„Maaaamaaaa….“ Peter hampelt ungeduldig vor mir herum, während ich die Spülmaschine leer und wieder voll räume. „Wann gehst Du endlich?“ Schön, dass man so geliebt wird. Ich bin leicht irritiert. „Warum in drei Teufelsnamen soll ich denn unbedingt weg?“ Das Sohnkind zögert keinen Augenblick: „Jetzt kommt gleich der Papa heim. Und der hat mir versprochen, dass ich am Computer in Deinem Büro spielen darf. Und wenn Du da bist, ist das ja streng verboten.“
Kategorie: Peter & Paul
Unser Sohn ist berühmt-berüchtigt für seine Bonmots, seine netten Sprüche und so manche Anekdote…
VfB-Fan-Dasein: eisige Zeiten
Peter kommt schlecht gelaunt und traurig aus seinem Kindergarten. Ich frage lieber nicht, was vorgefallen ist. Mein Sohn schaut mich mit einem kompromisslosen, unmissverständlichen Frag-lieber-nicht-Du-hast-von-sowas-ja-eh-keine-Ahnung-Blick an. Schweigend gehen wir also nach Hause. Peter schluchzt alle paar Meter herzzereißend auf und murmelt: „Ach ja.“ Ich sage immer noch nichts. Zu Hause decken wir schweigend den Tisch. Das muss man durchaus erwähnen, weil bei Familie Kasi, vor allem jedoch im Gespann Peter-Kasi, üblicherweise alles mit Gelächter, viel Geschwätz, Lärm, Krach, Hörspielen oder lauter Musik verbunden ist. Mein Sohn leidet – was soll ich tun? Hunger hat er zu allem Überfluss auch keinen. Ich wähne eine schwere Krankheit. Peter, der kleine Allesfresser, der saure Gurke, Pfannkuchen von gestern und Fischfilet mit Hochgenuss zum Frühstück mampfen kann – ohne Appetit? Das kann nicht sein. Und das, wenn es Knödel mit Soße gibt.
Irgendwann fasst sich der kleine Mann ein Herz. „Mamaaaaa? Warum sind wir eigentlich gerade VfB-Fans?“ Aha. Daher weht, wie so oft im Hause Kasi, der Wind. Die starke Front der kleinen Bayernfans im Kindergarten. Ich unterdrücke meine Wut. Ich bin schließlich über 5. Ich erkläre dem kleinen Mann, dass der VfB der coolste Club der Welt ist, egal wie bescheiden sie gerade spielen. Ich erzähle ihm von meinem ersten Stadionbesuch und den nie vergessenen Eindrücken. Von der Lautstärke, der Freude, der Gemeinschaft. Und davon, dass ich auch schon geweint habe im Stadion. Peter horcht auf: „Du? Echt? Du bist doch eigentlich schon erwachsen.“ Eigentlich? Naja. Das lassen wir jetzt. „Klar, Peter. Als Stuttgartfan ist man manchmal ganz schön traurig. Umso schöner ist es aber auch, wenn es wieder gut läuft.“ Peters Augen füllen sich jetzt tatsächlich mit Tränen. „Wird es irgendwann mal wieder besser? Platz 17 ist ja nicht gerade toll. Und die verlieren doch so oft.“ Ich erzähle meinem traurigen Sohn, der hemmungslos in meine teure Fürstenberg-Tunika weint und rotzelt, dass es manchmal schwer ist, seinem Club in schweren Zeiten die Treue zu halten. Dass es manchmal ganz übel ist, wenn andere Fans kommen und Öl ins Feuer gießen. Dass ich mich da am liebsten manchmal prügeln würde. Das kann Peter nicht fassen: „DU? Prügeln? Du bist doch so klein.“ Aber er erzählt mir, dass die Bayern-Fans ihn im Kindergarten wieder einmal verspottet haben: Sie hätten mehr Geld und seien deshalb besser. Für mich ein sehr fragwürdiger Ansatz. Peter und ich schauen nach dem Essen einen VfB-Fotoalbum zum Meistertitel 2007 an und ich erzähle ihm, dass mir einer der Spieler dabei sein Bier geschenkt hat. Peter betrachtet verzückt die Fotos: „Du stehst da ja beim Gomez. “ Ja ich war mittendrin. Und bekomme angesichts der abgebildeten Feiermeile prompt selbst feuchte Augen. Da sitzen wir nun und heulen beide vor uns hin. Egal, da müssen wir jetzt durch.
