Feuerkohl oder Weihnachten ist, wenn…

Peter und Fritzle

 

 

 

 

 

 

 

 

 

* Peter morgens um 4.15 Uhr, 4.23 Uhr und 5.01 Uhr fragt, wie lange es noch bis zur Bescherung dauert. Lustig, lustig, tralalala, bald ist Heiligabend da.

* Frau Kasi schon morgens um 7 Uhr in Hektik gerät, weil man abends um 18 Uhr essen will. Dabei wird seit Jahren vorgekocht, damit’s keine Hektik gibt. Apfel, Nuss und Mandelkern, essen alle Kinder gern.

* Morgens irgendwann gegen 11 Uhr das vorgekochte, vor zwei Tagen eingefrorene Blaukraut anbrennt und Peter den Feuerkohl-Gestank mit Raumduft der Note „Lemon Breeze“ mildern will. Danach riecht es nach Feuerkohl und künstlicher Limone, was den Gestank nicht eben besser macht. Wie war das mit dem Tannenduft?

* Peter angesichts der Kohl-Neuauflage (Frau Kasi friert aus Erfahrung immer zwei Päckchen ein) fragt – und das mit leicht angeekelter Miene: „Waasss? Und der soll jetzt besser sein?!“

* Man sich jedes Jahr schwört: „Nicht wieder so eine Hektik wie im letzten Jahr….“ Und dann? Same procedure as last year, Miss Kasi.

* Herr Kasi mittags Regale montiert, Serviettenringe klebt oder über den bereits nadelnden Baum flucht. Alle Jahre wieder.

* Der Kasi-Mann, müde von einer arbeitsreichen Woche, nach einem Mittagsnickerchen lechzt. Geht ja aber nicht, weil er Regale montieren und Serviettenringe kleben muss.

* Der Familienfriede schließlich an der Frage „Kleiner Lord“ oder „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ oder „Michel aus Lönneberga jäh zerbricht. Herr Kasi ist ein Fan alter Klassiker wie den beiden Erstgenannten. Frau Kasi mochte schon immer den Michel. Ein früher Revoluzzer, der alles anders machte als andere. Du und ich, Alfred.

* Das Sohnkind morgens um 11 Uhr den letzten Wunschzettel schreibt: „Glaubst Du, das klappt noch? Welche Lieferzeiten haben Himmelsboten?“

* Benjamin Blümchens „Weihnachtstraum“ die gefühlt 1094. Runde im CD-Player nimmt. Töröööö. Die ganze Neustadt-Bande… manchmal könnte ich sie… auf Bibis Hexenbesen an den Blocksberg ausfliegen.

* Peter bei jedem vorbeifahrenden Auto ans Fenster rennt. Hallo, hatte das Christkind schon jemals einen VW? Oder einen Motorroller?

* Abends um 20.15 Uhr alle auf dem Sofa schlafen. Klar, wenn man schon so früh wach ist.

In diesem Sinne wünsche ich allen stressfreie Weihnachten mit Tannenduft, ohne Feuerkohl und Limonenduft.

Besinnliche Grüße,

Eure Kasi

Lieber unbekannter Autofahrer,

vielen Dank, dass Sie mir am heutigen Donnerstag, 15. Dezember, 2011 meinen linken Außenspiegel demoliert haben. Danke natürlich auch dafür, dass Sie sich gleich gemeldet haben. Aber wenigstens haben Sie die umliegenden Kleinteile feinsäuberlich eingesammelt. Es hätte sich ja ein kleines Kind daran schneiden können. Danke für Ihren Charakter und Ihren Anstand, selbst verursachte Schäden unbürokratisch beheben zu wollen. Aber vielleicht ist Ihr Auto ja nicht versichert, oder Sie haben gar keinen Führerschein? Mein Sohn weiß jedenfalls mit sechs Jahren, dass man sich äußern muss, wenn man einem anderen etwas kaputt macht. Aber vermutlich sind Sie einfach eine A…nase und wissen das nicht. Hiermit habe ich es Ihnen gesagt! Ich wünsche Ihnen jedenfalls Pestbebeulen an den Hals und Frostbeulen an die Füße. Die Beule in Ihrem Kopf ist ja offensichtlich leerer als Nusplingen bei Nacht. Sollten Sie sich in den nächsten Tagen des nächtens mit einer fiesen Darmgrippe über der Kloschüssel krümmen, seien Sie sicher, dass ich es höchstpersönlich war, die Ihnen dieses Elend an den Hals gewünscht hat.

