Neue Aha-Erlebnisse

Erntedank. Der Familienverbund hektiziert in die Kirche. Peters Mama hat mal wieder im Büro getrödelt. Peters Papa richtet also das Früchtekörbchen für den Thronfolger. Ein Apfel. Eine dreckige Kartoffel. Eine Möhre mit etwas Gefrierbrand. Das ist exakt das Erntematerial, für das wir Dank sagen. Weil ich ja selbst keine Zeit hatte, ein nett ausschauendes Körbchen mit Schischi, also Unterlagsserviettchen, Schmuckband, Ähren und Sonnenblumen, zu richten, verkneife ich mir das Meckern. Das wäre ungerecht Kind und Mann gegenüber.

Die zwei Erntehelfer ziehen vor mir los – ich bin mal wieder nicht pünktlich fertig geworden und muss später nachkommen. In aller Kürze. Die erfrorene Möhre verlieren die zwei schon drei Häuser weiter. Die Kirche überleben wir dann mit viel Bestechung und Drohversuchen à la „Wenn Du nicht artig bist, geht der Pfarrer wie bei einem Fußballspiel in die Verlängerung“ oder „Nur artige Jungen dürfen ihr Körbchen wieder mitnehmen“… Alle Kinder holen ihre gesegneten Erntegaben nach dem Gottesdienst wieder ab. Einzig Peters Apfel zieren schon vor dem Auszug aus der Kirche ordentliche Milchgebiss-Beißspuren. Entgeistert fragen mein Mann und ich, was das jetzt soll. Peter ungerührt: „Der Pfarrer hatte wohl Hunger.“

Verkehrte Welt

Wie Sie auch hasse ich Spam-Mails. Und virtuelle Werbungspost. Ich will nicht ständig Visitenkarten bestellen, damit könnte ich mir längst mein Büro auslegen. Oder ich will nicht jeden Tag versandkostenfrei Make-up bestellen oder Winterreifen, brauche Handcreme und Kaffeepads nur in haushaltsüblichen Mengen und möchte auch nicht jeden Tag meinen Mann auf Leinwand abziehen lassen. Ich mag es nicht, wenn man mir via Mail Matratzen, Staubsaugerbeutel oder Traumreisen andrehen will. Auch wenn ich mir all das verdient habe. Vor allem die Traumreise. 

Schön ist allerdings das, was mir immer wieder mit dem Internet-Warenhaus Amazon passiert. Als ich mit meinem Sohnkind schwanger war (der im Frühjahr fünf (!) Jahre alt wird), bestellte ich mir der besseren Bildung wegen einen der tausend Schwangerschaftsberater. Ich musste viel liegen und dachte, diese sofa-intensive Zeit könnte ich der Mütterbildung widmen.  Seither bekomme ich regelmäßig Tipps von Amazon über neue Baby-Ratgeber, Baby-Kochbücher, Bauchpflege-Bücher oder Yogabücher für Schwangere. Wissen die Herren und Damen von Amazon, dass eine Schwangerschaft plus minus 40 Wochen dauert? Und keine 40 Jahre? Mittlerweile könnte ich Bücherideen über Bastelideen für Kindergartenkinder, Vorschultipps oder musikalische Früherziehung brauchen. Aber vermutlich bekomme ich diese von Amazon erst, wenn Peter den Führerschein macht oder studieren will. Verkehrte Welt. Das ist ungefähr so, wie wenn der schwedische Moderiese H & M mir wunderhübsche Ideen für die neue Herbstkleidung schickt, wenn man in unserer Albgemeinde zum ersten mal ein T-Shirt tragen kann.

Aha-Erlebnisse

Ich sitze am Küchentisch auf einem unserer Hocker. Mein Kind krabbelt mir auf den Schoß und begutachtet die kleine Speckrolle, die die sitzende Körperhaltung mit sich bringt. Peter entsetzt: „Meno, Mama, bist Du fettig.“ Ein tolles Aha-Erlebnis.

