsreise und bringt dafür einen extra von der Firma angemieteten nagelneuen Audi A4 mit. Ein nettes Wägelchen. Peter schaut erfurchtsvoll auf den sauberen (!) Teppichboden, blickt die blank geputzten Fenster an, die aufgeräumten Fächer. Zugegebenermaßen, dieses Auto hat außer der Fahrtüchtigkeit wenig mit meinem kleinen Flitzer gemein, dem man ansieht, dass täglich ein wilder, kleiner Junge mit fährt. Bei uns mit an Bord: ein halber Sandkasten. Brezelkrümel (manchmal denke ich, dass man mit dem Material, das bei mir zwischen den Sitzen schlummert, ein Schnitzel panieren könnte). Mitunter Müll (Gummibärchen-Papierchen, Brezeltüten, leere Sunkist). Dazu Kuscheltiere (Maus, Elefant und Fritzle). Loses Streu, wahlweise auch Heu oder Stroh, aus einer kaputten Packung von DM. Zum Versorgen von Hase Oskar und den Meerschweinchen Fips und Lilly. Prospekte (liest mein Kind) von Aldi, Lidl, Neukauf, Praktiker und Obi („Haaalt, die darfst Du nicht wegwerfen… die brauchen wir noch. Falls wir mal einen elektrischen Dosen-Aufmacher kaufen wollen… oder einen grünen Betonmischer…“) Dazu kommen meine Getränkeflaschen vom Sport. Notizzettel. Kugelschreiber. Briefmarken. Diverse Sonnenbrillen. Regenschirme. Sporttaschen. Vergessene Kindergarten-Beutel. Jacken. Mäntel. Markus‘ Kickschuhe. Peters Regenausrüstung. Kindi-Bilder. Und und und. Sie sehen, der Audi A4 war gegenüber meinem Fahrzeug PORENTIEF rein. Und was sagte mein Sohn? Nichts dergleichen wie „Ich lasse nie mehr Müll in Deinem Auto liegen.“ Oder „Ich krümel nie mehr mit der Brezel.“ Nein, woher. Er hauchte erfurchtsvoll: „Das ist ein Auto, in dem darf man echt nur Lolli essen. Der macht nämlich keine Schweinerei.“ Pah. Männer.

Lieber mit Lachen

Peter steht auf sein Gute-Nacht-Lied, das habe ich hier ja schon öfter erwähnt. Letztens hatte ich leider einen Lachanfall während des Singens. Jeder, der schon einmal versucht hat, einen solchen zu unterdrücken, weiß, wie hoffnungslos das ist. Klappte auch bei mir leider nicht so recht – weshalb mein „Lalelu“ recht seltsam klang. Noch seltsamer als sonst. Peter meckerte ungewohnerweise nicht. Am nächsten Abend sang ich mich wieder tapfer durch Rühmanns Filmhit. Peter protestierte: „Nein, Mama, nicht so. Lieber wieder mit Lachen.“ Da dachte der Schlumpf doch tatsächlich, das Gegackere gehöre zur neuesten Abend-Performance.

Ich muss arbeiten. Peter ringt mit seinem Papa, der eigentlich die Elektroplanung fürs Haus (ENDLICH!!!) fertig machen will. Mit einem Mal ist es unten still. Ich bin ein gut gläubiger Mensch. Glaube an einen emsig arbeitenden Gatten und ein friedlich spielendes Kind. Und schreibe ordentlich meinen Zeitungsartikel. Niemand widerspricht meinem treuen Glauben. Bis Peter mittags sagt: „Mein Baby kann alles.“ Ich frage nach, was denn bitteschön für ein Baby er meint (wir haben ja keins). Peter: „Na, das tolle Hundebaby aus der Werbung.“ Ich wundere mich. Abends isst Peter ein Bonbon und doziert: „Das prickelt so schön auf der Zunge… Ahoiiii…“ Ich frage kopfschüttelnd: „Petermann, wo ist das denn schon wieder her?“ – „Auch aus der Werbung, wie das Hundebaby.“ Fragender Blick zum Kindes-Erzeuger. Der kann mir nicht in die Augen gucken und meint: „Naja… eine Folge Cajou heute Morgen… vielleicht auch zwei.“ Wahrscheinlich eher zwei mit viel Werbung dazwischen. Kein Wunder, dass das Kind so friedlich war.

Die Last mit den Bayern

Dialog beim Mittagessen. Oma und Opa waren für ein Wochenende verreist. Peter will alles genau wissen.

Peter: „Opa, wo wart Ihr?“

Opa: „In Bayern.“

Peter bemüht sich als Kind aus einer VfB-Familie um einen neutralen Gesichtsausdruck: „Aha. Mama sagt aber, Bayern ist Mist.“

Ich beeile mich zusagen, dass ich keinesfalls ein Pauschalurteil fällen will gegen das Lederhosen tragende, Dirndl liebende Volk. Schließlich haben sie die Weißwurscht erfunden und Gerhard Polt.

Peter weiter: „Opa, warum fährt man auch nach Bayern?“

Opa: „Wir haben einen Ausflug gemacht. Und Dir was mitgebracht.“

Oma zaubert einen kleinen Spielzeuglaster hervor, auf dem in großen Lettern „Peter“ steht.

Peter starrt die Schrift an: „WAS bitte steht da drauf?“

Opa: „Dein Name. Peter. Warum?

Peter: „Puh. Jetzt hab ich schon gedacht Bayern. Meine Mama sagt, der VfB ist cool. Und Bayern Mist. Aber gell, das hättest Du nicht gemacht, mir einen Bayern-Laster geschenkt?“ Und die Bayern? Die haben vermutlich derzeit andere Sorgen als Laster. Da ist wohl eher von „Bayern-Lasten“ zu sprechen.

Die Mutter find ich gut

Ich hole Peter vom Kindergarten ab. Wir treffen eine andere Mama, die ebenfalls ihren Sprössling abholt. Peter sagt sehr freundlich „Tschüss“ und wünscht sogar ein schönes Wochenende. Ich erkundige mich, ob er den Kleinen nett findet. „Hmm…. naja… Aber die Mutter find ich gut.“