Kleiner Junge, großes Herz

Das hier ist endlich Pauls Geschichte. Die Geschichte von einem kleinen Baby, einem großen Herzen und unfassbarem Glück.

„Sie haben ein tolles Kind. Genießen Sie die kurze Zeit, die Ihnen bleibt.“ Sind wir ehrlich: Das sind nicht die Sätze, die man als frisch gebackene Eltern hören will. In der Tat: Paul wurde nach einer zügigen Risikogeburt sehr jäh mit der Welt draußen konfrontiert. Und wir mit drei verschiedenen Kliniken. Eine größer als die andere. Wir hörten in den ersten Tagen von einem schweren Herzfehler (Pauls rechte Herzkammer war viel zu groß), jeder Menge sehr schlechter Blutwerte und letztendlich von einer potenziell tödlich verlaufenden Stoffwechselstörung. „Aber von dieser Krankheit wissen selbst wir an der Uni-Klinik kaum etwas. Sie ist viel zu selten, so dass da kaum geforscht wird. Aber meistens liegt die Lebenserwartung bei zwischen einem und fünf Jahren.“ Paul, unser kleines Baby mit den großen Knopfaugen, bekam viel Sauerstoff und wurde in der Uniklinik rund um die Uhr von allen möglichen piepsenden Maschinen überwacht, die gellend laut Alarm schlugen, wenn vermeintlich etwas nicht in Ordnung war. Noch nie in unserem Leben hatten wir alle solche Angst gehabt. Wir schliefen nicht. Wir aßen nicht. Wir verstanden nichts. Wir waren wie eingefroren. Mitten im Mai. Unser Rettungsanker in jener Zeit: unser großer Peter, der sich so rührend um sein Brüderchen kümmerte (sofern es die Klinikkabel zuließen) und immer bei uns war, wenn uns der Mut verließ.

Heute ist Paul sieben Monate alt und gesund. Er krabbelt wie ein Weltmeister, liebt Bananen, Oma Schatz‘ Stoffmäuse und vor allem seinen großen Bruder Peter. Er hasst es, gewickelt zu werden, schaut oft zum Fenster hinaus und fährt für sein Leben gern Auto. Morgens um vier lacht er gern „Gnihiii“ wie Ernie aus der Sesamstraße. Und wenn Peter aus der Schule kommt, geht in seinem kleinen Gesichtchen die Sonne auf.

Was ist unsere Weihnachtsbotschaft an Euch? Wir haben gemerkt, wie schnell das eigene Leben komplett aus den Fugen geraten kann. Plötzlich ist nichts mehr so, wie, wie es einmal war. Was einmal wichtig war, zählt nicht mehr. Alles hätten wir genau dem Arzt geschenkt, der uns gesagt hätte: „Ich mache Ihr Kind gesund. Kein Thema. Passt morgen?“ Was ist ein Haus? Was ein Auto? Ein Urlaub? Gegen Gesundheit? Zwei so tolle Kinder? Uns hat die Hoffnung über schwere Monate gerettet. Der feste Glaube daran, dass alles wieder gut werden MUSS. So leicht, wie es jetzt hier zu lesen ist, war es dann aber doch nicht. Doch wir hatten Menschen, die uns dabei halfen und zur Seite standen. Familie, Freunde, liebe Nachbarn, einen tollen Kinderarzt. Und erfahrenen Kardiologen, der sich von Blutwerten, Tabellen und Wahrscheinlichkeiten nicht in die Irre führen ließen. Sondern auf ihr Gefühl vertrauten.

Nach vielen bangen Wochen der Ungewissheit stand endlich fest, dass Pauls Herz normal arbeitet. Der Stoffwechsel-Gentest? War ebenfalls negativ ausgefallen: „Ihr Kind ist ein Kämpfer. Andere Babys hätten es mit DEM Herzen und diesen Startbedingungen nicht geschafft.“

Und wir? Wir leben heute ein anderes Leben. Wir setzen andere Prioritäten und sind dankbar für das, was wir JETZT haben. Danke, kleiner Paul! Weil a bissel Glück für di no lang net reicht….

Wir wünschen Euch zu Weihnachten alles, was wichtig ist im Leben… macht was draus. Und glaubt daran.

PETERPAUL mit Fridolin

Morgenstund‘ hat Gold im Mund

Ein Baby zu haben, bedeutet häufig auch, nachts aufstehen zu müssen. Frau Kasi ist als Schlafmütze bekannt und hat mit Folgen des Schlafentzugs besonders zu kämpfen, zumal sie nach nächtlichem Wickeln oder Schnulligeben nicht unbedingt wieder schnell einschlafen kann. Eine ganz normale Nacht im Hause Kasi.

