Die Sache mit Alf

Derzeit haben wir Besuch. Besuch von Melmac. Peter hat Alf entdeckt, Alf, den knapp ein Meter großen, rot und dicht behaarten Melmacianer (heißt das so?!), der einst bei Familie Tanner Unterschlupf fand und optisch eine Mischung aus Erdferkel und Spaniel darstellte. Peter findet Alf klasse. Alf rülpst laut, futtert seine sieben Mägen scheunendrescherartig voll, klaut Schokolade und sagt genau das, was er denkt. So gesehen haben Alf und mein Sohnkind vieles gemeinsam. Außerdem redet Alf unablässig, findet Mädels cool und Kates Ordnungsliebe ätzend – noch mehr Paralellen.  Montag dieser Woche fragte Peter gar: „Maaama, sach mal. Wann kommt eigentlich unser Außerirdischer?“ Das klang gerade so, als könnte man den bei Ebay oder Otto im Hermes-Paket bestellen, geliefert von dem freundlichen, kleinen Mann in der roten Latzhose. Als ich dem fassungslos dreinblickenden Knaben erklärte, Alf sei eine Serie wie Heidi, Biene Maya und Laura Stern, wurde er traurig: „Ach ne. Ich dachte, den gibt’s in Echt. Der is ja auch sowas von cooooool…“ Klar – ein Alf im Haus würde mir angesichts des permanenten Dauerchaos noch fehlen. Alf, nein, Du kannst heute nicht mit zum VfB. Alf… Du weißt doch, das Sportheim ist nichts für Außerirdische. Nein, Alf, ich glaube nicht, dass unser Bürgermeister Dich kennenlernen will. Alf…. bitte geh weg vom Fenster…. wir haben doch keine richtigen Vorhänge.

Aber sind wir mal ehrlich. Gäbe es tatsächlich ein Raumschiff, das irgendwo in einem Garten auf Obdach-Suche landen wollte, würde es sicherlich auf der großen Wiese hinter unserem Haus zum Landeanflug ansetzen. Selbstverständlich würden alle Insassen auch aufgenommen. Artig würden alle Milchkaffee und Hefezopf serviert bekommen, garniert von freundlichem, aber nicht uninteressierten Smalltalk. Psst. Aber nicht weitersagen. Bekanntlich gibt es Dinge zwischen Himmel und Erde…. Nun ja, lassen wir das. Auf jeden Fall ist Alf für Peter derzeit ein Vorbild, was sich auf seine Essgewohnheiten nicht wirklich positiv auswirkt. Außerdem hat Peter Angst, unser Heimplanet könnte explodieren – nur wenn wir den Haarfön einstecken. Und das nur, weil Melmacs Ende die Turboföns der heimischen Melmac-Bäder waren.

Letzte Woche kuschelten das Sohnkind und ich also auf dem Sofa – während wir Alf schauten. Peter schlüpfte ganz nah an mich heran und schnupperte an meinem Parfüm. „Hach Mami, Du bist halt doch mein bester Freund. Und Du riechst so gut. Aber Deine Haut bin ich halt auch am längsten gewöhnt. Ich war doch mal in Deinem Bauch.“ Ich nicke gerührt. Bevor ich allerdings zu tief in die Rührseligkeit geraten konnte, setzte Peter seinen ernst gemeinten, schonungslosen Monolog fort: „Und weißt Du… der Papa…. der hat ja auch aber Haare…“ Peter zeigte mit seinen Händen eine geschätzte Länge von gut einem halben Meter an, „fast so lang wie beim Alf…“

Aha. Wenn es also nach dem Kasi-Sprössling geht, bin ich mit einem Alf verheiratet. Einem Wesen, das das Sofa vollhaart, den Staubsauger verstopft und das Haartönungsmittel finanziell nie aufbrächte. Ich breche eine deutliche Lanze für Peters Papa: Keine Sorge, mein Mann ist ein ganz normaler Erdbürger, ein reizender Ehemann und treusorgender Vater. Er haart nicht. Er sieht eigentlich vollkommen normal aus und rasiert sich ganz regelmäßig. Er kocht sensationelle Brotknödel und leckere Pizza. Sein Essverhalten ist zwar mitunter üppig, aber nicht riesig. Außerdem fährt er Opel und nicht Raumschiff. Noch Fragen?

