Lazarett und Irrenhaus

Lazarett oder Irrenhaus? So langsam glaube ich, dass beides identisch ist. Lassen Sie mich Ihnen kurz schildern, was bei uns zu Hause derzeit so passiert.

12 Uhr: Peter kommt hungrig aus dem Kindergarten. Mag die Linsen nicht. Isst Garnelenspieß mit Linsensoße und sagt, so was solle ich öfter kochen.

12.30 Uhr: Peter liest fasziniert das Booklet meiner Toten-Hosen-DVD. Stellt fest, dass Campino immer irgendwo rauf klettert. „Warum darf ich das nicht? Du sagst doch immer, man soll nicht klettern. Das ist sehr gefährlich.“ Ich erkläre Peter, dass Campino das auch nur tut, weil es seine Mama nicht sieht. Peter hat einen Einfall: „Wenn ich dann mal Rockstar bin, kommst Du immer mit und passt auf, dass ich nicht klettere.“ Klar, so ist für meine Zukunft auch vorgesorgt. Schön. Ich als ewiger Groupie bei der Rockband meines Vertrauens. Als Rock-Oma sozusagen.

13 Uhr: Peter macht Mittagsruhe. Sein Papa auch. Ruhe im Haus. Endlich kann ich was erledigen. Lege Unmengen von Wäsche zusammen. Wer trägt die ganzen Unterhosen?

13.40 Uhr: Das Telefon klingelt. Peters Papa nimmt ein Erkältungsbad und ruft von oben nach unten, der Sprössling sitze auf dem Klo und benötige Hilfe, was er laut schreiend wohl artikuliere. Er selber kann ja nicht eingreifen, da er ja in aller Seelenruhe  in der Wanne liegt. Grrr…

15.45 Uhr: Peters Papa schaut Ivanhoe mit Elizabeth Taylor. Erklärt mir (in Putzklamotten und mit rotzelndem Kleinkind am Bein), dass das halt eine Wahnsinnsfrau ist. Zur Strafe dafür drucke ich ihm ein Foto aus, wie Liz Taylor heute aussieht.  Überdies denkt Peters Papa, nur weil Ivanhoe auf arte kommt, gehöre er jetzt zur intellektuellen Elite.  Haha – ich finde, Rhizinusöl im Tee wäre eine angemessene Strafe.

15.10 Uhr: Peter ist untröstlich, weil der von uns vorgesehene Besuch in der Apotheke ausfällt – bei uns im Dorf hat sie Mittwoch Mittag zu, hatte ich vergessen. Peters Papa jammert auch, er hätte die Medizin gebraucht. Peter weint, als wäre die komplette Weltwirtschaft zusammen gebrochen. Er bekommt in der Apotheke immer Traubenzucker. Heute halt nicht.

15.30 Uhr: Unbändiger Krach im Kinderzimmer. Schachtelturm eingestürzt.

16 Uhr: Peter sitzt neben mir auf dem Schreibtisch. Auf Stadtbummel mit Klamotten- und Schuheanschauen hat er keine Lust. Selbst schuld. Halt, jetzt ist er auf dem Tisch liegend eingeschlafen. Glaubt mir das jemand?

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Ich glotz TV

Peter und sein Papa sind immer noch krank. Außerdem gelangweilt, aggressiv und mit nichts zufrieden (verständlich, aber dennoch anstrengend). Einzige Zerstreuung bietet mitunter das TV. Ich war heute Mittag unterwegs, hatte Termine, musste außerdem Behördengänge und Einkäufe machen. Fand bei meiner Rückkehr die Männer sitzend auf dem Sofa vor dem Fernseher. Vorwurfsvolle Frage meinerseits: „Ihr habt doch nicht etwa den ganzen Mittag nur geglotzt?“ Markus (total entsetzt): „Nein…“ Peter (mit dem ehrlichsten Gesicht der Welt): „Doch, Papa…“

