Gute Vorsätze und alte Laster

* Was war gut?

Wir sind in unserem neuen Haus endlich so „richtig“ angekommen. Peter macht die Schule sehr ordentlich. Wir bekommen noch einmal Nachwuchs – genauer gesagt im Mai. Sind mächtig gespannt auf den neuen Erdenbürger. Außerdem lief mein Büro sehr, sehr solide.

* Was war schlecht?

Wir dachten immer, es sei Stress, ein Haus zu bauen. War es zweifellos auch. Aber das Jahr danach fanden wir – ganz ohne Baustaub – viel blöder. Viele letzte Rechnungen, die eintrudelten. Stromnachzahlungen. Hickhack mit Kabel BW (Danke übrigens für den TOLLEN Service!). Alles wollten unser Bestes – unser Geld. Immer, wenn wir dachten: „Jetzt sind wir durch…“ ein neuer „Nebenkriegsschauplatz“. Aber jetzt sind wir wirklich durch…. Außerdem nervte das ständige Kranksein. Ätzend sowas.

* Erfolgreichstes Neu-Projekt?

Unser Garten! Er verdient so langsam seinen Namen. Ich freue mich auf ausgedehnte Grillabende, blühende Landschaften und viel Grün. Auch wenn man im Moment noch sehr viel Phantasie braucht, um sich das alles vorzustellen und die „blühenden Landschaften“ schon einmal einem das Genick gebrochen haben.

*  „Project in progress“?

Unsere technische Haus-Ausstattung. Herr Kasi ist zweifellos ein echter Könner seines Fachs – es darf nur nie der Strom ausfallen :-). Peter sagt immer: „Ach Mama, sei dankbar, der Papa kann doch einfach alles…“ Nur dumm, dass Frau Kasi das alles nicht sooo richtig zu schätzen weiß. Oder wüssten Sie, was zu tun ist, wenn sich beim Betätigen des gleichen Knopfes um 12 Uhr die Wohnzimmerlampe angeht und zwei Stunden später sich der Rolladen in Gang setzt? Und natürlich „Kind zwo“. Namensfindung sehr komplex. Eltern-Vorschläge sind Sohnkind „zu spießig, zu altmodisch und zu langweilig“. Aber keine Sorge. Es gibt sicherlich eine Zoe-Chantal Stella Noemi Weiger (auf Schwäbisch: Zö-Schantall‘ Nömi). Stellen Sie sich mal vor, Frau Kasi ruft auf gut Schwäbisch: „Zö-Schantall‘ Schdella Nömi, kommsch mol ra ge zum Middagessa? S‘ geit Nudla mit Brotasoß‘?“ Das wollen wir dem armen Kind und der Umwelt ersparen.

* Schönster Urlaub?

Gardasee, Frühjahr 2011. Tolle Gegend, tolles Essen, tolles Wetter, tolle Leute, tolles Olivenöl, toller Sonnenbrand.

* Gute Vorsätze für 2012?

Haha. Ich rauche nicht, trinke kaum Alkohol. Ich habe meinen Schoko-Konsum (zwangsläufig) im Griff, weil ich jeden Monat zum Wiegen zum Frauenarzt muss. Super Gefühl, wenn einen eine sehr schlanke Arzthelferin auf die Waage stellt wie auf dem Pferdemarkt und dann beiläufig fragt: „Was essen Sie denn so…?“  Außerdem schlafe ich schwangerschaftsbedingt abends um 19 Uhr bei „Wickie und die starken Männer ein“. Von einem gelungenen Abend ist durchaus zu sprechen, wenn ich die Tagesschau wach erlebe. Was also sollte ich also mir abgewöhnen?

* Auf der To-Do-Liste ganz oben?

Huch, das ist viel. Langsamer Autofahren. Mehr Geduld haben mit meiner Umwelt. Gelassener werden. Keine Türen mehr knallen. Jeden Tag mindestens anderthalb Liter stilles Mineralwasser trinken (hmpf). Keine Didi-Hallervorden-Filme mehr gucken und keine Ballermann-Hits mehr hören, sondern nur noch den Themenabend auf Arte schauen und den „Faust“ auswendig lernen. Mann und Kind politisch nicht mehr beeinflussen und keine Diskussionen mehr führen. Mann morgens um 5.30 Uhr nicht mehr wecken zwecks gemeinsamem Frühstück. Kommt nicht immer gut an, obwohl mein Gatte ein liebender Gatte ist und meistens mit mir aufsteht. Nicht jeden Satz mit  „Ja, aber…“ beginnen… Schon mein Vater monierte früher immer, ich wüsste schon immer eine Entgegnung, bevor er was gesagt habe. Mich beim Fußball nicht mehr so aufregen, dass das Ganze Wochenende versaut ist. Mit Mann nicht mehr über VfB-Aufstellung streiten (sinnlos, er ist eh nie meiner Meinung). Beim Fußball nicht mehr unjugendfrei brüllen.