Der Wackelzahn

Kann das sein? Eben erst – zumindest kommt es mir mit meinem müttersentimentalen Gehirn so vor – hat Peter mit viel Geschrei seine letzten Zähne gekriegt. Und jetzt sollen die ersten schon wieder raus. Der halbe Kiefer des Sohnkinds gleicht von seiner Stabilität her der venezianischen Innenstadt oder den wackligen Bücherstapeln in dem Regal hinter mir. Der Thronfolger verweigert deshalb standfest jegliche feste Nahrung und pocht streng auf die Einnahme von Apfelmus, Griesbrei und Nudelsuppe. Die Baustellen im Unterkiefer machen genussvolles Abbeißen vom grünen Apfel wie einst in der Zahncreme-Werbung („Damit Sie auch morgen noch kraftvoll zubeißen können“) in der Tat nicht leichter. Aber grüne Granny-Smith-Äpfel sind ja wegen der schlechten Ökobilanz – da meistens nicht heimisch – ohnehin etwas aus der Mode gekommen, wo es doch so tolle, rotbackige und vor allem heimische Bodenseeäpfel gibt, die theoretisch nur eine gute Stunde Fahrt von der Insel Reichenau bis Nusplingen bräuchten.

Aber ich schweife ab. Weil Peter ein kleiner Mann ist, leidet er dabei gebührend. Während er, dick eingemummelt in meiner Kuscheldecke in meiner Sofa-Lieblingsecke sitzt (ihm geht es ja schlecht), nuckelt er müde an seinem Kaba: „Mama, weißt Du noch, wie der Michel der Lina den Zahn gezogen hat?“ Klar erinnere ich mich an die Zahn-Episode in Astrid-Lindgrens Lönneberga-Klassiker. Ich erzähle ihm also vom Pferd, dem Faden und Michels Idee, das Pferd könnte den Zahn aus dem Kiefer herauskatapultieren. „Ach ja“, macht Peter einen traurigen Mund, „so würde das bei uns auch enden. Die Lina ist dem Pferd ja nachgerannt wie blöd.“ Stimmt. Ich beruhige meinen gebeutelten Sprössling damit, dass wir kein Pferd haben. Und per se auch kein Dienstmädchen, an dem wir solche Dinge auszutesten gedenken.

Peter sitzt immer noch zahnleidend in meiner Sofalieblingsecke. „Mama“, erkundigt er sich mit geübten „Mir-geht’s-so-schlecht-und-keine-Sau-interessiert-sich-dafür“-Tonfall, „wie hast Du denn Deinen ersten Milchzahn verloren?“ Zugegebenermaßen wenig sensibel berichte ich von einem kleinen Mädchen, dessen linker Schneidezahn unten ebenfalls höllisch wackelte. Weil das kleine Mädchen eine sehr robuste Fünfjährige mit Hang zum Prügeln, zum Auf-hohe-Bäume-Klettern und durch Tiefe-Bäche-Waten war, entschied sie sie sich für eine sprichwörtliche Hauruck-Methode: die große, blaue Rohrzange von Peters Opa Schatz. Damit wurde das winzig kleine Zähnlein höchst erfolgreich aus Frau Kasis blütenweißer Milchzahnreihe gelupft. Die Wacklerei hatte ein schnödes und zugegebermaßen wenig kindgerechtes Ende genommen. Dank der blauen Rohrzahnge.

Peter und Herr Kasi schauen mich beide entsetzt an. „Neee“, sagt mein Gatte, „wie gemein. Und das an einem kleinen Kind.“ Auch mein Sohn ist einigermaßen ratlos – hat er doch einen gutmütigen, mit ihm jeden Spaß veranstaltenden Großvater im Hinterkopf und keinen mit einer Zange bewaffneten, fiesen Zähnezieher: „Mama“, sagt er demzufolge streng, „damit macht man keinen Spaß.“ Ich beteuere kleinlaut, dass dies aber die Wahrheit sei. Außerdem verstehe ich das Getue nicht. Warum auch nicht? Ich hatte danach zwar einen Zahn weniger, war aber des leidvollen „Ich-muss-jetzt-an-dem-Zahn-wackeln-bis-er-wehtut“ erlöst. Das wog den kurzen Schmerzmoment mit der riesigen Rohrzange eindeutig auf.

Eins ist klar. Peter will jetzt nicht wie eine Memme dastehen. Zögerlich fragt er seinen Vater nach einer Rohrzange. Diese findet sich in unserem vom Umzug gebeutelten Haushalt freilich nicht sofort. Wohl aber ein kleines, rotes Zänglein, von dem mein Mann, der gelernte Pädagoge im Haus, wohl annimmt, es sei viel kindgerechter und sozialverträglicher aus die Variante aus den späten 70-ern in Frau Kasis Elternhaus. Gemeinschaftlich machen sich also der mit der Kinderzange bewaffnete Herr Kasi und Frau Kasi als alter Hase an Sohnkinds Kiefer zu schaffen. Der kleine Mann hat den Mund noch nicht recht – zugegebenermaßen eher halbherzig – geöffnet, da brüllt er – wohlgemerkt mit offenem Mund: „Ich glaub‘, ich behalt‘ den Zahn noch ein bisschen.“ Soviel zu Dres. med. dent. Weiger. Schuster, bleib‘ bei Deinen Leisten. Mit und ohne Rohrzange. Wir haben einen tollen Zahnarzt im Ort.

