Peter ist ein Meister für Flecken. Ständig übe ich mich im persönlichen Kampf gegen Ketchupkleckse auf neuen T-Shirts, gegen Grasflecken auf frisch gewaschenen Hosen oder Schokoeis-Schmiereien auf weißem Grund. Wenn sich mein Kind einsaut, steht meistens noch jemand daneben, der verständnisvoll sagt: „Gib es mir mit zum Waschen. Ich kenne mich damit aus.“ Ha – ICH AUCH! Ich habe das Kind schon fast vier Jahre. Und gekleckert hat er schon als Baby, nein eher gespuckt. Peter war ein Speikind-Gedeihkind. Wobei das „Gedeih“ immer weniger ausgeprägt war als das „Spei“. Nun ja, zurück zu den Flecken. Letztens war es wieder einmal Curry-Ketchup. Peter saut sich ein und fragt mich ängstlich: „Ach Mamalein, kriegst Du das raus?“ -„Klar“, sag‘ ich, „Ketchup ist eine meiner leichtesten Übungen“. Peter guckt ganz erstaunt und fragt: „Heißt Du Meister Propper oder Clementine?“ Nun ja, so gesehen. Gestatten Sie: Propper. Clementine Propper. Was ich allerdings bis heute noch nicht rausgefunden habe: Wo Peter die beiden Werbehelden, die während meiner Kindheit in den 70-ern ihre große Phase hatten, her kennt.
Gesucht: ein roter Schlauch
Das, was einmal unser Haus werden soll, wächst und gedeiht mittlerweile richtig zügig. Wenn man davon absieht, dass mein Göttergatte Kilometer von Leerrohren verlegt (was wir später am Beton sparen…), ist das Ganze schon so, wie ich es mir vorgestellt habe. Halt, eins habe ich vergessen. Das Wetter. Bestes Aprilwetter mitten im Mai. Es regnet in Strömen. Es hagelt. Hat man dann gerade wieder den ganzen Baukram beieinander, den man 15 Minuten vorher vor sinflutartigen Wassermassen in Schutz gebracht hat, schütttet es schon wieder. Und so geht es den ganzen Tag. Bis wieder die Sonne scheint. Für fünf Minuten. Unsere Helfer werden echt auf eine Geduldsprobe gestellt. Überlege mir schon ernsthaft, statt eines Hauses ein Boot zu bauen. Oder zumindest einen Anker zu integrieren. Dazu kommen – für mich als ersten Handlanger – immer wieder tolle Aufgaben, die jede Menge Zeit brauchen, aber keiner sieht. Colaholen beispielsweise, Vesper organisieren, Schlüssel nachtragen, Leerrohre bestellen (hehe). Gestern gab es mal was ganz Neues. Meine wirklich lieben Maurer brauchten ein Stück roten Schlauch für ein 70-er Rohr. Schnell und dringend. Wie gern habe ich das organisiert – endlich mal was anders als Wurststullen. „Kasi auf der Suche nach dem roten Schlauch“ oder so ähnlich.
Aschenputtels Peeptoe
Ich habe mir total schicke Peeptoes gekauft (weil ich weiß, dass mich viele Männer lesen: Sandalen mit nur einem winzigen Loch vorne). Stolz präsentiere ich sie zu Hause. Mein Mann mag sie spontan nicht. Mein Kind wirkt unentschlossen. „Maaama, bist Du die böse Stiefschwester?“ – „Hä? Peter, was meinst Du? Ich habe keine Stiefgeschwister.“ Peter ringt um eine Antwort: „Na denk doch an das Aaaaaschenputtel.“ Da mussten die bösen Stiefschwestern genau so ein Loch in den schönen Schuh schneiden. Damit er ihnen gepasst hat. Und wei-ei-ßt Du waaas? In Wirklichkeit gehörte er dem schönen Aschenputtel.“
Coole Mucke
„Kinder halten einem den Spiegel vor“, sagte mal ein schlauer Mensch zu mir, als mein Kind einen Tobsuchtsanfall hatte. Aha. Ich wusste Bescheid. Aber ehrlich, so oft denke ich, dass ich meinen Sohn nicht verleugnen kann – ganz ohne genetischen Fingerabdruck, DNA-Tests oder das ganze Zeug. Peter hat eine gewisse Ähnlichkeit mit mir, obwohl ich brünett bin und er blond. Er hat zum Beispiel meine Mundpartie geerbt. Die grünen Augen sind ganz klar die von seinem Papa. Von mir allerdings ist das feurige Temperament. Peter bohrt außerdem immer nach. Ein Nein verlangt immer Diskussionsbedarf. Außerdem hat er ständig das letzte Wort. Habe ich persönlich bis heute.
