Weihnachtswunder

Peter ist derzeit von allem sehr fasziniert, was mit Wundern zu tun hat – zum Beispiel die Geburt des Jesuskindes im Stall und der herrliche Stern, der den Hirten einst den Weg zeigte. Als er hört, dass es bei uns eine Mariengrotte gibt, zu der Menschen mit großen Sorgen pilgern, ist er Feuer und Flamme von der Idee, die Muttergottes ebenfalls um Hilfe zu bitten. Peter und ich machen uns also an einem kalten Spätmittag vor Weihnachten auf, Maria einen Besuch abzustatten. Der Weg nach oben ist beschwerlich, weil glatt. Mein Angebot umzukehren, lehnt das Sohnkind entrüstet ab: „Ne, jetzt sind wir schon fast oben. Das ist nicht mehr weit, Mama.“ Ich wundere mich – mein Kind ist trotz unerschütterlicher Kondition in Sachen Herumtoben mitunter ein kleiner Lauf-Faulpelz.

Oben angekommen, zünden wir feierlich zwei Kerzen an. Peter spricht ein Kindi-Gebet und bittet: „Liebe Maria. Ich wünsch‘ mir Frieden für die Welt und Gesundheit für alle, die es nötig haben. Und ich wünsch mir ganz fest, dass der VfB nicht absteigt und endlich wieder einmal gewinnt.“ Abends verliert der VfB sein Pokalspiel gegen den FC Bayern – klar, war ja irgendwie auch nicht anders zu erwarten. Allerdings spielen unsere Jungs längst nicht mehr so verschüchtert wie sonst. Mal schauen, vielleicht sollten wir Stammgäste der Nusplinger Grotte werden.

Für eine echte Weihnachtstat indes hat Bayern-Spieler Bastian Schweinsteiger gesorgt: Nach einem Foul von  Khalid Boulahrouz wollte er den Schir uneigennützig und fair davon überzeugen, dass das Foul an ihm eigentlich gar nicht so schlimm war und der VfB-Spieler eigentlich gar nicht vom Platz musste. Was für eine große Geste. Danke, Schweini!

Eine schwere Hausgeburt

Wie die Zeit vergeht… tatsächlich ist ein Vierteljahr ohne neuen Text vergangen. Und dabei hat sich in den vergangenen Wochen so viel ereignet. Vermutlich fehlte Frau Kasi deshalb die Inspiration zum Schreiben. Das wird wieder anders, versprochen. Zunächst ist da natürlich das Haus, in dem es immer noch genug zu werkeln gibt. Aber irgendwie war bei der kompletten Familie Kasi jetzt erst einmal die Luft raus. Der Umstand, dass sich das Licht größtenteils nur unten am Sicherungskasten einschalten lässt, störte irgendwann niemanden mehr, nicht einmal meinen Mann, den eigentlichen Handwerker im Haus. Wochenlang trabten wir also brav die Treppen auf und ab zum An- respektive Ausknipsen. Jeder, der frisch einzieht und behauptet, er habe alles fertig, lügt übrigens. Basta. Bei uns fehlt zur perfekten EIB-Anlage noch ein bisschen was. Wird aber wöchentlich besser. Das Chaos im Haus hat sich auf wundersame Weise auf ein Minimum reduziert. Herrlich.

Außerdem meuterte unser bislang so pflegeleichtes Kind nach unzähligen Wochen mit Schrauben, Packen und Auspacken. Nach dem Mammutumzug hatten wir endlich mal wieder Zeit für einen Besuch auf dem Spielplatz, im Wildgehege oder einen schnöden Stadtbummel. Irgendwann sagte der Thronfolger mit einem leisen Seufzer: „Wie schön ist es, dass in diesem neuen Haus endlich mal wieder jemand Zeit für mich hat.“ Ja, klar. Wir hatten ein schlechtes Gewissen. So ein Hausbau mag für die Bauherren Stress und Action pur sein, aber schließlich haben sie sich bewusst für dieses Elend und diesen Kampf entschieden und nehmen fürs Eigenheim jegliche Form von Freizeitentzug billigend in Kauf. Aber so ein kleiner Wurm kann nichts dafür – im Gegenteil. Letzten Endes muss er sogar seine gewohnte Umgebung verlassen, nur weil Mama und Papa Bob Baumeister spielen und gute Schwaben sind. Dementsprechend schlief Peter schlecht, träumte nachts von Räubern und legte allnächtens quer ins elterliche Bett. Aber mittlerweile haben wir auch das hinter uns. Als dann alles soweit wieder einigermaßen  bingo war, wurde dann Frau Kasi krank. Rücken, Gelenke, der ganze Körper schmerzte. Nachwehen einer schweren Hausgeburt, im wahrsten Sinne. Soviel zur Kurzfassung der letzten Monate. Aber jetzt geht es wieder aufwärts. Bis im Frühjahr der Rest-Garten dran ist.

