Frische Luft

Dialog nach dem Mittagessen. Peter will glotzen. Ich will nicht, dass er glotzt. Es ist kurz nach zwei Uhr, und ein Nachmittag vor dem Fernseher ist nicht das, was ich mir vom heutigen Tag für mein Kind wünsche.

Ich: Peter, ich fände es gut, wenn Du noch ein bisschen raus gehen würdest. Also…

Peter: Warum?

Ich: Ich möchte gern, dass Du frische Luft hast.

Peter: Mach das Fenster auf.

Rollende Steine und eine Märchenhochzeit

Familie Kasi ist zu einer Hochzeit eingeladen. Vermutlich zu so einer, bei der Bräute entführt werden, Reis geworfen, man fröhliche Spiele spielt und sich das Brautpaar ordentlich zum Deppen machen muss. Mir machen solche Feste Spaß, es sei denn, ich bin selbst die Hauptperson oder verpasse ein VfB-Heimspiel. Das Sohnkind ist erst zum zweiten Mal mit dabei – also wissentlich. Dementsprechend groß ist die Aufregung. „Mama“, fragt Peter, „warum heiratet man?“ Ich überlege: „Na, weil man sich gerne mag.“ Das leuchtet ein. Peter hakt nach: „Muss ich das auch mal?“ Ich überlege wieder: „Nur wenn Du wirklich willist.“ Peter ist erleichtert: „Schön, aber wir bleiben dann bei Dir wohnen.“ Diesen Aspekt muss er wohl abermals mit meiner Schwiegertochter in spe diskutieren.

Die Hochzeit beschäftigt Peter allerdings noch ein paar Tage. Wie es sich für einen eitlen, kleinen Kerl gehört, macht er sich tiefschürfende Gedanken zur Kleiderfrage (wie sehr würde ich mir das einmal von Herrn Kasi wünschen). Während Herr Kasi am liebsten im Jogginganzug zur Trauung ginge, ist Peter für seine fünf Jahre schon richtig stilsicher. Und weil man nicht alle Tage zu einer richtigen Hochzeit mit einer „Märchenbraut“ eingeladen ist, erlaube ich – milde gestimmt – den Kauf eines neuen Hemds fürs Sohnkind.

Wir entnern also den schwedischen Kleiderriesen in der hiesigen Innenstadt. Peter sucht sich zunächst ein batikähnliches Teil in Größe 42 aus der Frauenabteilung aus. Mein Hinweis, das sei was für große Mädels, wird gottlob erhört. Ich erinnere mich mit Schaudern an die Tigerhandtasche. Peter hätte von seiner Shoppingwut her vermutlich zwei  junge Damen versorgen können. Mit roten Bäckchen hopst er von Regal zu Regal, fühlt fachmännisch Stoffe und beurteilt karierte Hosen: „Die hier sieht aus wie von nem Koch.“ Plötzlich erhellt sich seine Miene. „Schau Mama, ein Rolling-Schtounes-T-Shi!“ Ja, stimmt. Auf dem Hemdchen in Größe 128 prangt gut sichtbar die rote Zunge. Peters Entschluss steht fest: „Das ist cool zum Heiraten.“ Sacht erinnnere ich an den Hemdenwunsch, zeige blitzschnell ein solides, gestreiftes Bubenhemd in Babyblau: „MAMA! Ne! Das ist ja voll spießig.“ Muss ich zustimmen. Ja, das ist es. Wir diskutieren eine Weile hin und her. Peter beharrt auf dem Stones-Hemdchen. Ich sehe mich schon im Geiste mit Herrn Kasi diskutieren. Letzten Endes willige ich ein. Peters Argument, das T-Shirt passe super zu seiner Motorradjacke hat mich überzeugt.

Essen auf Rädern

Wir sitzen im Auto. Peter überlegt. Scharf. Man hört förmlich, wie sich die Zahnrädchen im Kinderkopf drehen. Folgender Dialog.

Peter: „Maaama…. ich zieh‘ nie weg von Euch.“

Ich: „Ach komm, darüber reden wir in 15 Jahren noch einmal.“

Peter: „Meine Frau zieht einfach in das leere Zimmer bei uns im Haus ein.“ (Anmerkung: „Leer“ ist definitiv der falsche Ausdruck. Da drin steht Werkzeug aller Art, ein Crosstrainer, ein Mountainbike auf der Rolle und ein Kaufmannladen. Außerdem überwintern hier Hase Oskar und Meerschwein Lilly.)

Ich: „Darüber solltest Du vielleicht mit Deiner Frau sprechen.“

Peter: „Wenn sie das nicht mag, braucht sie mich nicht heiraten.“

Ich: „Peter, Frauen entscheiden heutzutage selbst.“

Peter grummelt ob so viel Emanzipation. Dann hat er einen rettenden Einfall.

