Peters Erstkommunion – oder wie Paul den Peter klemmt…
Kategorie: Kasis Welt
Mein Alltag bietet viel Lustiges und Skurriles – meist ungewollt und total unbeabsichtigt. Aber das macht es ja gerade aus…
Abstiegskampf und die Sache mit dem Fansein
Es ist nicht leicht, Fan des VfB Stuttgart zu sein – zumindest nicht immer. Während ich das hier schreibe, hütet mein Mann die heimische Couch und brüllt sich die Seele aus dem Leib. Stuttgart gegen Schalke. Derzeit 3:0 für uns. Der Gatte brüllt in Ermangelung eines Stadionbesuchs, der im natürlich 1000 Mal lieber gewesen wäre. Der ist übrigens ausgefallen, weil ich nicht ganz fit bin. Nur der Vollständigkeit halber. Während der Angetraute oben nach Kräften schreit, sitze ich also in meinem Souterrain-Büro und schreibe. Damit eines klar ist: Ich bin kein Erfolgsfan, und wenn mein Club absteigt, besuche ich halt Spiele gegen Cottbus, Pauli oder Aue. Aber so ein Abstiegskampf schlaucht mich jedes Mal – ich halte es nicht mehr aus, die Spiele anzuschauen. Schon zwei Tage vorher habe ich Herzklopfen, wenn ich an die nächste Partie nur denke. Unausgesprochen die Frage, warum der weltbeste aller Vereine mir das in schöner Regelmäßigkeit immer wieder antut. Abstiegskampf. Sonntägliche Rechenspiele angesichts der Tabelle. Relegation? Direktabstieg? Klassenerhalt? Reicht es? Oder eher nicht? Wie ist der Trend? Gut? Durchwachsen? Sch…?
Soll ich es etwa machen, wie zwei Drittel aller jungen Bekannten meines Sohns, die den Club bei Platz 17 spontan „gewechselt“ haben, als hätte man sie für horrende Ablösungssummen gekauft? Die jetzt Bayern-Trikots tragen und dabei annehmen, dass Kahn, Klose und Gomez immer noch in München die Kickschuhe schnüren? Nein. Da ertrage ich mit knapp 40 Jahren hoheitsvoll all die Häme, die regelmäßig über mich hereinbricht. Eine Frage beschäftigt mich aber immer wieder: Warum in aller Welt gehe ich nicht Stepptanzen oder zu einem Flechtkurs der Volkshochschule? Warum erliege ich nicht der Faszination japanischer Origamikunst oder erwärme mich fürs Kunstradfahren? Warum brauche ich zu meinem irdischen Dasein regelmäßige Stadionbesuche beim Verein meines Vertrauens? Wurst mit viel Senf? Das fürchterliche, in bunt bedruckten Pastikbechern ausgeschenkte, halbwarme Leichtbier? Das höllische Geschrei im Fanblock? Fangesänge, Fahnen und La-Ola-Wellen?
Ruhiger, das steht fest, hat man es, wenn einen der komplette Fußballkosmos kalt lässt. Als der VfB vor einigen Wochen zum ersten Mal auf Platz 17 rutschte, erhielt ich so viel Digital-Post wie selten. Es schien, als müsste mir jeder, der die Vereinsnamen einer Fußballtabelle einigermaßen flüssig buchstabieren kann, mitteilen, dass Platz 17 sch… lecht ist. Dabei blutete mein Herz ohnehin schon genug. Als ich einer guten Bekannten (vollkommen ohne fußballerische Bindung, sieht man davon ab, dass ihr Mann ab und an in der örtlichen AH aushilft), meine Nöte schilderte – mit Tränen in den Augen -, schaute sie mich verständnislos an. „Vom Fußball lässt DU Dir die Laune verderben? Ach komm.“ Ich konnte es nicht fassen. Meine Laune verdirbt, wenn man kleiner Paul eine Familienflasche Franzbranntwein im frisch geputzten Bad ausgießt oder ich Peters Schulranzen (Bermuda-Dreieick!) inspiziere. Fußball – das bricht mir stellenweise das Herz. Fast zumindest.