Peter muss baubedingt baden. Er spritzt seinen Papa nass, der das wilde Kind nicht gebändigt kriegt und irgendwann brüllt: „PETER. DAS. IST. NICHT. LUSTIG!“ Peter stellt die Spritzerei kurzzeitig ein: „Doch, Papa, sehr.“

Wir sind auf einem Fest. Ein schwarzer Golf fährt her. Eine hübsche blonde Frau steigt aus. Peter brüllt: „Mama, das Auto gehört dem Rolf. Die Frau hat das geklaut.“ Ich bringe erst einmal das Kind zum Schweigen, obwohl ich ehrlich gesagt nicht einmal weiß, um welches Auto es sich dreht. Aber richtig: Das Auto, auf das mein Sohnkind zeigt, ist tatsächlich das von unserem Kumpel. Und die Frau, die soeben ausgestiegen ist, ist eindeutig als seine Mama zu identifizieren. Ich erkundige mich also, an was Peter das Fahrzeug erkannt haben will. Objektiv betrachtet kann er mit viereinhalb Jahren keine Kennzeichen lesen, und sind wir mal ehrlich, ein schwarzer Golf sieht dann doch aus wie der andere? Peter klärt mich auf: „Also Mama. Zuerst an den Felgen. Außerdem hat der Rolf einen VfB-Kleber unter dem einen Rücklicht. Und da ist auch der kleine Wimpel vorne am Spiegel.“ Als polizeilicher Zeuge wäre mein Kind unschlagbar.

Frank-Walters bunte Puppenbühne

Mein Knöchel ist blau und dick. Wütend humple ich auf High Heels, weil ich direkt von einem Pressetermin komme, in die örtliche Ambulanz. Hmpf. Viel Arbeit. Viele Termine. Ein Hausbau. Nachdem uns unlängst eine üble Knieverletzung des Holden eine Zwangspause verordnet hat, bin offensichtlich jetzt ich an der Reihe mit Eisbeutel und Co. Vor der Klinik treffe ich einen alten Schulkameraden. Fröhlich fragt er, was ich denn hiiier mache? Nebenbei: Ich lahme wie Captain Cook. Bloß ohne Holzbein. „Ach“, antworte ich fröhlich, „ich will endlich den Rettungsfliegerschein absolvieren.“ Das glaubt er nicht und tippt scharfsinnig auf eine Fußverletzung am Fuß-Band. Tja, kommt der Sache schon näher, der Gute ist immer noch so pfiffich wie früher. Ausgiebig erzählt er mir von seiner jüngsten Fußball-Verletzung, mindestens achtfacher Bänderriss mit zehn Wochen Liegegips und schlechtem Krankenhausessen. Das ist jetzt so, befinde ich grummelnd, wie damals, als mir, hochschwanger und mit knapp 100 Zentimetern Bauchumfang, eine wohlmeinende Sportplatzbekanntschaft von ihrem Notkaiserschnitt beim vierten Kind erzählt hat. Ich verabschiede mich schnell. Wer braucht sowas? Richtig. Niemand. Vor allem ich nicht. Hoffentlich krieg‘ ich den Fuß wieder aus dem Stiefel.

In der Notambulanz läuft wahlkampftechnisch die Glotze. Frank-Walter Steinmeier schwört mit leidenschaftlicher Stimme die Genossen ein: „WIR. HABEN. AUFGEHOLT.“ Ein älterer Herr schaltet sein Hörgerät aus. „Dat der Sozi auch immer so brüllen muss“, schreit er seinem Platznachbarn ins Ohr. Der nickt. Dann kommt Merkel. Mit Pagenschnitt und Kostüm wie immer. Die wiederum ist beiden Herren nicht schick genug: „Die sieht aus wie Mutti.“ Mittlerweile trifft Chantalle-Vivienne mit ihren Eltern ein. Et Schantall ist auf den Arm gefallen. Zum Beweis dafür winkt sie mir fröhlich zu. Die Schwester unterbricht den Redeschwar von der Schantall-Mutter rigide: „Nehmen Sie einfach Platz. Sie werden dann aufgerufen: „Dat die hier auch immer so unfreundlich sind. Unglaublich.“ Ich bin mittlerweile beim zweiten Automaten-Capuccino. Schade, dass es hier kein Bier gibt. Ich könnte eins gebrauchen. „GENOSSEN“, brüllt Steinmeier. „ES. GIBT. EIN. MORGEN.“ Ja. Aber hoffentlich nicht hier.