* Was muss unbedingt erledigt werden?

Nicht immer alles auf später verschieben – das Schöne wie das weniger Schöne. Also endlich mal nach Schweden, Dänemark und wieder einmal nach Berlin reisen (wird 2012 wegen Nachwuchs aber schwer). Versprechen einlösen und Peter zum Toten-Hosen-Konzert mitnehmen (wird wegen Nachwuchs wohl aber ebenfalls schwer). Flugangst in Griff kriegen. Wäre zwecks Weltoffenheit dringend vonnöten. Es sei dann, man kommt nach Kuba irgendwann mal mit dem Rad.

Und endlich mal die restlichen Vorhänge aufhängen. Den Heizraum und die Abstellkammer ausmisten. Offene Lampenfragen endgültig klären. Wir haben tatsächlich noch Fassungen hängen. Nicht mehr viele, aber dennoch vorhanden.

Feuerkohl oder Weihnachten ist, wenn…

Peter und Fritzle

 

 

 

 

 

 

 

 

 

* Peter morgens um 4.15 Uhr, 4.23 Uhr und 5.01 Uhr fragt, wie lange es noch bis zur Bescherung dauert. Lustig, lustig, tralalala, bald ist Heiligabend da.

* Frau Kasi schon morgens um 7 Uhr in Hektik gerät, weil man abends um 18 Uhr essen will. Dabei wird seit Jahren vorgekocht, damit’s keine Hektik gibt. Apfel, Nuss und Mandelkern, essen alle Kinder gern.

* Morgens irgendwann gegen 11 Uhr das vorgekochte, vor zwei Tagen eingefrorene Blaukraut anbrennt und Peter den Feuerkohl-Gestank mit Raumduft der Note „Lemon Breeze“ mildern will. Danach riecht es nach Feuerkohl und künstlicher Limone, was den Gestank nicht eben besser macht. Wie war das mit dem Tannenduft?

* Peter angesichts der Kohl-Neuauflage (Frau Kasi friert aus Erfahrung immer zwei Päckchen ein) fragt – und das mit leicht angeekelter Miene: „Waasss? Und der soll jetzt besser sein?!“

* Man sich jedes Jahr schwört: „Nicht wieder so eine Hektik wie im letzten Jahr….“ Und dann? Same procedure as last year, Miss Kasi.

* Herr Kasi mittags Regale montiert, Serviettenringe klebt oder über den bereits nadelnden Baum flucht. Alle Jahre wieder.

* Der Kasi-Mann, müde von einer arbeitsreichen Woche, nach einem Mittagsnickerchen lechzt. Geht ja aber nicht, weil er Regale montieren und Serviettenringe kleben muss.

* Der Familienfriede schließlich an der Frage „Kleiner Lord“ oder „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ oder „Michel aus Lönneberga jäh zerbricht. Herr Kasi ist ein Fan alter Klassiker wie den beiden Erstgenannten. Frau Kasi mochte schon immer den Michel. Ein früher Revoluzzer, der alles anders machte als andere. Du und ich, Alfred.

* Das Sohnkind morgens um 11 Uhr den letzten Wunschzettel schreibt: „Glaubst Du, das klappt noch? Welche Lieferzeiten haben Himmelsboten?“

* Benjamin Blümchens „Weihnachtstraum“ die gefühlt 1094. Runde im CD-Player nimmt. Töröööö. Die ganze Neustadt-Bande… manchmal könnte ich sie… auf Bibis Hexenbesen an den Blocksberg ausfliegen.

* Peter bei jedem vorbeifahrenden Auto ans Fenster rennt. Hallo, hatte das Christkind schon jemals einen VW? Oder einen Motorroller?

* Abends um 20.15 Uhr alle auf dem Sofa schlafen. Klar, wenn man schon so früh wach ist.

In diesem Sinne wünsche ich allen stressfreie Weihnachten mit Tannenduft, ohne Feuerkohl und Limonenduft.