Danke auch an den hilfsbereiten Polizisten, der sich beschwert hat, dass ich nichts bieten kann, „bei dem wir Ermittlungen führen können, die vielversprechend sind und nicht nur unnötig Arbeit haben“. Sie haben mein Vertrauen in die Staatsmacht unglaublich gestärkt – auch wenn es nur um einen schnöden Außenspiegel links ging. Zum Glück. Nicht vorstellbar, ich wäre wirklich Opfer eines Verbrechens geworden.

Herzlichst,

Ihre Kasi

PS: Noch ein Autospiegel, der Aufruhr verursacht. Aber das war NICHT meiner, nur der Vollständigkeit halber sei dies angemerkt. Das ist der  FDP-Spiegel.

Nicht ohne mein Kind

Der pure Horror? Das Kind ist weg, und man kann es nicht finden. Exakt 33 Minuten lang. Unlängst passiert, als ich Peter aus dem Jugendbüro abholen wollte. Und er nicht da war.

Mein Sohn ist mittlerweile sechs Jahre alt. Deshalb sind mein Gatte und ich der Ansicht, dass das Kind den kurzen Weg von seiner Schule bis zum Rathaus (wo Parkplätze sind) gut zu Fuß gehen kann. Nach eineinhalb Wochen Schule trauen wir uns noch nicht so recht, ihn den gesamten Schulweg zu uns ins abseits gelegene Wohngebiet zurücklegen zu lassen – wir wohnen am einen Ende des Fleckens, die Schule befindet sich exakt am anderen. Peter indes ist stolz darauf, dass ich ihn nicht direkt am Schultor ins Mama-Taxi einlade. Diese kleine Selbstständigkeit habe ich auch immer all jenen gegenüber verteidigt, die erstaunt gefragt haben: „Was? Du holst ihn nicht direkt an der Schule ab? Findet er denn den Weg?“ Ehrlich gesagt, sind meine Brüder und ich stets alleine heimgewackelt nach Schulschluss – von Klasse eins an. Und wir hatten auch ein gutes Stück. Klar, Anfang der 80er waren das andere Zeiten, aber dennoch finde ich, haben Kinder auch heutzutage keine Käseglocke verdient, sondern ein Stück Selbständigkeit. Das Gefühl, „das krieg‘ ich alleine hin…“ ist doch super. Ich freue mich ja auch, wenn ich ein Programm auf meinem Rechner ganz allein installiert habe, und es danach läuft. Peter wird mittelfristig auch allein zu Fuß heimgehen müssen. Dabei, so schätze ich, wird er ordentlich maulen.

Lange Einführung. Letzten Donnerstag stand ich nun also am Rathaus. Peter war nachmittags zum ersten Mal alleine im Jugendbüro gewesen, das für Erst- bis Viertklässler bei uns im Ort ein tolles Programm anbietet. Wer danach nicht kam, war mein Sohn. Peter ist eine kleine Trödelliese, von daher machte ich mir erst nach guten zehn Minuten Sorgen. Vorsichtshalber ging ich ihm entgegen. Der Schulhof war leer. Ich bekam ein mulmiges Gefühl im Magen – so wie damals, als wir uns im Gartencenter verloren hatten. Damals hatte mich eine Lautsprecher-Durchsage erlöst: „Der kleine Peter wartet an der Kasse auf seine Mama.“ Auf dem Schulhof gibt es leider keine solche Durchsage. Dafür aber meinen Lieblingshausmeister. „Dein Sohn? Der is soeben mit den anderen losjewackelt“, berlinerte er fröhlich drauflos, „den findste sicherlich. Der haut Dir doch nich ab. Aber ich glaub, er ist mit allen anderen die Straße lang. Und nich wie ausgemacht unten rum.“ „Unten rum“ führt der Weg, den die Schulkinder eigentlich nehmen sollten: über Fußgängerwege bus- und autofrei ans Rathaus. Aha. Eine Abmachung nicht eingehalten. Werde ich sauer? Nein – ich merke, wie mir der Angstschweiß klebrig den Rücken hinunterläuft. Man liest so viel… habe ich das von der viel gepriesenen Selbständigkeit? Vor meinem geistigen Auge ziehen Horrorszenarien vorbei: Kinderschänder, Busunfälle, mein weinendes Kind. Schnell verscheuche ich diese Gedanken. Ich zwinge mich ruhig zu bleiben und klaren Kopf zu waren. Mein Lieblings-Hausmeister bietet mir gutmütig an, auf seinem Motorroller eine Runde ums Karré zu drehen und Ausschau nach dem verlustig gegangenen Sohnkind zu halten. Ein Schüler, der das Jugendbüro unterstützt, fährt die Strecke freundlicherweise mit seinem Rad ab. Peter bleibt verschwunden. Ich bin klatschnass geschwitzt und renne eine Runde nach der anderen zwischen Schule und Rathaus hin und her. Böse Menschen, denke ich, gibt’s vielleicht ja auch auf dem Dorf?

