Die verzweifelte Suche nach Nonni

Hat Ihr Kind auch ein Kuscheltier? Eines, ohne das es ganz gewiss und zu 100-prozentiger Sicherheit nie im Leben einschlafen kann? Eines, das mit in den Urlaub reist, mit zur Oma fährt und selbstverständlich auch beim Zahnarzt mit von der Partie ist? Während Paul sich mit einem Kuscheltuch à la Sesamstraßen-Samson begnügt, hatte Peter immer einen besonderen Freund: Nonni, einen kleinen und zugegebenermaßen sehr niedlichen Löwen auf Flauschstoff. Nonni kam zu uns, als uns Peters Schnuller (genannt Nonni) verließ. Quasi als Abendersatz schenkte ich ihm damals den kleinen Fellracker, einen neuen Nonni, der die Zähne nicht krumm machte. Seinen Schnulli vermisste Peter von da an wirklich nicht mehr. Allerdings suchten wir statt des Schnullis abends regelmäßig den kleinen Löwen. Der ist, seit er bei uns wohnt, ein Weltenbummler. Nie ist er dort, wo wir ihn vermuten. Nonni hält sich gern in der Speisekammer auf oder im Bad bei den Duschgels. Er schläft in der Werkzeugkiste oder auf den leeren Saftflaschen. Irgendwie hat er aber trotz all seiner Ausflüge, Sparkasse, Großmarkt oder Innenstadt, stets zu uns zurückgefunden. Das klappte sehr, sehr lange.

Bis auf einmal. Trotz intensivster abendlicher Suche blieb Nonni verschollen. Peter weinte um seinen kleinen Fellfreund dicke Krokodilstränen. An Schlaf war freilich nicht zu denken. Ohne Nonni wollte Peter nicht ins Bett. Nachts um 23 Uhr stellten wir erschöpft die Suche ein. Das Kind war voll Trauer auf dem Sofa eingenickt, tränennass und selbst im Schlaf tief schluchzend. Und alles wegen Nonni, einem kleinen Stofflöwen.

Tags darauf machten wir uns hektisch auf die Suche nach einem neuen Nonni. Dieser hieß in Echt freilich nicht Nonni, sondern schnöde Rudi (HALLO??? Kann ein Savannenkönig Rudi heißen?!). Nonni-Rudi war in keinem umliegenden Spielzeuggeschäft zu bekommen. Im Internet fand ich einen Webshop, der Nonni, das Löwen-Auslaufmodell, tatsächlich noch im Programm hatte. Erleichtert schlug ich zu, acht Euro Versandkosten und zwei Wochen Lieferzeit wohlwollend ignorierend. Peter erzählte ich eine wunderbare Einschlafgeschichte, Nonni sei gemeinsam mit Felix, dem weit gereisten Hasen, auf Tour gegangen. Peter glaubte mir die hanebüchene Story dankbar und schaute sogar auf dem Globus nach, wo China ist. Nach exakt neun Tagen traf der neue Nonni ein. Aber was mussten wir sehen? Er war schlappe 15 Zentimeter größer als der alte. Nun war guter Rat teuer. Sollte ich Peter etwas von überraschendem Löwenwachstum erzählen? Von Wuchspillen? Oder diesen Größenunterschied einfach ignorieren? Oder erst einmal abwarten? Ich entschied mich für letztgenannte Variante.

Da kam mir der Zufall zu Hilfe. Eine Stunde später räumte ich im Heizraum Wäsche in die Trommel. Und wer saß da auf dem Hauptwasserhahn und linste keck von oben herunter? Nonni. Leicht verstaubt, aber zweifellos der echte. Jetzt hatte ich plötzlich ein Luxusproblem in Gestalt von zwei Löwen. Ich entschied mit, dem gramgebeugten Peterchen beide Löwen auszuhändigen – mit dem Hinweis, Nonni habe von der Reise seinen Papa Bernhard mitgebracht. Nonni und Bernhard wohnen selbstverständlich immer noch bei uns, allerdings werden sie abends nicht mehr soo zwingend zum Einschlafen gebraucht.

Kleiner Junge, großes Herz

Das hier ist endlich Pauls Geschichte. Die Geschichte von einem kleinen Baby, einem großen Herzen und unfassbarem Glück.