Ich versuchte ihr zu erklären, wie das ist mit Platz 17 – und kam in arge Erklärungsnöte. Ich schilderte, wie das ist, wenn in Deinem Stehblock (Dauerkarte, na klar) plötzlich gestandene Männer hemmungslos weinen. Wenn der Große nach Abpfiff schluchzt: „Warum tun die das… Warum nur?“ Da liegt die Antwort eigentlich klar auf der Hand. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass diese Fußballliebe natürlich weit mehr als über ein nettes Hobby zum Zeitvertreib hinausgeht. Es ist Leidenschaft und Passion. Es ist mein Leben – und das liegt längst nicht nur am Sport. Da sind die Menschen, die seit Jahren neben uns im Block stehen. Da sind die Ordner, die meinem Großen immer gute Plätze besorgen… „damit der Kleine auch was sieht…“ oder ihn huckepack getragen haben, als er (deutlich kleiner als jetzt) einmal eingeschlafen ist in der Halbzeit. Da sind die Frauen aus dem Fanshop, die schon von weitem rufen: „Ihr mal wieder…. alles klar in Nusplingen?“ Da ist die unbändige Freude über einen „Dreier“. Da ist Glück, wenn die Tormusik ertönt und sich alle freudetrunken in den Armen liegen. All das, das merke ich jetzt, ist gar nicht so leicht zu beschreiben.
Ich erinnere mich hingegen noch gut an meinen ersten Stadionbesuch als sehr, sehr junges Mädchen. Stuttgart gegen Karlsruhe. Derby. Wir hatten Plätze auf der Haupttribüne. Das Spiel gewann der VfB knapp, glaube ich. Ehrlich gesagt weiß ich das nicht mehr so genau. Genau weiß ich allerdings, dass ich, als ich die Treppe zu unsren Sitzplätzen hoch kam und zum ersten Mal über den Platz blickte, wusste, dass ich hierher noch viel öfter kommen werde. Außerdem wusste ich, dass ich künftig in die Heimkurve wollte. Dorthin, wo die Fangesänge und die Fahnen sind. Nie werde ich diese ersten Eindrücke vergessen. So gesehen, war es Liebe auf den ersten Blick. Mein Mann behauptet übrigens noch heute steif und fest, das erste, was ich ihn beim Kennenlernen gefragt habe, sei gewesen, ob er auch VfB-Fan ist. Er hat den Test bestanden. Ach ja, das Spiel. Der VfB hat 3:1 gewonnen. Ich hab‘ das Spiel aufgezeichnet und guck’s mir jetzt an. Aber jetzt rechne ich nochmal. Die Tabelle….
Die Sache mit den Vorsätzen
Sie kennen das sicher. Man nimmt sich viel vor zu so einem neuen Jahr, das frisch gestärkt und sauber vor einem liegt und so viele Chancen zu bieten scheint. Man muss viel mehr Sport machen. Gelassener werden. Ruhiger agieren. Richtig gute Bücher lesen. Tolle Filme (also solche mit Anspruch) gucken. Vorsichtiger Auto fahren und vor allem nicht so schnell. Viel früher tanken und nicht warten, bis das Tanklicht auf Dauer-Rot geht. Mehr gesundes Obst essen. Sich viel weniger Milchkaffee und mehr Bio-Kräutertee zu Gemüte führen. Abends gleich ins Bett gehen und nicht auf dem Sofa einschlafen. Den eigenen Mann ausreden lassen. Die Söhne auch. Sehr viel weniger Nutella essen und am besten nicht vom Löffel. Sich nicht ereifern, wenn die Umwelt langsamer tickt als man selbst. Sich die (wenige) (Frei-) Zeit besser einteilen. Mehr stilles Wasser trinken und keinen trockenen Rotwein mehr. Wichtige Termine gleich aufschreiben oder ins Outlook klopfen. Und so weiter…
Dieses Jahr halten sich meine Vorsätze im Rahmen. Die Sache mit dem Sport – nun ja, die sollte ich mir zu Herzen nehmen (meine Gelenke sind nicht die besten). Gelassenheit schadet nie, und es ist sicher gesünder, im eigenen Bett zu ruhen als s-förmig oder zu einem Seepferdchen gekrümmt auf dem Sofa im Wohnzimmer einzunicken, mit steifem Genick aufzuwachen und tagelang (aufgrund von Nackenschmerzen) in gebückter Haltung durch die Gegend zu schleichen. Aber ansonsten ist für 2014 mein großer Vorsatz, die Vorsätze Vorsätze sein zu lassen. Warum? Weil ich mich schlecht fühle, wenn ich es wieder einmal nicht geschafft habe, pro Tag fünf Gemüse- und Obstrationen am Tag zu essen, bei Milka zartherb wieder einmal schwach geworden bin oder dem Angetrauten zum dritten Mal ins Wort gefallen bin.