Besinnliche Grüße,

Eure Kasi

Lieber unbekannter Autofahrer,

vielen Dank, dass Sie mir am heutigen Donnerstag, 15. Dezember, 2011 meinen linken Außenspiegel demoliert haben. Danke natürlich auch dafür, dass Sie sich gleich gemeldet haben. Aber wenigstens haben Sie die umliegenden Kleinteile feinsäuberlich eingesammelt. Es hätte sich ja ein kleines Kind daran schneiden können. Danke für Ihren Charakter und Ihren Anstand, selbst verursachte Schäden unbürokratisch beheben zu wollen. Aber vielleicht ist Ihr Auto ja nicht versichert, oder Sie haben gar keinen Führerschein? Mein Sohn weiß jedenfalls mit sechs Jahren, dass man sich äußern muss, wenn man einem anderen etwas kaputt macht. Aber vermutlich sind Sie einfach eine A…nase und wissen das nicht. Hiermit habe ich es Ihnen gesagt! Ich wünsche Ihnen jedenfalls Pestbebeulen an den Hals und Frostbeulen an die Füße. Die Beule in Ihrem Kopf ist ja offensichtlich leerer als Nusplingen bei Nacht. Sollten Sie sich in den nächsten Tagen des nächtens mit einer fiesen Darmgrippe über der Kloschüssel krümmen, seien Sie sicher, dass ich es höchstpersönlich war, die Ihnen dieses Elend an den Hals gewünscht hat.

Danke auch an den hilfsbereiten Polizisten, der sich beschwert hat, dass ich nichts bieten kann, „bei dem wir Ermittlungen führen können, die vielversprechend sind und nicht nur unnötig Arbeit haben“. Sie haben mein Vertrauen in die Staatsmacht unglaublich gestärkt – auch wenn es nur um einen schnöden Außenspiegel links ging. Zum Glück. Nicht vorstellbar, ich wäre wirklich Opfer eines Verbrechens geworden.

Herzlichst,

Ihre Kasi

PS: Noch ein Autospiegel, der Aufruhr verursacht. Aber das war NICHT meiner, nur der Vollständigkeit halber sei dies angemerkt. Das ist der  FDP-Spiegel.

Nicht ohne mein Kind

Der pure Horror? Das Kind ist weg, und man kann es nicht finden. Exakt 33 Minuten lang. Unlängst passiert, als ich Peter aus dem Jugendbüro abholen wollte. Und er nicht da war.

Mein Sohn ist mittlerweile sechs Jahre alt. Deshalb sind mein Gatte und ich der Ansicht, dass das Kind den kurzen Weg von seiner Schule bis zum Rathaus (wo Parkplätze sind) gut zu Fuß gehen kann. Nach eineinhalb Wochen Schule trauen wir uns noch nicht so recht, ihn den gesamten Schulweg zu uns ins abseits gelegene Wohngebiet zurücklegen zu lassen – wir wohnen am einen Ende des Fleckens, die Schule befindet sich exakt am anderen. Peter indes ist stolz darauf, dass ich ihn nicht direkt am Schultor ins Mama-Taxi einlade. Diese kleine Selbstständigkeit habe ich auch immer all jenen gegenüber verteidigt, die erstaunt gefragt haben: „Was? Du holst ihn nicht direkt an der Schule ab? Findet er denn den Weg?“ Ehrlich gesagt, sind meine Brüder und ich stets alleine heimgewackelt nach Schulschluss – von Klasse eins an. Und wir hatten auch ein gutes Stück. Klar, Anfang der 80er waren das andere Zeiten, aber dennoch finde ich, haben Kinder auch heutzutage keine Käseglocke verdient, sondern ein Stück Selbständigkeit. Das Gefühl, „das krieg‘ ich alleine hin…“ ist doch super. Ich freue mich ja auch, wenn ich ein Programm auf meinem Rechner ganz allein installiert habe, und es danach läuft. Peter wird mittelfristig auch allein zu Fuß heimgehen müssen. Dabei, so schätze ich, wird er ordentlich maulen.