„Sie haben ein tolles Kind. Genießen Sie die kurze Zeit, die Ihnen bleibt.“ Sind wir ehrlich: Das sind nicht die Sätze, die man als frisch gebackene Eltern hören will. In der Tat: Paul wurde nach einer zügigen Risikogeburt sehr jäh mit der Welt draußen konfrontiert. Und wir mit drei verschiedenen Kliniken. Eine größer als die andere. Wir hörten in den ersten Tagen von einem schweren Herzfehler (Pauls rechte Herzkammer war viel zu groß), jeder Menge sehr schlechter Blutwerte und letztendlich von einer potenziell tödlich verlaufenden Stoffwechselstörung. „Aber von dieser Krankheit wissen selbst wir an der Uni-Klinik kaum etwas. Sie ist viel zu selten, so dass da kaum geforscht wird. Aber meistens liegt die Lebenserwartung bei zwischen einem und fünf Jahren.“ Paul, unser kleines Baby mit den großen Knopfaugen, bekam viel Sauerstoff und wurde in der Uniklinik rund um die Uhr von allen möglichen piepsenden Maschinen überwacht, die gellend laut Alarm schlugen, wenn vermeintlich etwas nicht in Ordnung war. Noch nie in unserem Leben hatten wir alle solche Angst gehabt. Wir schliefen nicht. Wir aßen nicht. Wir verstanden nichts. Wir waren wie eingefroren. Mitten im Mai. Unser Rettungsanker in jener Zeit: unser großer Peter, der sich so rührend um sein Brüderchen kümmerte (sofern es die Klinikkabel zuließen) und immer bei uns war, wenn uns der Mut verließ.

Heute ist Paul sieben Monate alt und gesund. Er krabbelt wie ein Weltmeister, liebt Bananen, Oma Schatz‘ Stoffmäuse und vor allem seinen großen Bruder Peter. Er hasst es, gewickelt zu werden, schaut oft zum Fenster hinaus und fährt für sein Leben gern Auto. Morgens um vier lacht er gern „Gnihiii“ wie Ernie aus der Sesamstraße. Und wenn Peter aus der Schule kommt, geht in seinem kleinen Gesichtchen die Sonne auf.

Was ist unsere Weihnachtsbotschaft an Euch? Wir haben gemerkt, wie schnell das eigene Leben komplett aus den Fugen geraten kann. Plötzlich ist nichts mehr so, wie, wie es einmal war. Was einmal wichtig war, zählt nicht mehr. Alles hätten wir genau dem Arzt geschenkt, der uns gesagt hätte: „Ich mache Ihr Kind gesund. Kein Thema. Passt morgen?“ Was ist ein Haus? Was ein Auto? Ein Urlaub? Gegen Gesundheit? Zwei so tolle Kinder? Uns hat die Hoffnung über schwere Monate gerettet. Der feste Glaube daran, dass alles wieder gut werden MUSS. So leicht, wie es jetzt hier zu lesen ist, war es dann aber doch nicht. Doch wir hatten Menschen, die uns dabei halfen und zur Seite standen. Familie, Freunde, liebe Nachbarn, einen tollen Kinderarzt. Und erfahrenen Kardiologen, der sich von Blutwerten, Tabellen und Wahrscheinlichkeiten nicht in die Irre führen ließen. Sondern auf ihr Gefühl vertrauten.

Nach vielen bangen Wochen der Ungewissheit stand endlich fest, dass Pauls Herz normal arbeitet. Der Stoffwechsel-Gentest? War ebenfalls negativ ausgefallen: „Ihr Kind ist ein Kämpfer. Andere Babys hätten es mit DEM Herzen und diesen Startbedingungen nicht geschafft.“

Und wir? Wir leben heute ein anderes Leben. Wir setzen andere Prioritäten und sind dankbar für das, was wir JETZT haben. Danke, kleiner Paul! Weil a bissel Glück für di no lang net reicht….

Wir wünschen Euch zu Weihnachten alles, was wichtig ist im Leben… macht was draus. Und glaubt daran.

PETERPAUL mit Fridolin

Morgenstund‘ hat Gold im Mund

Ein Baby zu haben, bedeutet häufig auch, nachts aufstehen zu müssen. Frau Kasi ist als Schlafmütze bekannt und hat mit Folgen des Schlafentzugs besonders zu kämpfen, zumal sie nach nächtlichem Wickeln oder Schnulligeben nicht unbedingt wieder schnell einschlafen kann. Eine ganz normale Nacht im Hause Kasi.

19.45 Uhr: Frau Kasi bringt die beiden Sohnkinder ins Bett. Lesen, Singen, geht meistens schnell. Die Buben schlafen schnell ein. Blöderweise im Ehebett, weil da am meisten Platz zum Kollektivlesen ist.

20 Uhr: Fast genauso schnell geht es, bis Frau Kasi selbst schläft. Tief und fest. Herr Kasi behauptet, er verbringe mit seiner Frau einen gelungenen Abend, wenn sie die Wetterkarte der Tagesschau wach sehe.

