Inbetriebnahme

Familie Kasi hat eine neue, schicke Kaffeemaschine bekommen. Seit jeher weigere ich mich, neue Elektrogeräte in Betrieb zu nehmen – wozu hat man einen Mann, dessen Hobby, Beruf und Berufung Strom aller Art ist? Ich schiebe den Riesenkarton also gepflegt ins Eck. Da habe ich die Rechnung aber ohne den Thronfolger gemacht. Der steht mit erbostem Blick in der Tür, winkt mahnend mit seinem kleinen Zeigefinger und fragt mit eisigem Tonfall: „Was bitte wird das?“ Ich erkläre ihm, dass Inbetriebnahmen seit jeher und Jahrtausenden Aufgabe seines Papas ist. Peter will das gar nicht einsehen: „Wieso denn das? Kannst Du keine Gebrauchsanleitung lesen?“

Ja. Ich geb’s zu. Ich habe mich vor meinem knapp fünfjährigen Sohnkind geniert und deshalb ganz zügig den Karton geöffnet. Brav die Gebrauchsanleitung studiert (war auch gar nicht lang). Selbstverständlich haben Peter und ich mit vereinten Kräften den neuen Automat zum Laufen (sprichwörtlich) gekriegt. Peter triumphierend: „Na siehste. Du kannst das doch. Und mir hasse mal wieder nicht geglaubt.“ Woher hat er das, dass er IMMER das letzte Wort haben muss.

Rechtlos in der Musikschule

Peter und ich kämpfen am hellen Nachmittag darüber, welche Schuhe er anziehen soll. Ich bin für die älteren, im Kindergarten geht man vermutlich nach draußen. Peter erbost: „Immer muss ich tun, was DU willst. Hab ich eigentlich gar keine Rechte – so als Kind?“

Peter geht zum ersten Mal in die Musikschule. Dort klebt er mit ein bisschen Hilfe mühevoll einen Notenschlüssel aus Wollfäden aus Papier. Stolz präsentiert er das Kunstwerk danach seiner Oma Schatz: „Schau mal, Oma Schatz. Ich hab einen Zündschlüssel geklebt.“ Mein kleiner Autonarr.

Wir wollen den neuen Scirocco probefahren, gleichzeitig wird mein Auto geschätzt. Peter schaut angeekelt auf die sandigen Sitze und die Brezelkrümel: „Da musste die Kiste aber noch ordentlich putzen. Sonst genier ich mich ja mit Dir.“

„Der Papa ist manchmal voll ne Spaßbremse.“

Peters Papa: „Peter, bin ich dick?“ – Peter: „Neee. Aber…“ 

Peters Papa: „Wen findest Du dick?“ Peter überlegt:  „Neee, die Mama auch nicht. Obwohl sie Busen hat.“

Familienausflug Teil 1

Familienausflug bei Familie Kasi. Zur Freude des Sohnkinds wollen wir ins Kino, in den neuen Laura-Stern-Film. Dass das Wetter herrlich ist, lassen wir beiseite. Dass ich denke, dass normales Fernsehen für die reizüberfluteten Kinder von heute auch ausreicht zur Bespaßung auch. Jeder im Kindergarten war schon im Kino, nur unser Thronfolger nicht. Wir geben uns geschlagen. Bei herrlichem Herbstwetter. Und weil wir dem Kind einen Wunsch erfüllen wollen.

Zuerst lässt sich alles ganz prima an. Peter freut sich riesig über den Ausflug und weil er endlich mitreden kann beim gemeinsamen Frühstück im Kindergarten. Von der Technik in dem winzigen Kinosälchen ist er fasziniert, mein Mann eher von den niedrigen Preisen der Nachmittagsvorstellung. Der Film beginnt. Für meinen Mann zuerst mit einer hektischen Einkaufaktion, weil Peter die mitgebrachten Schokolinsen nicht mag und unter dem vorwurfsvollen Blick der anderen Eltern lautstark verkündet, dass doch jedermann – „Herrgott“ – auf dieser Welt weiß, dass er am liebsten „nooormaaale Gummibärchen“ ist. Mein Mann tapst schuldbewusst wie eines davon. Ja. Das weiß doch eigentlich jeder.

Dann sitzen wir endlich alle. Sogar auf den richtigen Plätzen. Plötzlich weist uns die Nebensitzerin darauf hin, dass es draußen Sitzerhöher für kleine Besucher gibt. Vorwurfsvoll: „Ihr Kind sieht ja gar nix.“ Ich verkneife mir die Bemerkung, dass man hier umso besser hört – Leute, war Kino schon immer so laut? Oder wird das Publikum immer älter? Der Kasi-Mann will beim ersten Mal alles richtig machen und holt sofort so eine Gummischale, die eher nach Sanitätshandel aussieht als nach Cineastentum. Egal. Das Sohnkind ist glücklich und sitzt hoch. Und wir sind endlich auch zufrieden.