Eins vorneweg: Ich habe Peter wiedergefunden. So wie wir die Sache rekonstruiert haben, muss er tatsächlich den anderen, nicht erlaubten Weg gewählt haben – vermutlich in Gedanken und  in der Traube mit allen anderen. Anschließend hat er mich gesucht – und deshalb haben wir uns nachhaltig verfehlt. Als ich mein schluchzendes Kind wieder in die Arme schließe, ist es auch um meine Fassung geschehen? Schimpfen? Iwo. Dazu bin ich viel zu erleichtert. Trotzdem klären wir in einem ruhigen Gespräch genau, welcher Weg erlaubt ist und welcher nicht. Und Peter? Ich schätze, er hat seinen Teil gelernt.

Die technische Komponente

Wir essen alle gemeinsam zu Abend – Herr und Frau Kasi sowie der Thronfolger. Über Speck und Lyoner hat Peter plötzlich eine Frage. An seinen Papa. Folgender Dialog.

Peter: „Papa, sach mal genau, wie ein Kind entsteht.“

Herr Kasi: „?!?“  Frau Kasi isst genüsslich Käse.

Peter: „Paaapa? Haste gehört?“

Herr Kasi: „Ja.“

Peter: „Und?“

Herr Kasi (sehr gedehnt): „Naaa…. das weißt Du doch. Das mit dem Liebhaben und so.“

Peter: „Jaja, alles klar. Das hat mir die Mama schon lang mal gesagt. Ich meine eher, wie richtig. Aus Samen und Ei muss ja man ein Baby werden.“

Herr Kasi (will Zeit gewinnen): „Wie meinst Du das?“

Peter (leicht ungeduldig): „Na so eher die technische Komponente. Wie das Baby eigentlich in den Bauch kommt.“

Herr Kasi: „Wenn man sich ganz fest in den Arm nimmt…“

Frau Kasi (erschrocken): „Huch…“

Peter: „Maama, stimmt das nicht?“

Frau Kasi (gedehnt): „Im Prinzip schon. Wir haben ein schlaues Buch, da gucken wir nachher ein paar Bilder an.“

Peter isst weiter. Herr  Kasi atmet auf.

 