Peter: „Aber Ihr seid ja bald alt. Wenn ich nicht ausziehe, braucht Ihr nie Essen auf Rädern.“

Eine schwere Hausgeburt

Wie die Zeit vergeht… tatsächlich ist ein Vierteljahr ohne neuen Text vergangen. Und dabei hat sich in den vergangenen Wochen so viel ereignet. Vermutlich fehlte Frau Kasi deshalb die Inspiration zum Schreiben. Das wird wieder anders, versprochen. Zunächst ist da natürlich das Haus, in dem es immer noch genug zu werkeln gibt. Aber irgendwie war bei der kompletten Familie Kasi jetzt erst einmal die Luft raus. Der Umstand, dass sich das Licht größtenteils nur unten am Sicherungskasten einschalten lässt, störte irgendwann niemanden mehr, nicht einmal meinen Mann, den eigentlichen Handwerker im Haus. Wochenlang trabten wir also brav die Treppen auf und ab zum An- respektive Ausknipsen. Jeder, der frisch einzieht und behauptet, er habe alles fertig, lügt übrigens. Basta. Bei uns fehlt zur perfekten EIB-Anlage noch ein bisschen was. Wird aber wöchentlich besser. Das Chaos im Haus hat sich auf wundersame Weise auf ein Minimum reduziert. Herrlich.

Außerdem meuterte unser bislang so pflegeleichtes Kind nach unzähligen Wochen mit Schrauben, Packen und Auspacken. Nach dem Mammutumzug hatten wir endlich mal wieder Zeit für einen Besuch auf dem Spielplatz, im Wildgehege oder einen schnöden Stadtbummel. Irgendwann sagte der Thronfolger mit einem leisen Seufzer: „Wie schön ist es, dass in diesem neuen Haus endlich mal wieder jemand Zeit für mich hat.“ Ja, klar. Wir hatten ein schlechtes Gewissen. So ein Hausbau mag für die Bauherren Stress und Action pur sein, aber schließlich haben sie sich bewusst für dieses Elend und diesen Kampf entschieden und nehmen fürs Eigenheim jegliche Form von Freizeitentzug billigend in Kauf. Aber so ein kleiner Wurm kann nichts dafür – im Gegenteil. Letzten Endes muss er sogar seine gewohnte Umgebung verlassen, nur weil Mama und Papa Bob Baumeister spielen und gute Schwaben sind. Dementsprechend schlief Peter schlecht, träumte nachts von Räubern und legte allnächtens quer ins elterliche Bett. Aber mittlerweile haben wir auch das hinter uns. Als dann alles soweit wieder einigermaßen  bingo war, wurde dann Frau Kasi krank. Rücken, Gelenke, der ganze Körper schmerzte. Nachwehen einer schweren Hausgeburt, im wahrsten Sinne. Soviel zur Kurzfassung der letzten Monate. Aber jetzt geht es wieder aufwärts. Bis im Frühjahr der Rest-Garten dran ist.

Undank ist der Welt Lohn

„Komm“, sagte mein Mann heute morgen, „heute räumen wir die Speisekammer aus.“ Gute Idee – wir haben nur noch drei Wochenenden, bis wir die alte Wohnung vollständig geräumt haben müssen. Gesagt getan. Wir hatten allerdings die Füllmengen unserer Speis zur Gänze unterschätzt, denn neben Vorräten an Kidneybohnen, Essiggurken, Spagettis und Himbeermarmelade fanden wir diverse Putzutensilien, Pflanzendünger, Warmhaltekannen, Kuchenbleche, Backformen und Plätzchendosen. Während wir uns durch unsere Besitztümer wühlten und doch tatsächlich das eine oder andere aussortierten, hatte mein Mann eine fulminante Idee, wie er hängenderweise sämtliche alten Regale in der neuen Speis recyclen kann. Die neue, fulminante Idee war mir schlichtweg egal – mein erklärtes Ziel war es lediglich, Nudeln, Konserven und Knäckebrot bis zum frühen Abend fein säuberlich an Ort und Stelle zu haben. Aber ich persönlich verstehe auch nicht, warum man Garagen weißeln muss oder Kellerräume einen Laminatboden bekommen. Sieht ja doch keiner – es sei denn man feiert den Geburtstag im Keller oder lädt seine Gäste immer in die Garage ein. Habe ich aber alles nicht vor. Ich schätze, mein Mann würde es auch nicht gut finden, wenn wir Oma & Co. das nächste Mal zur Kaffeestunde in den heimischen Keller bitten würden. Egal wie schön er geweißelt ist. Von daher bin ich persönlich für Umgestaltungsideen wie Speisekammer-Regale wegen kompletter Ignoranz vermutlich einfach die falsche Ansprechpartnerin.