Dieser ungetrübte Zustand des Glücks währt allerdings nicht lange. Peter ist zu leicht für den roten Plüsch-Klappsessel. Und beginnt zu schaukeln. Was höllisch quietscht. Erst die Androhung, man verlasse das Haus sofort und ohne Widerrede, verhilft uns zu Ruhe. Peter sitzt still und verfolgt Lauras Reise nach China. Bis der Neujahrsdrache ins Spiel kommt. Ich habe ansonsten kein sehr sensibles Sohnkind, wie Sie wissen. Aber den Film empfinde ich für kleine Leute (ist immerhin ab 0 Jahren freigegeben) als sehr gruslig. Peter auch. Er verkrümelt sich auf meinem Schoß, hat den Kopf unter meinem linken Arm und wimmert: „So ein schreckliches Vieh.“ Natürlich wiederum lautstark. Ich gebe ihm recht. Mein Mann reagiert pädagogisch sehr sinnvoll, wer von uns wollte mal Lehrer werden? Er sagt: „Ach Peter, komm‘ jetzt.“ Was natürlich zur Folge hat, dass ich, das weinende Sohnkind in der Winterjacke, mit meinem Mann darüber streite, ob ein kleiner Junge im Kino Angst haben muss oder nicht. Ich bin für nein und den sofortigen Amarsch nach Hause. Mein Mann, der Schwabe, man hat ja bezahlt, unweigerlich fürs Bleiben. Und Peter selbst? Heult mittlerweile wie eine Sirene, weil er sich nicht entscheiden kann, ob er Angst hat oder nicht. Bis ich ihm – pädagogisch auch nicht korrekt – einen Besuch in einem Fast-Food-Tempel verspreche. Sofort spritzt er auf. Mein Mann und ich diskutieren kurz, wer was abräumt (Flaschen, Trinkhalm, Schokolinsen, Gummibärchen). Ich und Peter gehen nach draußen. Das Männlein schluchzt: „Da guck ich lieber wieder Ludolfs oder Bauer sucht Frau.“ Hört zum Glück niemand.

Wer nicht kommt, ist unser Familienoberhaupt. Ich stehe frierenderweise mit dem Sprössling auf dem Kino-Parkplatz und zähle VWs, Audis und Fiats. Erkläre, warum der Panda alt ist und der Golf nicht. Und mein Mann? Kommt nicht. Erst nach gut 20 Minuten lässt er sich blicken: „Ich musste ja noch sehen, wie der Film ausgehen.“ Männer.

Dich oder keine

Abholzeit am Kindergarten. Bin wieder die letzte eintreffende Mama. Das Sohnkind ist sehr erleichtert, mich zu sehen.  Er stürzt sich in meine Arme und gibt mir einen nassen Schmatzer auf die Wange. Auf meine Frage, ob er nicht lieber jüngere Frauen küssen würde, meint er treuherzig: „Ach Mama. Dich oder keine.“ Ich bin gerührt. Peters Großmut geht noch weiter: „Und wenn ich dann mal groß bin und meinen Fiat fahre, darfst Du vorne bei mir sitzen. Der Papa, der muss hinten rein.“

Definitiv ein neuer Kasten

Peter hat immer noch meinen ausrangierten Schlafzimmerschrank aus meiner allerersten Single-Wohnung in seinem Zimmer. Das Ding ist mittlerweile alt und klapprig, fällt ständig auseinander und wird beim nächsten Auszug mit Sicherheit ersetzt. Heute Mittag ereignete sich Folgendes.  Während ich die Küche aufräume, schleicht ein sehr schuldbewusstes Sohnkind in die Küche. Unter dem Arm trägt das Männlein ein Brett, das sich beim näheren Hingucken als der vordere Teil einer seiner Schrankschubladen erweist. „Maaama“, stottert das Zwerglein, „ich glaub, ich brauch definitiv einen neuen Kasten“. Oh ja.

Es ist ein Schwabe

Peter war morgens mit seinem Papa auf der Baustelle und hat dementsprechend seinen kuschligen Nachmittag. „Ach Mama“, schmiegt sich mein Sohnkind vertrauensvoll an mich, gemütlich auf dem Sofa liegend, nein, eher hängend. „Weißt Du eigentlich, wie lieb ich Dich hab‘? Du bist die guteste Mama, die man sich denken kann. Und ich will auch keine neue“. Ich bin sehr gerührt. Sonst neigt keiner meiner Männer zu derart offensichtlichen Gefühlsausbrüchen. „Und wenn ich mal ein großer Mann bin und einen Smart fahre (Anmerkung der Redaktion: Schließt sich das nicht kategorisch aus?!), dann darfst Du neben mir sitzen, wenn ich fahre. Weil hinten ist ja der Kofferraum.“ Vorausschauend, das Kind. Doch der Knirps denkt noch weiter: „Außerdem ziehe ich NIE aus. GAR NIE. Ich will immer bei Dir sein.“ Das glaube ich so zwar noch nicht, aber na schön. Ich frage, warum er immer bei mir bleiben will. Peter ist um keine Antwort verlegen: „Ich bin doch nicht doof und ziehe aus – jetzt, wo Ihr so ein schönes Haus baut.“ Da kommt der Schwabe durch. Aber in vollem Umfang.