Beim Röntgen treffe ich die Schantall-Familie wieder. Ich bin jedoch schnell an der Reihe, die Schwester spannt mein malades Fußgelenk in eine Art Schraubstock, um die Bänder zu röntgen. Das spüre ich durchaus. „Isch es a bissle unangenehm?“, erkundigt sich die Röntgen-Fachfrau und schraubt weiter. Vermutlich peitscht sie zu Hause ihren Mann aus: „Tut das auch wirklich weh?“ Ich halte die Luft an. Die Bilder ergeben, dass der Fuß ordentlich geprellt ist und dick geschwollen. Ach ja wirklich? Ich soll kühlen und Voltaren drauf schmieren. Nun ja. Aber ich habe viele spannende Menschen kennengelernt und bin froh, dass ich ohne Liegegips und Krankenhaus-Essen wieder heim darf. Dort angekommen, stelle ich fest, dass ich die zehn Euro Notfall-Praxisgebühr vergessen habe. Die soll morgen mein Mann vorbei bringen. Man weiß ja nie. Wegen Frank-Walters bunter Puppenbühne.

Sogar noch warm

Mittagessen. Es gibt Pizza. Peter isst wie ein Scheunendrescher. Das letzte Stückchen fällt ihm unter den Tisch. Ganz nach der schwäbischen Überlebensmaxime „No nix verkomma lassa“ krabbelt er unter den Tisch, angelt sich das Stückchen Tomatenkuchen, putzt es großflächig ab (obwohl es gar nicht schmutzig ist) und murmelt: „Super, sogar noch warm.“ Und weg ist es.

Kleine Probleme

Heute ein paar nachdenkliche Töne. Mein Gatte und ich, beide leidenschaftliche VfB-Stuttgart-Fans, waren gestern gemeinsam im Stadion, als der VfB 1:1 gegen Glasgow spielte. Weil wir eine Karte zurück bekommen haben, muss ich dieses übrig gebliebene Ticket noch los werden. Ich reihe mich also bei den Kassenhäuschen in die Reihe der Verkäufer ein. Haupttribüne Seiten, weit unten. An und für sich ein Top-Platz, den man spielend los kriegt. Dummerweise haben SEHR viele Verkäufer richtig gute Plätze. Ohne großes Jahrmarktsgeschrei bekomme ich mit Charme und Finesse meine Karte los, auch noch zu einem vernünftigen Preis. Dennoch nagt der Geschäftssinn in mir: „Kasi“, sagt der, „da wär‘ mehr drin gewesen“. Der Kasi-Mann kommt aus einer anderen Richtung und steht im Stau. Weil er meine Karte dabei hat, muss ich warten. Höre von draußen die Mannschaftsaufstellung. Die Einlaufmusik. Und ärgere mich, während ich auf und ab pilgere. Bis ich auf zwei der an Stadien mittlerweile obligaten Flaschensammler treffe. Ein gebückter Mann, der mühevoll all das Leergut, das die trinkfreudigen Fußballfans haben stehen lassen, einklaubt und in große Säcke verfrachtet. Dabei hat er einen kleinen Jungen, der die grüne, braune und durchsichtige Flaschen sortieren muss. Dieses Bild, Vater und Sohn beim Flaschensammeln, ist wie ein Schlag ins Gesicht für mich. Ich schäme mich zutiefst. Was für kleine Probleme habe ich in diesem Augenblick.

Ein gutes Vor-Werk

Ich lade mein Auto aus, die Tür zum Haus steht offen, weil ich noch diverse Einkäufe verstauen muss. Im Augenwinkel sehe ich, wie eine Dame mittleren Alters, ganz bieder in Blüseken und Bundfaltenhose, entsetzt in meinen staubigen Hausflur linst. Wir haben derzeit 1) eine Baustelle, auf der jeden Tag Leitungen gespitzt werden. Soll ich von meinem Mann verlangen, dass er bei jeder Schraube, die er zu Hause holen muss, seine komplette Montur auszieht? Da wäre mein Mann mehr Chippendale, also hauptberuflicher Stripper, als Bauherr.

Außerdem lebt bei uns 2) ein kleiner Junge, dessen zweite Heimat der Sandkasten ist oder die Baustelle, einer, der am liebsten im Dreck buddelt oder sich gleich drin suhlt. Ich kann saugen wie ich will – zur Zeit ist es halt immer noch staubig. Nun ja, zurück zu der neugierigen Dame in unserem Hof.