19.45 Uhr: Frau Kasi bringt die beiden Sohnkinder ins Bett. Lesen, Singen, geht meistens schnell. Die Buben schlafen schnell ein. Blöderweise im Ehebett, weil da am meisten Platz zum Kollektivlesen ist.

20 Uhr: Fast genauso schnell geht es, bis Frau Kasi selbst schläft. Tief und fest. Herr Kasi behauptet, er verbringe mit seiner Frau einen gelungenen Abend, wenn sie die Wetterkarte der Tagesschau wach sehe.

22 Uhr: Herr Kasi kommt ins Bett. Frau Kasi sagt kurz Hallo und schläft weiter. Herr Kasi hat keinen Platz, weil die drei anderen ja in seinem Bett liegen, wo sie spontan beim Lesen von „Michel bringt die Welt in Ordnung“ eingeschlafen sind. Er verteilt jeden in seine richtige Bettstatt. Nicht immer geht das glatt. Peter meckert dabei gern, was das in aller Welt solle? Unerhört. Mitten in der Nacht umziehen müssen. So was.

2.30 Uhr: Paulchen redet fröhlich vor sich hin. Wenn aufgrund der Tageszeit niemand antwortet, Frechheit, beginnt er deutlich zu meckern und ratscht mit seiner Patschehand fröhlich die Stäbe seiner Wiege auf und ab. Dabei verheddert er sich im Stoffbezug. Das gefällt ihm gar nicht. Außerdem hat er aus unerfindlichen Gründen die Windel eben voll. Frau Kasi wird langsam wach. Herr Kasi hat da schon gewickelt. Danke! Jetzt hat Paul Hunger. Hier kann Herr Kasi verständlicherweise nicht helfen…

3 Uhr: Baby Paul ist satt. Aufgrund dieses positiven Gefühls  macht er eine tolle Entdeckung: Er kann lachen wie Ernie aus der Sesamstraße: „Grrrr.“ Und nochmal: „Grrrrr.“ Lustig zwinkert er mit seinen dunklen Knopfaugen und freut sich wie Bolle. Frau Kasi und Herr Kasi müssen trotz der frühen Stunde selbst schmunzeln. So ein kleiner Zwerg.

3.10 Uhr: Paulchen ist wieder müde und schläft friedlich. Herr Kasi und Frau Kasi debattieren, was im Garten noch gemacht werden muss. Oder welches VfB-Spiel sie mal wieder besuchen wollen. Oder was der Opa zu Weihnachten kriegt. Was man halt so bespricht morgens um 3.10 Uhr.

3.15 Uhr: Das Licht ist wieder aus. Herr Kasi schläft tief und fest, Frau Kasi strickt heimlich bei heimeliger Beleuchtung der Nachttischlampe einen Schal für Peter.

3.30 Uhr: Frau Kasi wird müde und löscht schnell das Licht. Schnell noch ne Runde schlafen. Jetzt, wo sie endlich schläfrig wird.

3.32 Uhr: Frau Kasi schläft fast. Da schlüpft ein großer, kalter Frosch herein. Es ist Peter. Er hat schlecht geträumt und will kuscheln: „Ich hab‘ geträumt, der Computer ist kaputt. Und das iPhone auch. Und der Strom war auch weg.“ Oha, was für fiese Alpträume.  Frau Kasi ist wieder hellwach. Und hat Hunger. Und schaut heimlich, ob der Computer noch läuft. Dabei entdeckt sie, dass das Licht in Peters Zimmer noch an ist. Schnell aus damit. Unnötige Energieverschwendung. Weil der Hunger immer größer wird, geht sie in die Küche.

3.45 Uhr: Ein Nutellabrot später strickt Frau Kasi wieder. Sie kann nicht wieder einschlafen und überlegt, ob sie die Steuerunterlagen sichten soll. Weil das Büro vielleicht kalt ist, strickt sie im Bett weiter. Wenigstens wird der Schal länger.

4.30 Uhr: Paul meckert. Er hat die Windel voll. Und Hunger: „Auauauauau. Hmpf. Ahhhh. Grrrrr.“

5.30 Uhr: Peter ist ebenfalls wach. Er hat Hunger: „Gibt’s schon was? In der Küche steht das Nutella!? Habt Ihr schon gefrühstückt?“

6 Uhr: Familie Kasi muss aufstehen: Morgenstund‘ hat Gold im Mund. Paulchen und Peter spielen Fernsehen und lachen sich kaputt, weil Paulchens Nase der Einschaltknopf ist. Ach, Ihr Augenringe, Tränensäcke und und Krähenfüße, Ihr lohnt Euch doch. Grrrrrr.