Solange alles im Rahmen bleibt, können mich die Vorsätze gerne haben. So.
Das ist der Moment
Familie Kasi plant einen Urlaub – eine Woche Wandern im wunderschönen Zillertal. „Rockt nicht zwingend“, bekennt der Große grundehrlich und zieht eine Schnute. Dabei nennt er ungefähr 203 Internet-Adressen, die Last-Minute-Reisen in alle Welt im Angebot haben – also nicht nur ins Zillertal, sondern in die Karibik, nach Südafrika oder auf irgendeinen Kreuzfahrt-Kahn. Aber egal: Wenn Rock ’n‘ Roll – wegen Juniorkeks Paul – gerade nicht angesagt ist, muss man sich halt auch einmal mit einem Walzer zufrieden geben. Hauptproblem für Herrn Kasi sind weder fehlende Action am potenziellen Urlaubsort Mayrhofen oder die dortige Stubenmusik, sondern kapazitäre Probleme in Frau Kasis Scirocco. Familienkutsche ist nicht mehr, seit der Opel Blitz das Zeitliche gesegnet hat. Frau Kasis kleiner Scirocco ist zwar schön und schnell, aber damit in Urlaub? Während Frau Kasi Angst um Lieblingsfelgen und Samtlack hat, sorgt sich Herr Kasi eher um die 34 Polohemden, die unsere Familie neben Kühlschrank, Waffeleisen und Reserve-Nachtlicht immer im Kofferraum hat, wenn man auf große Fahrt geht.
Ja, ich gebe es zu. Wir nehmen IMMER zu viel mit. Sachen für warmes Wetter. Sachen für kaltes Wetter. Sachen gegen Wind, Nässe, Fußpilz, Baby-Blähungen, ausgefallene Zahnkronen (obwohl wir gar keine haben, aber man weiß ja nie) und natürlich viel Nahrung. Kekse, laktosefreie Milch, Landjäger, Brot, Marmelade, Nutella. Es könnte im Zillertal ja schließlich spontan eine Hungersnot ausbrechen. Dieses Mal fassen wir uns sehr knapp; dem Rocco und dem Mini-Kofferraum mit obendrein hoher Ladekante sei Dank. Trotzdem sitzt Peter längs auf Paulchens Tragekraxe, und Paulchen kämpft (Gerd Müller, der Bomber der Nation, wäre stolz auf ihn), tretend mit beiden Beinchen gegen das Laptop von Frau Kasi und meckert laut und vernehmlich: „Bähähähä.“ Was frei übersetzt vermutlich soviel heißt wie: „Meno. Ich bin der Kleinste. Und ich bin eingebaut wie die Dosenpyramide aus Gulasch bei Aldi. Gemeeeeein.“
Als alle letztendlich – viel zu spät und nassgeschwitzt – im Auto sitzen und Herr Kasi schweratmend die letzten Paar Wanderschuhe im Handschuhfach verstaut hat, mag das Navigationsgerät (liebevoll „Isolde“ genannt) urplötzlich Österreich nicht mehr. Anders ist es nicht zu erklären, dass sich urplötzlich keine österreichischen Karten mehr laden lassen. „Ups, da ist beim Aktualisieren wohl was schief gegangen“, spekuliert Herr Kasi, und wie auf Kommando fahren die Köpfe herum zu Peter, unserem kleinen IT-Crack. „Vermutlich mag Isolde lediglich den stark und falsch schwäbelnden Ansager nicht“, mutmaßt Frau Kasi. Ihr geht der vermeintlich freundliche Automaten-Herr ebenfalls gewaltig auf den Keks. Dieser nölt – statt eines umgänglich-sachlichen „Sie haben Ihr Ziel erreicht…“ bei der Ankunft schleimig: „Sodele, jetzedle. Du bisch do. Viel Spaß…“ Kommando zurück. Dass Paulchens Windel fies duftet, passt ganz gut. Herr Kasi aktualisiert sämtliche (!) Karten neu, was laut Anzeige 37,5 Minuten dauert. Man lässt noch kurz die Spülmaschine laufen. Jetzt, wo noch etwas Zeit ist.
