Paul ist da!

Paul ist daaaa! Er wurde am 21. Mai in Rottweil geboren. Paul heißt genauer gesagt Paul Martin, er war 3160 Gramm schwer und 51 Zentimeter hoch. Wir freuen uns, dass er bei uns ist – Paul und sein großes Herzchen brachten uns und die Ärzte ganz schön in Wallung. Aber der kleine Mann gedeiht gut und ist ein so süßer Knopf, dass wir sehr zuversichtlich sind. Besonders stolz: der Peter zum Paul. Ja, so schnell wird aus einem Nesthäkchen ein großer Bruder!

Medienzeit zum Kuchen backen?

Peter würde ohne regulativen Eingriff von oben, also von mir, tagelang am Computer sitzen. Er weiß, was ein Browser ist, er kennt GMX und Photoshop und liebt die Website der Toten Hosen. Niemand braucht mir an dieser Stelle einen Vortrag über Medieneinflüsse auf einen Siebenjährigen halten – vielen Dank. Aber erstens bekommt Peter es bei seinen Eltern mit, was es für eine berufliche Tragödie es ist, wenn im Büro ein Tag lang das Internet ausfällt. Und zweitens hat sich der Sohn schon immer für diverse technische Spielereien interessiert. Deshalb hat jeder PC im Haus ein Kennwort und das Internet eine Kindersicherung wie einst die Tür an der Rückbank des familieneigenen Opel-Blitz‘.

Aufgrund des großen Medieninteresses des Thronfolgers, das der Gatte und ich mit Sorge betrachten, gibt es im Hause Kasi neuerdings etwas, das „Medienzeit“ heißt. Medienzeit für den Junior bedeutet, dass sich der junge Herr ein bestimmtes Zeitkontingent selbst einteilen darf (wobei PC dabei sicherlich nicht jeden Tag stattfinden darf). Medienzeit heißt, Mahjongg auf dem Iphone zu spielen, Fernsehen zu schauen oder zum 144. Mal „Wickie und die starken Männer“ auf DVD. Medienzeit heißt aber auch ab und zu, eins der mitgelieferten Windowsspiele aufzurufen. Ich weiß nicht einmal, wie es heißt. Es geht auf jeden Fall darum, Kuchen und Torten mit Schoko-, Himbeer- und Vanillguss zu überziehen und dann möglichst schnell in Kartons zu packen. Seelisch grausam ist so etwas allenfalls für Menschen über 12. Ich brauche nicht zu betonen, dass ich üblicherweise anwesend bin, wenn sich der Sohn an den Rechner setzt.

Dummerweise klingelte unlängst allerdings das Telefon, während Peter fünf Minuten digitale Schokokuchen verpacken durfte. Ich rannte hoch, nahm ab, fest entschlossen, den Anrufer gleich wieder aus der Leitung zu verbannen. Doch wie so oft, wenn man das will, dauerte es halt länger. Nach dem Telefonat brüllte ich einen Stock tiefer: „Peter! Abendessen…“ und wies den Gatten an, das Rechnerwesen im Büro auszuschalten. Alles soweit okay. Bis dann das Essen kam. Folgender Dialog.

Peter (mümmelt an einem Stück Dosenlyoner): „Papa, ich hab‘ mir jetzt endlich einen GMX-Account eingerichtet. Mit Chat-Funktion.“

Herr Kasi (wird bleich): „?????“

Peter (hat endlich geschluckt): „Ein Passwort habe ich auch. Ich hab’s aufgeschrieben auf den Ausdruck.“

Herr Kasi (mit entgleisten Gesichtszügen): „!!!!!“

Peter: „Weißt Du, da kann ich vielleicht vom Desktop aus chatten… hab’s noch nicht probiert…. Aber dem Opa hab‘ ich gleich eine Mail geschrieben und ein Foto von nem Quad angehängt. Denk‘ mal, der Michael nimmt mich mit… der hat jetzt eins….“

Herr Kasi (mit feuerrotem Gesicht): „?????!!!!!“

Frau Kasi (leicht hektisch): „Peter, bist Du noch hungrig? Schau, ganz frisches Brot….“

Peter: „Nö. Was denkst Du, darf ich rein rechtlich ein Bild vom Campino als Avatar nehmen? Das ist doch bestimmt verboten, oder?“

Frau Kasi (immer hektischer): „Peter, schau, ganz frisches Brot….“

Herr Kasi (hat sich wieder gefangen): „SAGT MAL, WAS MACHT IHR, WENN ICH WEG BIN?“

Als sich Peter verzogen hat – es gibt ja heute kein Fernsehen, weil die Medienzeit aufgebraucht ist – beschließen Herr und Frau Kasi, NIE MEHR den Raum zu verlassen, wenn Peter mit einem technischen Gerät alleine ist. Und sei es nur der Reisewecker, der ständig vorgeht. Was uns allerdings leider unklar blieb: Woher Peter sein profundes Fachwissen hat. Wir werden mal nachhaken.

