Ungeklärte Fragen II

* Warum tauchen verschwundene Dinge immer genau drei Tage später auf, als man sie gebraucht hätte? Dann hat man sich selbstverständlich schon längst irgendwie anderweitig geholfen.

* Wo ist meine Scheckkarte? Nach Lidl-Einkauf wie vom Erdboden verschluckt (JA, bei Lidl habe ich schon gefragt!)

* Warum kann ich sämtliche Bon-Jovi-Songs auswendig, kann aber mit meinem Kind kein anständiges Kinderlied singen?

* Warum wird das Spritzwasser von meinem Auto immer dann leer, wenn ich gerade gar nichts sehe?

* Warum ist das Benzin immer dann besonders knapp, wenn ich es besonders eilig habe und definitiv keine Zeit zum Tanken da ist?

* Warum ist mein Kind am Sonntag immer so früh wach? Und könnte unter der Woche locker bis um zehn Uhr schlafen?

* Warum muss man sich heutzutage schämen, wenn man ein Buch nur zur Unterhaltung liest? In der Badewanne? Im Garten? Im Bett? Warum muss es immer nur so genannte gute Literatur sein? Ist Spaß haben verboten?

* Warum denken immer alle, ich hätte furchtbar viel Zeit? Warum kommen zu uns immer alle, die irgendein Problem haben? Werkzeuge brauchen, eine kaputte Lampe haben, einen Brief schreiben müssen? Nebenbei: Ich fände es schön, mich würde mal jemand fragen, ob ich IRGEND ETWAS brauchen könnte… dann diejenigen, die das tun, sind von der Anzahl wesentlich weniger…

* Warum nerven mich in vielen Familien eher die Eltern als ihre Kinder?

* Warum hat der VfB meinen Mario Gomez verkauft?

Tschüss, Super-Mario

Meine Leser wissen, dass ich treuer Fußballfan bin. Treuer VfB-Stuttgart-Fan. Der VfB ist seit Jahren mein ein und alles. Ich habe eine Dauerkarte. Im A-Block. Ich bin jeden zweiten Samstag bis Dienstag heiser. Wenn der VfB verliert, ist das Wochenende versorgt. Ehrlich. Wahnsinnig, aber es ist halt so. Und dann hat jeder Club einen tollen Tormacher, einen super Torwart, einen besonders Pfiffigen oder eben ein „Everybody’s Darling“. Bei uns war das Mario Gomez (vielleicht auch nur für mich, aber das auf jeden Fall). Wenn Mario ein Tor oder mehrere geschossen hatte, freute sich bei uns das ganze Haus, als wäre es unser Sohn, Mann oder Schulfreund. Wir sprachen nicht „vom Gomez“, sondern vom Mario – gerade so, als ob er zur Familie gehörte. Mario war bei uns öfter präsent als mancher aus der Verwandtschaft. Das muss ich schon gestehen. Selbst unser Sohn verehrte ihn mit seinen knapp vier Jahren. In Peters VfB-Hierarchie kam Mario noch vor dem Fritzle, dem grünen VfB-Maskottchen. Obwohl letzteres bei Peter im Bett schläft – seit er auf der Welt ist. Das will was heißen – Mario war also nicht irgendwer.

Und nun geht unser Mario zu den Bayern. Das ist, als würde Dich Dein eigener Vater bei der Polizei wegen Rasens anzeigen. Oder Dein Sohn sagen: „Du bist nicht meine Mama.“ So etwas ist tragisch. Ja, ich gebe zu: Ich trage Trauer. Ich bin sauer. Ich bin wütend. Ich will unseren Mario schütteln und brüllen: „Warum tust Du uns das an?“ Ja, ich weiß. Mario hat schon zwei Jahre lang auf viel Geld verzichtet – zugunsten des VfB. Ich weiß dass. Ich bin Mario unendlich dankbar für seine vielen schönen Tore. Dafür, dass er Besserwisser-Raubein Maik Franz vom KSC „A…och.“ genannt hat. Dafür, dass er immer eine sichere Bank war. Ich bin kein treuloser Fan. Ich wäre nicht böse gewesen, wenn er nach England, Italien oder sonst wohin gegangen wäre. ABER NICHT ZU BAYERN. Das ist Verrat. Verrat. Verrat. Damit folgt er jetzt Klinsmann, Magath und Elber. Schade, Super-Mario! ich hätte bei einem Abschied in Deine Wahlheimat gern ein Transparent aus dem A-Block geschwenkt: „Alles Gute, Mario!“ Alles Gute wünsche ich Dir auf jeden Fall. Allerdings hätte ich das bei einem Abschied nach woanders lieber getan. Sorry.