Was vom Kindi übrig blieb

Da stehen wir nun also, das Sohnkind und ich. Beide schnüffeln und verdrücken wir peinlich berührt ein paar Tränchen am Gartontor von Peters Kindergarten. Vielmehr „Ex-Kindergarten“. Neben uns steht ein VfB-Rucksack, voll mit all dem, was von so einem „Kindi-Leben“ übrig bleibt. Ein hellblauer Ikea-Becher mit verblasstem Namen. Ein paar abgewetzte Hausschuhe. Ein letztes Bild, auf dem ich als Prinzessin (!) zu sehen bin. Eine Blume aus Tonpapier und ein selbstgebastelter Rabe. Entlassen ins Leben – in die Schule. Peters Mütze hängt schief. „Huhuhuuuu“, schluchzt er, „muss ich da jetzt echt hin?“ Ich nicke. Klar. Doch auch mein Herz hängt in der Kniekehle. Mein kleines Baby – soll in die Schule? Ein ähnliches Gefühl hatte ich zuletzt, als man meinen kleinen Brüdern den Führerschein gab. Frech sowas. Doch natürlich weiß ich es: Peter muss in die Schule. Es muss was Neues her. Neue Herausforderungen braucht der Mensch, wie man so schön sagt. Er soll „Oh wie schön ist Panama“ lesen oder ausrechnen können, wie viele Eier in den Tassenkuchen müssen. Doch davor nehmen wir zum Abschluss noch einmal das volle Kindergarten-Programm. Der persönliche Abschied von den Erzieherinnen, die uns in den vergangenen vier Jahren sehr ans Herz gewachsen sind – Peter geht in den „Kindi“, seit er zweieinhalb ist. Das Abschiedsfoto von Peters Platz auf dem Bänkchen mit seiner Garderobe und vom Fach mit seiner Tasche. Als die Erzieherin schließlich das mit Dymoband geklebte Namensschild „Peter“ abknibbelt und es ihm schenkt, ist es auch um meine Fassung geschehen.

Trotzdem bemühe mich – draußen am Tor – um Schadensbegrenzung. „Peter“, sage ich mit sanfter Stimme, „Du darfst Deine Erzieherinnen doch noch besuchen.“ Peter nickt, tränenüberströmt: „Jaaa, schon. Aber das is doch nicht dasselbe.“ Nein. Vermutlich nicht. Noch gut erinnere ich mich an meinen ersten Schultag, die riesige, grell orangene Schultüte mit bunten Schiffen, die ich mühevoll aus den eklig schmeckenden, gummierten Papierschnipseln hatte aufkleben müssen. An die Latzhose, die ich an hatte. Und sogar an den Geruch im Klassenzimmer – ein muffiges, vermutlich Jahrhunderte altes Gemisch aus Kreide, den alten grünen Vorhängen und dem morschen Holz von  Stühlen, die von Generationen an Schülerpopos längst durchgesessen waren. Bammel hatte ich auch. Und Peter? Den trösten meine Gedankenspiele kaum. Abschiede sind und bleiben einfach furchtbar. Auch wenn man sich eigentlich auf das Neue freut.

Noch Fragen?

Wir sind bei zu einem schönen, großen Fest eingeladen. Demensprechend wird auch das Kind, sehr zu seinem Leidwesen, aufgehübscht. Für den Notfall nehmen wir aber Spielklamotten mit. Man weiß ja nie.

Nach kurzer Zeit beobachte ich meinen Sohn, wie er sich hingebungsvoll rosa Kreide auf die Wangen schmiert. Peter zieht sich freiwillig sein altes Zeug an: „Ist ja viel gemütlicher. Hab ich doch gleich gesagt, dass es sich nich lohnt, mich schön zu machen.'“

Wieder zehn Minuten später sind nicht nur des Sohnkinds Wangen rosa bekreidet, sondern das ganze Kind (natürlich inklusive Klamotten) ist voll mit kunterbuntem Kreidestaub. Alle anderen Kids sehen ähnlich aus. Folgender Dialog.

Ich (entgeistert): „Sag um Gottes Willen, was Du gerade machst.“

Peter (ungeduldig): „Maaamaaa…. komische Frage. Na malen natürlich.“

Ich (genervt): „Im Ganzkörpereinsatz?“

Peter (ungerührt): „Ich weiß gar nich was Du hast. Wir sehen zwar alle nicht mehr schön aus, aber wir sind friedlich, spielen ruhig und machen nicht den geringsten Krach. Noch Fragen?“

Nein Danke. Das war genau genug. Und Recht hat er ja obendrein.