Undank ist der Welt Lohn

„Komm“, sagte mein Mann heute morgen, „heute räumen wir die Speisekammer aus.“ Gute Idee – wir haben nur noch drei Wochenenden, bis wir die alte Wohnung vollständig geräumt haben müssen. Gesagt getan. Wir hatten allerdings die Füllmengen unserer Speis zur Gänze unterschätzt, denn neben Vorräten an Kidneybohnen, Essiggurken, Spagettis und Himbeermarmelade fanden wir diverse Putzutensilien, Pflanzendünger, Warmhaltekannen, Kuchenbleche, Backformen und Plätzchendosen. Während wir uns durch unsere Besitztümer wühlten und doch tatsächlich das eine oder andere aussortierten, hatte mein Mann eine fulminante Idee, wie er hängenderweise sämtliche alten Regale in der neuen Speis recyclen kann. Die neue, fulminante Idee war mir schlichtweg egal – mein erklärtes Ziel war es lediglich, Nudeln, Konserven und Knäckebrot bis zum frühen Abend fein säuberlich an Ort und Stelle zu haben. Aber ich persönlich verstehe auch nicht, warum man Garagen weißeln muss oder Kellerräume einen Laminatboden bekommen. Sieht ja doch keiner – es sei denn man feiert den Geburtstag im Keller oder lädt seine Gäste immer in die Garage ein. Habe ich aber alles nicht vor. Ich schätze, mein Mann würde es auch nicht gut finden, wenn wir Oma & Co. das nächste Mal zur Kaffeestunde in den heimischen Keller bitten würden. Egal wie schön er geweißelt ist. Von daher bin ich persönlich für Umgestaltungsideen wie Speisekammer-Regale wegen kompletter Ignoranz vermutlich einfach die falsche Ansprechpartnerin.

Beim Sohnkind indes war dies anders. Es zeigte sich von der Idee pflichtschuldigst und fast ohne Hintergedanken begeistert. Er brauchte seinen Gevater noch später für die Installation des neuen Freigeheges von Hase Oskar und Meersau Lilly, die bis dato mangels geeigneter Wohnstatt immer noch nicht umgezogen sind. Also bei Peter keine Spur von Berechnung. Die gute Laune wich auch nicht, als der Kasi-Mann urplötzlich wieder in die alte Wohnung müsste, weil er dringendst irgendwelche Trägerlatten und Schienen haben musste.

Zwei Stunden später war es mit der Begeisterung nicht mehr ganz so weit her. Sein Vater montierte immer noch Regalböden und Flaschenständer, dicke Schweißperlen auf der Stirn. „Weißt Du Peter“, hörte ich soeben meinen entkräfteten Mann murmeln, „ich kann nicht hexen. Aber die Regale hier haben noch zwei, drei Dübel nötig. Oder willst Du, dass die Spagetti herunterfallen?“ Nein, das wollte Peter selbstverständlich nicht. Allerdings isst er regelmäßig Nahrungsmittel, die mit dem Boden in Berührung gekommen waren (Lollis, Schokolade, angekaute Brezeln). Von daher konnte er die Tragweite dieser Androhung nicht so ganz für sich begreifen. Egal. Stundenlang dröhnten Geräusche wie an einer stark befahrenen Vekehrskreuzung durch unser neues Haus – unserem reich bestückten Werkzeugschatz sei Dank. Und das alles wegen ein paar Kidneybohnen. Gegen 16 Uhr die Erlösung. „Mama, wir verlassen jetzt die Küche“, hörte ich das Sohnkind jubilieren. Herrlich. Vermutlich bekommen Hase und Meersau jetzt noch einen echten Kirschholz-Parkettboden in ihr neues Heim. Und blütenweiße Wände. Vermutlich werden sie es mehr schätzen als Frau Kasi. Undank ist der Welt Lohn, was, Kasi-Mann? Trotzdem danke für die geschätzt 20 Regalböden in der Drei-Quadratmeter-Speisekammer.