22 Uhr: Herr Kasi kommt ins Bett. Frau Kasi sagt kurz Hallo und schläft weiter. Herr Kasi hat keinen Platz, weil die drei anderen ja in seinem Bett liegen, wo sie spontan beim Lesen von „Michel bringt die Welt in Ordnung“ eingeschlafen sind. Er verteilt jeden in seine richtige Bettstatt. Nicht immer geht das glatt. Peter meckert dabei gern, was das in aller Welt solle? Unerhört. Mitten in der Nacht umziehen müssen. So was.

2.30 Uhr: Paulchen redet fröhlich vor sich hin. Wenn aufgrund der Tageszeit niemand antwortet, Frechheit, beginnt er deutlich zu meckern und ratscht mit seiner Patschehand fröhlich die Stäbe seiner Wiege auf und ab. Dabei verheddert er sich im Stoffbezug. Das gefällt ihm gar nicht. Außerdem hat er aus unerfindlichen Gründen die Windel eben voll. Frau Kasi wird langsam wach. Herr Kasi hat da schon gewickelt. Danke! Jetzt hat Paul Hunger. Hier kann Herr Kasi verständlicherweise nicht helfen…

3 Uhr: Baby Paul ist satt. Aufgrund dieses positiven Gefühls  macht er eine tolle Entdeckung: Er kann lachen wie Ernie aus der Sesamstraße: „Grrrr.“ Und nochmal: „Grrrrr.“ Lustig zwinkert er mit seinen dunklen Knopfaugen und freut sich wie Bolle. Frau Kasi und Herr Kasi müssen trotz der frühen Stunde selbst schmunzeln. So ein kleiner Zwerg.

3.10 Uhr: Paulchen ist wieder müde und schläft friedlich. Herr Kasi und Frau Kasi debattieren, was im Garten noch gemacht werden muss. Oder welches VfB-Spiel sie mal wieder besuchen wollen. Oder was der Opa zu Weihnachten kriegt. Was man halt so bespricht morgens um 3.10 Uhr.

3.15 Uhr: Das Licht ist wieder aus. Herr Kasi schläft tief und fest, Frau Kasi strickt heimlich bei heimeliger Beleuchtung der Nachttischlampe einen Schal für Peter.

3.30 Uhr: Frau Kasi wird müde und löscht schnell das Licht. Schnell noch ne Runde schlafen. Jetzt, wo sie endlich schläfrig wird.

3.32 Uhr: Frau Kasi schläft fast. Da schlüpft ein großer, kalter Frosch herein. Es ist Peter. Er hat schlecht geträumt und will kuscheln: „Ich hab‘ geträumt, der Computer ist kaputt. Und das iPhone auch. Und der Strom war auch weg.“ Oha, was für fiese Alpträume.  Frau Kasi ist wieder hellwach. Und hat Hunger. Und schaut heimlich, ob der Computer noch läuft. Dabei entdeckt sie, dass das Licht in Peters Zimmer noch an ist. Schnell aus damit. Unnötige Energieverschwendung. Weil der Hunger immer größer wird, geht sie in die Küche.

3.45 Uhr: Ein Nutellabrot später strickt Frau Kasi wieder. Sie kann nicht wieder einschlafen und überlegt, ob sie die Steuerunterlagen sichten soll. Weil das Büro vielleicht kalt ist, strickt sie im Bett weiter. Wenigstens wird der Schal länger.

4.30 Uhr: Paul meckert. Er hat die Windel voll. Und Hunger: „Auauauauau. Hmpf. Ahhhh. Grrrrr.“

5.30 Uhr: Peter ist ebenfalls wach. Er hat Hunger: „Gibt’s schon was? In der Küche steht das Nutella!? Habt Ihr schon gefrühstückt?“

6 Uhr: Familie Kasi muss aufstehen: Morgenstund‘ hat Gold im Mund. Paulchen und Peter spielen Fernsehen und lachen sich kaputt, weil Paulchens Nase der Einschaltknopf ist. Ach, Ihr Augenringe, Tränensäcke und und Krähenfüße, Ihr lohnt Euch doch. Grrrrrr.

