Undank ist der Welt Lohn

Jeder, der Kinder hat, bekommt Panik bei diesem Satz: „Maaaami, muss dringend Pipi.“ Egal ob der P-Satz mitten im Einkauf erfolgt oder bei 130 auf der Autobahn: Er kommt nie zu einem passenden Zeitpunkt. Entweder ziehen hernach hochgestylite Verkäuferinnen desinteressiert ihre linke Augenbraue hoch und sagen mit angeekeltem Blick: „Neein, unser Markt verfügt über keine eigene Toilettenanlage!“ (HALLO?!), oder man sondiert die Gegend hektisch nach einem Rastplatz ab. Toll ist auch, wenn man mitten in einer großen Menschentraube steht und in angespannte Stille hinein der Sprössling sein Bedürfnis kund tut. Peter musste gestern beim gemeinsamen Shopping-Eisessen-es-ist-Frühling-Ausflug  in einer kleinen Boutique ganz dringend. Die Chefin machte ihm sogar noch persönlich die Tür zur Toilette auf. Doch Peter begutachte erst einmal ausführlich den Hausflur, in dem noch eine große Ladung Klamotten stand, die soeben geliefert worden war: „Da hättest Du aber ruhig mal aufräumen können.“ Undank ist der Welt Lohn.

TV und Buch unter einem Hut

„Grüß Gott. Hier drin isch es a bissle hell.“ Das erwartungsfrohe Publikum stutzt. Amelie Fried schwäbelt?

Ebingen. Wer hätte hinter der fachkundigen „3 nach 9″-Moderatorin, die einmal monatlich eloquent und schlagfertig mit Giovanni di Lorenzo durch die dienstälteste deutsche Talkshow führt, einen solch heimeligen Zungenschlag vermutet? Ja, die gebürtige Ulmerin Amelie Fried hat ihr Schwäbisch nicht verlernt. Auch wenn sie es in ihrem beruflichen Alltag als Schriftstellerin und Fernsehfrau wohl nicht oft brauchen mag.

Bei ihrem Besuch der Albstädter Literaturtage erlebten die Zuhörer eine wortgewandte Fernsehfrau, die spontan und klug über ihre Arbeit berichtete, komplexe Zusammenhänge verständlich darstellte und überaus professionell wirkte. Und trotzdem: Amelie Fried war, so abgedroschen es jetzt auch klingen möge, einfach „nett“. Für jeden, der gern eine Signatur haben wollte, hatte sie zwei, drei freundliche Sätze und ein strahlendes Lächeln parat. Im Gespräch mit Wolfgang Niess vom SWR berichtete sie offen und zugänglich über ihre abwechslungsreiche Arbeit. Beispielsweise darüber, dass sie demnächst eine neue ZDF-Literatursendung moderieren wird – gemeinsam mit Ijoma Mangold und als Nachfolgerin von Elke Heidenreich. „Ideal für mich“, schwärmte die Autorin, „auf diese Weise bringe ich beides unter einen Hut – TV und Buch. Halten Sie sich einen Freitag Anfang Juli frei.“

Im Mittelpunkt des Interviews mit Wolfgang Niess standen zwei besondere Projekte. Zum einen las die Bestseller-Autorin aus ihrem neuesten Buch „Immer ist gerade jetzt“, das Anfang Mai zu kaufen sein wird. „Eine absolute Premiere“, verriet sie dem Ebinger Publikum, „ich lese sonst nie aus einem Buch, das noch nicht erschienen ist“. Allerdings starte die Rundreise anlässlich des neuen Werks erst in etlichen Wochen: „Und die Albstädter Literaturtage wurden mir so sympathisch beschrieben, dass ich gar nicht ablehnen konnte.“ Wolfgang Niess erwies sich als versierter Gesprächspartner, der geschickt und aufmerksam nachhakte.

Breiten Raum nahm das Gespräch über Amelie Frieds Arbeit an „Schuhhaus Pallas“ ein. Für dieses bewegende Sachbuch hatte sie einem Mosaik gleich die leidvolle Geschichte ihres jüdischen Ulmer Großvaters recherchiert. In Ebingen berichtete sie eindringlich von ihrer eigenen, mitunter schmerzvollen Konfrontation mit gut gehüteten Familiengeheimnissen und viel Unausgesprochenem: „Ich bin froh, dass meine beiden Kinder heute alles wissen.“

kasi für Zollern-Alb-Kurier

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Hello, Erwin Staudt

„Nach einem 2:0-Sieg schwätzt sich’s leichter, gell.“ Fußball-Fan Uwe Zellmer vom Theater Lindenhof begrüßte VfB-Präsident Erwin Staudt am Dienstag überaus herzlich zu den Literaturtagen.