Beim Sohnkind indes war dies anders. Es zeigte sich von der Idee pflichtschuldigst und fast ohne Hintergedanken begeistert. Er brauchte seinen Gevater noch später für die Installation des neuen Freigeheges von Hase Oskar und Meersau Lilly, die bis dato mangels geeigneter Wohnstatt immer noch nicht umgezogen sind. Also bei Peter keine Spur von Berechnung. Die gute Laune wich auch nicht, als der Kasi-Mann urplötzlich wieder in die alte Wohnung müsste, weil er dringendst irgendwelche Trägerlatten und Schienen haben musste.

Zwei Stunden später war es mit der Begeisterung nicht mehr ganz so weit her. Sein Vater montierte immer noch Regalböden und Flaschenständer, dicke Schweißperlen auf der Stirn. „Weißt Du Peter“, hörte ich soeben meinen entkräfteten Mann murmeln, „ich kann nicht hexen. Aber die Regale hier haben noch zwei, drei Dübel nötig. Oder willst Du, dass die Spagetti herunterfallen?“ Nein, das wollte Peter selbstverständlich nicht. Allerdings isst er regelmäßig Nahrungsmittel, die mit dem Boden in Berührung gekommen waren (Lollis, Schokolade, angekaute Brezeln). Von daher konnte er die Tragweite dieser Androhung nicht so ganz für sich begreifen. Egal. Stundenlang dröhnten Geräusche wie an einer stark befahrenen Vekehrskreuzung durch unser neues Haus – unserem reich bestückten Werkzeugschatz sei Dank. Und das alles wegen ein paar Kidneybohnen. Gegen 16 Uhr die Erlösung. „Mama, wir verlassen jetzt die Küche“, hörte ich das Sohnkind jubilieren. Herrlich. Vermutlich bekommen Hase und Meersau jetzt noch einen echten Kirschholz-Parkettboden in ihr neues Heim. Und blütenweiße Wände. Vermutlich werden sie es mehr schätzen als Frau Kasi. Undank ist der Welt Lohn, was, Kasi-Mann? Trotzdem danke für die geschätzt 20 Regalböden in der Drei-Quadratmeter-Speisekammer.

Eine neue Waschanlage

Peter und ich spielen „Rosettle“, ein Bauspiel aus lauter kleinen Plastikkreisen, die mit kleinen Einschnitten zum Zusammensetzen versehen sind. Sehen Sie mir den Namen „Rosettle“ bitte nach, ich habe seit Kindheit keine Ahnung, wie die Dinger richtig heißen. Peter schleppt eine Schuhschachtel mit fertigen Blumen an: „Hilfste mir?“ Gutmütig willige ich ein. Einträchtig sitzen wir also auf dem Sofa und bauen so vor uns hin.

Ich: „Was sollen wir denn bauen?“

Peter (mit dem selbstverständlichsten Gesicht der Welt): „Na, ne Autowaschanlage natürlich!“

Ich (seeehr hilflos): „Peter, ich bitte Dich. In meiner Jugend hat man aus den Teilen Sterne und Blumen gebaut.“

Peter (sehr gutmütig): „Ach Mama, sei nicht traurig. Genauso hab‘  ich auch mal angefangen.“

Liebe Deutsche Post

So ein Umzug, und sein er nur von einer Straße in die Nachbarstraße wie bei uns, ist eine spannende Sache. Der Kasi-Mann fand tagelang seinen Rasierer nicht mehr, was eine optische Runderneuerung zur Folge hatte. Zumindest haartechnisch gesehen. Aber auch sonst erlebt man die eine oder andere nette Anekdote. Beispielsweise fand ich es nett, dass ich in einem Dorf mit 1000 Einwohnern einen Nachsendeantrag stellen muss. Jeder im Ort weiß, dass wir umgezogen sind. Manch einer kannte das Haus – „Ach weißt Du, ich war ja schon mal im Rohbau! Euer großes Wohnzimmer ist toll!“ – sogar, bevor wir es ihm stolz vorführten. Und dennoch musste ich einen Nachsendeantrag stellen. Gut, wir leben in einem wohlorganisierten Land, und gab in der örtlichen Poststelle pflichtschuldigst die Namen aller drei Hausbewohner an: Frau Kasi, den Kasi-Mann und natürlich das Sohnkind. Wobei sich dessen Post meistens auf Spielzeug-Werbebriefe beschränkt und von daher lässlich wäre. Aber egal – ein Umziehender muss tun, was ein Umziehender tun muss. Also einen Nachsendeantrag stellen.