Es geht um die Wurst

„Wann kommt der Besuch endlich?“ Nervös tapst Peter den Hausflur auf und ab. So ist das immer, wenn wir Gäste kriegen. Nur noch fünf Stunden. Zeit genug also für die Erwachsenen, alles fein zu machen und ordentlich aufzuräumen, Salat zu putzen, Grillfleisch zu besorgen, Getränk bereitzustellen, Weingläser zu spülen und Bier kalt zu stellen. Sollte man meinen. Doch wie immer läuft alles ganz anders. Da ist zunächst einmal Peterchens Zimmer. Das sieht aus wie nach einem mittelschweren Angriff. Erst schimpft Herr Kasi, dann Frau Kasi, und schlussendlich räumen alle zusammen auf. Blamieren will sich schließlich niemand. Drei Stunden lang sortieren wir im Schweiße unseres Angesichts Buttinette-Kataloge, ordnen gemalte Bilder („Die schenk‘ ich alle Dir, Mama…“) und freuen uns über neckische Spielereien aus Überraschungseiern. Irgendwann ist das Mammutwerk geschafft. Noch zwei Stunden bis zum Eintreffen der Gäste. Peter ist erleichtert. Zum Glück kommt nicht jeden Tag Besuch.

Herr und Frau Kasi beratschlagen, wie gegrillt werden soll. Im Hause Kasi ist Grillen nicht nur allein die Zubereitung einer Nahrung, sondern Religion und Hoheitsaufgabe des Herrn Kasi. „Mit Holz“, befindet Frau Kasi, „schmeckt vieeeel besser.“ – „Geht nicht“, entgegnet Herr Kasi, „das Dreibein für den Grillrost ist noch beim Schweißen.“ Richtig. Das liegt in der Nachbargemeinde am Schopf von Herrn Kasis Leib-und-Seelen-Kumpel. Dieser hat unseren altersschwachen Grillrost zum wiederholten Male liebevoll repariert. Über Land fahren will niemand mehr. Deshalb soll mit Gas gegrillt werden. Schmeckt auch, macht satt und geht schnell – vor allem wenn ausgehungerte Kinder am Tisch sitzen. Herr Kasi legt die Stirn in Falten: „Hmmm. Das Gas wird hoffentlich noch reichen…“ Frau Kasi, die bereits die Gartenmöbel von ihrem Plastikhüllen befreit, sagt entgeistert: „Du, sag‘ jetzt aber nicht, dass wir Leute zum Grillen einladen und dann weder Holzgrill noch Gasgrill intakt sind…“ Nö. Herr Kasi befindet, dass das Gas sicher reicht. Was ihm nicht gefällt, ist das spätsommerliche Wetter. Klar, so heiß wie Mitte August ist es auf der Alb nicht mehr. Es ist sonnig, aber ordentlich kühl. Kommando zurück. Familie Kasi will von vor dem Haus auf die wärmere, geschützte Terrasse umziehen. Dazu muss man dort allerdings den Bistrotisch mit den niedlichen Holzstühlchen wegräumen. Zu siebt sitzt es sich an vier kleinen Stühlen und einem Mini-Tisch schlecht. Frau Kasi – behindert durch eine Schiene an der rechten Hand wegen eines ausgekugelten Daumens – macht sich wie der einarmige Bandit ans Werk. Herr Kasi schreitet schimpfend ein: „Heee… lass das. Das ist doch Mist, was Du tust.“ Herr Kasi macht Anstalten, die kleinen Stühle wegzuräumen, um der großen Sitzgarnitur, die sonst vor dem Haus steht, Platz zu schaffen. Doch auch die Terrasse scheint ihm zu kalt: „Neee. Wir ziehen um. Hier zieht’s. Ich will beim Essen nicht frieren und mir den Tod holen.“ Also wird das Grillfest quasi in den Saal verlegt. Noch eine halbe Stunde Zeit.

Als der Besuch kommt, kommt alles ganz anders. Die Kids einschließlich Peter haben nicht vor, im Saale zu spielen und verziehen sich kollektiv an unseren pädagogisch wenig sinnvollen Sandkasten (restlicher Bausand, Abflussrohre, alte Ytong-Steine, ausgediente Blumencontainer) sowie einen dreckigen Speiskübel mit grünem, brackigem Wasser. Nach kürzester Zeit sehen sie aus wie frisch geschlüpfte, kleine, grüne Lehmmonster. Die Eltern der unkomplizierten Kids leisten dem Ehepaar Kasi draußen beim Grillen Gesellschaft (naja, welcher Besuch will schon allein drin sitzen in der frisch geputzten Stube, während die Gastgeber draußen grillen?) Und wo man schon mal da ist, bleibt man hier auch. Man verteilt kurz Teller, Gläser, Besteck, ein paar Flaschen Wasser und Saft. Guten Appetit! Mal wieder viel Lärm um nichts. Als würde es um die Wurst gehen.