Das war Willi

Peter und ich üben Zählen. Mein Filius zählt anstandslos auf zehn. Ich bin fassungslos stolz – so ein begabtes Kind. Vorsichtig frage ich: „Peter, wie geht’s denn weiter?“ – „Weiß ich nich. Hab keine Hände mehr.“

Wir schauen Biene Maja. Die kesse, kleine Biene und ihr dicker Freund mampfen grad Honig. Peter schaut fasziniert zu, ich döse vor mich hin. Plötzlich knattert neben mir laut und deutlich… pst… ein Pups. „Peter, warst Du das“? – „Ne, der Willi.“

Ich bin in meiner weltliebsten Second-Hand-Boutique. Peter unterhält abermals vor dem Laden die vorbei eilende Frauenschar. „Hereinspaziert! Hier gibt es fünf Prozent Rabatt…“ Als das zu langweilig wird, beschließt er spontan, dass er Hunger hat. „Annettchen“, haut er die nette Chefin von der Seite an, „ich hab‘ mal wieder soooo Hunger“. „Tja Peter“, kontert diese, „ich hab‘ nur was für süß“. Mein Sohn ist ist großzügig: „Ist egal, ich nehm‘ auch das.“ Als der Hunger gestillt ist, nimmt er wieder seine Position vor dem Geschäft ein. Gerade verlässt eine Frau mit eiligem Schritt den Laden. „He Du“, höre ich meinen Thronfolger brüllen, „was fährste eigentlich für’n Auto?“ Mir stockt der Atem. Die Dame ist trotz ihrer Hetze nett: „Einen Citroen, warum?“ Schweigen. Offensichtlich überlegt das Kind. Dann kommt die Antwort: „Weißte, MIR würd so einer ja schon gefallen. Aber meine Eltern sagen, dass sei eine üble Franzosenkiste.“ Wir erwähnen nicht, dass wir einen etwas in die Jahre gekommenen Seat und einen ständig verkrümelten Opel unser eigenen nennen, also nicht etwa einen Rolls-Royce oder einen Jaguar.

Bob und Barack

Ich erkläre Peter, dass der US-Präsident Barack Obama und Bob Baumeister – „Können wir das schaffen? Ja, wir schaffen das?“ – zwei Dinge gemeinsam haben: den legendären Satz nämlich: „\“Yes we can\“. Peter findet das interessant, fragt nach Barack Obama, was er tut, was er macht und warum er so berühmt ist. Ich erkläre das alles – yes we can – so gut es eben geht. Peter sinniert, dass es lustig ist, dass sein animierter Kumpel Bob Baumeister und so ein wichtiger Mann eine Gemeinsamkeit haben und hakt nach: „Mama, hat der Barack dann auch sprechende Maschinen?“ Nein vermutlich nicht, aber: Peter schau, Bob und Barack arbeiten eng zusammen.

So blau wie auf Schalke

Wieder einmal war ich mit meinem Kind beim VfB. Auf dem Bau sind die Gipser, der stromende Elektro-Gatte will die Kanäle für die Leitungen in die Wände spitzen. „Ihr stört doch eh nur“, ist die Antwort auf meine verschämte Frage, ob wir wir vielleicht doch zum VfB… Nun gut, wenn das so ist. Wo wir doch nur stören.

Peter, Gram gebeutelt durch Hausbau und Kindergartenferien, freut sich riesig auf den Fußball-Ausflug. Schon in aller Herrgottsfrühe – kurz vor sechs Uhr – sucht er seinen VfB-Dress. Packt seinen VfB-Rucksack.  Überlegt, wer sein Lieblingsspieler ist („Der Gomez ist ja weg. Dann nehm‘ ich den Cacau. Der heißt ja wie Kaba.“). Ja, wir sind gerüstet.