Ungeklärte Fragen

* Warum bin ich immer zu spät – selbst dann, wenn ich eigentlich den ganzen Tag weiß, dass ich abends um 19 Uhr gehen muss? Weil alles so lange dauert, wie es darf? Und ich immer so viel zu erledigen habe?

* Warum schaffe ich es nicht, im Drogeriemarkt an einem Duschgel zu riechen? Immer spritze ich mir die Nase voll.

* Warum rufen Leute immer gerade dann an, wenn a) das Kind gerade eingeschlafen ist. b) ich in der Badewanne liege. c) Ich mich gerade zum Essen hingesetzt habe. d) Ich auf dem Sprung bin. e) Mein Kind nach dem Klodienst ruft.

* Warum kleckert man sich immer mit schwer entfernbaren Dingen voll? Und nicht mit Mineralwasser?

* Warum macht es der VfB Stuttgart immer so spannend? Ich liebe es, gemütlich ein Spiel anzuschauen, bei dem man von Anbeginn solide 3:0 führt.

* Warum müssen gerade Schokolade und Nutella dick machen? Und nicht Wirsing oder Saure Kutteln?

* Warum verbietet niemand Telefongewinnspiele? Verkaufsberatungen am Telefon? An die Welt: Ich brauche keine Katzenfelle (bin Tierfreundin), ich habe Kochtöpfe, kaufe meinen Wein in der örtlichen Weinhandlung und vor allem: Ich bin mit der Lektüre aller Printmedien, die ich bereits beziehe, voll ausgelastet.

Coole Mucke

„Kinder halten einem den Spiegel vor“, sagte mal ein schlauer Mensch zu mir, als mein Kind einen Tobsuchtsanfall hatte. Aha. Ich wusste Bescheid. Aber ehrlich, so oft denke ich, dass ich meinen Sohn nicht verleugnen kann – ganz ohne genetischen Fingerabdruck, DNA-Tests oder das ganze Zeug. Peter hat eine gewisse Ähnlichkeit mit mir, obwohl ich brünett bin und er blond. Er hat zum Beispiel meine Mundpartie geerbt. Die grünen Augen sind ganz klar die von seinem Papa. Von mir allerdings ist das feurige Temperament. Peter bohrt außerdem immer nach. Ein Nein verlangt immer Diskussionsbedarf. Außerdem hat er ständig das letzte Wort. Habe ich persönlich bis heute.

Manchmal macht mir das aber, ganz ehrlich, die Erziehungsarbeit ganz schön schwer. Peter ist beispielsweise sauer, weil er nicht raus darf. „Find ich sooo gemein.“ Soll ich dem Kind sagen, dass ich das an seiner Stelle auch fände? Dass ich früher bei ähnlichen Gelegenheiten genauso gemeckert habe? Hmmm… warum eigentlich nicht? Ich erkläre ihm ruhig und gefasst, dass ich ihn gut verstehen kann. Dass ich das an seiner Stelle genauso doof fände. Trotzdem gebe es jetzt aber gleich Mittagessen, und deshalb sei Garten tabu. Peter kriegt große Kulleraugen: „Echt Mama, Du verstehst mich?“ – „Klar“, sag‘ ich, „auf jeden Fall. Aber manchmal wissen Erwachsene halt etwas besser, weil sie schon viel länger auf der Welt sind.“ Erstaunlicherweise gibt sich der Thronfolger mit dieser Erklärung zufrieden. Und spielt Lego, bis es Essen gibt. Puh. Kuh vom Eis.