Lange Einführung. Letzten Donnerstag stand ich nun also am Rathaus. Peter war nachmittags zum ersten Mal alleine im Jugendbüro gewesen, das für Erst- bis Viertklässler bei uns im Ort ein tolles Programm anbietet. Wer danach nicht kam, war mein Sohn. Peter ist eine kleine Trödelliese, von daher machte ich mir erst nach guten zehn Minuten Sorgen. Vorsichtshalber ging ich ihm entgegen. Der Schulhof war leer. Ich bekam ein mulmiges Gefühl im Magen – so wie damals, als wir uns im Gartencenter verloren hatten. Damals hatte mich eine Lautsprecher-Durchsage erlöst: „Der kleine Peter wartet an der Kasse auf seine Mama.“ Auf dem Schulhof gibt es leider keine solche Durchsage. Dafür aber meinen Lieblingshausmeister. „Dein Sohn? Der is soeben mit den anderen losjewackelt“, berlinerte er fröhlich drauflos, „den findste sicherlich. Der haut Dir doch nich ab. Aber ich glaub, er ist mit allen anderen die Straße lang. Und nich wie ausgemacht unten rum.“ „Unten rum“ führt der Weg, den die Schulkinder eigentlich nehmen sollten: über Fußgängerwege bus- und autofrei ans Rathaus. Aha. Eine Abmachung nicht eingehalten. Werde ich sauer? Nein – ich merke, wie mir der Angstschweiß klebrig den Rücken hinunterläuft. Man liest so viel… habe ich das von der viel gepriesenen Selbständigkeit? Vor meinem geistigen Auge ziehen Horrorszenarien vorbei: Kinderschänder, Busunfälle, mein weinendes Kind. Schnell verscheuche ich diese Gedanken. Ich zwinge mich ruhig zu bleiben und klaren Kopf zu waren. Mein Lieblings-Hausmeister bietet mir gutmütig an, auf seinem Motorroller eine Runde ums Karré zu drehen und Ausschau nach dem verlustig gegangenen Sohnkind zu halten. Ein Schüler, der das Jugendbüro unterstützt, fährt die Strecke freundlicherweise mit seinem Rad ab. Peter bleibt verschwunden. Ich bin klatschnass geschwitzt und renne eine Runde nach der anderen zwischen Schule und Rathaus hin und her. Böse Menschen, denke ich, gibt’s vielleicht ja auch auf dem Dorf?

Eins vorneweg: Ich habe Peter wiedergefunden. So wie wir die Sache rekonstruiert haben, muss er tatsächlich den anderen, nicht erlaubten Weg gewählt haben – vermutlich in Gedanken und  in der Traube mit allen anderen. Anschließend hat er mich gesucht – und deshalb haben wir uns nachhaltig verfehlt. Als ich mein schluchzendes Kind wieder in die Arme schließe, ist es auch um meine Fassung geschehen? Schimpfen? Iwo. Dazu bin ich viel zu erleichtert. Trotzdem klären wir in einem ruhigen Gespräch genau, welcher Weg erlaubt ist und welcher nicht. Und Peter? Ich schätze, er hat seinen Teil gelernt.

Es geht um die Wurst

„Wann kommt der Besuch endlich?“ Nervös tapst Peter den Hausflur auf und ab. So ist das immer, wenn wir Gäste kriegen. Nur noch fünf Stunden. Zeit genug also für die Erwachsenen, alles fein zu machen und ordentlich aufzuräumen, Salat zu putzen, Grillfleisch zu besorgen, Getränk bereitzustellen, Weingläser zu spülen und Bier kalt zu stellen. Sollte man meinen. Doch wie immer läuft alles ganz anders. Da ist zunächst einmal Peterchens Zimmer. Das sieht aus wie nach einem mittelschweren Angriff. Erst schimpft Herr Kasi, dann Frau Kasi, und schlussendlich räumen alle zusammen auf. Blamieren will sich schließlich niemand. Drei Stunden lang sortieren wir im Schweiße unseres Angesichts Buttinette-Kataloge, ordnen gemalte Bilder („Die schenk‘ ich alle Dir, Mama…“) und freuen uns über neckische Spielereien aus Überraschungseiern. Irgendwann ist das Mammutwerk geschafft. Noch zwei Stunden bis zum Eintreffen der Gäste. Peter ist erleichtert. Zum Glück kommt nicht jeden Tag Besuch.