PS: Das VfB-Spiel unmittelbar nach dieser Begebenheit ist gegen den BVB, was lange Zeit (genau bis zur 84. Minute) ja 1:0 für die anderen Stand. Als in der Halbzeit der Herr aus der Bierwerbung freundlich „weiterhin noch viel Vergnügen“ wünschte, brüllte mein Sohn den armen Mann vollkommen unmotiviert mit den Worten: „Du blöder Eumel! Wie soll ich bitteschön Vergnügen haben, wenn wir mal wieder 1:0 hinten sind?“
Weihnachtswunder
Peter ist derzeit von allem sehr fasziniert, was mit Wundern zu tun hat – zum Beispiel die Geburt des Jesuskindes im Stall und der herrliche Stern, der den Hirten einst den Weg zeigte. Als er hört, dass es bei uns eine Mariengrotte gibt, zu der Menschen mit großen Sorgen pilgern, ist er Feuer und Flamme von der Idee, die Muttergottes ebenfalls um Hilfe zu bitten. Peter und ich machen uns also an einem kalten Spätmittag vor Weihnachten auf, Maria einen Besuch abzustatten. Der Weg nach oben ist beschwerlich, weil glatt. Mein Angebot umzukehren, lehnt das Sohnkind entrüstet ab: „Ne, jetzt sind wir schon fast oben. Das ist nicht mehr weit, Mama.“ Ich wundere mich – mein Kind ist trotz unerschütterlicher Kondition in Sachen Herumtoben mitunter ein kleiner Lauf-Faulpelz.
Oben angekommen, zünden wir feierlich zwei Kerzen an. Peter spricht ein Kindi-Gebet und bittet: „Liebe Maria. Ich wünsch‘ mir Frieden für die Welt und Gesundheit für alle, die es nötig haben. Und ich wünsch mir ganz fest, dass der VfB nicht absteigt und endlich wieder einmal gewinnt.“ Abends verliert der VfB sein Pokalspiel gegen den FC Bayern – klar, war ja irgendwie auch nicht anders zu erwarten. Allerdings spielen unsere Jungs längst nicht mehr so verschüchtert wie sonst. Mal schauen, vielleicht sollten wir Stammgäste der Nusplinger Grotte werden.
Für eine echte Weihnachtstat indes hat Bayern-Spieler Bastian Schweinsteiger gesorgt: Nach einem Foul von Khalid Boulahrouz wollte er den Schir uneigennützig und fair davon überzeugen, dass das Foul an ihm eigentlich gar nicht so schlimm war und der VfB-Spieler eigentlich gar nicht vom Platz musste. Was für eine große Geste. Danke, Schweini!
Hör mal, wer da schnarcht…
Peter hat eine neue Liebe. Jill, die Gattin des Heimwerker-Königs Tim Taylor. Kennen Sie den noch? Den Tim, der via Sitcom ständig irgendetwas zerstört? Den Tim, der Spülmaschinen und Trockner aufrüstet, seinen Nachbarn Wilson nie ganz zu Gesicht kriegt und Angst hat vor seiner Schwiegermutter? Prima. Sie kennen ihn. Ich liebe Tim Taylor ehrlich gesagt seit Jahrzehnten, und mein Sohn tut das mit der gleichen Leidenschaft. Seit ich ihm meine DvD-Sammlung vorgeführt habe. Vor allem aber liebt Peter Jill, Tims leidgeprüfte und versuchserfahrene Frau, sowie Al, den bedauernswerten Assistenten von „Tool Time“, der immer ganz konsterniert sagt: „DAS glaube ich nicht, Tim…“
Allen, die mich jetzt fragen wollen, ob „Tool Time“ wirklich ein adäquates Fernsehprogramm für kleine Buben ist, entgegne ich ganz forsch, dass ich die grausamen Manga-Comics und den ganzen Quatsch, der tagelang auf den so genannten Kindersendern rauf- und runterläuft, viel schlimmer finde als „Tool Time“. Mehr Mist lernt Peter dort auch nicht. Außerdem kriegt er keine Albträume davon, wie man sehen kann.
Frische Luft
Dialog nach dem Mittagessen. Peter will glotzen. Ich will nicht, dass er glotzt. Es ist kurz nach zwei Uhr, und ein Nachmittag vor dem Fernseher ist nicht das, was ich mir vom heutigen Tag für mein Kind wünsche.
Ich: Peter, ich fände es gut, wenn Du noch ein bisschen raus gehen würdest. Also…
Peter: Warum?
Ich: Ich möchte gern, dass Du frische Luft hast.
Peter: Mach das Fenster auf.