Neulich beim Frühstück

Wir haben Halbzeit – Peters Schulferien sind schon fast zur Hälfte vorbei. Nachdem die vergangene Woche mit einem ADAC-Einsatz (einzigen Opel-Schlüssel eingeschlossen), einem Fast-Haftpflichtfall (geschälte Birke in einem frisch angelegten Garten) und einem kurzen Krankenhaus-Besuch vergleichsweise harmlos war, haben Peter und ich den Beginn der Ferienspiele mit unbändiger Freude  herbeigesehnt. Allerdings aus verschiedenen Beweggründen. Herr Kasi ist raus: Er arbeitet wieder. Das Ferienspektakel läuft gut; Peter hat Spaß und ist abends müde. Gleich drei Dinge auf einmal – perfekt. Heute ist Ausflug zur Inline-Bahn. Peter muss zu einer für die Ferien untypischen Zeit los: kurz nach acht, genauer gesagt 8.15 Uhr fährt der Bus. Herr Kasi will ihn mitnehmen. Frau Kasi ist erleichtert. Morgenmüde wie sie ist, bedeutet das schönheitstechnisch einen kurzen Aufschub. Zunächst sitzt Familie Kasi jedoch gepflegt am Frühstückstisch. Paul babbelt vor sich hin. Peter ist aufgeregt. Herr Kasi gibt ihm Antwort. Frau Kasi schläft im Stehen. Wie immer morgens.

7.30 Uhr: Paulchen hat Hunger. Jetzt. Sofort. Weil das sehr laut ist, wenn dem kleinsten Kasi-Sprössling der Magen knurrt, bekommt er im Einvernehmen mit allen anderen Familienmitgliedern zuerst zu essen. Herr Kasi deckt dankenswerterweise den Tisch und kocht Frau Kasi einen Kaffee. Aus eigenem Interesse – sonst ist von der kommunikativen Frau Kasi, in den Morgenstunden für ihre grimmige Verschwiegenheit bekannt, kein Wort zu entlocken. Paulchen trinkt glucksend und stößt geräuschintensiv auf. Welch ein Idyll.

7.37 Uhr: Paul isst und spuckt gleichzeitig. Ob man das wiederverwenden kann? Herr Kasi ist so sparsam.

7.40 Uhr: Frau Kasi nimmt einen Schluck Kaffee. Peter ist immer noch nicht angezogen und immun auf dezente Hinweise aufgrund dieses Umstands. Er findet seinen Germany-Schlafanzug toll.

7.45 Uhr: Frau Kasi wirft tranfunselig das Nutella-Glas auf den Boden. Das große. Scherben fliegen durch den gesamten Wohnstock. Peter entsetzt: „Hättest Du nicht ein kleines Glas nehmen können?“ Herr Kasi bemüht sich um Schadensbegrenzung und holt Handfeger und Schaufel. Schweigend. Frau Kasi schläft weiter. Stehend.

7.50 Uhr: Paul ist satt und müde. Wird in die Wippe abgelegt. Als er meckert, hören wir Waldgeräusche mit Klingklong-Musik. Frau Kasi weiß spontan nicht, was schlimmer ist: Paulchens Gebrüll oder die Klingklong-Musik. Zum Glück sind wir psychisch stabil. Psychodelische Harfenklänge, mühsam tockernde Spechte und glucksende Meisen können einem den Tagesbeginn schön gestalten. SO muss sich ein Drogenrausch anhören.

7.55 Uhr: Peter entdeckt, wie spät es ist. Isst aber trotzdem  in Seelenruhe weiter: „Wär‘ ja schade um das tolle Brot.“ Warum auch Hektik? Der Bus fährt ja erst in 20 Minuten.

8.02 Uhr: Herr Kasi geht ins Bad, Peter packt seinen Ausflugsrucksack. Dummerweise ist nur noch der linke Inliner da. Er hat aber zwei Füße.

8.05 Uhr: Herr Kasi widmet sich dem persönlichen Großreinemachen, inklusive Rasur. Die Geräusche aus dem Bad erinnern eher an Flipper oder Free Willy als an die Körperpflege eines erwachsenen Mannes: „Wir haben ja noch Zeit.“ Ja. Genau noch 10 Minuten. Frau Kasi ist super unentspannt. Sie ist noch nicht richtig frisiert und trägt ein bolleriges T-Shirt, auf dem Bon Jovi noch lange Haare haben. So will sie nicht mal im Notfall aus dem Haus. Zur Ablenkung beschriftet sie Rucksack und Mütze.

8.08 Uhr: Paul findet Ausflüge doof – wenn andere sie machen. Brüllt trotz oder wegen Klingklong-Wald-Gedöns weiter. Herr Kasi flutet weiter das Bad. Frau Kasi schläft immer noch.  Stehend. Trotz Kaffee und Nutellabrot. Aus einem neuen Glas übrigens.

8.09 Uhr: Der rechte Inliner ist wieder da. Er war in den Altkleidersack geraten. Peter ist erleichtert: „Er hätte ja auch wo vollkommen Unmöglichem sein können.“ ???