Gesucht: ein Teigrädchen

Ab und an schadet es nicht, sich ein bisschen zu trennen. Das heißt jetzt nicht, dass ich meinen Mann aus seinem Heim werfe – oh nein. Ich sortiere mittlerweile regelmäßig aus, weil ich es nicht mehr leiden kann, ständig in Klamotten zu stöbern, von denen ich nicht einmal mehr weiß, wann ich sie das letzte Mal getragen habe. Oder Reparaturrechnungen von Autos aufzubewaren, die die Fristen der Abwrackprämie schon vor 20 Jahren erreicht hätten. Aufgrund anderer Möglichkeiten misten meine grippengeschwächten Männer derzeit gemeinsam Peters Zimmer aus – Abwracken ist ja derzeit in aller Munde. Ausgerechnet mein Mann hilft beim Aussortieren! Das ist ungefähr so, wie wenn der dicke Harry von „Der Preis ist heiß“  Werbung macht für „Slim fast“. Da hilft einer Aussortieren, der in seinem Zimmer das Altpapier von Generationen hortet, Kataloge sammelt aus den 70-er Jahren, und felsenfest behauptet, da könne man noch was mit anfangen (den Ofen anfeuern?). Mein Mann hat auch tolle T-Shirts mit Aufschriften wie „Jugendzeltlager 1979“ oder „Kreisliga-A-Meister 1994“ in seinem überfüllten Kleiderschrank. Oder Hemden, deren Farbskala vor 20 Jahren schon aus der Mode war. Nun ja, und jetzt muss der arme Thronfolger ran. Sein Papa ist rigoros (so rigoros würde ich gern einmal bei seiner eigenen Sammlung erleben). Papa versteht nicht, warum Peter einen Prospekt braucht, in dem der VfB Stuttgart festliche Weihnachtskugeln mit VfB-Logo verkauft. Oder einen einen Katalog mit neuen Kinderbüchern von vor zwei Jahren. Oder die letzten 28 Media-Markt-Postwurfsendungen. Natürlich, ganz klar, Lieblingsstücke hat jeder. Mein Vater liebte beispielsweise eine Badehose mit goldener Schnalle in Babyblau. Warum, verstand schon früher niemand, nur weg durfte sie nicht. Ich hänge an meinen alten Chucks, die mein Mann nicht mal mehr zum Streichen oder zum Rasenmähen anziehen würde. Ich gebe auch zu, dass ich Taschenbücher sammle, die niemand wirklich in seiner Angeber-Bibliothek haben möchte. Oder Übertöpfe. Brauchen Sie einen in Burgunderrot? Oder in Petrol? Oder in Beige mit Glitzer? Egal, kommen Sie vorbei. Mein Repertoire ist größer als das eines Gartencenters. Nun ja, dass Peter jetzt aber schon die ausrangierten Telefone vom Nachbarn meiner Eltern sammelt, geht wirklich zu weit.  Auch, dass er die Gelben Säcke nach Brauchbarem durchforstet und alte Zahnbürsten aufheben will. Deshalb lasse ich jetzt die zwei getrost aussortieren, ausmisten, streiten, diskutieren. Neues Zeug häufen wir alle wieder genug an. Vielleicht taucht bei der Gelegenheit der Verschlussdeckel unserer Fernbedienung auf. Oder Omas Teigrädchen. Oder der Lautstärkeregler von meiner Stereoanlage.

Zuviel Ruhe

Peter weiß, dass wir immer hellhörig werden, wenn es in seinem Zimmer zu ruhig ist. Und richtig: Meistens gibt es dann dort einen GAPG, einen „Größten anzunehmenden Peter-Gau“. Meistens ist der Kleiderschrank in so einem Fall komplett ausgeräumt, oder er hat die Schere aus meinem Büro geklaut und damit an seiner Frisur gearbeitet. In harmlosen Fällen sind halt alle Regale und Legoschachteln ausgeleert, und die Teddys unternehmen einen Freiflug. Aber das ist ja nicht so schlimm. Vorhin war Peter bei mir im Büro, mein Mann fehlte. Ich frage also den Thronfolger, wo denn sein Papa sei. Peter macht ein sehr erschrockenes Gesicht, hebt den Zeigefinger und sagt knochentrocken: „Ich hab’s mir doch gleich gedacht, es ist viel zu ruhig…“