Oder Peter benutzt Formulierungen, die für irgendjemand in der Familie  typisch sind (da merkt man immer genau, wer um ihn rum war). Kommt er von seiner einen Oma, sagt er gern „Herrgott Margot“, wenn ihm ein Missgeschick passiert. War er bei der anderen, kommt an gleicher Stelle ein fröhliches „Hoppla Thekla“. War er bei mir, enfährt ihm ein spontanes „Himmel… so ein… Mama, ich weiß, ich darf’s nicht sagen, es ist aber echt ein Scheiß“. Nun ja, manche  Dinge sind halt auch einfach scheiße… was soll man da sagen?  Oder er fährt gleich stärkere Geschütze auf und sagt mit eisigem Blick: „Darüber würd ich mit Dir gern noch sprechen.“ Das hat er – ganz klar – auch von mir gehört.  Letztens gab er ein kleines Konzert mit Ärzte-Songs bei Lidl vor der Kühltruhe und sang „Radio brennt“. „Die Lieblingsmusik von meiner Mama“, erklärte er einem jungen Mann, der sich schlapp lachen wollte. Nun ja, immerhin wusste der Jüngling dann, dass Peters Mama für ihr Alter noch einigermaßen coole Mucke hört.

Eine Garnitur extra

Ich hasse Flecken. Denn meistens macht man sich dann schmutzig, wenn man wirklich nichts zum Wechseln hat. Ich habe mir beispielsweise bei meiner eigenen Hochzeit mein rotes Oberteil an einem winzigen Rest Mousse au chocolat versaut (den mir die Gäste gnädig übrig gelassen hatten). Nach dem Nachtisch trug ich also einen feisten, dunklen Fleck spazieren.

Gestern ging es mir ähnlich. Ich war beim Sport. Von dort aus ging’s direkt weiter zu einem Geschäftstermin – an und für sich kein Problem. Ich stand also fertig angezogen in der Umkleidekabine des Studios und malte mir mit Make-up die roten Saunawangen zu. Bis ich meine weiße Bluse total mit der bräunlichen Paste versaute. Na super. Zum Glück hatte ich zwei Oberteile an, die verschmierte Bluse wanderte zu meiner Schmutzwäsche in die Sporttasche. Als ich in der Innenstadt ankam – dort fand mein Termin statt-, verspürte ich ein leichtes Hungergefühl. Da der Termin gut zwei Stunden dauern würde, kaufte ich mir noch kurz eine Bratwurst, um nicht in Gefahr zu laufen, die anstehende Versammlung mit lautem Magenknurren zu stören. Ordentlich Senf rauf – leider auf den Blazer. Grrr. Für mein Kind habe ich immer Klamotten zum Wechseln dabei. Vielleicht sollte ich selbst auch immer eine Garnitur extra mitnehmen.

Auf dass es Licht werde…

Heute habe ich mich beim Einkaufen wieder einmal gewundert – und zwar in der Umkleidekabine in der Filiale einer schwedischen Modekette. Der Markt selbst hatte riesige Ausmaße – ähnlich den schwedischen Möbelhäusern, die Billy, Stan und Expedit verkaufen. Vermutlich soll das an die weite der schwedischen Landschaften erinnern. Aber deshalb habe ich mich nicht gewundert . Es hat mich vielmehr etwas beschäftigt, was mich überall auf der Welt schon beschäftigt hat, wenn ich in einer engen Kabine stehe und etwas anprobiere. Warum ist dort das Licht immer so grell? Hat den Herrschaften noch nie jemand gesagt, dass Frauen gern einkaufen und gern auch viel einkaufen, wenn sie das Gefühl haben, sie sähen in dem favorisierten Teil besonders unwiderstehlich aus? Wer jedoch sieht im gleißenden Neonscheinwerfer unwiderstehlich aus? Vermutlich niemand. Man sieht jede Falte. Die bleiche Gesichtsfarbe ähnelt der eines Noro-Virus-Patienten. Egal ob man frisch geschminkt ist oder nicht. Am Schenkel unbarmherzlige Hügel, auch Cellulite genannt. Egal wie viel Sport man macht: Man hat in solchen Kabinen immer Beine, deren Silhouette frappierend an die hügelige Form der Schwäbischen Alb erinnert  (haben mir auch junge Mädchen bestätigt). Liebe Modegiganten, habt Ihr Euch noch nie über ein figurschmeichelndes Licht für Eure Kabinen Gedanken gemacht? Über eine dezente Beleuchtung, in der sich jede Frau wie eine Göttin fühlt? Begriffe wie „Lichtfarbe“ oder „Lux“ sind Euch wohl Fremdworte? Ich war heute auf jeden Fall froh, dass ich nur kurz einen Blazer anprobieren musste. Und nicht etwa einen Bikini. Ich kann verstehen, dass sich viele Frauen lieber nach Hause liefern lassen und nicht im Modehaus anprobieren. Auf dass es Licht werde.