PS: Neue Begebenheit. Peter muss für die Schule einen kurzen, netten Text mit Marsraketen lesen. Er hat keine Lust dazu: „Darf ich danach DAS lesen, was MICH interessiert.“ Ich nicke gedankenverloren. Warum auch nicht? Peter liest die Marsraketen in Rekordschnelle. Danach ruft er mir: „Wo hast Du die Beschreibung vom Buchhaltungsprogramm? Ich möchte wissen, wie man das Designer-Modul integriert.“

Von wegen tanzende Teddybären

Meine Schwangerschaft habe ich bislang blogtechnisch relativ unbehelligt gelassen. Aber jetzt sind es noch exakt vier Wochen bis zum „Final Countdown“. Von daher denke ich, kann ich einmal eine Ausnahme machen. Über den Beitrag müsste ich fairerweise schreiben: „Vorsicht, beißende Ironie…“ Wer also einen Text über rosa Hello-Kitty-Schlafsäckchen in Größe 62 erwartet oder himmelblaue Wand-Bordüren mit tanzenden Teddybären, von Vattern im Schweiße seines Angesichts gepinselt, sollte gepflegt wegklicken. Danke.

Ehrlich gesagt nerven mich selbst die ganzen „Ich-bin-ja-so-schwanger-und-so-dick“-Abhandlungen beziehungsweise kann ich vielen Müttergesprächen, und da meine ich die ganz intensiven, herzlich wenig abgewinnen. Ich mag nichts über anderer Frauen Spuckattacken im Fahrstuhl erfahren, genauso wenig den 394. Notkaiserschnitt in allen Details beschrieben bekommen, das Schnarchen der Zimmernachbarin oder fiese Sodbrennensnächte. Manche Frauen entwickeln beim Thema Schwangerschaft einen Mitteilungsdrang, der etwas von Seelenstriptease hat. Da geht es derart ausschweifend um Büstenhalter,  Schlafstörungen, Besenreiser oder Faktu-Akut,  dass es mir Angst macht. Da muss man sich nur mal die zahllosen Internetforen der internetaffinen Mütter angucken. Muss die Welt erfahren, was ich in der Kugelzeit gegen meinen schnöden Schnupfen einnehme? Hoffentlich nicht.

Ich freue mich, wenn es allen gut geht, das Baby gedeiht und ich das Meiste auf mich zukommen lassen kann. Abgesehen geht mein Leben weiter: Peter hat Schule, Keyboardunterricht und Hausaufgaben, der Mann braucht saubere Socken, das Haus etwas Pflege, der Garten wächst mit Unkraut zu.  Und sind wir mal ehrlich: Was hilft es einem, nur zu jammern und sich in des Gatten bollerigen Jogginghosen zu verbarrikadieren? Richtig. Nüscht. Niente. Nada. Außer dass man allen anderen tierisch auf die Nerven fällt, einem aber niemand helfen kann (nicht mal die Pharmaindustrie, die ja sonst gern parat steht). Weil nehmen darf man eh nix. Wegen der Mammutjogginghosen des Angetrauten und seiner labbrigen T-Shirts mit Aufdrucken wie „1995 Meister Kreisliga A“ oder „Albvereinsjugend 1989“  kann man sich dann nicht mal mehr selbst im Spiegel angucken. Wer bist Du denn? Ich kenn‘ Dich nicht, ich wasch‘  Dich trotzdem? Von daher tat ich (ganz im Gegensatz zu meiner ersten Schwangerschaft) gut daran, mich in einer relativ babyinformationsfreien Zone einzumummeln (von meiner weltbesten Hebamme in dringenden Fällen abgesehen). Ich habe meine beim letzten Umzug verschollenen Babybücher gar nicht erst gesucht, kein Elternheft abonniert und beim Frauenarzt konsequent Krimis gelesen. Außerdem habe ich nie verhehlt, dass ich nie eine besonders leidenschaftlich gelebte Schwangere war („Genieß‘ es… Es ist die schönste Zeit im Leben und so schnell vorbei…“) Da frage ich vor allem die Männer: Was bitte ist schön daran, wenn die Holde morgens als erste die Toilettenschüssel von innen begrüßt, danach würgt, wenn man in der Küche frisches Brot toastet und anschließend Nutella & und Opas feine Himbeermarmelade mit einem fiesen Blick bedenkt – dafür aber eine Dose spanischer Oliven vernichtet? Wohlgemerkt zum Frühstück? Außerdem kann ich jeden Mann gut verstehen, der’s wenig sexy findet, wenn die Gattin zu watscheln beginnt wie eine Entenfamilie auf  Sonntagsausflug. Auch wenn sich das ab einem gewissen Punkt nicht mehr ganz verhindern lässt. Das Watscheln, meine ich.