Wir haben es nett

Was ist schlimmer als ein kranker Mann daheim? Ein kranker Peter daheim. Ein Peter, der nicht mehr soo richtig kränkelt, aber noch nicht so weit wieder hergestellt ist, als dass er wieder den Kindergarten besuchen könnte. Solch ein Peter hat viele gute Ideen, was die eigene Freizeitgestaltung anbelangt. Dumm nur, dass Frau Kasi arbeiten muss und Herr Kasi ebenfalls. Doch Frau Kasi arbeitet von zu Hause aus. Herr Kasi ist mit frohgemutem Grinsen  und dem fragwürdigen Satz „Mach es Dir schön…“ (!?) soeben abgezogen. Mit quietschenden Reifen versteht sich. Nicht dass ihn noch jemand aufhält. Ich setze auf die Vernunft meines fast Sechsjährigen: „Peter, ich muss noch zwei Sachen fertig machen und bin im Büro.“ Peter nickt. Klar.

Das Sohnkind zu bespaßen, ist eine schöne Aufgabe. Wenn man Zeit hat. Heute habe ich aber keine. Ich arbeite an einem Serienbrief für einen sehr netten Herrn mit viel Geduld und alter Schule. Peter ist schon nach zehn Minuten langweilig. „Mama, wir könnten Kuchen backen.“ Ich entgeistert: „Wann? Morgen?“ Peter hat für dererlei Zeitverzögerung kein Verständnis: „Ne. Jetzt. Du schreibst doch nur. Marmorkuchen? Der schmeckt lecker.“ – Ich: „Mein Kind. Außer Schreiben habe ich nichts gelernt, und damit verdiene ich mein Geld.“ Peter kann das nicht verstehen: „Ist Schreiben Arbeit? Das kann doch jeder, der groß ist.“ Hmmm. Ganz schön scharfsinnig. Stimmt ja eigentlich. Als ich ablehne, Bibi-Blocksberg-Hexenmasken zu drucken und meinen Rechner für eine Runde Benjamin-Blümchen-löscht-das-Feuer herzugeben, drollt sich der Thronfolger beleidigt. Puh. Jetzt wieder mit Hochdruck kreativ sein. Dummerweise habe ich Hunger. Peter übt derweil Melodica. Vierviertel e.

Zehn Minuten und 20 Zeilen später. Das Telefon klingelt. Ein netter Neukunde, der Texte für seinen Webauftritt braucht. Peter indes braucht dringend was zu essen. Und Knete. Und hat keine Lust mehr auf Kranksein. Vor allem aber platzt er mitten in mein Neukunden-Telefonat: „Ein Stern, der Deinen Namen träääääägt…. hooooch am Horizont….“ Höflich aber bestimmt setze ich Ötzi-Junior mit einem energischen Griff und wild gestikulierend vor die Tür, was Peter mit lautem Klopfen und dem freundlichen Nachhaken „Was soll der Mist jetzt?“ quittiert. Ich erkläre dem freundlichen Herrn am anderen Ende der Strippe, dass ich kurz meinen kranken Sohn zur Raison bringen muss. Das mache ich nach Gesprächsende ausgiebig. Anschließend lasse ich Peter seinen Papa anrufen. Dass er sich über mich beklagt, nehme ich gerne in Kauf – so sieht Herr Kasi wenigstens, was ich mitmache. Jetzt gibt es aber erst einmal Mittagessen. Das Kind isst viel, ausgiebig und mit Spaß. Danach macht er Pause und beschallt das komplette Haus mit Elea Eluanda. Ezechiel, die Tröstereule, würde bei mir persönlich heute Abend im Suppentopf landen. Drei Ermahnungen (in steigendem Tonfall und mit anschwellender Lautstärke) später ist Ruhe im Haus. Peter hat sich hingelegt, weil ihm wieder eingefallen ist, dass er ja eigentlich krank ist. Ach stimmt ja. Überflüssig zu erwähnen, dass ich meine Arbeit erst spät abends auf die Reihe bekomme – als Herr Kasi nach etlichen Überstunden endlich heimkommt: „Na, hattet Ihr’s nett?“