Walk on

Für unsere Familie hat der Song „You’ll never walk alone“ schon immer eine große Bedeutung gehabt. Mein Mann und ich sind große Fußballfans, besitzen eine Dauerkarte für den A-Block beim VfB Stuttgart. Dort spielt man regelmäßig dieses Lied. Für alle, die diese Hymne des runden Leders nicht kennen: Es handelt davon, dass man auch in stürmischen Zeiten hoffnungsfroh durchs Leben gehen mag, denn nach jedem Unwetter gibt es nicht nur den viel zitierten hellen Streifen am Horizont, sonder sogar mitunter den zarten Gesang einer Lerche – wenn Du den steinigen Weg nicht alleine gehen musst, sondern jemanden an Deiner Seite hast. Als wir uns damals kirchlich trauen ließen und unser Sohn getauft wurde, wollten wir das Lied – gegen den Unwillen so manchen, der es „gut“ mit uns meinte – in der Kirche gespielt haben. Wir fanden, Teamgeist und Miteinader sind keine so schlechten Wegbegleiter für eine junge Familie, in der es vielleicht auch mal stürmisch hergeht. Wir bekamen dieses Lied gespielt, klar, schließlich waren wir ja die Chefs. Und erinnern uns heute noch gern daran.

Wie gesagt, Markus und ich mögen den Song beide gern, wobei ich ihn wohl noch ein bisschen gerner mag. Wenn ein rappelvolles Stadion diesen Klassiker singt und mit Schals und Fahnen wedelt, kämpfe ich als Mädchen, das nahe am Wasser gebaut ist, regelmäßig mit den Tränen. So ergreifend finde ich das. Als Peter dann irgendwann mit ein paar Monaten in dem Alter war, in dem wir ihn an regelmäßige Schlafenszeiten gewöhnen wollten, fand das der Zwerg anfangs ziemlich doof und weigerte sich Abend für Abend tapfer, einzuschlafen. Nun ja, meine Mama gab mir einen alterfahrenen Rat: „Sing ihm halt was.“ Nun ja, jeder, der mich schon einmal singen gehört hat, würde mich NIE freiwillig dazu auffordern. Doch das arme Männlein konnte noch nicht reden, war mir also ausgeliefert. Weil ich normales Liedgut so gut wie nicht kenne, sämtliche VfB-Lieder und Fußballhymnen allerdings im Schlaf vorwärts und rückwärts beten könnte, wählte ich zugegebenermaßen außergewöhnliches Liedgut für ein Neugeborenes. Ich sang mit ihm „Immer wieder VfB“ und „VfB i steh zu Dir“, dazu sorgfältig ausgewähltes Liedgut der Toten Hosen und von Bon Jovi. Bei einem Song wurde Peter jedoch stets ganz ruhig: bei „You’ll never walk alone“. Ehrlich. Der Refrain hatte auf das unruhige Baby ohne Schlaflust stets eine richtig meditative Wirkung: Spätestens bei der zweiten Wiederholung war er im Tiefschlaf. Selbst als Peter mit acht Monaten spätabends an einem Leistenbruch operiert werden musste und danach, narkose-durcheinander, im fremden Klinikbett keine Ruhe fand, half dieses Heilmittel. Ich trug das wimmernde Bündel Mensch des Nächtens durch das spärlich beleuchtete Krankenzimmer und sang aus voller Seele meinen Fußballklassiker. Und Peter? Er fand endlich Ruhe – nachdem er zuvor stundenlang geweint hatte. Ich ärgerte mich, dass mir diese Idee nicht früher gekommen war. Bis heute singen Peter und ich jeden Abend „unser“ Lied. Peter kann mit knapp vier Jahren den Text besser als manch einer, der schon seit Jahrzehnten im A-Block steht – inklusive Übersetzung. Neulich hatten wir ein Problem. Ich hatte einen Abendtermin, und Peter schlief bei meiner Abfahrt noch nicht. Markus musste singen – und blieb beim Text prompt hängen. Peter war ganz schockiert: „Der Papa konnte nicht mal den Text. Den musst Du ihm mal ausdrucken.“ Haben wir getan – für ähnliche Fälle.