Ebingen. Der Lindenhof-Präsident spielte augenzwinkernd auf den jüngsten Auftritt der Stuttgarter gegen Hertha BSC an. VfB-Präsident Staudt schmunzelte leise – er hatte sich selbst am meisten über den Heimsieg „seiner Buben“ gefreut.

Bei der Stippvisite Staudts in Ebingen stand die große Liebe zu Ball und Buch auf dem Programm – und die Frage, wo sich beides trifft. An ganz schön vielen Stellen, das wurde auf unterhaltsame Weise deutlich; Kicken und Lesen verbindet einiges. Schade war allenfalls, dass so mancher Platz leer geblieben war. Offenbar hatte das eisige Wetter die Fußballfans abgeschreckt. Fachkundig führten Stefanie Anhalt und Roland Heck durch den Abend; sie entlockten ihren Gästen so manches Geheimnis und lustige Anekdoten. Die „präsidiale“ Runde mit VfB-Präsident Staudt und Lindenhof-Präsident Zellmer vervollständigte Herbert Moser, der Präsident der Landesstiftung Baden-Württemberg. Dieser warb für sein Projekt „Kicken und Lesen“, das vom VfB unterstützt wird. Jungs lesen ander(e)s – aufgezeigt werden höchst erfolgreich Methoden, die aus eher lesefaulen Buben Bücherfans machen.

Mit einem Klischee wurde gleich zu Beginn aufgeräumt. Kicker, so betonte Erwin Staudt nachdrücklich, lesen nicht nur den „Kicker“: „Wir legen in unserer Jugendakademie großen Wert auf Bildung und einen ordentlichen Schulabschluss.“ Seine Spieler griffen in ihrer Freizeit oft zum Buch. Der einstige IBM-Deutschland-Chef Staudt liest ebenfalls gern – egal ob Martin Suter, Martin Walser, Schiller -„die beste Managerlektüre, die es gibt“ – und natürlich die Tageszeitungen. Uwe Zellmer wiederum kennt Fußball nicht nur aus seinem Programm „Schiller, Klinsmann und mir“, sondern war in seiner Jugend ein aufstrebendes Jungtalent, das gar beim FC Bayern München ein Probetraining absolvieren durfte. Verletzungspech beendete jäh die hoffnungsfrohe Karriere. Zellmer schoss dafür am Dienstag beim Torwandschießen alle anderen in Grund und Boden – man muss nur warten können.

Erwin Staudt indes feierte Wiedersehen – und zwar mit Bandleader Michael Petersen von „Just like Jazz“, die die Veranstaltung mit flotten Klängen umrahmten. Staudt, einst SPD-Kommunalpolitiker, und Journalist Petersen haben schon so manchen beruflichen Termin gemeinsam absolviert. Am Dienstag schmetterte der VfB-Präsident, begleitet von „Just like Jazz“, „Hello Dolly“ à la Louis Armstrong. Er ist halt ein Universaltalent, der VfB-Präsident.

kasi für  Zollern-Alb-Kurier

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Äbbes Kürzeres

Wie haben wir früher gelacht über das Äffle und das Pferdle, die 70-er-Jahre-Werbehelden der ARD. Wie sie Spagettis oder wohl eher Spätzle in sich hinein mampften und das Pferdle dumpf beißend zum Äffle im breitesten Schwabendeutsch sagte: „S’nächscht Mol kosch äbbes Kürzeres.“ (Für alle, die alles können außer Schwäbisch: „Das nächste Mal kochst Du etwas Kürzeres.“) Heute musste ich mich urplötzlich an die beiden Spaßgesellen erinnern. Unser Kind weiß, dass er sich ordentlich setzen muss, wenn er etwas isst. Heute klaute er sich ein Schokoküchlein und war zu faul, sich auf unsere Bistrostühle hochzuhiefen. Deshalb nahm er einen Klappstuhl, den wir für Spontangäste in der Speisekammer haben, und setzte sich darauf. Auf unsere Frage, warum er sich nicht den Hocker nimmt und viel bequemer auf die Theke sieht, antwortete er ganz keck: „Ich ess doch nur etwas Kurzes.“