Sie sind der Meinung, das war Spitze?!

Kennen Sie noch Hänschen Rosenthal? Der fröhliche kleine Mann, der donnerstags bei „Dalli Dalli“ immer hurtig in die Luft hopste und rief: „Sie sind der Meinung, das war Spitze?!“ Peter liebt Hans Rosenthal. Seit er vor kurzem einmal die Neuauflage des Schnelldenker-Quiz auf NDR gesehen hatte (die seine Mami für sich aufgenommen hatte), ist unser Sohn im Dalli-Dalli-Fieber. Als wir dann noch entdeckten, dass die alte Show auf ZDF-Kultur regelmäßig läuft, war es um Peter geschehen. Seither freut er sich riesig, wenn Prominente aus längst vergangenen Fernsehzeiten Fragen wie „Was packen Sie in einen Nikolausstiefel?“ Oder „Was wärmt Sie im Winter?“ beantworten müssen. Weil die Wiederholungen mit Hans Rosenthal dienstags um 13 Uhr im Programm sind, müssen wir sie zwar aufzeichen, aber das ist ja egal.

Peter lacht sich scheckig, wenn Altstars der 70-er wie Michael Schanze oder Winnie Markus mit Föhnwelle und Toupierfrisur Plätzchen ausstechen müssen, Teppiche wickeln oder Geldmünzen sortieren. Er freut sich über lustige Antworten in den Schnellraterunden, erheitert sich über die Gewänder von „Assistentin Monika“ oder hat Spaß daran, dass Roberto Blanco heute noch so aussieht wie früher. Auch Uwe Seeler war mal jung, das haben wir bei einer unserer letzten Dalli-Dalli-Sessions ebenfalls festgestellt. Was uns aber auch angenehm auffiel: der feine Umgangston, den Hänschen Rosenthal mit seinen Teams pflegte. Er ließ alle Gäste gut aussehen, egal wie dusselig sie sich auch anstellten und egal, wie schwer von Begriff sie gerade waren. Rosenthal führte seine Interviews ausgesucht fein, freundlich und aufmerksam, er ließ alle ausreden und amüsierte sich nie auf Kosten seiner Gäste. Dazu klampfte Heiner Riethmüller ausgesuchte Melodien wie „Wer soll das bezahlen…“ auf dem Piano, und die Götz-Wendland-Combo  begleitete ihn nach Kräften. Früher hatte überhaupt das, was man heute lapidar als „Band“ bezeichnen würde, schöne Namen wie „Max-Mayer-Bigband“ oder „James-Last-Orchester“.

Was würde Rosenthal wohl zu einem Fernsehprogramm sagen, in dem man zur besten Sendezeit Känguru-Hoden verspeist, arme Schrotthändler auf TV-Almen verfrachtet oder sprichwörtlich in die Gülle fliegt? Vermutlich nicht viel – Hänschen Rosenthal hat diesen Niedergang abendlicher TV-Unterhaltung nicht mehr erlebt. Frau Kasi indes freut sich über den dienstäglichen Ausflug in die TV-Kindheit, als sie frischgebadet im Schlafanzug und nach Bebe-Creme duftend, ausnahmsweise länger aufbleiben durfte, um Schnellzeichner Oscar und die Dalli-Dalli-Tonleiter zu sehen. Zeiten mit einem uralten Saba-Fernseher waren dies, der knapp 25 Jahre alt wurde und dessen Fernbedienung ganz futuristisch „Telecommander“ hieß. Das Gerät hielt sich all die Jahre wacker, bis es ein Gewitter vollkommen unverdienterweise jäh aus dem Dienst nahm. Sage und schreibe fünf Kanäle hatten wir einst daheim, das Erste, das Zweite, das Dritte, Österreich immer und die Schweiz manchmal. Bei ganz gutem Wetter. „Was“, sagte unlängst Peter angesichts des „Spitze-Sprungs“, „gibt’s Dich schon so lange, dasss Du DAS noch kennst und erlebt hast? Boah, Mama.“