Für alle, die „unser“ Lied nicht kennen:

Walk on 1

Walk on2

Blümchens Rüssel

Wir schlafen zur Zeit häufig zu dritt im Bett. Gegen drei schlüpft manchmal ein schlaftrunkener kleiner Schlumpf zu uns in die Kissen und macht sich so breit, dass mein Mann und ich direkt neben den Leuchtziffern unserer Wecker auf dem Nachttisch nächtigen müssen. Neulich war es besonders schlimm. Peter kam nicht allein. Er brachte, unbemerkt von seinen sich in der dritten REM-Phase befindlichen Eltern, einen Freund mit.  Benjamin. Benjamin Blümchen. Ein knapp 50 Zentimeter großer Elefant aus abgegriffenem Plüsch. Zum Glück sagte der nachts um drei nicht „Törööö“. Aber er war da. Und brauchte im Gräble aufgrund seiner stattlichen Leibesfülle mindestens so viel Platz wie unser Thronfolger. Denn plötzlich piekste mich etwas in die Seite. Ein länglicher, stattlicher Gegenstand. Meine Hand griff darauf hin etwas Warmes und Weiches. Nanu, was ist denn das? Verwundert fuhr ich hoch. Blümchens Rüssel.

Stress lass nach

Gestern Abend war ich auf einem hochinteressanten Vortrag über Geschäftsbeziehungen und darüber, wie man bis hins hohe Alter geistig fit bleibt. Vor allem eins habe ich daraus mitgenommen: Vor allem Stress ist tödlich. Stress macht uns also nicht nur reizbar und krank, sondern bringt auch unsere geistige Fitness im Alter durcheinander. Also: Wer bis bis 90. Lebensjahr seine Sinne hübsch beieinander haben muss, sollte sie 1) pflegen und trainieren und 2) nicht pausenlos durch die Gegend stressen.

Um eines gleich in aller Deutlichkeit zu sagen: Nicht jeder Stress ist vermeidbar. Wenn ich eine Abgabefrist für einen Artikel habe, muss ich diese einhalten. Es ist kaum anzunehmen, dass irgendein Verlag dieser Welt die Rotation stoppt, weil mein Text noch nicht da ist, da ich gerade eine stressfreie Phase eingelegt habe. Von daher: Die Sachen müssen pünktlich raus, sonst haben meine Auftraggeber – verständlicherweise – von mir beizeiten genug.  

Trotzdem bewundere ich meine kleinen Sohn oft in aller Stille für seine Hektik-Resistenz. Egal, wie sehr es am frühen Tag auch pressiert, oder wie eng der Zeitplan ist: Peter ist die Ruhe selbst. „Peter, Du musst Dich anziehen… in 15 Minuten ist Morgenkreis…“ – „Ach Du, ich muss erst noch fertig Zug spielen…“ Während ich genervt auf und ab gehe und quengle, baut der Junior hingebungsvoll kleine Bäumchen rund um seine Holzgleise auf und sucht nach dem Lokomotivführer. Dann sind wir endlich auf dem Weg zum Kindi, zu Fuß, es ist nicht weit. Das heißt, gefühlt ist es oft viel, viel weiter, weil Peter immer stehen bleiben muss, wenn er mit hoch erhobenem Zeigefinger einen wichtigen Satz doziert: „Also Mama, heut machen wir Waffeln… und morgen dann Kartoffelsuppe mit Würstchen. Mag das der Papa auch?“ Das bedeutet im Schnitt mindestens zwei Minuten Pause. So geht es dann die gesamte kurze Wegstrecke, die sich auf diese Art und Weise zu einer mittleren Wanderung ausdehnen kann.