Eine Schwangerschaft ist eine Zeit, die die Familie sehr fordert. Und da hat nicht nur der wachsende Bauch dran Schuld. Für mich war es stets eine wehmutsvolle Erfahrung, mich von meiner mühsam antrainierten Taille zu verabschieden. Darf man das überhaupt sagen, oder ist es politisch unkorrekt, so selbstverliebt zu sein? Aber mal so unter uns, praktisch ist so ein eckiger Bauch wie meiner à là Ritter-Sport („quadratisch-praktisch-gut) im Alltag nicht unbedingt. Und wir sprechen hierbei nicht nur vom mühelosen Anziehen halterloser Strümpfe mit Spitze, sondern vom Schnüren meiner geliebten Converse-Chucks. Und manchmal, sind wir mal ehrlich, macht man heutzutage aus vielen natürlichen Dingen – und da gehört auch eine Schwangerschaft dazu – eine Riesensache. Nein, selbstverständlich gehe ich zu jeder Vorsorgeuntersuchung – niemand braucht entsetzt aufzuschreien! So verantwortungsbewusst bin ich selbst.  Aber mir ist ein kurzer SMS-Rat der weltbesten und babyerfahrenen Hebamme genauso wertvoll wie das 103. Ultraschallbild, auf dem ich eh nichts erkenne außer schwarz mit grauen Schlieren à la London im Smog zur Rush-Hour.

Damit mich niemand falsch versteht: Meine liebste Lebensaufgabe ist es, Peters (und bald auch Babys) Mama zu sein. Mein Sohnkind geht mir über alles – nicht dass man mich für gefühlskalt und herzlos hält. Ich mag es, abends den „kleinen Ritter Trenk“ vorzulesen oder zum 45. Mal die Woche Tassenkuchen zu backen. Ich liebe es, wenn sich eine kleine, von Hubba-Bubba-Himbeer verklebte Bubenhand mit dreckigen Nägeln vertrauensvoll in die meine schiebt oder wenn den Garagenhof viele bunte Kreide-Blümchen zieren.  Mich stört es nicht, wenn mein Büro nach einer Wasserfarbenschlacht bunt und lustig aussieht oder wenn Peter mal wieder Konfetti produziert hat. Ich habe einen Wischmopp, eine Waschmaschine und einen sehr guten Staubsauger. Von daher freue ich mich, wieder einem kleinen Menschenkind beim Laufenlernen, Sprechen oder Spaghettiwickeln zusehen zu können. Auch wenn dann wieder so „Komplimente“ kommen wie: „Sag‘ mal, Mama, gab’s schon Strom, als Du klein warst!?“ All das ist wunderschön.

Wobei sich „wunderschön“ bei einem knapp sieben Jahre alten Sohn optisch schnell relativieren kann, wenn der Thronfolger aus dem Garten kommt, im Regenfass gebadet hat (mit brackiger Jauche drin) und danach getestet hat, ob er noch Sand im Sandkasten hat. Selbstverständlich verzieht sich Peter, ohne mit der Wimper zu zucken, in diesem Zustand gern in sein  frischüberzogenes Bett oder ins eben erst geputzte Wohnzimmer. Aber wie gesagt: Ich habe Wischmopp, Waschmaschine und Staubsauger.