Erde an Jupiter

Ich verdiene mein Geld mit Kommunikation aller Art. Das ist auch gut so. Allerdings frage ich mich mittlerweile ernsthaft, warum das immer sein muss, während ich esse. Ich habe böse Freunde, die jetzt vermutlich erwähnen würden: „Na klar, Kasi, Du isst auch ständig…“ Mag sein. Ich esse nie riesige Mengen, dafür aber oft. Aber ich kann die Uhr danach stellen, dass mein Telefon klingelt, wenn das Mittagessen heiß und dampfend auf dem Tisch steht. Dass ein Kollege in seiner – so eben begonnenen Mittagspause – noch eine Frage hat. Dass mein Mann nach seinem vergessenen Handy greint, wenn wir uns gerade an den Esstisch gesetzt haben. Dass der Opa ein Werkzeug vermisst, wenn wir gerade zu Abend essen. Mittlerweile gehe ich sogar so weit, dass in unserem Garten ein Spion sitzt. Einer, der – natürlich über modernste Kommunikationsmittel – gleich weiter gibt: „Erde an Jupiter, JETZT sitzen sie. Aktion bitte starten.“ Und dann klingelt kurz darauf das Telefon.

Stammgäste oder nicht

Wir waren den ganzen Tag auf der Messe. Von Stuttgart heimwärts gibt es mal wieder Stau auf der B 27. Deshalb beschließen wir, kurz eine Rast einzulegen und eine Kleinigkeit zu essen – in einem türkischen Restaurant. Wir bestellen, müssen kurz warten. Peter entdeckt in der Ecke eine typische türkische Sitzecke mit vielen Kissen und Decken. Er will partout hier sitzen. Wir haben allerdings Angst vor fettigen Pommeshändchen mit viel Ketchup und erklären ihm ach wie weise, dass das der Platz für die Stammgäste ist und man hier nur sitzen darf, wenn man mindestens zweimal pro Woche kommt. Erst hadert Peter mit uns, warum wir kein Haus in die Nachbarschaft des Lokals bauen – wo es hier doch so ein schönes Sofa gibt und wir dann Stammgäste werden könnten. Dann kommen zwei Jungs rein, die sich in Ermangelung anderer Plätze auf Peters Wunschmöbeln nieder lassen. Peter brüllt durchs ganze Lokal: „He, seid Ihr etwa Stammgäste? Kommt Ihr mindestens zweimal pro Woche?“

Halle kriegt Boden

In diesem Jahr gehen die gemeinsamen Ferienspiele der Gemeinden Nusplingen und Obernheim wohl noch einmal auf dem Heuberg über die Bühne – wenn auch turnusgemäß das Bäratal an der Reihe gewesen wäre.

Nusplingen/Obernheim. Warum? Nusplingen setzt seine vor einiger Zeit begonnene Sanierung der örtlichen Turn- und Festhalle fort. Nach den kaputten Fenstern ist der marode Hallenboden an der Reihe, der den Verantwortlichen schon lange ein Dorn im Auge ist.

In den Sommerferien geht es frisch ans Werk. „Um Schul- und Vereinssport nicht zu beeinträchtigen“, erklärt Bürgermeister Alfons Kühlwein. Eine kleine Schönheitskur erhalten zudem die Wände in Gestalt von frischer Farbe und die Holzvertäfelung. Auch elektrische Arbeiten stehen auf dem Programm. Der Boden selbst, für den die Ausschreibung derzeit noch läuft, kostet wohl zwischen 50.000 und 55.000 Euro; die gesamten Kosten des nächsten Sanierungsabschnitts legt der Rathauschef mit 80.000 bis 90.000 Euro fest. Am Samstag, 4. April, wird der Nusplinger Gemeinderat unter anderem Bodenmuster begutachten, wenn er etliche Besichtigungstermine wahrnimmt.