Manchmal macht mir das aber, ganz ehrlich, die Erziehungsarbeit ganz schön schwer. Peter ist beispielsweise sauer, weil er nicht raus darf. „Find ich sooo gemein.“ Soll ich dem Kind sagen, dass ich das an seiner Stelle auch fände? Dass ich früher bei ähnlichen Gelegenheiten genauso gemeckert habe? Hmmm… warum eigentlich nicht? Ich erkläre ihm ruhig und gefasst, dass ich ihn gut verstehen kann. Dass ich das an seiner Stelle genauso doof fände. Trotzdem gebe es jetzt aber gleich Mittagessen, und deshalb sei Garten tabu. Peter kriegt große Kulleraugen: „Echt Mama, Du verstehst mich?“ – „Klar“, sag‘ ich, „auf jeden Fall. Aber manchmal wissen Erwachsene halt etwas besser, weil sie schon viel länger auf der Welt sind.“ Erstaunlicherweise gibt sich der Thronfolger mit dieser Erklärung zufrieden. Und spielt Lego, bis es Essen gibt. Puh. Kuh vom Eis.
Oder Peter benutzt Formulierungen, die für irgendjemand in der Familie typisch sind (da merkt man immer genau, wer um ihn rum war). Kommt er von seiner einen Oma, sagt er gern „Herrgott Margot“, wenn ihm ein Missgeschick passiert. War er bei der anderen, kommt an gleicher Stelle ein fröhliches „Hoppla Thekla“. War er bei mir, enfährt ihm ein spontanes „Himmel… so ein… Mama, ich weiß, ich darf’s nicht sagen, es ist aber echt ein Scheiß“. Nun ja, manche Dinge sind halt auch einfach scheiße… was soll man da sagen? Oder er fährt gleich stärkere Geschütze auf und sagt mit eisigem Blick: „Darüber würd ich mit Dir gern noch sprechen.“ Das hat er – ganz klar – auch von mir gehört. Letztens gab er ein kleines Konzert mit Ärzte-Songs bei Lidl vor der Kühltruhe und sang „Radio brennt“. „Die Lieblingsmusik von meiner Mama“, erklärte er einem jungen Mann, der sich schlapp lachen wollte. Nun ja, immerhin wusste der Jüngling dann, dass Peters Mama für ihr Alter noch einigermaßen coole Mucke hört.
Krümelei im Bauwagen
Eine spannende Sache, so ein Hausbau. Wir haben jetzt schon fast einen eigenen Keller, und ich finde, er ist perfekt. Doch so langsam geht es auch mit der Arbeit auf dem Bau los – und ich freue mich darauf. Letzten Endes fühle ich mich in dem Keller schon relativ daheim, auch wenn das jetzt etwas seltsam klingen mag. Zu viele Wochen, Monate, Nächte haben wir über den Plänen gebrütet. Nach Lösungen gesucht. Gestritten (oh ja, auch das). Ich erinnere mich da nur noch um die sinnfreie Diskussion um Badknäufe (also die Dinger, an denen später einmal Handtücher hängen sollen). Aber jetzt wird das ganze so langsam. Und wir haben ganz tolle Helfer auf unserer Baustelle!