8.10 Uhr: Peter sucht verzweifelt seine Mütze. Wo war die noch gleich? Speisekammer? Klo? Werkzeugkiste? Nö. Sie liegt auf der Garderobe. DA hat natürlich niemand geguckt.

8.11 Uhr: Herr Kasi lässt das Auto an. Peter nimmt immer noch von Paul Abschied: „Das nächste Mal kommste mit.“ ??? Zum Abschluss schaukelt er noch einmal kräftig an der Wippe und macht laut „Heiheiei“. Paul findet „Heiheiei“ doof und spuckt. Dem Schwall geronnener Milch folgt ein krachender Pups. So. Alles draußen.

8.12 Uhr: Das Haus ist leer. Paul meckert: Er hat nach so viel Streuverlusten wieder Hunger. Die Klingklong-CD ist vorbei. Wir wechseln einvernehmlich zu „Whitesnake“. Paul stößt geräuschintensiv auf. Was für ein Idyll. Here I go again.

Medienzeit zum Kuchen backen?

Peter würde ohne regulativen Eingriff von oben, also von mir, tagelang am Computer sitzen. Er weiß, was ein Browser ist, er kennt GMX und Photoshop und liebt die Website der Toten Hosen. Niemand braucht mir an dieser Stelle einen Vortrag über Medieneinflüsse auf einen Siebenjährigen halten – vielen Dank. Aber erstens bekommt Peter es bei seinen Eltern mit, was es für eine berufliche Tragödie es ist, wenn im Büro ein Tag lang das Internet ausfällt. Und zweitens hat sich der Sohn schon immer für diverse technische Spielereien interessiert. Deshalb hat jeder PC im Haus ein Kennwort und das Internet eine Kindersicherung wie einst die Tür an der Rückbank des familieneigenen Opel-Blitz‘.

Aufgrund des großen Medieninteresses des Thronfolgers, das der Gatte und ich mit Sorge betrachten, gibt es im Hause Kasi neuerdings etwas, das „Medienzeit“ heißt. Medienzeit für den Junior bedeutet, dass sich der junge Herr ein bestimmtes Zeitkontingent selbst einteilen darf (wobei PC dabei sicherlich nicht jeden Tag stattfinden darf). Medienzeit heißt, Mahjongg auf dem Iphone zu spielen, Fernsehen zu schauen oder zum 144. Mal „Wickie und die starken Männer“ auf DVD. Medienzeit heißt aber auch ab und zu, eins der mitgelieferten Windowsspiele aufzurufen. Ich weiß nicht einmal, wie es heißt. Es geht auf jeden Fall darum, Kuchen und Torten mit Schoko-, Himbeer- und Vanillguss zu überziehen und dann möglichst schnell in Kartons zu packen. Seelisch grausam ist so etwas allenfalls für Menschen über 12. Ich brauche nicht zu betonen, dass ich üblicherweise anwesend bin, wenn sich der Sohn an den Rechner setzt.

Dummerweise klingelte unlängst allerdings das Telefon, während Peter fünf Minuten digitale Schokokuchen verpacken durfte. Ich rannte hoch, nahm ab, fest entschlossen, den Anrufer gleich wieder aus der Leitung zu verbannen. Doch wie so oft, wenn man das will, dauerte es halt länger. Nach dem Telefonat brüllte ich einen Stock tiefer: „Peter! Abendessen…“ und wies den Gatten an, das Rechnerwesen im Büro auszuschalten. Alles soweit okay. Bis dann das Essen kam. Folgender Dialog.

Peter (mümmelt an einem Stück Dosenlyoner): „Papa, ich hab‘ mir jetzt endlich einen GMX-Account eingerichtet. Mit Chat-Funktion.“

Herr Kasi (wird bleich): „?????“

Peter (hat endlich geschluckt): „Ein Passwort habe ich auch. Ich hab’s aufgeschrieben auf den Ausdruck.“

Herr Kasi (mit entgleisten Gesichtszügen): „!!!!!“

Peter: „Weißt Du, da kann ich vielleicht vom Desktop aus chatten… hab’s noch nicht probiert…. Aber dem Opa hab‘ ich gleich eine Mail geschrieben und ein Foto von nem Quad angehängt. Denk‘ mal, der Michael nimmt mich mit… der hat jetzt eins….“

Herr Kasi (mit feuerrotem Gesicht): „?????!!!!!“

Frau Kasi (leicht hektisch): „Peter, bist Du noch hungrig? Schau, ganz frisches Brot….“

Peter: „Nö. Was denkst Du, darf ich rein rechtlich ein Bild vom Campino als Avatar nehmen? Das ist doch bestimmt verboten, oder?“