Herr und Frau Kasi beratschlagen, wie gegrillt werden soll. Im Hause Kasi ist Grillen nicht nur allein die Zubereitung einer Nahrung, sondern Religion und Hoheitsaufgabe des Herrn Kasi. „Mit Holz“, befindet Frau Kasi, „schmeckt vieeeel besser.“ – „Geht nicht“, entgegnet Herr Kasi, „das Dreibein für den Grillrost ist noch beim Schweißen.“ Richtig. Das liegt in der Nachbargemeinde am Schopf von Herrn Kasis Leib-und-Seelen-Kumpel. Dieser hat unseren altersschwachen Grillrost zum wiederholten Male liebevoll repariert. Über Land fahren will niemand mehr. Deshalb soll mit Gas gegrillt werden. Schmeckt auch, macht satt und geht schnell – vor allem wenn ausgehungerte Kinder am Tisch sitzen. Herr Kasi legt die Stirn in Falten: „Hmmm. Das Gas wird hoffentlich noch reichen…“ Frau Kasi, die bereits die Gartenmöbel von ihrem Plastikhüllen befreit, sagt entgeistert: „Du, sag‘ jetzt aber nicht, dass wir Leute zum Grillen einladen und dann weder Holzgrill noch Gasgrill intakt sind…“ Nö. Herr Kasi befindet, dass das Gas sicher reicht. Was ihm nicht gefällt, ist das spätsommerliche Wetter. Klar, so heiß wie Mitte August ist es auf der Alb nicht mehr. Es ist sonnig, aber ordentlich kühl. Kommando zurück. Familie Kasi will von vor dem Haus auf die wärmere, geschützte Terrasse umziehen. Dazu muss man dort allerdings den Bistrotisch mit den niedlichen Holzstühlchen wegräumen. Zu siebt sitzt es sich an vier kleinen Stühlen und einem Mini-Tisch schlecht. Frau Kasi – behindert durch eine Schiene an der rechten Hand wegen eines ausgekugelten Daumens – macht sich wie der einarmige Bandit ans Werk. Herr Kasi schreitet schimpfend ein: „Heee… lass das. Das ist doch Mist, was Du tust.“ Herr Kasi macht Anstalten, die kleinen Stühle wegzuräumen, um der großen Sitzgarnitur, die sonst vor dem Haus steht, Platz zu schaffen. Doch auch die Terrasse scheint ihm zu kalt: „Neee. Wir ziehen um. Hier zieht’s. Ich will beim Essen nicht frieren und mir den Tod holen.“ Also wird das Grillfest quasi in den Saal verlegt. Noch eine halbe Stunde Zeit.

Als der Besuch kommt, kommt alles ganz anders. Die Kids einschließlich Peter haben nicht vor, im Saale zu spielen und verziehen sich kollektiv an unseren pädagogisch wenig sinnvollen Sandkasten (restlicher Bausand, Abflussrohre, alte Ytong-Steine, ausgediente Blumencontainer) sowie einen dreckigen Speiskübel mit grünem, brackigem Wasser. Nach kürzester Zeit sehen sie aus wie frisch geschlüpfte, kleine, grüne Lehmmonster. Die Eltern der unkomplizierten Kids leisten dem Ehepaar Kasi draußen beim Grillen Gesellschaft (naja, welcher Besuch will schon allein drin sitzen in der frisch geputzten Stube, während die Gastgeber draußen grillen?) Und wo man schon mal da ist, bleibt man hier auch. Man verteilt kurz Teller, Gläser, Besteck, ein paar Flaschen Wasser und Saft. Guten Appetit! Mal wieder viel Lärm um nichts. Als würde es um die Wurst gehen.

Sie sind der Meinung, das war Spitze?!

Kennen Sie noch Hänschen Rosenthal? Der fröhliche kleine Mann, der donnerstags bei „Dalli Dalli“ immer hurtig in die Luft hopste und rief: „Sie sind der Meinung, das war Spitze?!“ Peter liebt Hans Rosenthal. Seit er vor kurzem einmal die Neuauflage des Schnelldenker-Quiz auf NDR gesehen hatte (die seine Mami für sich aufgenommen hatte), ist unser Sohn im Dalli-Dalli-Fieber. Als wir dann noch entdeckten, dass die alte Show auf ZDF-Kultur regelmäßig läuft, war es um Peter geschehen. Seither freut er sich riesig, wenn Prominente aus längst vergangenen Fernsehzeiten Fragen wie „Was packen Sie in einen Nikolausstiefel?“ Oder „Was wärmt Sie im Winter?“ beantworten müssen. Weil die Wiederholungen mit Hans Rosenthal dienstags um 13 Uhr im Programm sind, müssen wir sie zwar aufzeichen, aber das ist ja egal.