Liebe Deutsche Post

So ein Umzug, und sein er nur von einer Straße in die Nachbarstraße wie bei uns, ist eine spannende Sache. Der Kasi-Mann fand tagelang seinen Rasierer nicht mehr, was eine optische Runderneuerung zur Folge hatte. Zumindest haartechnisch gesehen. Aber auch sonst erlebt man die eine oder andere nette Anekdote. Beispielsweise fand ich es nett, dass ich in einem Dorf mit 1000 Einwohnern einen Nachsendeantrag stellen muss. Jeder im Ort weiß, dass wir umgezogen sind. Manch einer kannte das Haus – „Ach weißt Du, ich war ja schon mal im Rohbau! Euer großes Wohnzimmer ist toll!“ – sogar, bevor wir es ihm stolz vorführten. Und dennoch musste ich einen Nachsendeantrag stellen. Gut, wir leben in einem wohlorganisierten Land, und gab in der örtlichen Poststelle pflichtschuldigst die Namen aller drei Hausbewohner an: Frau Kasi, den Kasi-Mann und natürlich das Sohnkind. Wobei sich dessen Post meistens auf Spielzeug-Werbebriefe beschränkt und von daher lässlich wäre. Aber egal – ein Umziehender muss tun, was ein Umziehender tun muss. Also einen Nachsendeantrag stellen.

Umso mehr verwunderte mich, was die Deutsche Post mit dem Nachsendeantrag tat. Sie schickte mir eine schriftliche Bestätigung des Antrags – klar, wir leben wie gesagt in Deutschland. Allerdings an die alte Adresse – und das, obwohl ich angegeben hatte, das die neue Adresse mit sofortiger Wirkung gelte und wir bereits umgezogen seien. Was dies zur Folge hatte? Ich fuhr also in meine alte Wohnung (zu der ich immerhin noch 20 Tage einen Schlüssel habe). Ich holte dort die schriftliche Bestätigung meines schriftlichen Nachsendeantrags aus dem Briefkasten. Und fuhr das Ganze im Einkaufskorb in die neue Wohnung. Liebe Deutsche Post, bitte beachten Sie, dass ab Ende August dort niemand mehr mit dem Einkaufskorb ankommt, um den Kasten zu leeren. Besten Dank.

Im Bermuda-Dreieck

Der Kasi-Mann behauptet stets ganz dreist, Dinge, die seine Frau, also ich, besonders gut aufgewahrt, würden nie wieder auftauchen. Leider hat er Recht. Und ganz leider hat sein Sohn diese Gabe von mir geerbt. Aktuell fehlen der Führerschein des Kasi-Manns, den ich nach einem Versicherungstermin extra gut versorgt habe. Zwei DVDs der Stadtbücherei sind mittlerweile wieder an Bord. Diese hatte das Sohnkind „extra wohin gelegt“. Das derzeit bei Familie Kasi herrschende Umzugschaos macht diese Umstände nicht leichter: „Ach, daaas suchst Du. Das is inner Kiste.“ Ach schön. Und bitte in welcher dieser gefühlten 2000 Kisten?

All das wirft wiederum eine neue, ungeklärte Frage meinerseits auf.  Warum kann man sich wochenweise mühelos im Chaos zurechfinden und scheitert dann erbärmlich, wenn man sich dann einmal dazu aufgerafft hat, tabula rasa zu machen? Ich für meinen Teil habe von meinem total chaotischen Rest-Schreibtisch mein total chaotisches Rest-Regal im Blick. Morgen werfe ich die ganzen alten Illustrierten raus. Versprochen. Wünschen Sie mir Glück.

Danke!