Aus die Maus

Alles begann damit, dass sich eine Maus in Pauls Kinderwagen verkrochen hatte. Paulchens Gefährt steht üblicherweise in unserer Garage zwischen den beiden Autos neben Peters Rad. Eines Nachmittags entdeckte ich zu meiner unbändigen Freude verräterische Biss-Spuren in der Tragetasche. Mäuse im Kinderwagen eines Säuglings sind nicht unbedingt das, was Frau Kasi besonders schätzt. Nachdem der Kinderwagen umfangreich auseinandergebaut (haben Sie eine Ahnung, wie viel Pappe in so einer Trageschale steckt?!) und wieder zusammengesteckt und in der Maschine sehr heiß und mit viel Chemie gewaschen worden war, musste der bedauernswerte Herr Kasi auf Mäusejagd gehen. Frau Kasi weigerte sich beharrlich. Sie fängt nicht mal Spinnen oder Wespen ein. Die Jagd unternahm Herr Kasi selbstverständlich mit mäusehochverträglichen Lebendfallen – weil Sohnkind eins große Krokodilstränen weinte, als Herr Kasi salopp ankündigte, jetzt gehe es den Nagern an Leib und Leben. Die Lebendfallen, die Frau Kasi über ein großes Internetauktionshaus erstand, waren Herrn Kasi zwar zu klapprig und zu wenig stabil, aber mit der klassischen Befüllung – Wurst und Käse – würde die Jagd schon klappen, hoffte er. Denkste.

Die Mäuse waren so etwas von raffiniert. Wurst und Käse waren Tag für Tag weg, die Fallen leer. Im Hause Kasi wartete man schon fast auf handgeschriebene Zettel: „Das nächste Mal hätten wir gern Lyoner und Nugatpralinen.“ Auch weitere Versuche mit Nutella (sehr zum Missfallen von der schleckigen Frau Kasi) scheiterten. Die Schokopaste schleckte Familie Maus gern, fangen ließ sie sich nicht. Doch die rechte Wut packte Herrn Kasi, als er feststellte, dass 1) seine Umzugsplane angenagt und 2) Hase Oskars Kraftfutter leer geräubert waren. Zweimal war Herr Kasi dann tatsächlich mit einer eigens gekauften Superduper-Riesenfalle aus dem Baumarkt seines Vertrauens erfolgreich. Des Rätsels Lösung, warum die kleinen Nager Frau Kasis lausige  Internetfallen gemieden hatten, war einfach: Die Viecher waren im Lauf der Zeit schlicht zu fett dafür geworden. Raten sie mal, von was? Klar. Von Wurst, Käse, Milchpulver, Schokopaste, Kraftfutter.

Familie Kasi war jetzt misstrauisch geworden. Es raschelte nach wie vor in der Ecke links beim Gelben Sack und dem Sack mit dem Pferdebrot. Herr Kasi fühlte sich bestätigt, als er am hellen Morgen beim Zeitungholen einem munteren Mäusepärchen begegnete. „Na, auch schon auf?!“, schienen die beiden zu fragen und: „Hast DU schon Kaffee gekocht? Die Zeitung ist schon da. Die Austrägerin hat uns geweckt.“ Wohlwissend beließ es Familie Maus bei einem freundlichen Nicken und einem schnellen Blick aus braunen Knopfaugen und zog von dannen. Das Spiel begann von neuem – mit Herrn Kasi und den Superduper-Fallen. Frau Kasi, die allerlei überraschend auftauchendes Getier gern mit spitzen Schreien begrüßt, mied die Garage daraufhin konsequenterweise wie der Teufel das Weihwasser (darum steht mein Auto so oft draußen, ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten – für aufmerksame Beobachter).  Der Kinderwagen parkt seither im Büro. Was also blieb Herrn Kasi übrig, als wieder zum Kleinwildjäger wider willen zu mutieren? Tag für Tag zog er falleschwingend in die Garage – doch die Mäuse blieben den überdimensionalen Gitterkästen fern und ließen sich allerhöchstens morgens einmal persönlich blicken. Nach wie vor zeigten sie sich wenig heikel und nahmen gern alles – Nutella, italienische Paprika-Cabanossi, Schweizer Emmentaler, Pauls Milchpulver, Mehl. Herr Kasi wurde sehr zornig, als er Tage später eine dieser  Mäuse erwischte: Ein Hamster hätte neben diesem Riesenvieh geradezu magersüchtig und schwindsüchtig gewirkt. Der gefräßigen Monstermaus schenkte Herr Kasi dennoch, gutmütig und friedliebend wie er ist, gern die Freiheit. Vermutlich hat er dem dackelgroßen Tier vor dem Abschied noch einmal kurz den Nacken gekrault. Frau Kasi war ein fieses Kameradenschwein und zeterte besserwisserisch: „Vor Dir und Deiner Gutmütigkeit haben nicht einmal die Mäuse Respekt.“ Es kam noch schlimmer: Am nächsten Tag behauptete Frau Kasi steif und fest, GENAU diese Maus und KEINE andere beim Zeitungsholen in der Garage getroffen zu haben: „Das passiert, wenn man die Mäuse direkt neben dem eigenen Haus freilässt“, wetterte sie zänkisch. „Dann fang‘ doch das nächste Mal DU die Viecher“, schimpfte Herr Kasi vollkommen berechtigterweise zurück. Peter weinte, weil ihm die Mäuse leid taten und schlug vor, man könne sie doch in einen Käfig sperren und wie Hamster oder Meerschweine halten: „Im Laden kosten die 6,90 Euro. Vielleicht können wir sie wenigstens verkaufen? Das gibt dann bald ein Handy für mich.“ Paul brüllte, weil nach wie vor sein Milchpulver als Köder herhalten musste. Die nächste Maus, die unbedachterweise in Herrn Kasis Falle ging, fuhr selbiger zur Wahrung des häuslichen Familienfriedens im Auto fünf Kilometer mit ins Nachbardorf. Zur Vorsicht.  Sie hatte die Größe eines Cockerspaniels, ehrlich.