Wie gesagt, diese steht immer noch starr vor Schreck und betrachtet mein Treppenhaus, das zugegebenermaßen etwas staubig daher kommt. Ich erlöse sie aus ihrem Schock: „Guten Morgen. Kann ich Ihnen helfen?“ Sie errötet zart, fragt aber streng:  „Gehören Sie etwa in dieses Haus?“ Ich bejahe fröhlich. Was hätte ich auch anderes tun sollen – mit einer Kiste Milch im Arm? Sagen: Nein, ich bin nur der Bringdienst? Erscheint mir auch albern. Dann eröffnet sie mir, sie komme von der Firma (denken Sie sich eine renommierte Staubsaugerfirma, die sich auf Haustürverkäufe spezialisiert hat dazu) und könne mir ein super Angebot für einen noch supereren Staubsauger unterbreiten. Der sauge alles und jeden ein, geräuscharm, leistungsstark, habe eine Metalliclackierung…und und und. Ich unterdrücke mühevoll ein Lachen. Aha. Deshalb die Panik in ihrem Blick. Meine Staub bedeckte Treppe… Oder war es das potentielle, gute Geschäft, das sie , findig wie sie ist, witterte? Egal. „Ach wissen Sie“, sage ich so gefasst wie möglich, „mein Mann ist von Beruf Elektromeister. Ich bin versorgt.“ Ich sehe es an ihrem Blick. Sie denkt: „Warum bloß nicht mit einem Staubsauger?“ Und sie hätte doch gern ein gutes Vor-Werk getan.

Kunst kommt von Können

Bereits erwähnt – Peter ist unter die Künstler gegangen. Wir wundern uns: Bislang fiel unser Sohnkind nie durch übermäßigen Gebrauch von Klebstoff, Glanzpapier, Buntstiften, Fingerfarbe und Knetmasse auf. Aber man soll aufkommende Talente ja fördern, und deshalb kneten wir wie die Weltmeister.  Eine Frage gestatte ich mir jedoch an den Sprössling: „Warum gehst Du auf einmal so gern ins Künstlerzimmer?“ Peter schaut mich ganz entgeistert an: „Maaaama, na wegen der hübschen Mädle da.“ Nun ja. Soviel zu Talent. Kunst kommt halt von Können.

Fotos Peter und Blog 005

Bob und Barack

Ich erkläre Peter, dass der US-Präsident Barack Obama und Bob Baumeister – „Können wir das schaffen? Ja, wir schaffen das?“ – zwei Dinge gemeinsam haben: den legendären Satz nämlich: „\“Yes we can\“. Peter findet das interessant, fragt nach Barack Obama, was er tut, was er macht und warum er so berühmt ist. Ich erkläre das alles – yes we can – so gut es eben geht. Peter sinniert, dass es lustig ist, dass sein animierter Kumpel Bob Baumeister und so ein wichtiger Mann eine Gemeinsamkeit haben und hakt nach: „Mama, hat der Barack dann auch sprechende Maschinen?“ Nein vermutlich nicht, aber: Peter schau, Bob und Barack arbeiten eng zusammen.

Elefantöse Bananenträume

Großeinkauf für eine hungrige Meute. Peter und ich sitzen ermattet im Scirocco. Wir düsen nach Hause. Im Inneren unserer alten Lady, Baujahr 1988, ist es trotz des offenen Dachs sehr heiß. Der Thronfolger schläft kurz vor dem Getränkemarkt ein. Als ich einparke und sacht die Tür öffne, wacht mein Sohnkind auf. Hebt halbherzig ein Auge auf Halbmast und murmelt schläfrig: „Ach ne, jetzt hab ich grad sooo schön geträumt.“ Anteilnahmsvoll erkundige ich mich nach dem Inhalt des schönen Traums. „Von einem Baaananenbaum in Afrika. Da war es so heiß, und es gab sogar Elefanten.“ alles klar: Nebenwirkungen von Janoschs kleiner Tigerreise rund um die Welt. Aber solche medialen Nebenwirkungen sind in Kauf zu nehmen.

Fotos Peter und Blog 001