Frau Kasi (immer hektischer): „Peter, schau, ganz frisches Brot….“

Herr Kasi (hat sich wieder gefangen): „SAGT MAL, WAS MACHT IHR, WENN ICH WEG BIN?“

Als sich Peter verzogen hat – es gibt ja heute kein Fernsehen, weil die Medienzeit aufgebraucht ist – beschließen Herr und Frau Kasi, NIE MEHR den Raum zu verlassen, wenn Peter mit einem technischen Gerät alleine ist. Und sei es nur der Reisewecker, der ständig vorgeht. Was uns allerdings leider unklar blieb: Woher Peter sein profundes Fachwissen hat. Wir werden mal nachhaken.

PS: Neue Begebenheit. Peter muss für die Schule einen kurzen, netten Text mit Marsraketen lesen. Er hat keine Lust dazu: „Darf ich danach DAS lesen, was MICH interessiert.“ Ich nicke gedankenverloren. Warum auch nicht? Peter liest die Marsraketen in Rekordschnelle. Danach ruft er mir: „Wo hast Du die Beschreibung vom Buchhaltungsprogramm? Ich möchte wissen, wie man das Designer-Modul integriert.“

Von wegen tanzende Teddybären

Meine Schwangerschaft habe ich bislang blogtechnisch relativ unbehelligt gelassen. Aber jetzt sind es noch exakt vier Wochen bis zum „Final Countdown“. Von daher denke ich, kann ich einmal eine Ausnahme machen. Über den Beitrag müsste ich fairerweise schreiben: „Vorsicht, beißende Ironie…“ Wer also einen Text über rosa Hello-Kitty-Schlafsäckchen in Größe 62 erwartet oder himmelblaue Wand-Bordüren mit tanzenden Teddybären, von Vattern im Schweiße seines Angesichts gepinselt, sollte gepflegt wegklicken. Danke.

Ehrlich gesagt nerven mich selbst die ganzen „Ich-bin-ja-so-schwanger-und-so-dick“-Abhandlungen beziehungsweise kann ich vielen Müttergesprächen, und da meine ich die ganz intensiven, herzlich wenig abgewinnen. Ich mag nichts über anderer Frauen Spuckattacken im Fahrstuhl erfahren, genauso wenig den 394. Notkaiserschnitt in allen Details beschrieben bekommen, das Schnarchen der Zimmernachbarin oder fiese Sodbrennensnächte. Manche Frauen entwickeln beim Thema Schwangerschaft einen Mitteilungsdrang, der etwas von Seelenstriptease hat. Da geht es derart ausschweifend um Büstenhalter,  Schlafstörungen, Besenreiser oder Faktu-Akut,  dass es mir Angst macht. Da muss man sich nur mal die zahllosen Internetforen der internetaffinen Mütter angucken. Muss die Welt erfahren, was ich in der Kugelzeit gegen meinen schnöden Schnupfen einnehme? Hoffentlich nicht.

Ich freue mich, wenn es allen gut geht, das Baby gedeiht und ich das Meiste auf mich zukommen lassen kann. Abgesehen geht mein Leben weiter: Peter hat Schule, Keyboardunterricht und Hausaufgaben, der Mann braucht saubere Socken, das Haus etwas Pflege, der Garten wächst mit Unkraut zu.  Und sind wir mal ehrlich: Was hilft es einem, nur zu jammern und sich in des Gatten bollerigen Jogginghosen zu verbarrikadieren? Richtig. Nüscht. Niente. Nada. Außer dass man allen anderen tierisch auf die Nerven fällt, einem aber niemand helfen kann (nicht mal die Pharmaindustrie, die ja sonst gern parat steht). Weil nehmen darf man eh nix. Wegen der Mammutjogginghosen des Angetrauten und seiner labbrigen T-Shirts mit Aufdrucken wie „1995 Meister Kreisliga A“ oder „Albvereinsjugend 1989“  kann man sich dann nicht mal mehr selbst im Spiegel angucken. Wer bist Du denn? Ich kenn‘ Dich nicht, ich wasch‘  Dich trotzdem? Von daher tat ich (ganz im Gegensatz zu meiner ersten Schwangerschaft) gut daran, mich in einer relativ babyinformationsfreien Zone einzumummeln (von meiner weltbesten Hebamme in dringenden Fällen abgesehen). Ich habe meine beim letzten Umzug verschollenen Babybücher gar nicht erst gesucht, kein Elternheft abonniert und beim Frauenarzt konsequent Krimis gelesen. Außerdem habe ich nie verhehlt, dass ich nie eine besonders leidenschaftlich gelebte Schwangere war („Genieß‘ es… Es ist die schönste Zeit im Leben und so schnell vorbei…“) Da frage ich vor allem die Männer: Was bitte ist schön daran, wenn die Holde morgens als erste die Toilettenschüssel von innen begrüßt, danach würgt, wenn man in der Küche frisches Brot toastet und anschließend Nutella & und Opas feine Himbeermarmelade mit einem fiesen Blick bedenkt – dafür aber eine Dose spanischer Oliven vernichtet? Wohlgemerkt zum Frühstück? Außerdem kann ich jeden Mann gut verstehen, der’s wenig sexy findet, wenn die Gattin zu watscheln beginnt wie eine Entenfamilie auf  Sonntagsausflug. Auch wenn sich das ab einem gewissen Punkt nicht mehr ganz verhindern lässt. Das Watscheln, meine ich.