Rollende Steine und eine Märchenhochzeit
Familie Kasi ist zu einer Hochzeit eingeladen. Vermutlich zu so einer, bei der Bräute entführt werden, Reis geworfen, man fröhliche Spiele spielt und sich das Brautpaar ordentlich zum Deppen machen muss. Mir machen solche Feste Spaß, es sei denn, ich bin selbst die Hauptperson oder verpasse ein VfB-Heimspiel. Das Sohnkind ist erst zum zweiten Mal mit dabei – also wissentlich. Dementsprechend groß ist die Aufregung. „Mama“, fragt Peter, „warum heiratet man?“ Ich überlege: „Na, weil man sich gerne mag.“ Das leuchtet ein. Peter hakt nach: „Muss ich das auch mal?“ Ich überlege wieder: „Nur wenn Du wirklich willist.“ Peter ist erleichtert: „Schön, aber wir bleiben dann bei Dir wohnen.“ Diesen Aspekt muss er wohl abermals mit meiner Schwiegertochter in spe diskutieren.
Die Hochzeit beschäftigt Peter allerdings noch ein paar Tage. Wie es sich für einen eitlen, kleinen Kerl gehört, macht er sich tiefschürfende Gedanken zur Kleiderfrage (wie sehr würde ich mir das einmal von Herrn Kasi wünschen). Während Herr Kasi am liebsten im Jogginganzug zur Trauung ginge, ist Peter für seine fünf Jahre schon richtig stilsicher. Und weil man nicht alle Tage zu einer richtigen Hochzeit mit einer „Märchenbraut“ eingeladen ist, erlaube ich – milde gestimmt – den Kauf eines neuen Hemds fürs Sohnkind.
Wir entnern also den schwedischen Kleiderriesen in der hiesigen Innenstadt. Peter sucht sich zunächst ein batikähnliches Teil in Größe 42 aus der Frauenabteilung aus. Mein Hinweis, das sei was für große Mädels, wird gottlob erhört. Ich erinnere mich mit Schaudern an die Tigerhandtasche. Peter hätte von seiner Shoppingwut her vermutlich zwei junge Damen versorgen können. Mit roten Bäckchen hopst er von Regal zu Regal, fühlt fachmännisch Stoffe und beurteilt karierte Hosen: „Die hier sieht aus wie von nem Koch.“ Plötzlich erhellt sich seine Miene. „Schau Mama, ein Rolling-Schtounes-T-Shi!“ Ja, stimmt. Auf dem Hemdchen in Größe 128 prangt gut sichtbar die rote Zunge. Peters Entschluss steht fest: „Das ist cool zum Heiraten.“ Sacht erinnnere ich an den Hemdenwunsch, zeige blitzschnell ein solides, gestreiftes Bubenhemd in Babyblau: „MAMA! Ne! Das ist ja voll spießig.“ Muss ich zustimmen. Ja, das ist es. Wir diskutieren eine Weile hin und her. Peter beharrt auf dem Stones-Hemdchen. Ich sehe mich schon im Geiste mit Herrn Kasi diskutieren. Letzten Endes willige ich ein. Peters Argument, das T-Shirt passe super zu seiner Motorradjacke hat mich überzeugt.
Essen auf Rädern
Wir sitzen im Auto. Peter überlegt. Scharf. Man hört förmlich, wie sich die Zahnrädchen im Kinderkopf drehen. Folgender Dialog.
Peter: „Maaama…. ich zieh‘ nie weg von Euch.“
Ich: „Ach komm, darüber reden wir in 15 Jahren noch einmal.“
Peter: „Meine Frau zieht einfach in das leere Zimmer bei uns im Haus ein.“ (Anmerkung: „Leer“ ist definitiv der falsche Ausdruck. Da drin steht Werkzeug aller Art, ein Crosstrainer, ein Mountainbike auf der Rolle und ein Kaufmannladen. Außerdem überwintern hier Hase Oskar und Meerschwein Lilly.)
Ich: „Darüber solltest Du vielleicht mit Deiner Frau sprechen.“
Peter: „Wenn sie das nicht mag, braucht sie mich nicht heiraten.“
Ich: „Peter, Frauen entscheiden heutzutage selbst.“
Peter grummelt ob so viel Emanzipation. Dann hat er einen rettenden Einfall.