Solche Pannen gibt’s

Peter ist, wie bereits mehrfach erwähnt, ein multimedial sehr interessiertes Kind. Wenn er auf die Frage: „Peter, was machst Du?“ (die im übrigen meistens gestellt wird, wenn es im oberen Stock länger als 7,5 Minuten verdächtig ruhig ist), ganz unschuldig: „Nüx, Mama…“ antwortet, bastelt er meistens an der kleinen Digitalkamera herum, programmiert den DVD-Rekorder im Schlafzimmer oder surft widerrechtlich und ungefragt mit meinem iPhone im Internet. Gestern war wieder einmal die Digitalkamera dran. Liebevoll stellte er die Uhr neu (die noch nie gestellt worden war), er probierte sämtliche Programme aus und drehte im Überschwang der Gefühle zu DJ Ötzi gleich ein Musikvideo. Beiläufig erzählte ich meinem Mann, dass mein kleiner Bruder als Kind genauso war. Doch dieser, so erinnerte ich mich mit fiesem Grinsen, habe schon im zarten Alter von sieben Jahren bestimmt achtmal die Festplatte vom heimischen Rechner komplett formatiert. Sehr zu Freuden des Hausherrn, also meines Papas, versteht sich. „Von daher haben wir es ja ganz gut“, frohlockte der Gatte angesichts seines zu „I sing a Liad für di“ headbangenden Sprösslings, „Peter hat’s ja eher mit den Kameras und der Musik.“ Wir seufzten beide auf und frühstückten weiter.

Keine zehn Minuten später. Ein entsetzter, spitzer Schrei, abgelöst von hektischem Getrappel. Lautes Heulen. Noch lauteres Wehklagen. Peter kommt angeschlichen, tief gebeugt, wie ein geprügeltes Hundchen. „Huhuhu, Mama, ist das schlimm? Ürgendwie sind auf der Kamera plötzlich keine Bilder mehr…. Ich glaub‘, ich hab ALLES gelöscht.“ Ich tröste den armen Thronfolger (ist mir auch schon passiert, psst), trockne Tränen und tröste nach Kräften, so dass selbst Gandhi an meinem Tun seine helle Freude gehabt hätte : „Ach komm‘, das passiert den Besten, nicht mehr weinen, solche Pannen gibt’s halt.“ Peter schluchzt weiter: „Alle Bilder weg. Genau 155.“ Nun ja, sooo genau wollte ich es eigentlich nicht wissen. Das meiste, meine ich mich zu erinnern, war rein fotografisch gesehen ohnehin nicht das Gelbe vom Ei, es sei denn man mag leicht verwackelte Aufnahmen vom eigenen Rücken oder vom Gatten auf dem Sofa schlafend. Das Allermeiste ist auch schon zwischengespeichert. Kein Grund zur Panik also. Peter beruhigt sich.

Der Nusplinger Friede währt jedoch nur 3,5 Minuten – exakt bis Peters Papa, angelockt vom Riesengeschrei, seine tariflich gesicherte Klositzung unterbricht. „Was habt Ihr schon wieder miteinander?“ Seine Missbilligung tropft aus jeder Silbe. Klostörungen sind nicht schön. Peter beichtet. Peters Papa, ein hunderprozentiger und exakter Vorsorger, fragt ganz entsetzt: „Wurden die Bilder gespeichert?“ Ich erinnere mich an Dutzende Polonaise-Bildervon der Kinderfasnet (unscharf, weil bewegt) und bestimmt 30 Aufnahmen von der Wiese hinter unterem Haus und antworte wahrheitsgemäß: „Nee, nicht alle.“ Herr Kasi startet eine – irgendwie schon berechtigte – Moralpredigt über vorschnelles Drücken von Knöpfen, über hektisches Tun und so weiter: „So was passiert, wenn man einfach ohne Ruhe an die Sache herangeht…“ Ich zwinkere Herrn Kasi zu. Man darf kein Hobby übertreiben finde ich, das Kind grämt sich schon selbst genug – auch wenn Peter sicherlich meistens ein ganz Eiliger ist. Herr Kasi redet sich warm: „Das ist, weil Du immer so vorschnell bist…“ Peter, der Spitz, merkt intuitiv, dass seine Mama mal wieder auf seiner Seite ist, wenn sie es auch aus lauter innerehelicher Solidarität nie zugeben würde. „Haa, und wie war das mit dem Abflussrohr? Das, das Du angebohrt hast? Kurz nach dem Einzug? Warst du da auch vorschnell? Aber nein, ICH hab ja nix gesagt…“ Herr Kasi stutzt: „Wie meinste denn das jetzt…?“ Peter ist ganz im Element: „Weißt Du, die Mama sagt, solche Pannen gibt’s. Ich hab’nach meiner Panne nicht mal den Flaschner gebraucht. Und Wasser ist auch keins geflossen.“ Herr Kasi kämpft mit seinen Gesichtsmusikeln. Nein, humorlos ist mein Mann sicher nicht. Er wendet sich ab und verschwindet in der Speisekammer. Von weitem höre ich ihn leise lachen. Solche Pannen gibt’s.