Peter lacht sich scheckig, wenn Altstars der 70-er wie Michael Schanze oder Winnie Markus mit Föhnwelle und Toupierfrisur Plätzchen ausstechen müssen, Teppiche wickeln oder Geldmünzen sortieren. Er freut sich über lustige Antworten in den Schnellraterunden, erheitert sich über die Gewänder von „Assistentin Monika“ oder hat Spaß daran, dass Roberto Blanco heute noch so aussieht wie früher. Auch Uwe Seeler war mal jung, das haben wir bei einer unserer letzten Dalli-Dalli-Sessions ebenfalls festgestellt. Was uns aber auch angenehm auffiel: der feine Umgangston, den Hänschen Rosenthal mit seinen Teams pflegte. Er ließ alle Gäste gut aussehen, egal wie dusselig sie sich auch anstellten und egal, wie schwer von Begriff sie gerade waren. Rosenthal führte seine Interviews ausgesucht fein, freundlich und aufmerksam, er ließ alle ausreden und amüsierte sich nie auf Kosten seiner Gäste. Dazu klampfte Heiner Riethmüller ausgesuchte Melodien wie „Wer soll das bezahlen…“ auf dem Piano, und die Götz-Wendland-Combo  begleitete ihn nach Kräften. Früher hatte überhaupt das, was man heute lapidar als „Band“ bezeichnen würde, schöne Namen wie „Max-Mayer-Bigband“ oder „James-Last-Orchester“.

Was würde Rosenthal wohl zu einem Fernsehprogramm sagen, in dem man zur besten Sendezeit Känguru-Hoden verspeist, arme Schrotthändler auf TV-Almen verfrachtet oder sprichwörtlich in die Gülle fliegt? Vermutlich nicht viel – Hänschen Rosenthal hat diesen Niedergang abendlicher TV-Unterhaltung nicht mehr erlebt. Frau Kasi indes freut sich über den dienstäglichen Ausflug in die TV-Kindheit, als sie frischgebadet im Schlafanzug und nach Bebe-Creme duftend, ausnahmsweise länger aufbleiben durfte, um Schnellzeichner Oscar und die Dalli-Dalli-Tonleiter zu sehen. Zeiten mit einem uralten Saba-Fernseher waren dies, der knapp 25 Jahre alt wurde und dessen Fernbedienung ganz futuristisch „Telecommander“ hieß. Das Gerät hielt sich all die Jahre wacker, bis es ein Gewitter vollkommen unverdienterweise jäh aus dem Dienst nahm. Sage und schreibe fünf Kanäle hatten wir einst daheim, das Erste, das Zweite, das Dritte, Österreich immer und die Schweiz manchmal. Bei ganz gutem Wetter. „Was“, sagte unlängst Peter angesichts des „Spitze-Sprungs“, „gibt’s Dich schon so lange, dasss Du DAS noch kennst und erlebt hast? Boah, Mama.“

Herr Noci und der Alfon

Spaß mit den heimischen Produkten hatten Bello-Pedro, Herr und Frau Kasi in Italia natürlich auch. Während Frau Kasi Pasta in allen Variationen aß (sensationell mit Miesmuscheln!) und Herr Kasi Freude daran hatte, mal wieder Getränkedosen zu sehen, freute sich Peter vor allem über das Billig-Nutella im Hotel, das den schönen Namen „Nocita“ trug. Peter hatte daraufhin seinen Namen gleich weg: Herr Noci. Herr Noci entdeckte im Land von Ferrero und seinen feinen Küsschen jedoch nicht nur, dass es auch in Italien Billig-Nutella gibt, sondern auch seine Liebe zum Mau-Mau-Spielen.

Wie das immer so ist, wenn Familie Kasi etwas spielt, gibt es Streit über die Regeln. Das fängt bei Mensch-ärgere-Dich-nicht an, setzt sich übers Memory fort („Du hast geschummelt und die Karten extra so hingelegt…“) und erlebte beim Mau-Mau eine neue Blüte. Peter legte ein Ass und suchte nach einer Deckkarte. Diese gefiel Herrn Kasi nicht. „Doch“, beharrte Frau Kasi, die dank iPhone immer wieder mal gern Mau-Mau spielt, wenn der Termin zu lange dauert, „beim iPhone geht das.“ Peter gewann. Herr Kasi blieb beharrlich. Ein fröhliches Mau-Mau-Geplänkel über Asse, Deckkarten, Kreuz und Karo entspann sich. Peter half mir – klar. Vollkommen selbstlos. Er hatte durch meine iPhone-Regeln ja gewonnen. Irgendwann fragte Herr Kasi: „Sagt mal, Freunde der Sonne, über welchen Alfon redet Ihr eigentlich immer?“ Und an mich gerichtet: „Hast Du noch `nen Onkel, den ich nicht kenn´?“ Vollkommene Irritation meinerseits. Alfon? Nein. Gibt’s bei mir in der Familie keinen. Irgendwann prustet das Sohnkind heraus und piekst mich vorsichtig in die Seite, so diskret das mit sechs Jahren halt geht: „Maaaaama, der Papa meint, so glaub‘ ich, das i-Phone. Nicht den Al-Fon.“ iPhone und Alfon, ausgesprochen mit dem Rest vom Nachtisch in den Backen, klingen ziemlich ähnlich, so haben wir festgestellt.