Neulich beim Frühstück

Wir haben Halbzeit – Peters Schulferien sind schon fast zur Hälfte vorbei. Nachdem die vergangene Woche mit einem ADAC-Einsatz (einzigen Opel-Schlüssel eingeschlossen), einem Fast-Haftpflichtfall (geschälte Birke in einem frisch angelegten Garten) und einem kurzen Krankenhaus-Besuch vergleichsweise harmlos war, haben Peter und ich den Beginn der Ferienspiele mit unbändiger Freude  herbeigesehnt. Allerdings aus verschiedenen Beweggründen. Herr Kasi ist raus: Er arbeitet wieder. Das Ferienspektakel läuft gut; Peter hat Spaß und ist abends müde. Gleich drei Dinge auf einmal – perfekt. Heute ist Ausflug zur Inline-Bahn. Peter muss zu einer für die Ferien untypischen Zeit los: kurz nach acht, genauer gesagt 8.15 Uhr fährt der Bus. Herr Kasi will ihn mitnehmen. Frau Kasi ist erleichtert. Morgenmüde wie sie ist, bedeutet das schönheitstechnisch einen kurzen Aufschub. Zunächst sitzt Familie Kasi jedoch gepflegt am Frühstückstisch. Paul babbelt vor sich hin. Peter ist aufgeregt. Herr Kasi gibt ihm Antwort. Frau Kasi schläft im Stehen. Wie immer morgens.

7.30 Uhr: Paulchen hat Hunger. Jetzt. Sofort. Weil das sehr laut ist, wenn dem kleinsten Kasi-Sprössling der Magen knurrt, bekommt er im Einvernehmen mit allen anderen Familienmitgliedern zuerst zu essen. Herr Kasi deckt dankenswerterweise den Tisch und kocht Frau Kasi einen Kaffee. Aus eigenem Interesse – sonst ist von der kommunikativen Frau Kasi, in den Morgenstunden für ihre grimmige Verschwiegenheit bekannt, kein Wort zu entlocken. Paulchen trinkt glucksend und stößt geräuschintensiv auf. Welch ein Idyll.

7.37 Uhr: Paul isst und spuckt gleichzeitig. Ob man das wiederverwenden kann? Herr Kasi ist so sparsam.

7.40 Uhr: Frau Kasi nimmt einen Schluck Kaffee. Peter ist immer noch nicht angezogen und immun auf dezente Hinweise aufgrund dieses Umstands. Er findet seinen Germany-Schlafanzug toll.

7.45 Uhr: Frau Kasi wirft tranfunselig das Nutella-Glas auf den Boden. Das große. Scherben fliegen durch den gesamten Wohnstock. Peter entsetzt: „Hättest Du nicht ein kleines Glas nehmen können?“ Herr Kasi bemüht sich um Schadensbegrenzung und holt Handfeger und Schaufel. Schweigend. Frau Kasi schläft weiter. Stehend.

7.50 Uhr: Paul ist satt und müde. Wird in die Wippe abgelegt. Als er meckert, hören wir Waldgeräusche mit Klingklong-Musik. Frau Kasi weiß spontan nicht, was schlimmer ist: Paulchens Gebrüll oder die Klingklong-Musik. Zum Glück sind wir psychisch stabil. Psychodelische Harfenklänge, mühsam tockernde Spechte und glucksende Meisen können einem den Tagesbeginn schön gestalten. SO muss sich ein Drogenrausch anhören.