Irgendwann sind alle Digital-Karten auf Isolde wieder drauf. Was nicht fertig ist, ist die Spülmaschine. Um diese Zeit zu überbrücken, redigiert Frau Kasi einen letzten Text. Man muss die Zeit doch sinnvoll und gewinnbringend nutzen. Als die Spülmaschine klar gespült hat, ist Frau Kasi aber erst beim vorletzten Absatz. Herr Kasi wird ungemütlich. Satte vier Stunden Verspätung. Das ist selbst für unsere Verhältnisse mal richtig viel. Wieder im Auto. Wieder fieser Dampf aus Paulchens Hose. Irgendwann ist Paulchen wieder stadtfein, Herr und Frau Kasi rasen vom Wickeln nach unten. Das ist auch bitter notwendig, denn Peter hört zur Urlaubseinstimmung im Hof sehr laut „Das ist der Moment“ von den Toten Hosen (gegen 9.30 Uhr). Passend und sinnstiftend zugleich, denn urplötzlich verebbt Campinos Refrain im Nichts, und das so eben neu geladene Navigationsgerät wird dunkel. „Nein!“, brüllt Frau Kasi, „war der ganze Sch… immer am Strom? Ihr wisst doch, dass die Batterie schwach ist!“ Als Frau Kasi behutsam den Schlüssel im Zundschloss dreht, macht der Scirocco nur noch müde: „Böhöhöhö…“ Peter gibt seinen Senf dazu: „Ich sag’s ja immer… jetzt isser leer.“ Frau Kasi vergisst kurzfristig ihre gute Erziehung und brüllt ihren ärmsten Sprössling an: „Wer hört Musik? Wer tötet das Isolde-Navi? DU! Jetzt. Steigst. DU. Ein. Und. Bist. RUUUUHIG!“ Weil der neue Rocco aber dummreweise platzergiebig vor dem Garagentor steht, ist es gar nicht so leicht, den alten Scirocco zum Überbrücken nach draußen zu fahren. Dank Herrn Kasis Fahrkünsten (der Parkgott!) gelingt auch dieses Manöver ohne Fremdhilfe. Frau Kasi überbrückt. Der rote Scirocco läuft alsbald, der blaue kehrt – vermutlich leicht angesäuert – wieder in die Garage zurück. Endlich Abfahrt. Knapp fünf Stunden später als geplant. Respekt.
PS: Dass wir nach exakt 24,5 Minuten einkehren mussten auf ein ordentliches Frühstück,wird nicht separat erwähnt. Genauso wenig die Tatsache, dass just während des Überbrückens Nachbars freundlich winkend vorbeifuhren (vermutlich auf dem Weg zum Badesee) und sich ob des Tumults in Familie Kasis Hof sichtlich wunderten.
Wir hatten es nett
Tage mit den beiden Buben – immer spannend, manchmal anstrengend, aber immer so, dass es irgendwie doch noch etwas zu lachen gibt. Die Sonne scheint nach gefühlten 1934 Tagen endlich einmal wieder. Passenderweise dazu muss Peter einen Text für Deutsch abschreiben. Mit Füller. Über Gewitter und prasselnden Regen. Paul beäugt seinen mit der Zunge mit Mundwinkel emsig schreibenden großen Bruder vom Hochstuhl aus überaus sehr aufmerksam. „Pepe?“ Nein. „Pepe“ schreibt über trommelnden Regen und dunkle Wolken. Paul, der kann jetzt nicht. Außerdem hat Peter jetzt auch noch bei „plötzlich“ ein „t“ vergessen. Mist. Ich betrachte den Frieden gerührt und beginne, die Spülmaschine einzuräumen. „Sowas“, ereifert sich Peter, „jetzt schreib‘ ich da was über Regen… dafür hätten wir doch wochenlang Zeit gehabt. Bin ja froh, wenn mal die Sonne scheint.“ Ich schmunzle. „Nun ja, aufs Wetter kann man die Hausaufgaben nicht auch noch abstimmen.“ Peter hat sehr liebe Lehrerinnen, das sei nebenbei bemerkt. Paul indes wittert Morgenluft. Peter macht eine Schreibpause und legt den Füller unbeabsichtigt sehr nah in Regionen, die vom Hochstuhl aus sehr gut zu erreichen sind. Klirr. Der Füller kracht zu Boden. „Ommm“, sagt Paul, „deda. Ommm.“ „Ihhhhhh“, entfährt es Peter. Blaue Tinte verteilt sich wie moderne Kunst großflächig über Fliesen, Küchentheke und Barhocker. Paulchen hopst in seinem Gestell sitzenderweise auf und ab (ja, das geht… kommen Sie ruhig vorbei, wenn Sie es nicht glauben). Endlich Action im Babyalltag! Peter ist schuldbewusst und senkt den Kopf: „Och nöö, und ich bin auch noch schuld an der ganzen Sauerei. Sorry, Mami.“ Ich wiegle ab: „Was glaubst Du, wie oft MIR sowas passiert…nicht so schlimm. Hilfst Du mir kurz beim Saubermachen?“ Peter nickt. Grinst wissend. Und erinnert mich dezent an das Rührei-Schüttelbecher-Massaker und den Mixer-Kürbissuppen-Zwischenfall. Beide Male war neue, weiße Wandfarbe nötig.