Eine Schwangerschaft ist eine Zeit, die die Familie sehr fordert. Und da hat nicht nur der wachsende Bauch dran Schuld. Für mich war es stets eine wehmutsvolle Erfahrung, mich von meiner mühsam antrainierten Taille zu verabschieden. Darf man das überhaupt sagen, oder ist es politisch unkorrekt, so selbstverliebt zu sein? Aber mal so unter uns, praktisch ist so ein eckiger Bauch wie meiner à là Ritter-Sport („quadratisch-praktisch-gut) im Alltag nicht unbedingt. Und wir sprechen hierbei nicht nur vom mühelosen Anziehen halterloser Strümpfe mit Spitze, sondern vom Schnüren meiner geliebten Converse-Chucks. Und manchmal, sind wir mal ehrlich, macht man heutzutage aus vielen natürlichen Dingen – und da gehört auch eine Schwangerschaft dazu – eine Riesensache. Nein, selbstverständlich gehe ich zu jeder Vorsorgeuntersuchung – niemand braucht entsetzt aufzuschreien! So verantwortungsbewusst bin ich selbst.  Aber mir ist ein kurzer SMS-Rat der weltbesten und babyerfahrenen Hebamme genauso wertvoll wie das 103. Ultraschallbild, auf dem ich eh nichts erkenne außer schwarz mit grauen Schlieren à la London im Smog zur Rush-Hour.

Damit mich niemand falsch versteht: Meine liebste Lebensaufgabe ist es, Peters (und bald auch Babys) Mama zu sein. Mein Sohnkind geht mir über alles – nicht dass man mich für gefühlskalt und herzlos hält. Ich mag es, abends den „kleinen Ritter Trenk“ vorzulesen oder zum 45. Mal die Woche Tassenkuchen zu backen. Ich liebe es, wenn sich eine kleine, von Hubba-Bubba-Himbeer verklebte Bubenhand mit dreckigen Nägeln vertrauensvoll in die meine schiebt oder wenn den Garagenhof viele bunte Kreide-Blümchen zieren.  Mich stört es nicht, wenn mein Büro nach einer Wasserfarbenschlacht bunt und lustig aussieht oder wenn Peter mal wieder Konfetti produziert hat. Ich habe einen Wischmopp, eine Waschmaschine und einen sehr guten Staubsauger. Von daher freue ich mich, wieder einem kleinen Menschenkind beim Laufenlernen, Sprechen oder Spaghettiwickeln zusehen zu können. Auch wenn dann wieder so „Komplimente“ kommen wie: „Sag‘ mal, Mama, gab’s schon Strom, als Du klein warst!?“ All das ist wunderschön.

Wobei sich „wunderschön“ bei einem knapp sieben Jahre alten Sohn optisch schnell relativieren kann, wenn der Thronfolger aus dem Garten kommt, im Regenfass gebadet hat (mit brackiger Jauche drin) und danach getestet hat, ob er noch Sand im Sandkasten hat. Selbstverständlich verzieht sich Peter, ohne mit der Wimper zu zucken, in diesem Zustand gern in sein  frischüberzogenes Bett oder ins eben erst geputzte Wohnzimmer. Aber wie gesagt: Ich habe Wischmopp, Waschmaschine und Staubsauger.