7.55 Uhr: Peter entdeckt, wie spät es ist. Isst aber trotzdem  in Seelenruhe weiter: „Wär‘ ja schade um das tolle Brot.“ Warum auch Hektik? Der Bus fährt ja erst in 20 Minuten.

8.02 Uhr: Herr Kasi geht ins Bad, Peter packt seinen Ausflugsrucksack. Dummerweise ist nur noch der linke Inliner da. Er hat aber zwei Füße.

8.05 Uhr: Herr Kasi widmet sich dem persönlichen Großreinemachen, inklusive Rasur. Die Geräusche aus dem Bad erinnern eher an Flipper oder Free Willy als an die Körperpflege eines erwachsenen Mannes: „Wir haben ja noch Zeit.“ Ja. Genau noch 10 Minuten. Frau Kasi ist super unentspannt. Sie ist noch nicht richtig frisiert und trägt ein bolleriges T-Shirt, auf dem Bon Jovi noch lange Haare haben. So will sie nicht mal im Notfall aus dem Haus. Zur Ablenkung beschriftet sie Rucksack und Mütze.

8.08 Uhr: Paul findet Ausflüge doof – wenn andere sie machen. Brüllt trotz oder wegen Klingklong-Wald-Gedöns weiter. Herr Kasi flutet weiter das Bad. Frau Kasi schläft immer noch.  Stehend. Trotz Kaffee und Nutellabrot. Aus einem neuen Glas übrigens.

8.09 Uhr: Der rechte Inliner ist wieder da. Er war in den Altkleidersack geraten. Peter ist erleichtert: „Er hätte ja auch wo vollkommen Unmöglichem sein können.“ ???

8.10 Uhr: Peter sucht verzweifelt seine Mütze. Wo war die noch gleich? Speisekammer? Klo? Werkzeugkiste? Nö. Sie liegt auf der Garderobe. DA hat natürlich niemand geguckt.

8.11 Uhr: Herr Kasi lässt das Auto an. Peter nimmt immer noch von Paul Abschied: „Das nächste Mal kommste mit.“ ??? Zum Abschluss schaukelt er noch einmal kräftig an der Wippe und macht laut „Heiheiei“. Paul findet „Heiheiei“ doof und spuckt. Dem Schwall geronnener Milch folgt ein krachender Pups. So. Alles draußen.

8.12 Uhr: Das Haus ist leer. Paul meckert: Er hat nach so viel Streuverlusten wieder Hunger. Die Klingklong-CD ist vorbei. Wir wechseln einvernehmlich zu „Whitesnake“. Paul stößt geräuschintensiv auf. Was für ein Idyll. Here I go again.

Paul ist da!

Paul ist daaaa! Er wurde am 21. Mai in Rottweil geboren. Paul heißt genauer gesagt Paul Martin, er war 3160 Gramm schwer und 51 Zentimeter hoch. Wir freuen uns, dass er bei uns ist – Paul und sein großes Herzchen brachten uns und die Ärzte ganz schön in Wallung. Aber der kleine Mann gedeiht gut und ist ein so süßer Knopf, dass wir sehr zuversichtlich sind. Besonders stolz: der Peter zum Paul. Ja, so schnell wird aus einem Nesthäkchen ein großer Bruder!

Von wegen tanzende Teddybären

Meine Schwangerschaft habe ich bislang blogtechnisch relativ unbehelligt gelassen. Aber jetzt sind es noch exakt vier Wochen bis zum „Final Countdown“. Von daher denke ich, kann ich einmal eine Ausnahme machen. Über den Beitrag müsste ich fairerweise schreiben: „Vorsicht, beißende Ironie…“ Wer also einen Text über rosa Hello-Kitty-Schlafsäckchen in Größe 62 erwartet oder himmelblaue Wand-Bordüren mit tanzenden Teddybären, von Vattern im Schweiße seines Angesichts gepinselt, sollte gepflegt wegklicken. Danke.

Ehrlich gesagt nerven mich selbst die ganzen „Ich-bin-ja-so-schwanger-und-so-dick“-Abhandlungen beziehungsweise kann ich vielen Müttergesprächen, und da meine ich die ganz intensiven, herzlich wenig abgewinnen. Ich mag nichts über anderer Frauen Spuckattacken im Fahrstuhl erfahren, genauso wenig den 394. Notkaiserschnitt in allen Details beschrieben bekommen, das Schnarchen der Zimmernachbarin oder fiese Sodbrennensnächte. Manche Frauen entwickeln beim Thema Schwangerschaft einen Mitteilungsdrang, der etwas von Seelenstriptease hat. Da geht es derart ausschweifend um Büstenhalter,  Schlafstörungen, Besenreiser oder Faktu-Akut,  dass es mir Angst macht. Da muss man sich nur mal die zahllosen Internetforen der internetaffinen Mütter angucken. Muss die Welt erfahren, was ich in der Kugelzeit gegen meinen schnöden Schnupfen einnehme? Hoffentlich nicht.