Weil Paul cliffhängerverdächtig in seinem Ikea-Hochstuhl zu klettern anfängt, hebe ich ihn heraus und beschäftige ihn mit pädagogisch wertvollen Entdeckerbausteinen aus naturbelassenem Holz, fünf Schritte weiter im Wohnzimmer. Paul nickt freudig. Freiheit! Spielen! Klasse! Dass die Bausteine lautstark über den vom Mann so heiß geliebten Parkettboden schlittern und seltsame Geräusche verursachen, nehmen Peter und ich billigend in Kauf. Der Große schrubbt hingebungsvoll Theke und Hocker, ich den Boden. Die Tinte ist allerdings hartnäckig. Ich muss die Fliesen ordentlich rubbeln, obwohl Familie Kasi (aufgrund zweier öfter sauigelnden Buben) im Besitz eines superduper Hightech-Bodenschrubbers ist. Hätte ich gar nicht gedacht: Fies, das Zeugs.
Während ich links an der Wand rubble, macht es rechts an der Wand neben mir laut: „Höhöhö“. Ich sehe, wie mein selig grinsendes Baby mit roten Bäcklein und vor allem mit viel Wucht durch die letzte große Tintenpfütze patscht. Nein, hechtet. Paul hat Spaß. Gibt’s ja nicht immer, so einen blauen See in der Küche. Trotz der Schweinerei hat das ganze eine gewisse Situationskomik. Heute Abend lohnt sich die Badewanne. Und Herr Kasi fragt, wenn er heimkommt, sicher wieder: „Naaaa, hattet Ihr es nett?!“ Oh ja. Im Großen und Ganzen schon :-).
Tschüss, Opel Blitz!
Nun ja, was soll ich sagen? Wir müssen Abschied nehmen. Von Opel Blitz, einem etwas in die Jahre gekommenen Zafira mit rund 100.000 Kilometern. Der Wagen ist verkauft, morgen wird er abgeholt. Eben holt Herr Kasi das letzte Gedöns aus dem Auto: ein Päckchen feuchtes Toilettenpapier für die Buben, ein Knaxheft von Peter und eine Picknickdecke. Obwohl wir froh sind über den Verkauf, befällt uns kollektive Wehmut. Peter kannte mit seinen knapp acht Jahren bewusst nur den Opel Blitz, der übrigens nach einem frühen Tourbus der Toten-Hosen benannt war. Ehrlich gesagt bin ich mir sicher, dass unser Opel Blitz in seinen Jahren bei uns fast genauso viel erlebt hat wie sein berühmtes Punkrock-Pendant. Jetzt steht er äußerlich poliert und innerlich geputzt auf dem Hof und ist mir so fremd wie ein Neuwagen. Ohne Nummerntafeln, ohne Krümel zwischen den Sitzen (vor dem Saugen hätte man spontan zwei Schnitzel panieren können), ohne Paulchens Spuckwindeln und ganz ohne Currysauce aus einer großen Fastfoodkette, die wir selbstverständlich nieeee besuchen.