Die Sache mit der Schwester

Peter freut sich sehr auf sein Geschwisterchen, das irgendwann im Mai unsere Familie vergrößern wird. Wenn Ultraschallbilder nicht lügen, bekommt Familie Kasi noch einen Sohn. Dass Peter lieber eine Schwester gehabt hätte, hatte anfangs mehrere Gründe. Ganz zu Anfang der Schwangerschaft (als ich morgens als erstes das Klo von innen begrüßte) hatte er den Gedanken, eine Schwester wäre rein zukunftstechnisch gesehen für ihn die bessere Alternative: „Vielleicht räumt sie mir ja mein Zimmer auf…“ Diesen Gedanken konnte ich allerdings rasch zerstreuen. Ich habe das bei meinem Brüdern ja auch nicht getan. Dann überlegte er, vielleicht könne die weibliche Verstärkung ihm mittelfristig in der Früh die Schuhe anziehen: „Das wär‘ echt praktisch. Ich bück‘ mich doch so ungern..“ Auch diesen Ansatz zerstörte ich im Keim und hinterfragte meine Erziehung. Wo bitte kämen wir da hin?! Eine kleine Schwester als Stiefelknecht? Trotzdem wünschte sich Peter ein Schwesterchen. Ganz eisern und ganz wie Herr Kasi.

Irgendwann vor ein paar Wochen waren wir beim großen Ultraschall. Peter, Herr Kasi und natürlich Frau Kasi. Aufgeregt saßen wir alle um den Monitor herum, während der freundliche Herr Doktor unser neues Familienmitglied von seinen Schokoladenseiten aufnahm. Lautes Gelächter meinerseits, als er sagte: „Ach, man sieht es nicht so gut. Es hat seinen rechten Arm vor dem Gesicht.“ Es ist bekannt, dass sowohl Herr Kasi als auch der Thronfolger just diese Haltung für ihren tariflich gesicherten Tiefschlaf bevorzugen. Lange Rede, kurzer Sinn. Bei dieser Ultraschall-Vorführung sah man auch etwas überdeutlich, was Mädchen üblicherweise nicht besitzen.

Im Fahrstuhl nach unten fiel das Sohnkind durch nachdenkliche Stille auf. Ich hakte nach. „Nö, is‘ nix.“ Natürlich stimmte das nicht: „Ach komm‘, Peter, Du kannst mir doch alles sagen. Du bist traurig, weil Du keine Schwester kriegst, ja? Aber weißt Du, die Hauptsache ist doch, dass das Baby gesund und munter ist. Ganz egal ob Mädchen oder Junge.“ Peter nickte, während ihm die Tränen in die Augen schossen. „Hmmmm.“ Ich  machte mir ernsthaft Sorgen. Plötzlich brach unser Sohn in herzzerreißendes Schluchzen aus: „Ehrlich gesagt, nehm‘ ich auch gern ’nen Buben. Aber ich dachte doch, ein kleines Mädchen kriegt doch sicherlich mal ein Playmobil-Prinzessinnenschloss, und das hätt‘ ich doch so gern. Aber ich als Mann kann mir das doch schlecht wünschen…“

Sophie, das Glücksmagazin

Wir haben offenbar ein Glücksmagazin „abonniert“. Ein Glücksmagazin, das lieb und freundlich mit einem Marienkäferchen wirbt, Wahnsinnsgewinne verspricht und  Herrn Kasi regelmäßig schreibt. Nur: Eigentlich haben wir es nicht abonniert – zumindest nicht nach unserem Empfinden und Rechtsverständnis. Abonniert haben wir höchstens unsere Tageszeitung und das wöchentliche Micky-Maus-Heft, aber das auch nur fast, weil wir es fast immer beim Bäcker unseres Vertrauens kaufen. Sophie jedenfalls ist ein Heft, für das ich ehrlicherweise im Leben nie Geld bezahlen würde und das ich sogar als Beleidigung für meinen Altpapiercontainer empfinde.