Ich freue mich, wenn es allen gut geht, das Baby gedeiht und ich das Meiste auf mich zukommen lassen kann. Abgesehen geht mein Leben weiter: Peter hat Schule, Keyboardunterricht und Hausaufgaben, der Mann braucht saubere Socken, das Haus etwas Pflege, der Garten wächst mit Unkraut zu.  Und sind wir mal ehrlich: Was hilft es einem, nur zu jammern und sich in des Gatten bollerigen Jogginghosen zu verbarrikadieren? Richtig. Nüscht. Niente. Nada. Außer dass man allen anderen tierisch auf die Nerven fällt, einem aber niemand helfen kann (nicht mal die Pharmaindustrie, die ja sonst gern parat steht). Weil nehmen darf man eh nix. Wegen der Mammutjogginghosen des Angetrauten und seiner labbrigen T-Shirts mit Aufdrucken wie „1995 Meister Kreisliga A“ oder „Albvereinsjugend 1989“  kann man sich dann nicht mal mehr selbst im Spiegel angucken. Wer bist Du denn? Ich kenn‘ Dich nicht, ich wasch‘  Dich trotzdem? Von daher tat ich (ganz im Gegensatz zu meiner ersten Schwangerschaft) gut daran, mich in einer relativ babyinformationsfreien Zone einzumummeln (von meiner weltbesten Hebamme in dringenden Fällen abgesehen). Ich habe meine beim letzten Umzug verschollenen Babybücher gar nicht erst gesucht, kein Elternheft abonniert und beim Frauenarzt konsequent Krimis gelesen. Außerdem habe ich nie verhehlt, dass ich nie eine besonders leidenschaftlich gelebte Schwangere war („Genieß‘ es… Es ist die schönste Zeit im Leben und so schnell vorbei…“) Da frage ich vor allem die Männer: Was bitte ist schön daran, wenn die Holde morgens als erste die Toilettenschüssel von innen begrüßt, danach würgt, wenn man in der Küche frisches Brot toastet und anschließend Nutella & und Opas feine Himbeermarmelade mit einem fiesen Blick bedenkt – dafür aber eine Dose spanischer Oliven vernichtet? Wohlgemerkt zum Frühstück? Außerdem kann ich jeden Mann gut verstehen, der’s wenig sexy findet, wenn die Gattin zu watscheln beginnt wie eine Entenfamilie auf  Sonntagsausflug. Auch wenn sich das ab einem gewissen Punkt nicht mehr ganz verhindern lässt. Das Watscheln, meine ich.

Eine Schwangerschaft ist eine Zeit, die die Familie sehr fordert. Und da hat nicht nur der wachsende Bauch dran Schuld. Für mich war es stets eine wehmutsvolle Erfahrung, mich von meiner mühsam antrainierten Taille zu verabschieden. Darf man das überhaupt sagen, oder ist es politisch unkorrekt, so selbstverliebt zu sein? Aber mal so unter uns, praktisch ist so ein eckiger Bauch wie meiner à là Ritter-Sport („quadratisch-praktisch-gut) im Alltag nicht unbedingt. Und wir sprechen hierbei nicht nur vom mühelosen Anziehen halterloser Strümpfe mit Spitze, sondern vom Schnüren meiner geliebten Converse-Chucks. Und manchmal, sind wir mal ehrlich, macht man heutzutage aus vielen natürlichen Dingen – und da gehört auch eine Schwangerschaft dazu – eine Riesensache. Nein, selbstverständlich gehe ich zu jeder Vorsorgeuntersuchung – niemand braucht entsetzt aufzuschreien! So verantwortungsbewusst bin ich selbst.  Aber mir ist ein kurzer SMS-Rat der weltbesten und babyerfahrenen Hebamme genauso wertvoll wie das 103. Ultraschallbild, auf dem ich eh nichts erkenne außer schwarz mit grauen Schlieren à la London im Smog zur Rush-Hour.