Am Samstag haben wir dort mit diesen tollen Helfern zu Mittag gegessen. Peter aß so viel wie schon seit Tagen nicht mehr. Er fühlte sich sichtlich wohl in dem kleinen Bauwagen. Hielt die gekochten Würstchen für die größte Delikatesse. Teilte brüderlich mit einem der Männer seine Wurst. Und wissen Sie was – mir hat es auch super geschmeckt. Ohne Servietten, Beistell-Tellerchen, Glasschüsseln und das ganze Gedöns, das man sonst üblicherweise auf dem Esstisch hat. Vielleicht hat es meinem Sohn auch drum so gefallen. Niemand hat zu ihm gesagt: „Mensch Peter, ich habe frisch gesaugt. Und die krümelst wieder alles total voll.“

Lolli essen macht keinen Müll
Markus muss auf Geschäftsreise und bringt dafür einen extra von der Firma angemieteten nagelneuen Audi A4 mit. Ein nettes Wägelchen. Peter schaut erfurchtsvoll auf den sauberen (!) Teppichboden, blickt die blank geputzten Fenster an, die aufgeräumten Fächer. Zugegebenermaßen, dieses Auto hat außer der Fahrtüchtigkeit wenig mit meinem kleinen Flitzer gemein, dem man ansieht, dass täglich ein wilder, kleiner Junge mit fährt. Bei uns mit an Bord: ein halber Sandkasten. Brezelkrümel (manchmal denke ich, dass man mit dem Material, das bei mir zwischen den Sitzen schlummert, ein Schnitzel panieren könnte). Mitunter Müll (Gummibärchen-Papierchen, Brezeltüten, leere Sunkist). Dazu Kuscheltiere (Maus, Elefant und Fritzle). Loses Streu, wahlweise auch Heu oder Stroh, aus einer kaputten Packung von DM. Zum Versorgen von Hase Oskar und den Meerschweinchen Fips und Lilly. Prospekte (liest mein Kind) von Aldi, Lidl, Neukauf, Praktiker und Obi („Haaalt, die darfst Du nicht wegwerfen… die brauchen wir noch. Falls wir mal einen elektrischen Dosen-Aufmacher kaufen wollen… oder einen grünen Betonmischer…“) Dazu kommen meine Getränkeflaschen vom Sport. Notizzettel. Kugelschreiber. Briefmarken. Diverse Sonnenbrillen. Regenschirme. Sporttaschen. Vergessene Kindergarten-Beutel. Jacken. Mäntel. Markus‘ Kickschuhe. Peters Regenausrüstung. Kindi-Bilder. Und und und. Sie sehen, der Audi A4 war gegenüber meinem Fahrzeug PORENTIEF rein. Und was sagte mein Sohn? Nichts dergleichen wie „Ich lasse nie mehr Müll in Deinem Auto liegen.“ Oder „Ich krümel nie mehr mit der Brezel.“ Nein, woher. Er hauchte erfurchtsvoll: „Das ist ein Auto, in dem darf man echt nur Lolli essen. Der macht nämlich keine Schweinerei.“ Pah. Männer.
Lieber mit Lachen
Peter steht auf sein Gute-Nacht-Lied, das habe ich hier ja schon öfter erwähnt. Letztens hatte ich leider einen Lachanfall während des Singens. Jeder, der schon einmal versucht hat, einen solchen zu unterdrücken, weiß, wie hoffnungslos das ist. Klappte auch bei mir leider nicht so recht – weshalb mein „Lalelu“ recht seltsam klang. Noch seltsamer als sonst. Peter meckerte ungewohnerweise nicht. Am nächsten Abend sang ich mich wieder tapfer durch Rühmanns Filmhit. Peter protestierte: „Nein, Mama, nicht so. Lieber wieder mit Lachen.“ Da dachte der Schlumpf doch tatsächlich, das Gegackere gehöre zur neuesten Abend-Performance.
Ich muss arbeiten. Peter ringt mit seinem Papa, der eigentlich die Elektroplanung fürs Haus (ENDLICH!!!) fertig machen will. Mit einem Mal ist es unten still. Ich bin ein gut gläubiger Mensch. Glaube an einen emsig arbeitenden Gatten und ein friedlich spielendes Kind. Und schreibe ordentlich meinen Zeitungsartikel. Niemand widerspricht meinem treuen Glauben. Bis Peter mittags sagt: „Mein Baby kann alles.“ Ich frage nach, was denn bitteschön für ein Baby er meint (wir haben ja keins). Peter: „Na, das tolle Hundebaby aus der Werbung.“ Ich wundere mich. Abends isst Peter ein Bonbon und doziert: „Das prickelt so schön auf der Zunge… Ahoiiii…“ Ich frage kopfschüttelnd: „Petermann, wo ist das denn schon wieder her?“ – „Auch aus der Werbung, wie das Hundebaby.“ Fragender Blick zum Kindes-Erzeuger. Der kann mir nicht in die Augen gucken und meint: „Naja… eine Folge Cajou heute Morgen… vielleicht auch zwei.“ Wahrscheinlich eher zwei mit viel Werbung dazwischen. Kein Wunder, dass das Kind so friedlich war.
Eine Garnitur extra
Ich hasse Flecken. Denn meistens macht man sich dann schmutzig, wenn man wirklich nichts zum Wechseln hat. Ich habe mir beispielsweise bei meiner eigenen Hochzeit mein rotes Oberteil an einem winzigen Rest Mousse au chocolat versaut (den mir die Gäste gnädig übrig gelassen hatten). Nach dem Nachtisch trug ich also einen feisten, dunklen Fleck spazieren.