Doch Herr Kasi hat unlängst mit einer Hotline telefoniert. Der freundliche Telefonist dieser Hotline empfahl ihm ein Technik-Magazin. Herr Kasi – weniger kaltschnäuzig als seine Frau – ließ sich ein Probeexemplar schicken, plauderte nett und ging als aufrechter Mann im besten Wissen und Gewissen davon aus, dass man mit Telefonhotlines handeln oder dort gar „Angebote“ einholen könne. Das angepriesene „Technikmagazin“ kündigten wir angesichts 1) fehlenden Technik-Affinität (schließlich ist es ein Heft voll seltsamer Gewinnspiele) und 2) mangelnder Qualität augenblicklich. Wir wollten unsere blaue Altpapier-Tonne nicht unnötig belasten. Auch Tonnen haben ihren Stolz.

Doch bei Sophie, dem Glücksmagazin, stört das niemanden. Wir haben freundlich geschrieben, etwas weniger freundlich, etwas pampig, ziemlich pampig, mit Pest und Cholera und der Justiz gedroht. Wir bekommen Rechnungen für dieses Heft, das wir stets augenblicklich wieder zurückschicken. Return to sender, um mit Elvis zu sprechen. Aber Sophie will uns zwanghaft Glück bringen. Für über 100 Euro im Jahr. Zu allem Überfluss machen wir nie bei Gewinnspielen mit. Wir spielen noch nicht einmal Lotto. Wir haben jetzt anwaltliche Hilfe. Weil wir nicht wollen, dass uns jemand Glück bringt.

Oma Kläri

Meine Oma Klara wurde nach der Geburt ihres Urenkels Peter zu „Oma Kläri“, weil Peter das schwäbische „Oma Klärle“ nicht aussprechen konnte. Vor knapp einem Jahr ist Oma Kläri gestorben. Ich denke gerne an ihre große Gelassenheit und ihren knitzen Humor zurück, an dicke Pfannkuchen oder samstägliche Ausflüge zur Oma. Nach ihrem Tod erbte ich einige ihrer Schätze, die ich wie meinen Augapfel hüte. Meine Oma besaß zeitlebens nie einen Führerschein, sie war eine fleißige Frau, die stets hart arbeitete und von der Welt nicht allzu viel gesehen hat – wie viele Frauen aus ihrer Generation. Verreist ist sie nicht allzu viel – wenn meine Brüder oder mein Mann auf Geschäftsreise gingen, war sie immer sehr nervös, bis alle wieder wohlbehalten gelandet waren. Oma Kläri ist nie geflogen, allerhöchstens einmal mit dem Verein via Bus nach Imst gereist.

In ihrem großen, dunklen Buffet im Wohnzimmer standen immer fünf bunte, langstielige Sektgläser, bedruckt mit den Motiven des Gardasees, mediterrane See-Szenen aus Riva, Limone oder Gardola. Zweifellos ein Souvenir, ein lieb gemeintes Reisemitbringsel. Als Kind dachte ich immer: „Aus solchen Gläsern muss eine Prinzessin trinken.“ Wie gern hätte ich eins ausgeliehen, um meinen gelben Sprudel oder mein Apfelschorle daraus zu schlürfen und mich wie eine Prinzessin zu fühlen… Wenngleich ich bei meiner Oma Klara nahezu alles bekommen habe und sie mir kaum einmal einen Wunsch abschlug: Diese Gläser gab sie mir nie. Sie waren tabu, standen erhaben und hoch oben  in der Vitrine des Wohnzimmerbuffets. Genauso hütete sie einen Serviettenhalter aus Canada, den ihr eine Nachbarin geschenkt hatte, die dorthin ausgewandert war, oder eine Steinschildkröte, ein Mitbringsel von mir aus dem Griechenland-Urlaub.  Heute erscheint es mir, dass genau diese Dinge einen Hauch der weiten Welt in ihr kleines Häuschen brachten. Eine weite Welt, die sie nie so richtig gesehen hatte. All diese Erbstücke sind mir allein deshalb so wertvoll.