Kommen wir dann endlich japsend und mit hoch roten Köpfen im Kindi an, weil wir das letzte Stück dann doch noch rennen mussten, werden wir meist augenzwinkernd von der netten Erzieherin für den Grund unserer Verspätung gefragt. Peter antwortet ungerührt und ohne mit der Wimper zu zucken: „Weißt Du, die Mami und ich haben voll getrödelt…“ Ach ja. Warum sagen selbst schon kleine Männer WIR wenn sie ICH meinen? Aber egal: Trödeln Sie heute doch auch mal. Schließlich ist ja bald Wochenende. Sie werden sehen, es tut Ihnen gut.

Ganz ohne Fußgängerzone

Wenn ich zu früher Morgenstunde genervt vor dem Spiegel stehe, meine widerborstigen Locken bändige, graue Haare entdecke (kein Wunder), mühevoll Augenringe zumale und zum x-ten Mal zur Jeans greife, wünsche ich mir einen tollen Hairdresser, einen Stylisten, eine Kosmetikberaterin und die komplette Klamottenabteilung vom Kadewe. Ich gebe es ja ungern zu, aber ich schaue mir auch gern mal in der Brigitte so genannte Vorher-Nachher-Reportagen an. Und im Fernsehen wird ja mittlerweile auf jedem Kanal umgestylt, was das Zeug hält. Ehrlich: Ich dachte immer, wie toll es sein müsste, mich einmal einen Tag lang verwöhnen zu lassen: mit tollem Make-up, ausgiebigem Friseurtermin (ohne „Ich muss aber pünktlich am Kindi sein…“) und anschließendem Power-Shopping.

Deshalb guckte ich mir letztens so eine Sendung mal auf meinem nicht gerade Lieblingssender RTL an, als ich auf dem Crosstrainer strampelte. Vor 20 Uhr muss man den Fernseher gar nicht einschalten, das hat sich mal wieder bewährt. „Verwöhnt“ wurde in der Stylingshow von der etwas stutenbissig wirkenden Moderatorin eine Hausmeisterin. Die Frau, allein erziehend und allein verdienend, musste entliche Kids satt bringen, einen stattlichen Mehr-Personen-Haushalt managen mit Kindergarten-Bastelabenden, Hausaufgaben und verhauenen Mathearbeiten, hatte niemand zum Abladen ihrer Nöte und war obendrein auch noch Ansprechpartnerin eines ganzen Häuserblocks. Nun ja, und eben bei dieser Dame war die sehr blonde Moderatorin zu Gast und wühlte sich angeekelt durch das sehr praktisch angelegte Kleidersortiment, wunderte sich offenkundig, ob es da nichts Schickeres gebe… Nun ja, wenn ich mein Haus putze oder meinen Hof kehre, trage ich auch selten High-Heels und Abendkleid. Die Moderatorin fragte sogar noch wirklich biestig nach, ob DAS etwa alles sei –  die Garderobe der Hausmeisterin ging in eine übersichtliche Kommode.  Ich ärgerte mich schwitzend auf meinem Crosstrainer spontan und stellvertretend für die verhärmt und abgearbeitet aussehende Frau. Was erlaubte sich diese Zicke? Und dann musste sich die Ärmste auch noch in die nahe gelegene Fußgängerzone stellen und öffentlich ihr Alter schätzen lassen. Mir raste der Puls. So eine öffentliche Zur-Schau-Stellung für etwas Make-Up und ein neues Klein? Nun ja. Das Verwöhnprogramm beeinhaltete tatsächlich ein Make-up und eine neue Friseur. Und dann steckten die Stylistin und die zickige Moderatorin die Hauswartsfrau in ein zweiteiliges Kostüm mit hohen Hacken. War das etwa typgerecht?  Ich wusste es nicht. Ach ja, hübscher sah die arme Hausmeisterin nach der Verwandlung nicht aus, allenfalls anders.

Ich beschloss spontan, dass ich mich künftig lieber wieder daheim vor dem häuslichen Spiegel über graue Haare ärgere. Dazu brauche ich keine ganze Fußgängerzone. Der Traum von der Typverwandlung? War ausgeträumt. Nachher kommt das blonde Gift noch zu mir nach Hause.