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Zwei Männer im Bett

Man könnte annehmen, die Headline passe zum Valentinstag, dem Tag der Verliebten. Weit gefehlt. Denn was ist schlimmer als ein kranker Mann? Richtig, zwei kranke Männer. Während der eine wohl an einer echten Influzena leidend, schon seit einer Woche mit rund 40 Grad Fieber das Bett hütet und knapp vier Kilo verloren hat, kämpft der Kleine seit gestern Abend mit einer fiesen Mittelohrentzündung. Bis jetzt halte ich mich – bis auf Ansätze von Halsweh, Ohrenzwicken und Husten – tapfer in meinem von tausenden Bazillen verseuchten Lazarett, messe Fieber, spreche Mut zu, koche Tee, hole Pizza oder bekämpfe Langeweile mit Bilderbüchern (klappt bei dem Kleinen) oder der Bundesliga (klappt bei dem Großen). Zu allem Überfluss hat der Kleine jetzt auch noch ein heiß erwartetes Piratenfest in seinem Kindergarten verpasst und es ertragen wie ein wahrer Mann. Der Große indes verpasst die Fasnet, und erträgt es nicht wirklich wie ein wahrer Mann (was ich jedoch gut verstehen kann). Eins haben jedoch Männer jeglichen Alters wohl immer gemein: Sie lassen sich gern von Frauen bemitleiden. Wie sagte unlängst ein schnupfender Freund zu mir: „Ihr Frauen könnt da gar nicht mitreden. Ihr seid halt auch  nie richtig krank.“

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Volum Express für den Goldfisch

Heutzutage heißt es immer mal wieder, man müsste die deutsche Sprache frei halten vor sprachlichen Verunglimpfungen aus dem Ausland. Grundsätzlich denke ich schon, dass wir für vieles tolle deutsche Begriffe haben und es oft dämlich ist, aufs Englische auszuweichen. Allerdings habe ich auch nichts gegen ein T-Shirt, einen Download oder ein Fußballteam.  Wenn ich jedoch in der Zeitung lese, dass sich eine Mannschaft zum Sieg „fightet“, kräuseln sich mir die Nackenhaare. Genauso wenn ich im Fernsehen höre, dass bei irgendeinem Konzert die „Crowd“, also die Menschenmenge, nicht lange auf sich warten ließ. Das, was früher Hausmeister hieß. wird jetzt in großen Firmen gern als „Facility Manager“ betitelt. Vermutlich, weil es sich auf einer Visitenkarte besser macht. Weitere Beispiele gefällig? Eine Farbnuance, in der es den neuen Scirocco gibt, heißt doch tatsächlich „Dark Maroon metallic“, was ganz profan ein glitzerndes Dunkelbraun ist. Und wer denkt bei „Volum‘ Express Lift up“ an Wimperntusche? Oder bei „Dream Mousse“ an Lidschatten und Wangenrot? Mir kommt da eher ein toller Schoko-Nachtisch in den Sinn. Der Abschuss war allerdings das, was ich heute beim Einkaufen in einem großen Gartencenter entdeckt habe. Ein Paar vor mir an der Kasse hat es stolz für über 100 Euro gekauft und war danach stolzer Besitzer eines „Nano Cubes 301“. Jetzt wollen Sie sicherlich wissen, was die beiden Herrschaften glücklich nach Hause getragen haben. Nun gut, ich will nicht so sein. Ein würfelförmiges Mini-Aquarium. Für schnöde Goldfische viel zu schade. Eher was für einen Volum-Express-Super-Fish in dark-maroon.

Die Festsau

Mein Mann und mein Sohn gingen gemeinsam zum Frühschoppen zum Wirt unserers Vertrauens. Peter ist dort zu Hause, geht nach seinem Eintreffen immer sofort in die Küche, um zu schauen, was es heute gibt. Selbstverständlich bekommt er dort auch immer gleich etwas. Das Kind ist sehr selbständig, mit drei Jahren zieht er sich selbst an und legt Wert darauf, alles selbst geregelt zu kriegen. Ich war an besagtem Sonntag nicht Frühschoppen, sondern brav arbeiten, wurde dann aber als Entschädigung zum Schnitzelessen eingeladen. Peter war im Nebenzimmer und spielte. Zum Mittagessen brachten die Wirtsleute dem Knirps sein Getränk an den Platz. Nun ja, im Lokal unseres Vertrauens ist es gang und gäbe, pro bestelltem Getränk einen neuen Bierdeckel zu bekommen. Auf einen Blick sieht man gleich, was jeder konsumiert hat. Peters Apfelschorle kam mit einem stattlichen Deckelstapel an den Familientisch. Ich fragte entgeistert: „Was ist denn das?“ Peter mit dem normalsten Gesicht der Welt: „Na, ich hatte Durst. Und da hab ich mir was bestellt.“ Man soll die Feste bekanntlich feiern, wie sie fallen. Prost!