Gestern ging es mir ähnlich. Ich war beim Sport. Von dort aus ging’s direkt weiter zu einem Geschäftstermin – an und für sich kein Problem. Ich stand also fertig angezogen in der Umkleidekabine des Studios und malte mir mit Make-up die roten Saunawangen zu. Bis ich meine weiße Bluse total mit der bräunlichen Paste versaute. Na super. Zum Glück hatte ich zwei Oberteile an, die verschmierte Bluse wanderte zu meiner Schmutzwäsche in die Sporttasche. Als ich in der Innenstadt ankam – dort fand mein Termin statt-, verspürte ich ein leichtes Hungergefühl. Da der Termin gut zwei Stunden dauern würde, kaufte ich mir noch kurz eine Bratwurst, um nicht in Gefahr zu laufen, die anstehende Versammlung mit lautem Magenknurren zu stören. Ordentlich Senf rauf – leider auf den Blazer. Grrr. Für mein Kind habe ich immer Klamotten zum Wechseln dabei. Vielleicht sollte ich selbst auch immer eine Garnitur extra mitnehmen.
Die Last mit den Bayern
Dialog beim Mittagessen. Oma und Opa waren für ein Wochenende verreist. Peter will alles genau wissen.
Peter: „Opa, wo wart Ihr?“
Opa: „In Bayern.“
Peter bemüht sich als Kind aus einer VfB-Familie um einen neutralen Gesichtsausdruck: „Aha. Mama sagt aber, Bayern ist Mist.“
Ich beeile mich zusagen, dass ich keinesfalls ein Pauschalurteil fällen will gegen das Lederhosen tragende, Dirndl liebende Volk. Schließlich haben sie die Weißwurscht erfunden und Gerhard Polt.
Peter weiter: „Opa, warum fährt man auch nach Bayern?“
Opa: „Wir haben einen Ausflug gemacht. Und Dir was mitgebracht.“
Oma zaubert einen kleinen Spielzeuglaster hervor, auf dem in großen Lettern „Peter“ steht.
Peter starrt die Schrift an: „WAS bitte steht da drauf?“
Opa: „Dein Name. Peter. Warum?
Peter: „Puh. Jetzt hab ich schon gedacht Bayern. Meine Mama sagt, der VfB ist cool. Und Bayern Mist. Aber gell, das hättest Du nicht gemacht, mir einen Bayern-Laster geschenkt?“ Und die Bayern? Die haben vermutlich derzeit andere Sorgen als Laster. Da ist wohl eher von „Bayern-Lasten“ zu sprechen.
Auf dass es Licht werde…
Heute habe ich mich beim Einkaufen wieder einmal gewundert – und zwar in der Umkleidekabine in der Filiale einer schwedischen Modekette. Der Markt selbst hatte riesige Ausmaße – ähnlich den schwedischen Möbelhäusern, die Billy, Stan und Expedit verkaufen. Vermutlich soll das an die weite der schwedischen Landschaften erinnern. Aber deshalb habe ich mich nicht gewundert . Es hat mich vielmehr etwas beschäftigt, was mich überall auf der Welt schon beschäftigt hat, wenn ich in einer engen Kabine stehe und etwas anprobiere. Warum ist dort das Licht immer so grell? Hat den Herrschaften noch nie jemand gesagt, dass Frauen gern einkaufen und gern auch viel einkaufen, wenn sie das Gefühl haben, sie sähen in dem favorisierten Teil besonders unwiderstehlich aus? Wer jedoch sieht im gleißenden Neonscheinwerfer unwiderstehlich aus? Vermutlich niemand. Man sieht jede Falte. Die bleiche Gesichtsfarbe ähnelt der eines Noro-Virus-Patienten. Egal ob man frisch geschminkt ist oder nicht. Am Schenkel unbarmherzlige Hügel, auch Cellulite genannt. Egal wie viel Sport man macht: Man hat in solchen Kabinen immer Beine, deren Silhouette frappierend an die hügelige Form der Schwäbischen Alb erinnert (haben mir auch junge Mädchen bestätigt). Liebe Modegiganten, habt Ihr Euch noch nie über ein figurschmeichelndes Licht für Eure Kabinen Gedanken gemacht? Über eine dezente Beleuchtung, in der sich jede Frau wie eine Göttin fühlt? Begriffe wie „Lichtfarbe“ oder „Lux“ sind Euch wohl Fremdworte? Ich war heute auf jeden Fall froh, dass ich nur kurz einen Blazer anprobieren musste. Und nicht etwa einen Bikini. Ich kann verstehen, dass sich viele Frauen lieber nach Hause liefern lassen und nicht im Modehaus anprobieren. Auf dass es Licht werde.