Umso mehr verwunderte mich, was die Deutsche Post mit dem Nachsendeantrag tat. Sie schickte mir eine schriftliche Bestätigung des Antrags – klar, wir leben wie gesagt in Deutschland. Allerdings an die alte Adresse – und das, obwohl ich angegeben hatte, das die neue Adresse mit sofortiger Wirkung gelte und wir bereits umgezogen seien. Was dies zur Folge hatte? Ich fuhr also in meine alte Wohnung (zu der ich immerhin noch 20 Tage einen Schlüssel habe). Ich holte dort die schriftliche Bestätigung meines schriftlichen Nachsendeantrags aus dem Briefkasten. Und fuhr das Ganze im Einkaufskorb in die neue Wohnung. Liebe Deutsche Post, bitte beachten Sie, dass ab Ende August dort niemand mehr mit dem Einkaufskorb ankommt, um den Kasten zu leeren. Besten Dank.

Pudding, Wasserbomben und die Schlechtigkeit der Welt

Peter ist an und für sich ein friedlicher Kerl – so lange etwas läuft. Wenn es zu lange zu ruhig ist, wird er unruhig – genau wie seine Mama, Frau Kasi. Letztens ereignete sich mitten im Umzugsstress folgende Begebenheit. Peter brauchte Wasserbomben, solche fiesen, kleinen Luftballone, die – gefüllt mit Wasser – zu wahren Nassschleudern werden. Der örtliche Bäcker unseres Vertrauens habe solche Gummiteile im Angebot, das wusste er natürlich genau. Gutmütig willigte ich ein, dort fußläufig vorbeizuschauen – Brot brauchte ich ohnehin. Schließlich hatte sich das Kind diesen Wahnsinnskauf gut eine Woche durch den Kopf gehen lassen. Immerhin ging es um eine Anschaffung von über einem Euro.

Gesagt getan. Frau Kasi und Peter machten sich, bewaffnet mit einem großen Korb, auf die Wasserbomben-Suche. Peter hopste aufgeregt an meiner Hand auf und ab und überlegte sich sogleich, wer sein erstes Opfer sein sollte. Die Wahl fiel auf mich. Eigentlich ungerecht, gab ich zu bedenken, schließlich unterstützte ich ihn ja tatkrätig beim Kauf. „Okay“, sagte Peter, „dann nehmen wir halt den Papa.“ Auch eine Lösung. In der Bäckerei angekommen, fragte Peter sogleich an der Kasse nach den Mini-Luftballons. Dummerweise waren sie aus. Peter ereilte ein Schicksal, das viele von uns wohl kennen. Erst überlegt man ewig hin und her, ob man sich etwas leisten soll. Hat man sich nach tagelangem Hirnkampf endlich dafür entschieden, ist die Ware vergriffen, nur noch in der falschen Farbe da oder fehlerhaft. Das Männchen weinte bitterlich, schluchzte herzzerreißend. Tränen flossen wie kleine Bergbäche aus den zusammengekniffenen Äuglein: „Das ist echt ne schöne Scheiße… und sach jetzt nicht, dass man nicht Scheiße sagen darf. Manche Sachen sind halt einfach Scheiße.“ Da gab es nichts mehr einzuwenden. Peter beklagt lautstark und öffentlichkeitswirksam („Was hot der Kloine denn? War die Mama böse?“) die Schlechtigkeit der Welt und der Konsumwirtschaft. Trotz der immensen Trauer kauften wir Brot, zwei Brezeln und Eier. An der Kasse hatte die mitleidige Bäckerei-Mitarbeiterin ein schlechtes Gewissen – natürlich total grundlos. Sie schenkte Peter eine riesengroße, gelbe Puddigform: „Guck mal Peter, da macht Dir die Mama sicherlich einen tollen Schokopudding rein.“ Tatsächlich ging in Peters Gesichtchen die Sonne wieder auf: „Au ja, vielen Dank. Pudding mag ich total gern. Nur die Haut drauf ist doof.“

Wieder Friede im Frau-Kasi-Peter-Gespann. Neuerlicher Dialog auf dem Heimweg.

Peter freudestrahlend: „Mama, gell, jetzt kochen wir gleich Pudding.“

Ich (total entgeistert): „Neee, das geht jetzt echt nicht. Ich muss noch Schachteln packen. Morgen kommt der Hänger. Das machen wir dann in Ruhe im neuen Haus.“

Peter (schluchzt herzzerreißend): „So ne schöne Scheiße, und sach jetzt nicht, dass man nicht Scheiße sagen darf…“