Peter: „Aber Ihr seid ja bald alt. Wenn ich nicht ausziehe, braucht Ihr nie Essen auf Rädern.“
Resi, ich hol Dich mit dem Traktor ab…
Eine neue Waschanlage
Peter und ich spielen „Rosettle“, ein Bauspiel aus lauter kleinen Plastikkreisen, die mit kleinen Einschnitten zum Zusammensetzen versehen sind. Sehen Sie mir den Namen „Rosettle“ bitte nach, ich habe seit Kindheit keine Ahnung, wie die Dinger richtig heißen. Peter schleppt eine Schuhschachtel mit fertigen Blumen an: „Hilfste mir?“ Gutmütig willige ich ein. Einträchtig sitzen wir also auf dem Sofa und bauen so vor uns hin.
Ich: „Was sollen wir denn bauen?“
Peter (mit dem selbstverständlichsten Gesicht der Welt): „Na, ne Autowaschanlage natürlich!“
Ich (seeehr hilflos): „Peter, ich bitte Dich. In meiner Jugend hat man aus den Teilen Sterne und Blumen gebaut.“
Peter (sehr gutmütig): „Ach Mama, sei nicht traurig. Genauso hab‘ ich auch mal angefangen.“
Pudding, Wasserbomben und die Schlechtigkeit der Welt
Peter ist an und für sich ein friedlicher Kerl – so lange etwas läuft. Wenn es zu lange zu ruhig ist, wird er unruhig – genau wie seine Mama, Frau Kasi. Letztens ereignete sich mitten im Umzugsstress folgende Begebenheit. Peter brauchte Wasserbomben, solche fiesen, kleinen Luftballone, die – gefüllt mit Wasser – zu wahren Nassschleudern werden. Der örtliche Bäcker unseres Vertrauens habe solche Gummiteile im Angebot, das wusste er natürlich genau. Gutmütig willigte ich ein, dort fußläufig vorbeizuschauen – Brot brauchte ich ohnehin. Schließlich hatte sich das Kind diesen Wahnsinnskauf gut eine Woche durch den Kopf gehen lassen. Immerhin ging es um eine Anschaffung von über einem Euro.
Gesagt getan. Frau Kasi und Peter machten sich, bewaffnet mit einem großen Korb, auf die Wasserbomben-Suche. Peter hopste aufgeregt an meiner Hand auf und ab und überlegte sich sogleich, wer sein erstes Opfer sein sollte. Die Wahl fiel auf mich. Eigentlich ungerecht, gab ich zu bedenken, schließlich unterstützte ich ihn ja tatkrätig beim Kauf. „Okay“, sagte Peter, „dann nehmen wir halt den Papa.“ Auch eine Lösung. In der Bäckerei angekommen, fragte Peter sogleich an der Kasse nach den Mini-Luftballons. Dummerweise waren sie aus. Peter ereilte ein Schicksal, das viele von uns wohl kennen. Erst überlegt man ewig hin und her, ob man sich etwas leisten soll. Hat man sich nach tagelangem Hirnkampf endlich dafür entschieden, ist die Ware vergriffen, nur noch in der falschen Farbe da oder fehlerhaft. Das Männchen weinte bitterlich, schluchzte herzzerreißend. Tränen flossen wie kleine Bergbäche aus den zusammengekniffenen Äuglein: „Das ist echt ne schöne Scheiße… und sach jetzt nicht, dass man nicht Scheiße sagen darf. Manche Sachen sind halt einfach Scheiße.“ Da gab es nichts mehr einzuwenden. Peter beklagt lautstark und öffentlichkeitswirksam („Was hot der Kloine denn? War die Mama böse?“) die Schlechtigkeit der Welt und der Konsumwirtschaft. Trotz der immensen Trauer kauften wir Brot, zwei Brezeln und Eier. An der Kasse hatte die mitleidige Bäckerei-Mitarbeiterin ein schlechtes Gewissen – natürlich total grundlos. Sie schenkte Peter eine riesengroße, gelbe Puddigform: „Guck mal Peter, da macht Dir die Mama sicherlich einen tollen Schokopudding rein.“ Tatsächlich ging in Peters Gesichtchen die Sonne wieder auf: „Au ja, vielen Dank. Pudding mag ich total gern. Nur die Haut drauf ist doof.“
Wieder Friede im Frau-Kasi-Peter-Gespann. Neuerlicher Dialog auf dem Heimweg.
Peter freudestrahlend: „Mama, gell, jetzt kochen wir gleich Pudding.“
Ich (total entgeistert): „Neee, das geht jetzt echt nicht. Ich muss noch Schachteln packen. Morgen kommt der Hänger. Das machen wir dann in Ruhe im neuen Haus.“
Peter (schluchzt herzzerreißend): „So ne schöne Scheiße, und sach jetzt nicht, dass man nicht Scheiße sagen darf…“