Dieser Beitrag ist all jenen gewidmet (vor allem Michael Landmann, er kennt  die Ludolfs PERSÖNLICH!), die sich in den vergangenen Wochen um unseren Baufortgang und unsere Gesundheit gesorgt haben. Danke, Michael! Es ist in der Tat soweit: Wir ziehen derzeit um. Trotzdem ein paar kurze Zeilen – bevor mein Büro in Kisten und Schachteln verschwindet. Unser Haus ist fertig. Es ist schön. Es gefällt uns. Aber wir wollen nicht mehr. Am liebsten würden wir die Koffer packen, das Kind in seinen Autositz schnallen, das Haus abriegeln und in Urlaub fahren. Aber so einfach geht das ja nicht. Es sei denn, es zieht jemand für uns um.

Wir sind also so weit fertig. Bis auf ein paar Feinheiten in der Elektroplanung und einen Streifen Laminat im Keller passt es soweit. Jetzt noch ein bisschen durchputzen, und fertig ist die Lauge. Sogar an der Außenanlage ist schon gearbeitet worden, so dass wir sauberen Fußes ins Haus gelangen können. Gründe genug also für holde Zufriedenheit. Und dennoch: Der Kasi-Mann und Kasi selbst sind so müde, dass sie beide das Gefühl haben, im Stehen schlafen zu können, wenn man sie nur ließe. Dass man alles dafür gäbe, statt regelmäßig vier auch mal wieder sieben oder sogar acht Stunden zu schlafen. Peter nächtigt regelmäßig auf einer Iso-Matte in seinem neuen Kinderzimmer, eingekuschelt in meinen Schlafsack. Zum Glück ist das Kind so unproblematisch. Meine Augenränder haben die gefühlte Breite von Autobahnen, und im letzten halben Jahr habe ich an eben jener Stelle drei Abdeckstifte verschmiert. Sonst reichen mir die Dinger immer anderthalb Jahre. Genug gejammert – Frau Kasi beendet im Büro noch ein paar Projekte und packt dann wieder Schachteln.  Das Foto vom Haus  liefere ich nach, versprochen.

Ungelöste Rätsel zum Thema Bauen

* Wo kommt all der Staub her? Vermutlich hat Frau Holle das Metier gewechselt und produziert statt Schnee jetzt Staub. Und dieser liegt in unserem neuen Haus. Egal wie oft man putzt.

* Wo kommen all die Holzreste her? Es ist egal, wie viele Holzbrettchen, Leisten, Eckkanten, etc. man forträumt: Am nächsten Tag sind genauso viele wieder da.Wer macht die?

* Wohin sind die zehn Messer verschwunden, die ich anfangs gekauft habe? Wir haben noch exakt eineinhalb. Eines ist noch da und schneidet vernünftig. Das andere ist noch da und schneidet nicht mehr. Alle anderen haben Beine bekommen.

* Warum fehlt immer gerade DIE Gebrauchsanleitung eines elektrischen Geräts, das in DEM Augenblick sehr wichtig ist? Aktuell ist es die vom Geschirrspüler.

* Warum kommen unglaublich viele Menschen auf Besuch? So nach dem Motto „Wir waren grad in der Nähe und dachten, wir besuchen Euch kurz? Freut Ihr Euch?“ Nun ja. Hier verhält es sich wie so oft mit Besuch. Mehr sei dazu nicht gesagt. Blöd ist allerdings, wenn jeder denkt, man hätte selbst Zeit für einen gemütlichen Kaffeeplausch. Hammwer nich. Sondern Baufrust, Bausteress und Bauüberdruss. Noch Fragen?

* Ja, ich weiß, dass es bei uns im oberen Stockwerk sehr warm ist. Aber ist es das derzeit nicht irgendwie überall?