Damit mich niemand falsch versteht: Meine liebste Lebensaufgabe ist es, Peters (und bald auch Babys) Mama zu sein. Mein Sohnkind geht mir über alles – nicht dass man mich für gefühlskalt und herzlos hält. Ich mag es, abends den „kleinen Ritter Trenk“ vorzulesen oder zum 45. Mal die Woche Tassenkuchen zu backen. Ich liebe es, wenn sich eine kleine, von Hubba-Bubba-Himbeer verklebte Bubenhand mit dreckigen Nägeln vertrauensvoll in die meine schiebt oder wenn den Garagenhof viele bunte Kreide-Blümchen zieren.  Mich stört es nicht, wenn mein Büro nach einer Wasserfarbenschlacht bunt und lustig aussieht oder wenn Peter mal wieder Konfetti produziert hat. Ich habe einen Wischmopp, eine Waschmaschine und einen sehr guten Staubsauger. Von daher freue ich mich, wieder einem kleinen Menschenkind beim Laufenlernen, Sprechen oder Spaghettiwickeln zusehen zu können. Auch wenn dann wieder so „Komplimente“ kommen wie: „Sag‘ mal, Mama, gab’s schon Strom, als Du klein warst!?“ All das ist wunderschön.

Wobei sich „wunderschön“ bei einem knapp sieben Jahre alten Sohn optisch schnell relativieren kann, wenn der Thronfolger aus dem Garten kommt, im Regenfass gebadet hat (mit brackiger Jauche drin) und danach getestet hat, ob er noch Sand im Sandkasten hat. Selbstverständlich verzieht sich Peter, ohne mit der Wimper zu zucken, in diesem Zustand gern in sein  frischüberzogenes Bett oder ins eben erst geputzte Wohnzimmer. Aber wie gesagt: Ich habe Wischmopp, Waschmaschine und Staubsauger.

Sophie, das Glücksmagazin

Wir haben offenbar ein Glücksmagazin „abonniert“. Ein Glücksmagazin, das lieb und freundlich mit einem Marienkäferchen wirbt, Wahnsinnsgewinne verspricht und  Herrn Kasi regelmäßig schreibt. Nur: Eigentlich haben wir es nicht abonniert – zumindest nicht nach unserem Empfinden und Rechtsverständnis. Abonniert haben wir höchstens unsere Tageszeitung und das wöchentliche Micky-Maus-Heft, aber das auch nur fast, weil wir es fast immer beim Bäcker unseres Vertrauens kaufen. Sophie jedenfalls ist ein Heft, für das ich ehrlicherweise im Leben nie Geld bezahlen würde und das ich sogar als Beleidigung für meinen Altpapiercontainer empfinde.

Doch Herr Kasi hat unlängst mit einer Hotline telefoniert. Der freundliche Telefonist dieser Hotline empfahl ihm ein Technik-Magazin. Herr Kasi – weniger kaltschnäuzig als seine Frau – ließ sich ein Probeexemplar schicken, plauderte nett und ging als aufrechter Mann im besten Wissen und Gewissen davon aus, dass man mit Telefonhotlines handeln oder dort gar „Angebote“ einholen könne. Das angepriesene „Technikmagazin“ kündigten wir angesichts 1) fehlenden Technik-Affinität (schließlich ist es ein Heft voll seltsamer Gewinnspiele) und 2) mangelnder Qualität augenblicklich. Wir wollten unsere blaue Altpapier-Tonne nicht unnötig belasten. Auch Tonnen haben ihren Stolz.

Doch bei Sophie, dem Glücksmagazin, stört das niemanden. Wir haben freundlich geschrieben, etwas weniger freundlich, etwas pampig, ziemlich pampig, mit Pest und Cholera und der Justiz gedroht. Wir bekommen Rechnungen für dieses Heft, das wir stets augenblicklich wieder zurückschicken. Return to sender, um mit Elvis zu sprechen. Aber Sophie will uns zwanghaft Glück bringen. Für über 100 Euro im Jahr. Zu allem Überfluss machen wir nie bei Gewinnspielen mit. Wir spielen noch nicht einmal Lotto. Wir haben jetzt anwaltliche Hilfe. Weil wir nicht wollen, dass uns jemand Glück bringt.

Oma Kläri

Meine Oma Klara wurde nach der Geburt ihres Urenkels Peter zu „Oma Kläri“, weil Peter das schwäbische „Oma Klärle“ nicht aussprechen konnte. Vor knapp einem Jahr ist Oma Kläri gestorben. Ich denke gerne an ihre große Gelassenheit und ihren knitzen Humor zurück, an dicke Pfannkuchen oder samstägliche Ausflüge zur Oma. Nach ihrem Tod erbte ich einige ihrer Schätze, die ich wie meinen Augapfel hüte. Meine Oma besaß zeitlebens nie einen Führerschein, sie war eine fleißige Frau, die stets hart arbeitete und von der Welt nicht allzu viel gesehen hat – wie viele Frauen aus ihrer Generation. Verreist ist sie nicht allzu viel – wenn meine Brüder oder mein Mann auf Geschäftsreise gingen, war sie immer sehr nervös, bis alle wieder wohlbehalten gelandet waren. Oma Kläri ist nie geflogen, allerhöchstens einmal mit dem Verein via Bus nach Imst gereist.