Der Blitz kam einst ins Haus, als Peter ein paar Monate alt war. Damals hatte uns sein Vorgänger jäh verlassen. Der Neue bestach durch viel Platz, sieben Sitze und ein Sportgetriebe. 140 PS waren für sein etwas hohes Gewicht zwar nicht üppig, aber okay. Das Raumangebot machte das Tempo wett. Wir erkundeten zu dritt den Gardasee im Opel Blitz. Wir pendelten zwischen Klinik und Heimat hin und her, als Paulchen krank war. Einmal übernachteten Herr Kasi und ich sogar drin, als das Tote-Hosen-Konzert länger gedauert hatte als geplant und wir beide schweinemüde waren. Ein Haus bauten wir obendrein mit dem treuen Gefährten. Wir fuhren Holz für den Pollerofen im Wohnzimmer hin und her, beluden das Auto wenig feinfühlig mit großen Müllsäcken für die Entsorgung und stopften seine Kofferraum-Untiefen mit gefühlten 134 Kartons an Frau Kasis Büchern voll. Dazu kamen zig Fußball-Ausfahrten zum VfB oder der deutschen Elf, alleine oder in Gesellschaft von Freunden. Anschließende Rückfahrten inklusive – himmelhochjauchzend oder eben zu Tode betrübt. Keine Frage, dass Frau Kasi nach dem Meistertitel der Stuttgarter ein Ründchen im Siegestaumel schlief, als man am frühen Morgen nach Nusplingen zurückkehrte. Mach es gut, alter Opel. Ich versprech’s Dir, ich versuch‘ nicht zu heulen.
Ein ganz normaler Morgen
Schon häufig habe ich über unseren – sagen wir es freundlich – mitunter sehr unorthodoxen Familienalltag berichtet. Heute Morgen müssen die Kids zur Oma, weil Frau Kasi ins Büro einen Stock tiefer geht. Herr Kasi spielt Chauffeur, die Oma weiß Bescheid. Nur: Ausgerechnet heute schlafen beide Frühaufsteher lange. Herr und Frau Kasi frühstücken in absoluter Stille gemeinsam. Selten und ungewohnt. Keine Müslischüssel fällt unter den Tisch. Kein Wasserglas. Nur Ruhe und Kaffee und Nutellabrot. Wie langweilig.
6.45 Uhr: Endlich. Peter schlurft in die Küche. Verschwurbelt und grußlos: „Bin aber schon ganz lange wach. Hab schon lange gelesen.“ Aha?! Vor etwa zweieinhalb Minuten hat er noch tief geschlafen. Erster Griff zur Musikbox. Nein. Atzen und Discopogo brauchen wir noch nicht. Nein, die drei Fragezeichen sollen auch noch nicht ermitteln.
6.54 Uhr: Paul kräht durchs Babyphon: „Baba? Mama? Lalalalaa…“ Herr Kasi ist erleichtert. So kommt er zu einer menschlichen Zeit ins Büro.
7.01 Uhr: Peter findet keine frische Unterhosen, was ihn irgendwie so gar nicht stört. Im Wäschekorb, wo frisch zusammengelegte liegen, mag er nicht suchen: „Ich lass‘ einfach die hier an. Ist ja noch gut. Mit Spiderman.“ Kurzer Kampf. Frau Kasi gewinnt. Auch wegen frischer Socken und Zähneputzen. Kämmen wird heutzutage vollkommen überbewertet. Und: Wer braucht einen Kamm, wenn man Gel hat? Eben.
7.03 Uhr: Paul findet Wickeln doof und windet sich wie ein Aal. Dabei pieselt er die Unterlage, sich und die frische Wäsche voll. Weil die Riesenpfütze warm und groß ist, patscht er mit der Hand hinein. Paul lacht fröhlich. Herr Kasi wischt sich dezent Pipi vom Hemd und fragt nach einem neuen.
7.05 Uhr: Paul mag die weiße Strumpfhose nicht, was ich ehrlich gesagt verstehen kann. Als Mädchen fand ich sie schon schlimm genug, für einen Jungen, so sagt Herr Kasi, seien sie entwürdigend. Trotzdem ist Winter, auch wenn wir April und kalendarischen Frühling haben, und Paul muss sie anziehen. Den Beinkleid-Nahkampf gewinnt Herr Kasi: „Bababa lalala. Ommma.“ Paul wendet sich demonstrativ ab. So. Das hasse davon, Papa.
7.09 Uhr: Paul hat Hunger und bekommt noch einen kleinen Snack. Peter hat keinen und meckert über unser Müsliangebot. Viel zu gesund. Zu wenig süß. Und überhaupt: Wer sagt, dass man frühstücken muss?
7.12 Uhr: Pauls Schuhe sind weg. Peters auch. Und Herr Kasi sucht bei seinem Ipod die Dauer-Uhr. Was auch immer das sein mag.
7.13 Uhr: Peter kümmert sich um den Ipod: „Was hast Du auch wieder gemacht? Wenn man Dir mal was Technisches gibt.“ Paul zieht sich die soeben gefundenen Schuhe wieder aus. Das Telefon klingelt. Wo bitte liegt es wieder?