Trotzdem war Oma Kläri nie unzufrieden mit ihrem Dasein. Sie liebte Ihr Häuschen und vor allem ihren Garten. Wenn die Gladiolen wuchsen und die Johannisbeeren  besonders üppig ausfielen, war sie glücklich – ohne Canada, Griechenland und den Gardasee. Es genügte ihr, in ihrem „Gärtle“ zu „schoren“, wie es auf gut Schwäbisch hieß. Meine Oma war auch die letzte Frau in meiner Erinnerung, die pastellfarbene Kittelschürzen trug für grobe Arbeit. Über die Besuche ihrer Enkel freute sie sich stets, stille Vorwürfe wie: „Ihr kommt so selten…“ oder „Lasst Ihr Euch auch mal wieder sehen…“  hörten wir Enkel  definitiv nie. Auch wenn dieser Satz häufig den Nagel auf den Kopf getroffen hätte. Heute denke ich, dass das eigentlich das größte Geschenk ist: mit dem zufrieden sein, was das Leben einem bietet und nicht immer über das zu hadern, was man nicht hat. Von Oma Kläri, finde ich, könnten sich da viele Zeitgenossen einmal eine Scheibe abschneiden.

Für besondere Gelegenheiten

Der teure Hochzeitsanzug. Das Boss-Kleid. Ein Gucci-Hemd. Das gute Geschirr. Wir haben alle etwas, das wir uns für besondere Gelegenheiten aufsparen. Weil wir immer auf den besonderen Anlass warten. Eine feine Festtafel, die nach dem edlen Service ruft. Eine Festivität, die es unserem Gewissen erlaubt, den edlen Anzug anzuziehen. Doch was ist eigentlich ein besonderer Anlass? Familie Kasi, das sage ich gern, hat derer nicht besonders viele. Nicht, dass es uns an Festen, Einladungen oder dergleichen mangeln würde, die den Einsatz von Kleidern und Co. nötig machen könnten. Nein. Wir denken immer, dass es einen noch besondereren Anlass geben könnte, um all unsere Raritäten aus den Schränken und Vitrinen zu kramen.

Die traurige Folge: Das edle Gewand bleibt im Schrank, bis es nicht mehr passt (Kind) oder bis es unmodern ist (Frau Kasi) oder bis man es nicht mehr mag (Herr Kasi). Die guten Teller und  Tassen stehen im Küchenschrank – fast fabrikneu. Warum eigentlich? Bis alles irgendwann einmal in Schachteln und Kisten gepackt wird? Neu entsorgt wird? Nein, das kann es ja wohl echt nicht sein. Wir haben jetzt beschlossen, dass es wir unsere Sachen nutzen. Peter zieht seine feinen Schuhe an. Wir sparen nicht mehr an Klamotten und Co. Das heißt jetzt natürlich nicht, dass das Kind zu seinem Matschorgien im Sandkasten die neuen Sandalen tragen muss. Aber wir essen an einem schnöden Mittwoch von unseren guten Tellern und trinken aus unseren schönen Tassen. Einfach weil es uns gut geht.

Gute Vorsätze und alte Laster

* Was war gut?

Wir sind in unserem neuen Haus endlich so „richtig“ angekommen. Peter macht die Schule sehr ordentlich. Wir bekommen noch einmal Nachwuchs – genauer gesagt im Mai. Sind mächtig gespannt auf den neuen Erdenbürger. Außerdem lief mein Büro sehr, sehr solide.

* Was war schlecht?

Wir dachten immer, es sei Stress, ein Haus zu bauen. War es zweifellos auch. Aber das Jahr danach fanden wir – ganz ohne Baustaub – viel blöder. Viele letzte Rechnungen, die eintrudelten. Stromnachzahlungen. Hickhack mit Kabel BW (Danke übrigens für den TOLLEN Service!). Alles wollten unser Bestes – unser Geld. Immer, wenn wir dachten: „Jetzt sind wir durch…“ ein neuer „Nebenkriegsschauplatz“. Aber jetzt sind wir wirklich durch…. Außerdem nervte das ständige Kranksein. Ätzend sowas.

* Erfolgreichstes Neu-Projekt?

Unser Garten! Er verdient so langsam seinen Namen. Ich freue mich auf ausgedehnte Grillabende, blühende Landschaften und viel Grün. Auch wenn man im Moment noch sehr viel Phantasie braucht, um sich das alles vorzustellen und die „blühenden Landschaften“ schon einmal einem das Genick gebrochen haben.

*  „Project in progress“?