Ein kleiner Schubs

Man redet gern immer davon, wie wichtig es sei, sich selbst einen kleinen Schubs zu geben. Wie wichtig es ist, dass einem andere einen Schubs geben, erfuhr ich heute Abend, als ich bei dichtem Schneefall und einer fiesen Matsch-Eis-Schnee-Mischung auf den Höhen der Alb unterwegs war. Ich musste heim, was stets bedeutet, den Berg rauf. Es schneite wie bei Frau Holle. Die Straßen sehr unwirtlich. Auf dreiviertels Höhe war der Schwung weg, ich musste bremsen, weil vor mir ein Eismann-Laster – Ironie des Schicksals – im Graben lag. Die müssten doch wirklich mit Eis große Erfahrungswerte haben. Ich blieb auf allen vier Rädern, leider aber mitten auf einer Eisscholle. Nichts ging mehr – weder vor noch zurück. Doch die Älbler sind kalte, schneereiche Winter gewöhnt. Die Anwohner standen parat, streuten Split und Salz und schoben das arme, festsitzende Volk los. Ein kleiner Schubs – und es ging dem Feierabend entgegen. Noch einmal herzlichen Dank! Wie war ich froh, dass ich eine Stunde vorher meinen winterdreckigen, salzverkrusteten Flitzer in einer Waschstraße abgespritzt habe. Die Helfer hätten sich beim Helfen noch ordentlich eingesaut.

Kuschel mich an

Peter ist sehr erkältet und dementsprechend sehr anhänglich. Er will ständig auf den Arm, auf den Schoß oder gehalten werden: „Mama komm, kuschel mich an.“

Mein Mann weist Peter sehr wortreich zurecht, weil er beim Abendessen eine Schweinerei mit dem Dotter seines hart gekochten Eis anrichtet. Peter ganz cool: „Ach Papa, Du warst schon immer eine alte Schwatzbase.“

Wassermann meets Uhutube

Dass die Hartheimer Michele stets herzliche Gastgeber sind, scheint sich herumzusprechen.

Hartheim. Über 30 Gruppen und unzählige erwartungsfrohe Zuschauer verwandelten am Samstag den Meßstetter Ortsteil in einen Fasnetsflecken, überall wurde geschunkelt und gesungen, Dorffasnet von ihrer schönsten Sorte. So viele Gruppen wie noch niemals zuvor und trotz des nasskalten Wetters viele, viele Besucher – kein Wunder also, dass die ohnehin so fröhlichen Michele mit Lachen gar nicht mehr aufhören wollten.

Ein kunterbunter, närrischer Lindwurm schlängelte sich durch die „Hartheimer City“, fachkundig moderiert von Thorsten Steidle. Dieser war übrigens auch Anlass dafür, dass so mancher aus dem Narrentross am Festwagen kurz ausscheren musste, denn der Michele-Kommentator feierte just am Samstag Geburtstag. Vom Gesangverein, ganz edel als Kartenzocker verkleidet, gab es deshalb sogar ein Spontan-Ständchen und ein Schnäpsle. Gruppen aus sämtlichen Nachbargemeinden waren „ge Harda“ gekommen – egal ob aus Obernheim, Heinstetten, Heidenstadt, Schwenningen oder Nusplingen. Dazu die zahlreichen Hartheimer Vereine und Institutionen selbst, die phantasievolle Kostüme entworfen hatten – und fertig war der Fasnetsspaß. Da trafen langhaarige Samurai-Kämpfer auf pausenlos die Friedenspfeife rauchende Indianer, auf Uhutuben, auf die Tankwarte, die gegen die Ölkrise wetterten, auf Gondeln steuernde Venezianer oder die leuchtend-blauen Wassermänner des Kindergartens. Und damit ja niemandem was passierte, war der Ersthelfer-Trupp der Obernheimer 20-er selbstverständlich ebenfalls vor Ort, half gern mit einer Spritze oder hörte die Herztöne ab. Selbstverständlich nur zur Sicherheit.

kasi für Zollern-Alb-Kurier

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