Glück gehabt

Es gibt Frauen, neben denen man sich unweigerlich fett, falsch angezogen und trampelhaft fühlt. Feengleiche Wesen, die in Kleidergröße 32 durch den Raum huschen. Langbeinig und blond sind. Frauen, die in so genannten Bleistiftröcken nicht aussehen wie eine Wurst auf Reisen. Frauen, die stets dezent nach Chanel duften, deren Hände nie rissig und ruppig sind wie Schleifpapier. Frauen, die stets im richtigen Augenblick das Richtige sagen, nie vorlaut sind, sondern auf den ersten Blick gebildet wirken und 20-Zentimeter-Absätze problemlos im Griff haben. Sie tragen Kaschmir und Seide. Solche Frauen sind meistens zartgliedrig und sehr fein, sie kennen neue Modetrends, wissen welcher Designer gerade „in“ ist. Sie wissen aus dem Stegreif, wie man „Ente à l’orange“ kocht und welcher Wein blumig schmeckt. Schade, dass diesen feengleichen Wesen dieses Wissen so wenig nützt, denn sie essen am liebsten Salat ohne Dressing, nur mit etwas Zitrone, und trinken dazu stilles Wasser. Außerdem hören sie nur Chopin und Mozart. Ihre Kinder bauen Jahreszeitentische und spielen mit pädagogisch-wertvollen Puppen ohne Plastik. Selbstverständlich wirken auch die Kinder solcher Frauen immer wie frisch geduscht und bringen auch eine weiße Leinenhose mühelos durch den Tag. Was ich zu erwähnen vergaß: Selbstverständlich sind auch die Wohnungen und Häuser jeder Damen stets steril sauber, meistens ganz in Weiß eingerichtet. Ihre gut sortierten Geschirrschränke offenbaren nur feinstes Porzellan und kein buntes Sammelsurium wie meine.

Nein. So eine Frau bin ich nicht. Ich trage selten Bleistiftröcke (wegen meiner Hüften). Ich hasse hohe Absätze (wegen meiner Ungeschicklichkeit) und trage meistens eines meiner fünf Pärchen Chucks. Ich trinke, wenn überhaupt am liebsten Bier aus der Flasche. Wein beurteile ich nicht nach Blumigkeit im Abgang oder nach Pfirsichduft, sondern lege als Bewertungskriterium lediglich eins an: ob er mir schmeckt oder nicht. Ich bin weder langbeinig noch blond, meine Haare wirken immer ein bisschen so, als wäre ich gerade aufgestanden, und ich hätte keine Bürste zur Hand gehabt. Wegen meiner Mountainbikerei und meines Kraftrainings (das ich für meinen maroden Rücken mache) bin ich weder zartgliedrig noch fein, sondern habe ein ordentliches Kreuz. Außerdem mag ich keine Ente, sondern esse am liebsten Spaghetti Bolo, fette Stadionwurst oder dicke Nutellabrote. Außerdem rede ich zu viel und zu schnell und hänge stets an einer Kaffeetasse, auf der lustige Katzen abgebildet sind oder tanzende Schafe. Ich bin zu laut, zu hektisch und poltrig. Von Diplomatie habe ich so wenig Ahnung wie eine Kuh vom Tangotanzen. Ich verabscheue Tupperabende und Thermomixmittage. Meine direkte Art beschert mir nicht nur Freunde. Am liebsten gröhle ich laut zu den Toten Hosen mit und bin auf dem letzten Konzert sogar in Ohnmacht gefallen. Wenn ein samstäglicher Fußballmittag gelungen war, bin ich bis Mittwoch heiser.  Mein Kind spielt am liebsten dort, wo es dreckig ist und singt in der Musikschule gern mal was von den „Ärzten“ vor.  Ich frage mich gerade, wie ich es geschafft habe, einen Mann zu finden. Glück gehabt.

Engel auf Erden

Was passiert, wenn die Zeit knapp ist? Richtig. Alles dauert NOCH länger als sonst. Heute wieder am eigenen Leib erfahren. Gegen 11 Uhr mit Pressetermin fertig. Super, denk‘ ich mir da, reicht gerade noch zum Einkaufen, um pünktlich am Kindergarten zu sein. Und so düse ich in de nächsten Supermarkt. Natürlich erwische ich einen Wagen, der nicht richtig läuft. Sprich: Eins der vier Rädchen klemmt. Massiv. Nur mit vereinten Kräften schaffe ich es überhaupt, das Gittermonster vorwärts zu bewegen. Egal, denk‘ ich, ich brauch‘ ja nich viel. Und betrete den Supermarkt.