Gar nix richtig warm

Dolce Vita ist vorbei – der Alltag hat uns wieder. Wir haben am Gardasee herrliche Tage verlebt – doch wie länge hält wohl der Ferienzauber? Wenn ich meinen vollen Terminkalender anschaue, vermutlich nicht bis nächste Woche. Aber egal. Meine satte Urlaubsbräune, die ich bekommen habe, erinnert mich an Strand, Rotwein und Pasta pur. Doch mit der Bräune ist es in Zeiten von Hautkrebs und Ozonloch so eine Sache. Für tagelange Sonnenbäder a là Wienerwald ist Frau Kasi ohnehin zu hibbelig.

Doch eines Nachmittags beschlossen wir trotzdem, alle drei Mann hoch, den Pool unseres netten Hotels zu entern. Stilecht ausgestattet mit Wasserspritze, Badelaken und dickem Buch (Frau Kasi) belegten wir drei Plätze auf der freundlicherweise fast leeren Liegewiese. „Cremt Euch gut ein“, riet ich vorausschauend meinen Lieben und schmiss eine Runde Alverde-Lotion für Kinder mit Lichtschutzfaktor 2000. Herr Kasi und Peter taten dies emsigst. Da die weiße Paste überraschenderweise ziemlich zäh war, verzichtete Frau Kasi selbst aufs gründliche Eincremen und verteilte eher pro forma ein Kleckschen der zart duftenden Pampe auf den Armen – wegen des guten Beispiels fürs Kasi-Kind. So kurz Sone macht ja nix – zumal es eigentlich auch nicht übertrieben hitzig war, denn vom Monte Baldo her wehte stets ein kühlendes Lüftchen. Abends im Hotelzimmer sah ich die Bescherung. Herr Kasi sprach Frau Kasi nur noch mit „Frau Krebs-Kasi“ an. Ich leuchtete wie eine Ampel oder ein rotes Ganzkörper-Kondom. Einzig die Arme taten nicht weh.

Nach einer unruhigen Nacht mit diversen vorsichtigen Wendemanövern brachen wir tags darauf nach Malcesine auf, um touristenmäßig die Innenstadt zu besichtigen. Doch vor Mole und Burg und ähnlichem zog es uns natürlich zunächst in eine Apotheke, weil sämtliche Vorräte der Reiseapotheke bereits aufgecremt waren – innerhalb weniger Stunden. Frau Kasi, immer noch so rot-leuchtend wie am Vorabend, der peinlich berührte Herr Kasi (wer will schon mit einem Krebs verheiratet sein? Oder mit einer zugegebenermaßen superdämlichen Klischee-Touristin?) und Peter. Der Apotheker musterte mich aufmerksam. „`Abe Sonnenbraaand?“ Richtig. „Bauch auch?“ Ich lüpfte vorsichtig mein T-Shirt. „Ojeojeoje. Du àbe große Schmeeerzen.“ Nun ja – „Ein wenig“, räumte ich tapfer ein und verkniff mir einen spitzen Schmerzenschrei, als er auf meine Haut klopfte. Der freundliche Herr verkaufte mir für 13 Euro eine sensationelle Aloe-Vera-Lotion, die super half. Abends machte der Kellner im Hotel-Restaurant ein trauriges Gesicht. Ich fragte ihn, ob er Kummer habe. „Ach jaaaa“, ließ er seinem Herzschmerz freien Lauf, „der Sommer ist soo schlecht. Gar nix richtig warm.“

Kurze Sache

Was soll ich Ihnen sagen? Ich warte mal wieder auf meinen Mann. Die Koffer sind gepackt, ich würde gern das Auto beladen. Aber das ist ja nicht da, weil es fort ist. Fort mit meinem Mann. Und der kommt nicht wieder. Er ist nur kurz weg. Betonung auf „kurz“. So wie immer.

In der Zeit, in der ich „kurz“ warte, habe ich kurz Emails gelesen, bei Facebook vorbeigeschaut, meinem Neffen zum Geburtstag gratuliert. Außerdem habe ich „kurz“ unsere dreckigen Wanderschuhe in Tüten verpackt (weil ich zum Putzen keine Lust mehr hatte), drei Quittungen abgeheftet und noch einmal Emails abgerufen. Zur Sicherheit. Soeben wollte ich meinen Gatten kurz anrufen, um zu fragen, wie lange noch „kurz“ dauert, aber sein Handy klingelte neben mir. So viel zum „mobil“ von Mobiltelefon. Soeben kommt er heim. „Mach schnell, wir müssten doch schon lang fort sein.“ Hat man da noch Worte?!