Die Sache mit Götz

Peter hat einen dicken Kumpel auswärts. Das heißt, „hatte“. Vor kurzem hatte dieser nämlich seinen 7. Geburtstag, und er hat Peter dazu nicht eingeladen. Das Sohnkind wertet eine solche Missetat als einen geschichtsträchtigen Vorfall – gerade so, als ob Angela Merkel Guido Westerwelle im Bundestag geohrfeigt hätte. Der Kumpel von drei Ortschaften weiter, den Peter über mich bzw. über dessen Mama kennengelernt hat, hat mein Sohnkind nicht zum Geburtstag eingeladen – und das, obwohl er erst kurz zuvor bei uns war. Welch Affront.

Peter durchläuft die haargenau selben Phasen, die jeder von uns kennt. Zuerst ist er bitter enttäuscht und meckert. Ich übe mich im Krisenmanagement und gebe zu verstehen, dass es im Leben oft so ist, dass man nie genau das zurückbekommt, was man gegeben hat. Oja (mein „Parfüm“ von Süskind ist heute noch bei Oli). Dann ist Peter traurig und schluchzt ergriffen vor sich hin. Er tröstet sich, weil alle anderen, die eingeladen sind, eh nicht seine Freunde sind. Am nächsten Tag ist seine Eitelkeit verletzt: „Muss ich mich jetzt genieren? Und was mach‘ ich wenn ich Geburtstag hab?“ Das ist gottlob erst im Juni. Vier Wochen später kommt eine Gegeneinladung – von der Mama des einstigen Kumpels. Peter, ganz Mann, zitiert Götz von Berlichingen. Und lässt mich ausrichten, er gehe viel lieber zu seiner Oma.

Streng verboten

„Maaaamaaaa….“ Peter hampelt ungeduldig vor mir herum, während ich die Spülmaschine leer und wieder voll räume. „Wann gehst Du endlich?“ Schön, dass man so geliebt wird. Ich bin leicht irritiert. „Warum in drei Teufelsnamen soll ich denn unbedingt weg?“ Das Sohnkind zögert keinen Augenblick: „Jetzt kommt gleich der Papa heim. Und der hat mir versprochen, dass ich am Computer in Deinem Büro spielen darf. Und wenn Du da bist, ist das ja streng verboten.“

Eine neue Waschanlage

Peter und ich spielen „Rosettle“, ein Bauspiel aus lauter kleinen Plastikkreisen, die mit kleinen Einschnitten zum Zusammensetzen versehen sind. Sehen Sie mir den Namen „Rosettle“ bitte nach, ich habe seit Kindheit keine Ahnung, wie die Dinger richtig heißen. Peter schleppt eine Schuhschachtel mit fertigen Blumen an: „Hilfste mir?“ Gutmütig willige ich ein. Einträchtig sitzen wir also auf dem Sofa und bauen so vor uns hin.

Ich: „Was sollen wir denn bauen?“

Peter (mit dem selbstverständlichsten Gesicht der Welt): „Na, ne Autowaschanlage natürlich!“

Ich (seeehr hilflos): „Peter, ich bitte Dich. In meiner Jugend hat man aus den Teilen Sterne und Blumen gebaut.“

Peter (sehr gutmütig): „Ach Mama, sei nicht traurig. Genauso hab‘  ich auch mal angefangen.“

Im Schwitzkasten

Peter war bei Oma Schatz zu Besuch. Er berichtet mir aufgeregt: „Maaaaama, denk‘ mal. Der Ingo und der Heiko (Anmerkung: Seine Onkels, heute 31, Zwillinge) waren mal sooooo klein, dass sie in den Schwitzkasten mussten.“ Gemeint war natürlich der „Brutkasten“. Klar. Haha. In den Schwitzkasten hätte man die beiden Herren öfter mal nehmen sollen.

Dicke Indianer

Peter und ich schauen alte Bilder an. Bilder, auf denen sein Papa mit ungefähr drei Jahren zu sehen ist. „Peter, rate mal“, sag‘ ich wenig einfallsreich, „auf dem Foto ist Dein Papa drauf.“ Peter betrachtet das gelbstichige 70er-Jahre-Bild genau. Es ist an der Fasnet aufgenommen und gleicht rund einem Dutzend solcher Bilder, wie man sie wohl in jedem Fotoalbum finden kann und wie sie zu Hochzeiten gern als Bilderpräsentation gezeigt werden. Darauf zu sehen: ein alberner Cowboy. Ein weniger alberner Cowboy mit gewaltigem Schnauzbart. Ein Pilz, den sein Hut juckt und der dementsprechend unleidlich drein sc haut. Ein Cowboy, dem offenbar die Munition ausgegangen ist. Ein Clown, der nichts zu lachen hat. Dazu: ein kleiner Indianer mit, naja, Bauchansatz, dem sein prächtiger Kopfputz so schwer lastet, dass er ganz sorgenvoll drein blickt. Peter ist ratlos: „Du willst doch nicht etwa sagen, dass der kleine, dicke Indianer links mein Papa ist?“ Hmmm. Nun ja. Doch.