Solche Pannen gibt’s

Peter ist, wie bereits mehrfach erwähnt, ein multimedial sehr interessiertes Kind. Wenn er auf die Frage: „Peter, was machst Du?“ (die im übrigen meistens gestellt wird, wenn es im oberen Stock länger als 7,5 Minuten verdächtig ruhig ist), ganz unschuldig: „Nüx, Mama…“ antwortet, bastelt er meistens an der kleinen Digitalkamera herum, programmiert den DVD-Rekorder im Schlafzimmer oder surft widerrechtlich und ungefragt mit meinem iPhone im Internet. Gestern war wieder einmal die Digitalkamera dran. Liebevoll stellte er die Uhr neu (die noch nie gestellt worden war), er probierte sämtliche Programme aus und drehte im Überschwang der Gefühle zu DJ Ötzi gleich ein Musikvideo. Beiläufig erzählte ich meinem Mann, dass mein kleiner Bruder als Kind genauso war. Doch dieser, so erinnerte ich mich mit fiesem Grinsen, habe schon im zarten Alter von sieben Jahren bestimmt achtmal die Festplatte vom heimischen Rechner komplett formatiert. Sehr zu Freuden des Hausherrn, also meines Papas, versteht sich. „Von daher haben wir es ja ganz gut“, frohlockte der Gatte angesichts seines zu „I sing a Liad für di“ headbangenden Sprösslings, „Peter hat’s ja eher mit den Kameras und der Musik.“ Wir seufzten beide auf und frühstückten weiter.

Keine zehn Minuten später. Ein entsetzter, spitzer Schrei, abgelöst von hektischem Getrappel. Lautes Heulen. Noch lauteres Wehklagen. Peter kommt angeschlichen, tief gebeugt, wie ein geprügeltes Hundchen. „Huhuhu, Mama, ist das schlimm? Ürgendwie sind auf der Kamera plötzlich keine Bilder mehr…. Ich glaub‘, ich hab ALLES gelöscht.“ Ich tröste den armen Thronfolger (ist mir auch schon passiert, psst), trockne Tränen und tröste nach Kräften, so dass selbst Gandhi an meinem Tun seine helle Freude gehabt hätte : „Ach komm‘, das passiert den Besten, nicht mehr weinen, solche Pannen gibt’s halt.“ Peter schluchzt weiter: „Alle Bilder weg. Genau 155.“ Nun ja, sooo genau wollte ich es eigentlich nicht wissen. Das meiste, meine ich mich zu erinnern, war rein fotografisch gesehen ohnehin nicht das Gelbe vom Ei, es sei denn man mag leicht verwackelte Aufnahmen vom eigenen Rücken oder vom Gatten auf dem Sofa schlafend. Das Allermeiste ist auch schon zwischengespeichert. Kein Grund zur Panik also. Peter beruhigt sich.

Der Nusplinger Friede währt jedoch nur 3,5 Minuten – exakt bis Peters Papa, angelockt vom Riesengeschrei, seine tariflich gesicherte Klositzung unterbricht. „Was habt Ihr schon wieder miteinander?“ Seine Missbilligung tropft aus jeder Silbe. Klostörungen sind nicht schön. Peter beichtet. Peters Papa, ein hunderprozentiger und exakter Vorsorger, fragt ganz entsetzt: „Wurden die Bilder gespeichert?“ Ich erinnere mich an Dutzende Polonaise-Bildervon der Kinderfasnet (unscharf, weil bewegt) und bestimmt 30 Aufnahmen von der Wiese hinter unterem Haus und antworte wahrheitsgemäß: „Nee, nicht alle.“ Herr Kasi startet eine – irgendwie schon berechtigte – Moralpredigt über vorschnelles Drücken von Knöpfen, über hektisches Tun und so weiter: „So was passiert, wenn man einfach ohne Ruhe an die Sache herangeht…“ Ich zwinkere Herrn Kasi zu. Man darf kein Hobby übertreiben finde ich, das Kind grämt sich schon selbst genug – auch wenn Peter sicherlich meistens ein ganz Eiliger ist. Herr Kasi redet sich warm: „Das ist, weil Du immer so vorschnell bist…“ Peter, der Spitz, merkt intuitiv, dass seine Mama mal wieder auf seiner Seite ist, wenn sie es auch aus lauter innerehelicher Solidarität nie zugeben würde. „Haa, und wie war das mit dem Abflussrohr? Das, das Du angebohrt hast? Kurz nach dem Einzug? Warst du da auch vorschnell? Aber nein, ICH hab ja nix gesagt…“ Herr Kasi stutzt: „Wie meinste denn das jetzt…?“ Peter ist ganz im Element: „Weißt Du, die Mama sagt, solche Pannen gibt’s. Ich hab’nach meiner Panne nicht mal den Flaschner gebraucht. Und Wasser ist auch keins geflossen.“ Herr Kasi kämpft mit seinen Gesichtsmusikeln. Nein, humorlos ist mein Mann sicher nicht. Er wendet sich ab und verschwindet in der Speisekammer. Von weitem höre ich ihn leise lachen. Solche Pannen gibt’s.