Nanu, denk‘ ich, wieso ist das Gemüse plötzlich vorne links und nicht mehr hinten rechts? Stimmt. Ich als (unaufmerksame, jaaaaa, ich gebe es zu) Zeitungsleserin erinnere mich vage daran, dass aus dem Famila-Markt ein Kaufland-Markt wurde. Stimmt ja, unzählige Logos an den Wänden künden davon. Dummerweise sind die Regale auch komplett anders angeordnet als früher, so dass ganz fluchs für mich aus dem Markt ein Labyrinth wurde. Bis ich Fisch, Käse, Joghurt und Eier beisammen habe, vergeht eine gefühlte halbe Ewigkeit. Ach ja, schnell noch ein paar Kartoffel-Buchstaben zum Einkaufen in den lahmenden Wagen gepackt. Geht schön schnell, und das Sohnkind mag sie als Beilage frisch aus dem Backofen. Leider habe ich keine Uhr mit. Ich hoffe, es reicht noch zum Kindergarten.

Dummerweise hat nur eine Kasse auf. In der Schlange stehen unzählige Rentner. Prima, denke ich zynisch, die hätten doch wahrlich den lieben, langen Tag Zeit zum Einkaufen. Und überhaupt? Ordentliche Menschen (mich ausgenommen) essen doch pünktlich um 12 Uhr zu Mittag. Offenbar sind nicht einmal mehr die Rentner von heute das, was sie einmal waren, schlussfolgere ich messerscharf.  Während ich meine Siebensachen endlich auf das Kassierer-Förderband schleudere und mich in weiteren Überlegungen zum Verfall der Zeiten verliere, zieht plötzlich ein lauter Knall mein Interesse jäh auf sich. Die Tüte mit den Superduper-Kartoffelbuchstaben („Prima, da kann ich meinen Namen essen“) ist ganz schnöde geplatzt. Ja, Sie lesen richtig. Geplatzt. Ein keckes E und zwei Rs flutschen der Kassiererin entgegen. Sehr zur Freude der hinter mir stehenden Rentner flitze ich, den vorwurfsvollen Blick unter der grauen Dauerwelle ignorierend, zum Tiefkühlfach und hole mir neue Buchstaben. Atemlos komme ich wieder an der Kasse an. Um fassungslos festzustellen, dass mir zum Kindergarten-Schluss noch exakt 13 Minuten bleiben. Üblicherweise dauert eine Fahrt 20 Minuten. Macht also wiederum exakt sieben Minuten zu wenig Zeit. Ich bezahle hektisch und flitze, so gut es mein lahmender Wagen eben zulässt, zum Ausgang. Wenigstens mein Fitness-Studio-Abo rentiert sich an diesem Tag.

Weil ich in jüngster Zeit schon zweimal geblitzt worden bin (einmal ganz sicher), bemühe ich mich um wenig Gas. Ist aber gar nicht so einfach, wenn man vor dem geistigen Auge ein kleines Männchen hat, das mit großen Augen vorwurfsvoll sagt: „Ach Mama. Du hast mich gar nicht lieb. Die anderen Mamas kommen immer schon, BEVOR der Kindergarten aus ist.“ Weil ich auch an die lieben Erzieherinnen meines Sohnkinds denke, rufe ich kurz an. Wie gut das tut: „Immer mit der Ruhe“, sagt die beruhigende Stimme der Kindergartenchefin, „wir sind doch da. Und Peter auch.“ Ich danke Gott für diese Menschlichkeit. Und ärgere mich über die dritte Fahrschule, die sich soeben pflichtbewusst VOR mir eingeordnet hat und genauso pflichtbewusst auf das Tempo achtet. Mist aber auch.

Rennenderweise komme ich endlich im Gruppenraum an. Alle sind fröhlich, heiter und entspannt. Kein vorwurfsvoller Blick streift mich, man fragt MICH sogar, wie es MIR geht. Peinlich berührt lege ich eine Tafel Schokolade auf den Tisch. Nehmen will die eigentlich keiner. Warum eigentlich nicht? Mir haben diese acht Minuten Verspätung das Leben gerettet. Und es ist schön zu wissen, dass es Menschen gibt, die um solch eine Geste keine große Sache machen. Ich hoffe, die Schokolade schmeckt. Danke! Manche Engel arbeiten auf Erden und ganz konkret im Kindergarten.