Perlende Langeweile

Es herrscht Chaos im Hause Kasi. Muttern muss einen Text fertig machen. Peter langweilt sich. „Maaaama…“ Ich (leicht genervt wegen Bibi und Benjamin und Hexhex und all dem, was seit Stunden aus dem Kassettenrekorder im Kinderzimmer dudelt): „Was ist denn nun schon wieder?“ Peter: „Mir ist so langweilig, dass mir schon richtig schlecht ist.“ Ich: „Du hast nur Blähungen vom Apfelsaft.“ Peter: „Was sind Blähungen?“ Ich: „Wenn es im Bauch rumpelt.“ Können Sie sich vorstellen, wie schwer es ist, einen hochsensiblen Firmenbrief an einen seriösen Herrn mit Schlips zu schreiben, wenn man nebenher mit einem Fünfjährigen über Darmwinde philosophieren muss? Na bitte. Ich wusste es. Sie verstehen mich.

Peter schleicht sich, lässt aber keinen Zweifel daran, dass er seine Mama etwas doof findet. In seinem Zimmer spielt er Koch. Peter kocht immer. Alles. Und überall. Heute gibt es Liebesperlen (oha). Das Sohnkind rührt so eifrig. Bis ein lautes „Ohhhh“ die Rührgeräte unterbricht. Gefühlte 100000 Liebesperlen kollern mir schon im Flur entgegen. Wird wohl nichts mehr aus dem Mahl. Peter fängt an, die Perlen liebevoll einzuklauben. Was dauert. Ich soll helfen, bin dem Sohnkind aber zu schnell. Will er sie noch  nach Farben sortieren (würde vielleicht sein Papa tun, es sind exakt fünf) oder nach der Größe (wird schwierig)? Ich werde ungeduldig. Die Dinger landen vollkommen sortierfrei wieder im Plastik-Kochtopf, den ich vorsichtshalber auf dem Schrank bunkere. Peter verzieht sich zum Lesen in MEIN Bett: „Da hab‘ ich mehr Platz.“ Ich widme mich wieder meinem Brief. Beim dritten Absatz ein neuerlicher Schrei: „Mama, ist Dein Bett immer so nass?“ NASS? Nein, üblicherweise nicht. Des Rätsels Lösung ist einfach. Peter hat eine halbe Flasche Mineralwasser (zum Glück nur Wasser!) in mein Kopfkissen gekippt. Ich tröste das mittlerweile Rotz und Wasser weinende Kind: „Peter, das trocknet doch wieder…“ – „Jaaa, aber ich will doch da rein liegen…“ Nun ja. Das geht jetzt nicht mehr.

Weil ich meinen Brief fertig habe, backen wir Muffins, das Zwerglein und ich. Sharky-Muffins. Nicht nur Schokostreusel oder Apfelmuffins. Nein, solche von Captain Sharky. Eine chemisch wertvolle Backmischung von Dr. Sowieso, die sich Peter vier Wochen lang bei jedem Einkauf gewünscht hat. Wozu man für Muffins eine Backmischung braucht, ist mir nicht ganz klar – mit der Mischung dauert es exakt so lange wie ohne. Nebenher erzählt mir das Kind, dass ich wohl bei einem Pressetermin von einem Kollegen fotografiert worden bin und er bei der Oma die Zeitung gesehen hat: „Da warst echt Du in der Zeitung. Neben dem Gomez.“ Ich freue mich. Hat man ja auch nicht alle Tage, mit einem Fußballstar fotografiert zu werden. Ich werde neugierig: „Peter, wo hat die Oma das Bild?“ Peter überlegt. „Och. Ich glaub, das gibt’s nicht mehr.“ Ich gebe es zu: Ich bin enttäuscht: „Ach ja, und warum nicht?“ Mein Kind hat die Antwort schnell parat: „Die Oma hat das Bild weggeworfen und schon der Papiersammung mitgegeben. Nein. Ich Wirklichkeit hat sie es verbrannt.“ Danke für das Gespräch.