Unsere technische Haus-Ausstattung. Herr Kasi ist zweifellos ein echter Könner seines Fachs – es darf nur nie der Strom ausfallen :-). Peter sagt immer: „Ach Mama, sei dankbar, der Papa kann doch einfach alles…“ Nur dumm, dass Frau Kasi das alles nicht sooo richtig zu schätzen weiß. Oder wüssten Sie, was zu tun ist, wenn sich beim Betätigen des gleichen Knopfes um 12 Uhr die Wohnzimmerlampe angeht und zwei Stunden später sich der Rolladen in Gang setzt? Und natürlich „Kind zwo“. Namensfindung sehr komplex. Eltern-Vorschläge sind Sohnkind „zu spießig, zu altmodisch und zu langweilig“. Aber keine Sorge. Es gibt sicherlich eine Zoe-Chantal Stella Noemi Weiger (auf Schwäbisch: Zö-Schantall‘ Nömi). Stellen Sie sich mal vor, Frau Kasi ruft auf gut Schwäbisch: „Zö-Schantall‘ Schdella Nömi, kommsch mol ra ge zum Middagessa? S‘ geit Nudla mit Brotasoß‘?“ Das wollen wir dem armen Kind und der Umwelt ersparen.

* Schönster Urlaub?

Gardasee, Frühjahr 2011. Tolle Gegend, tolles Essen, tolles Wetter, tolle Leute, tolles Olivenöl, toller Sonnenbrand.

* Gute Vorsätze für 2012?

Haha. Ich rauche nicht, trinke kaum Alkohol. Ich habe meinen Schoko-Konsum (zwangsläufig) im Griff, weil ich jeden Monat zum Wiegen zum Frauenarzt muss. Super Gefühl, wenn einen eine sehr schlanke Arzthelferin auf die Waage stellt wie auf dem Pferdemarkt und dann beiläufig fragt: „Was essen Sie denn so…?“  Außerdem schlafe ich schwangerschaftsbedingt abends um 19 Uhr bei „Wickie und die starken Männer ein“. Von einem gelungenen Abend ist durchaus zu sprechen, wenn ich die Tagesschau wach erlebe. Was also sollte ich also mir abgewöhnen?

* Auf der To-Do-Liste ganz oben?

Huch, das ist viel. Langsamer Autofahren. Mehr Geduld haben mit meiner Umwelt. Gelassener werden. Keine Türen mehr knallen. Jeden Tag mindestens anderthalb Liter stilles Mineralwasser trinken (hmpf). Keine Didi-Hallervorden-Filme mehr gucken und keine Ballermann-Hits mehr hören, sondern nur noch den Themenabend auf Arte schauen und den „Faust“ auswendig lernen. Mann und Kind politisch nicht mehr beeinflussen und keine Diskussionen mehr führen. Mann morgens um 5.30 Uhr nicht mehr wecken zwecks gemeinsamem Frühstück. Kommt nicht immer gut an, obwohl mein Gatte ein liebender Gatte ist und meistens mit mir aufsteht. Nicht jeden Satz mit  „Ja, aber…“ beginnen… Schon mein Vater monierte früher immer, ich wüsste schon immer eine Entgegnung, bevor er was gesagt habe. Mich beim Fußball nicht mehr so aufregen, dass das Ganze Wochenende versaut ist. Mit Mann nicht mehr über VfB-Aufstellung streiten (sinnlos, er ist eh nie meiner Meinung). Beim Fußball nicht mehr unjugendfrei brüllen.

* Was muss unbedingt erledigt werden?

Nicht immer alles auf später verschieben – das Schöne wie das weniger Schöne. Also endlich mal nach Schweden, Dänemark und wieder einmal nach Berlin reisen (wird 2012 wegen Nachwuchs aber schwer). Versprechen einlösen und Peter zum Toten-Hosen-Konzert mitnehmen (wird wegen Nachwuchs wohl aber ebenfalls schwer). Flugangst in Griff kriegen. Wäre zwecks Weltoffenheit dringend vonnöten. Es sei dann, man kommt nach Kuba irgendwann mal mit dem Rad.

Und endlich mal die restlichen Vorhänge aufhängen. Den Heizraum und die Abstellkammer ausmisten. Offene Lampenfragen endgültig klären. Wir haben tatsächlich noch Fassungen hängen. Nicht mehr viele, aber dennoch vorhanden.