In ihrem großen, dunklen Buffet im Wohnzimmer standen immer fünf bunte, langstielige Sektgläser, bedruckt mit den Motiven des Gardasees, mediterrane See-Szenen aus Riva, Limone oder Gardola. Zweifellos ein Souvenir, ein lieb gemeintes Reisemitbringsel. Als Kind dachte ich immer: „Aus solchen Gläsern muss eine Prinzessin trinken.“ Wie gern hätte ich eins ausgeliehen, um meinen gelben Sprudel oder mein Apfelschorle daraus zu schlürfen und mich wie eine Prinzessin zu fühlen… Wenngleich ich bei meiner Oma Klara nahezu alles bekommen habe und sie mir kaum einmal einen Wunsch abschlug: Diese Gläser gab sie mir nie. Sie waren tabu, standen erhaben und hoch oben  in der Vitrine des Wohnzimmerbuffets. Genauso hütete sie einen Serviettenhalter aus Canada, den ihr eine Nachbarin geschenkt hatte, die dorthin ausgewandert war, oder eine Steinschildkröte, ein Mitbringsel von mir aus dem Griechenland-Urlaub.  Heute erscheint es mir, dass genau diese Dinge einen Hauch der weiten Welt in ihr kleines Häuschen brachten. Eine weite Welt, die sie nie so richtig gesehen hatte. All diese Erbstücke sind mir allein deshalb so wertvoll.

Trotzdem war Oma Kläri nie unzufrieden mit ihrem Dasein. Sie liebte Ihr Häuschen und vor allem ihren Garten. Wenn die Gladiolen wuchsen und die Johannisbeeren  besonders üppig ausfielen, war sie glücklich – ohne Canada, Griechenland und den Gardasee. Es genügte ihr, in ihrem „Gärtle“ zu „schoren“, wie es auf gut Schwäbisch hieß. Meine Oma war auch die letzte Frau in meiner Erinnerung, die pastellfarbene Kittelschürzen trug für grobe Arbeit. Über die Besuche ihrer Enkel freute sie sich stets, stille Vorwürfe wie: „Ihr kommt so selten…“ oder „Lasst Ihr Euch auch mal wieder sehen…“  hörten wir Enkel  definitiv nie. Auch wenn dieser Satz häufig den Nagel auf den Kopf getroffen hätte. Heute denke ich, dass das eigentlich das größte Geschenk ist: mit dem zufrieden sein, was das Leben einem bietet und nicht immer über das zu hadern, was man nicht hat. Von Oma Kläri, finde ich, könnten sich da viele Zeitgenossen einmal eine Scheibe abschneiden.

Für besondere Gelegenheiten

Der teure Hochzeitsanzug. Das Boss-Kleid. Ein Gucci-Hemd. Das gute Geschirr. Wir haben alle etwas, das wir uns für besondere Gelegenheiten aufsparen. Weil wir immer auf den besonderen Anlass warten. Eine feine Festtafel, die nach dem edlen Service ruft. Eine Festivität, die es unserem Gewissen erlaubt, den edlen Anzug anzuziehen. Doch was ist eigentlich ein besonderer Anlass? Familie Kasi, das sage ich gern, hat derer nicht besonders viele. Nicht, dass es uns an Festen, Einladungen oder dergleichen mangeln würde, die den Einsatz von Kleidern und Co. nötig machen könnten. Nein. Wir denken immer, dass es einen noch besondereren Anlass geben könnte, um all unsere Raritäten aus den Schränken und Vitrinen zu kramen.

Die traurige Folge: Das edle Gewand bleibt im Schrank, bis es nicht mehr passt (Kind) oder bis es unmodern ist (Frau Kasi) oder bis man es nicht mehr mag (Herr Kasi). Die guten Teller und  Tassen stehen im Küchenschrank – fast fabrikneu. Warum eigentlich? Bis alles irgendwann einmal in Schachteln und Kisten gepackt wird? Neu entsorgt wird? Nein, das kann es ja wohl echt nicht sein. Wir haben jetzt beschlossen, dass es wir unsere Sachen nutzen. Peter zieht seine feinen Schuhe an. Wir sparen nicht mehr an Klamotten und Co. Das heißt jetzt natürlich nicht, dass das Kind zu seinem Matschorgien im Sandkasten die neuen Sandalen tragen muss. Aber wir essen an einem schnöden Mittwoch von unseren guten Tellern und trinken aus unseren schönen Tassen. Einfach weil es uns gut geht.