7.14 Uhr: Telefon hinter dem Blumentopf gefunden. Die umsichtige Oma. Sie hat keine Windeln mehr. Hektisch also wieder zwei Stockwerke höher. Windeln… Hmmm. Peter hat den Wickeltisch umsortiert. Ah. Da. Allerdings sind nur noch billige da. Kurze Suche nach den besseren, die Paul auswärts immer kriegt. Puh. Herr Kasi: „Sollte man noch einkaufen, so gute Windeln.“ Unausgesprochen: „Sollte man“ heißt: „Mach‘ doch Du mal…“ Ich weise ihn darauf hin, dass er heute mein Auto hat.
7.24 Uhr: Abfahrt. Frau Kasi frühstückt noch einmal. Stress macht hungrig. Kaffee und Nutellabrot, you made my day.
Krieg im Bällebad
Indoor-Spielplatz und Freizeitparks – an Familie Kasi ist dieser Kelch bislang dankbar vorübergegangen. Weil aber irgendwie „alle“ – „nur Ihr seid so spießig…“ – solche Einrichtungen mit ihrer Familie regelmäßig aufsuchen, reisten wir unlängst ebenfalls einmal hin. Gut zweieinhalb Jahre lang hatte man Sohn 1 diesen Besuch in Aussicht gestellt. Wenn wir nicht komplett die Glaubwürdigkeit verlieren wollten, mussten wir jetzt da durch. Nebenbei: Schon allein der Begriff „Indoor-Spielplatz“ verursacht mir schwere Gastritis – von dem unseligen Anglizismus in der Namensgebung einmal ganz abgesehen. Ein Spielplatz besitzt eine Wippe und eine Sandkiste – und vor allem frische Luft und grünen Rasen. War man dort, muss man meistens zwei Buben ausschütteln und ausklopfen, die komplette Kleidergarnitur waschen, Grasflecken mit Pril versorgen und die Kinder in die Wanne stecken. Trotzdem liebe ich „Outdoor“-Spielplätze, weil man draußen ist und die Natur riecht. Und da braucht’s dann auch kein „Outdoor“ im Begriff.
Die nüchterne und sparsam vertäfelte Industriehalle, in die uns unser Sohn führte, hatte nach meinen – spießigen – Kriterien also mit einem Spielplatz nichts, aber auch gar nichts gemein. Der Geräuschpegel erinnerte mich von der Lautstärke an ein Rockfestival. Überall flogen Bälle aus dem Kugelbad, denn drei Kinder spielten dort Krieg, und Weiß gewann. Zwei Buben mit ungefähr 14 kletterten über die Hüpfburg hinweg und am Rand saßen gelangweilte Mütter und Väter mit Smartphones und schlürften in Socken und Jersey-Wellness-Hosen (gern auch Gammeldress genannt) aus hohen Gläsern Milchkaffee. Ein Vater, vermutlich schon seit fünf Stunden anwesend, stritt lautstark mit seinem etwa sechsjährigen Buben und brüllte dabei dem ungefähr fünf Monate alten Baby ins Ohr. Zwei sehr schicke Mamas in hochhackigen Schuhen wechselten direkt am Kaffeetisch neben der Erdbeertorte die Windeln ihrer Sprösslinge. Nebenher wurden ungefähr 14 Kindergeburtstage gefeiert. An der Pommes-Theke bildete sich eine Schlange wie im Freibad bei 32 Grad im Schatten, und Herr Kasi verlor kopfschüttelnd den Glauben in die Welt: „Dürfen wir noch wählen gehen, wenn wir hier waren?“
Denn direkt neben dem – jetzt leeren – Kugelbad (der Bälle-Krieg war unentschieden ausgegangen) saßen Herr und Frau Kasi. Sie schauten betreten durch das große Panoramafenster in die erste Frühlingssonne. Zugegeben: Die Kids hatten offenbar ihren Spaß. Sie flitzten mit Dreirädern umher, turnten über die Hindernisbahn oder sausten aus schwindelerregender Höhe die Rutsche hinunter. Nach einer guten Stunde kam Peter an. Er zeigte uns begeistert den Ruheraum: „Schaut mal, hier isses schön ruhig. Da gibt’s sogar Sofas.“ Nach weiteren zehn Minuten fragte er UNS; wie lange wir noch bleiben wollten. Wir sattelten die Hühner und flohen. Manches muss man einfach nicht gehabt haben.