Weil für die Ferienspiele die Halle unabdingbar wichtig ist, müssen die Ferienspiele-Kinder also noch einmal in Obernheim toben. Im vergangen Jahr hatten die Ferienspiele bereits in der Heuberggemeinde stattgefunden, davor war Nusplingen allerdings zweimal der Ausrichter gewesen. weil Maya Kordina ihre Tätigkeit als Ferienspiele-Leiterin in ihrer Heimatgemeinde Nusplingen hatte beenden wollen.
kasi für Zollern-Alb-Kurier

Ganz schön viel Geld

Peter darf beim Bäcker zwei Brezeln selbst kaufen. Sie kosten 1,16 Euro. Ich gebe ihm 1,20 Euro. Er bekommt also noch vier Cent raus, in zwei Zwei-Cent-Stückchen. Voller Freude kommt er angerannt: „Maaami, das war viel zu viel.“ Munter beginnt er seinen kleinen Kindereinkaufswagen vollzuladen – mit Schokolade aller Art. Ich frage, was das wird. Peter mit dem normalsten Gesicht der Welt: „Ich muss doch den Rest vom Geld versorgen.“

Peter kommt aus dem Kindergarten. Ich frage, was er so gespielt hat. Er muss nicht lang überlegen: „Och, nicht so viel.“ Ich frage warum. Peter druckst etwas herum. Mir schwant wie immer nur das Schlechteste: „Musstest Du wieder alleine sitzen? Was hast Du heute wieder angestellt?“ – „Nein.“ Unser Dialog geht weiter. „Peter, was hast Du dann den ganzen Morgen gemacht, wenn Du nichts gespielt hast? Irgendwas musst Du doch gespielt haben.“ Peter entsinnt sich: „Jaaa, mit einer Trompete hab ich gespielt.“ – „Sonst mit nichts?“ Ich komme mir vor wie der Kommissar am Tatort. Peter ganz entnervt: „Mensch Mama, sonst muss ich doch wieder sooo viel aufräumen.“ Und in der Tat: Unser Sohn räumt wirklich nicht gern auf…

Öfter mal Danke sagen

Sonntag. Mittagessen. Wir sind gepflegt essen im Stammlokal unseres Vertrauens. Peter mampft zufrieden Nudeln mit Soße, Schnitzel und Gurkensalat. Danach gibt es traditionell noch eine Kugel Schokoeis mit Waffeln. „Hmmm… lecker“, mümmelt mein kleiner Nebensitzer. Ich sage – mehr aus Spaß – dass er sich für das gute Essen bei seinem Papa bedanken könnte, weil dieser uns ja eingeladen hat. Peter tut das vorbildlich: „Danke Papa für die nette Einladung.“ Wir staunen Bauklötze. Ist das das selbe Kind, das wenige Stunden zuvor das Nutella in den Haaren kleben hatte und sich weigerte, eine Serviette zu benutzen? Ein älterer Herr am Nebentisch schaut belustigt zu uns herüber und belauscht offensichtlich den förmlichen Dialog. Peter fackelt nicht lang: „Weißt Du, Du könntest Dich wohl auch bedanken für das tolle Essen, das Du gehabt hast.“ Damit hätten wir das auch besprochen.

Wichtig sein und wichtig nehmen

Heute zur Abwechslung einmal ein paar nachdenkliche Worte. Ich war diese Woche bei der Trauerfeier eines älteren Herrn, der jahrelang Zeitungen ausgetragen hat für eine meiner Redaktionen. Dieser Herr war unersetzlich, er erledigte Botengänge, er räumte auf, er sortierte das Altpapier, er stellte den Müll raus und erledigte morgens um 6 Uhr schon den Aushang. Im Winter schippte er Schnee, im Sommer kehrte er den Platz vor der Redaktion – und das alles, obwohl er gesundheitlich stark angeschlagen war. Für einen kleinen Lohn. Er war dankbar für ein paar nette Worte, ein paar Minuten Zeit und ein Stückchen Kuchen. Weil er keinen Führerschein besaß, erledigte er alle Botengänge mit dem Rad. Und dann saß ich in der Aussegnungshalle. Viele Kollegen. Wenig Familie. Die Pfarrerin  hatte Mühe, 20 Minuten Trauerfeier zu füllen. Ein paar dürre Worte, wie viel er gearbeitet hat. Und das war es. Zwei unbekannte Lieder, überdies viel zu hoch angestimmt, so dass die wenigen Trauergäste nur heiser mitkrächzen konnten. Am Abend dann das Kontrastprogramm. Ehrung eines Firmenmitarbeiters. Eines solchen, der selbst am besten wusste, was er alles geleistet hatte und über jede noch so kleine Maschinenstunde Buch geführt hatte und dem Laudatoren ständig ins Wort fiel, wenn er einen vermeintlich wichtigen Verdienst „vergessen“ hatte. Wichtig sein und wichtig nehmen ist eben doch zweierlei.