Die Sache mit Alf

Derzeit haben wir Besuch. Besuch von Melmac. Peter hat Alf entdeckt, Alf, den knapp ein Meter großen, rot und dicht behaarten Melmacianer (heißt das so?!), der einst bei Familie Tanner Unterschlupf fand und optisch eine Mischung aus Erdferkel und Spaniel darstellte. Peter findet Alf klasse. Alf rülpst laut, futtert seine sieben Mägen scheunendrescherartig voll, klaut Schokolade und sagt genau das, was er denkt. So gesehen haben Alf und mein Sohnkind vieles gemeinsam. Außerdem redet Alf unablässig, findet Mädels cool und Kates Ordnungsliebe ätzend – noch mehr Paralellen.  Montag dieser Woche fragte Peter gar: „Maaama, sach mal. Wann kommt eigentlich unser Außerirdischer?“ Das klang gerade so, als könnte man den bei Ebay oder Otto im Hermes-Paket bestellen, geliefert von dem freundlichen, kleinen Mann in der roten Latzhose. Als ich dem fassungslos dreinblickenden Knaben erklärte, Alf sei eine Serie wie Heidi, Biene Maya und Laura Stern, wurde er traurig: „Ach ne. Ich dachte, den gibt’s in Echt. Der is ja auch sowas von cooooool…“ Klar – ein Alf im Haus würde mir angesichts des permanenten Dauerchaos noch fehlen. Alf, nein, Du kannst heute nicht mit zum VfB. Alf… Du weißt doch, das Sportheim ist nichts für Außerirdische. Nein, Alf, ich glaube nicht, dass unser Bürgermeister Dich kennenlernen will. Alf…. bitte geh weg vom Fenster…. wir haben doch keine richtigen Vorhänge.

Aber sind wir mal ehrlich. Gäbe es tatsächlich ein Raumschiff, das irgendwo in einem Garten auf Obdach-Suche landen wollte, würde es sicherlich auf der großen Wiese hinter unserem Haus zum Landeanflug ansetzen. Selbstverständlich würden alle Insassen auch aufgenommen. Artig würden alle Milchkaffee und Hefezopf serviert bekommen, garniert von freundlichem, aber nicht uninteressierten Smalltalk. Psst. Aber nicht weitersagen. Bekanntlich gibt es Dinge zwischen Himmel und Erde…. Nun ja, lassen wir das. Auf jeden Fall ist Alf für Peter derzeit ein Vorbild, was sich auf seine Essgewohnheiten nicht wirklich positiv auswirkt. Außerdem hat Peter Angst, unser Heimplanet könnte explodieren – nur wenn wir den Haarfön einstecken. Und das nur, weil Melmacs Ende die Turboföns der heimischen Melmac-Bäder waren.

Letzte Woche kuschelten das Sohnkind und ich also auf dem Sofa – während wir Alf schauten. Peter schlüpfte ganz nah an mich heran und schnupperte an meinem Parfüm. „Hach Mami, Du bist halt doch mein bester Freund. Und Du riechst so gut. Aber Deine Haut bin ich halt auch am längsten gewöhnt. Ich war doch mal in Deinem Bauch.“ Ich nicke gerührt. Bevor ich allerdings zu tief in die Rührseligkeit geraten konnte, setzte Peter seinen ernst gemeinten, schonungslosen Monolog fort: „Und weißt Du… der Papa…. der hat ja auch aber Haare…“ Peter zeigte mit seinen Händen eine geschätzte Länge von gut einem halben Meter an, „fast so lang wie beim Alf…“

Aha. Wenn es also nach dem Kasi-Sprössling geht, bin ich mit einem Alf verheiratet. Einem Wesen, das das Sofa vollhaart, den Staubsauger verstopft und das Haartönungsmittel finanziell nie aufbrächte. Ich breche eine deutliche Lanze für Peters Papa: Keine Sorge, mein Mann ist ein ganz normaler Erdbürger, ein reizender Ehemann und treusorgender Vater. Er haart nicht. Er sieht eigentlich vollkommen normal aus und rasiert sich ganz regelmäßig. Er kocht sensationelle Brotknödel und leckere Pizza. Sein Essverhalten ist zwar mitunter üppig, aber nicht riesig. Außerdem fährt er Opel und nicht Raumschiff. Noch Fragen?