Boshis: Bunter als die Polizei erlaubt
Haben Sie’s gelesen? In Nordrhein-Westfalen hoffen die Polizisten auf Wintermützen – und darauf, dass sie noch vor dem nächsten Frühlingseinbruch, all den Primeln, Schneeglöckchen und Buschwindröschen bei ihnen eintreffen. Warum? Man hatte für die Ordnungshüter zwar neue Kopfbedeckungen bestellt, dabei aber offenbar zu wenig auf eine gute Qualität geachtet. Das schwäbische Sprichwort „Do isch d’Kapp ganz schön verschnitta“ wurde in NRW plötzlich wahr: Die Mützen gaben nach kürzester Zeit den Geist auf. Weil wir in Deutschland leben, wurden die minderwertigen Kappen näher inspiziert. Gerade einmal 15 von 190 untersuchten Exemplaren (wer bitte untersucht Polizei-Wollmützen?) waren ohne Mängel. Bei allen anderen lösten sich die Schriftzüge zu unschönen Verbalverunstaltungen wie „olizei“ oder „Plizi“, die Nähte platzten, oder die Staatskappen hatten schnöde Löcher. Unschön, wenn man nachts bei Eiseskälte raus muss zur Streife. Jetzt hat der Hersteller Zeit zum Nachbessern erhalten. Aber es handelt sich um immerhin 25.000 Wollmützen.
Warum ich Sie mit nordrhein-westfälischen Wollkappen behellige? Die ganze Welt ist doch derzeit aufgrund zweier einst in Japan tätiger Skilehrer im „Myboshi“-Fieber. Allen, die nicht wissen, was eine „Boshi“ ist, sei kurz erklärt, dass sich besagte junge Männer in Japan von einer Spanierin beibringen ließen, wie man Kappen häkelt. Niedliche, kleine Wollmützen in allerlei Formen und Farben, mit Bommel und ohne. Zugegebenermaßen, Häkeln war zuvor nicht wirklich „en vogue“, aber die beiden Skilehrer wussten schon in Japan nicht nur mit Pflug und Stockeinsatz zu begeistern, sondern auch mit ihren selbstgemachten Kopfbedeckungen, gefertigt in der nächtlichen Tristesse eines fernöstlichen Turnhallen-Kellers. Zurück in Deutschland lösten die beiden männlichen Häkelprofis einen wahren Hype aus, Horden begeisterter Mädels und Frauen fegten Wollgeschäfte leer, Handarbeitszirkel formierten sich, HTW-Lehrerinnen rieben sich die Hände, man lud gar zu einer Häkel-WM. Die Handarbeit genoss nach Jahrzehnten des Darbens endlich wieder einen gewissen Stellenwert im öffentlichen Leben. Dank Mützen-Modelle mit Namen wie „Hokkaido“, „Ketai“ oder „Tokio“.
Auch Frau Kasi hat in den vergangenen Monaten diverse Mützen und Schals und Stulpen für sich und ihre tollen Jungs gehäkelt. Alle auffindbaren Wollreste kamen unter die Nadel. Die Zahl der gefertigten Stücke stieg und stieg – so rapide, dass Herr Kasi unlängst vorsichtig anfragte (mit einer rotweißen Boshi auf dem Kopf!), wie viele Mützen, Kappen und Stirnbänder noch nachfolgen sollten? Schließlich habe doch jeder nur einen einzigen Kopf und die Mützenkommode in der Diele lediglich drei Schubladen.
Der Familienrat schlug also vor, Frau Kasi und die mittlerweile fleißig mithäkelnde Oma könnten doch die armen Polizisten beliefern? Vermutlich würden die Kopfbedeckungen dann netter und vor allem bunter aussehen als die in NRW bestellten. Sind wir mal ehrlich: Welcher Polizist hat schon eine rot-pinke Mütze mit neongelbem Bommel? Oder eine mit Diagonalstreifen in Himmelblau auf Smaragdgrün? Eine wirklich nette Idee, fand Frau Kasi. Aber sind wir mal ehrlich: Wenn man all die schönen Boshi-Mützen nach vielen Abenden im Schummerlicht, nach Sehnenscheiden-Entzündung, Rückenschmerzen und Tennis-Ellbogen jetzt hergeben würde, wäre man doch dümmer als die Polizei erlaubt, oder?
Euch allen einen guten Rutsch…
Wir freuen uns aufs nächste Open Air 2013… dieses Mal mit Peter!