Vorort, nachdem der erste Hunger und der Durst gestillt sind und ich nach einem Retour-Spurt zum Parkplatz auch endlich alle Jacken und Pullis dabei habe, wagen wir uns ins Stadion. Peter hat die Dauerkarte seines Papas geliehen gekriegt und ist mächtig stolz, als er sich in die Männer-Reihe zum Abtasten stellen darf. Freundlich will ihn der Security-Mann durchwinken. Da hat er die Rechnung allerdings ohne meinen Sohn gemacht: „Auch ICH will abgetastet werden.“ Das ist dem Ordner wohl noch nie passiert, kommt der nachdrücklichen Bitte natürlich trotzdem nach. Feixend.

In unserer Stammreihe bei allen Bekannten angekommen, wird Peter begrüßt wie ein neuer Spitzenstürmer. Der Muskel bepackte Ordner weist gleich alle heraufeilenden Fans an, dass der Platz ganz oben in der Mitte für den „Kleinen“ hier ist. Peter hängt ermattet in  meinem Arm. Nach soviel morgendlicher Hektik ist er total alle, da helfen auch Judiths freundliche Fahnen-Wedel-Versuche nicht mehr wirklich. Ich schlage meinem Thronfolger vor, sich einfach kurz auf die Pullis zu setzen. Ehe ich mich versehe, schnarcht mein Sohn. Wieder einmal vor dem Anpfiff. Als der letzte meiner Kumpels kommt, hat Peter seine dritte Tiefschlaf-Phase hinter sich. Spätestens nach „Walk on“. Bekanntlich allabendlich Peters Einschlaf-Lied.

Die erste Halbzeit erlebt das Kind abermals schlafend. Pünktlich mit dem Abpfiff ist er wieder da, schreit nach Schupfnudeln und Apfelschorle. Beides genießt er wiederum sitzend, zwischen all den hüpfenden, schreienden, Fahnen schwingenden und mitunter auch schimpfenden Fußball-Fans. „Mama, der da hat Arschloch gesagt.“ – „Ach, das hat der nicht so gemeint…“ Damit Peter sein VfB-Tuch besser schwingen kann, geht er wie eine Liesel von einem zum anderen auf den Arm. Der Zwerg ist mit seinen rund 17 Kilogramm zum „eben mal so Heben“ einfach zu schwer. Als wir gehen, sagt der Chefordner: „Tschüss, kleiner Mann, bis zum nächsten Mal.“

Am nächsten Tag sehe ich aus, als wäre ich in eine Schlägerei geraten: die Oberschenkel sind in allen Schattierungen bläulich-rot verfärbt und schimmern an ihren intensivsten Stellen so blau wie ein Schalker Dress. Käme ich so zum Arzt und würde sagen: „Ich war beim Fußball“, hätte der garantiert ein ganz falsches Bild von mir.

Leer gequatscht

Peters Papa ist wieder im Büro. Peter und ich urlauben noch etwas, weil der Kindergarten auch noch zu hat. Deshalb ist dem Knirps – verständlicherweise – ziemlich fad. Baustellentechnisch läuft grad im Moment unter Tags auch nicht sooo viel. Eben weil Peters Papa wieder im Büro ist. Deshalb gehen wir baden oder backen Waffeln. Wir bummeln in der Stadt. Essen Eis. Lesen Bücher. Planschen im Garten. Sie denken, ach Kasi hat es derzeit nett? Stimmt einerseits auf jeden Fall. Der Knirps ist echt lustig, und es macht Spaß, wenn es nicht immer irgendwie hektisch ist. Allerdings ist das gute Kind anderseits schon, Sie verzeihen, etwas anstrengend. Er fragt Löcher in den Bauch: „Mama, warum ist das Geländer grundiert?“, „Mama, wie macht man Eis? Und warum ist es kalt?“, „Mama, wo lernt man Flaschner?“, „Mama, woher kommen die Buchstaben?“, „Mama, wieso hat eine Acht zwei Nullen?“ oder „Mama, wie kommt der Strom in die Steckdose?“… Da bin ich mit meinem Latein des Öfteren am Ende.

Wie die Meisten wissen, bin ich nicht zwingend wortkarg. Nein, ganz und gar nicht. Um ehrlich zu sein, rede ich ganz schön viel. Aber eigentlich redet mein Kind noch mehr. So passiert es mitunter, dass Peters Papa abends heim kommt und ich außer „Hallo“ kaum noch einen vernünftigen Satz über die Lippen bringe. Eben weil ich leer gequatscht bin.

Deshalb schreiben wir uns jetzt im Hause Zettel. Gerade eben hat mir Peter einen für seinen Papa diktiert, damit er weiß, wo seine Lieben sind: „Das ist eine Nachricht von Peter und Kasi. Wir sind im Freibad, wir weißen aber noch nicht in welchem. Halt, doch, in Fridingen. Viele Grüße von Peter und Kasi. Ach ja, von den Freibad-Plänen habe ich so ebenfalls erfahren. Allerdings finde ich die Idee gar nicht so schlecht.