Mist mit sieben Dioptrien

Der Schwimmbadbesuch ist zu Ende. Familie Weiger hektiziert zum Ausgang – sonst heißt es nachzahlen. Ich beeile mich also mit Duschen, freue mich, dass meine beiden Männer schon vor der Damendusche stehen, als ich frisch gewascht und getrocknet nach draußen komme. Beim Näherkommen auf leisen Barfuß-Sohlen sehe ich einen kleinen blonden Jungen, der vertrauensvoll die Hand in die seines Papas legt. Mein Herz geht auf. Dann merke ich allerdings, dass Markus‘ neue Badehose ein klein wenig über den Popo gerutscht ist. Beherzt greife ich zu und brülle ihm ins Ohr: „Ich zieh Dir mal die Hose um. Da kann man voll Deinen Popo sehen.“ Markus dreht sich um. Er hat schöne blaue Augen und einen Bart. Einen Vollbart. Mir stockt der Atem. Das Blut gefriert mir in den Adern – so sympathisch der Mann da auch sein mag, dem ich lautstark seine Hose zurecht zupfe – es ist leider nicht meiner. Meiner hat seit knapp 40 Jahren grüne Augen mit hellbraunen Sprenkeln und noch nie einen Vollbart getragen. Und bei genauerer Betrachtung ist mein Göttergatte nicht ganz so fest. Freundlich zwinkert mich der junge Mann an – selbstverständlich ist der kleine, blonde Junge auch nicht meiner – und fragt: „Na, da hob ich jetzad grad denkt, des wär ma‘ Fra‘.“ Auch noch ein Franke. Ich entschuldige mich hochrot, stammle unsinnige Sätze und mache mich schleunigst vom Ort meiner Schmach. Mist auch mit fast sieben Dioptrien.

Ungeklärte Fragen III

* Warum schläft das Kind immer gerade dann ein, wenn wir wegmüssen? Und nicht dann, wenn wir einen ganzen Mittag daheim sind?

* Warum klingelt immer das Telefon, wenn ich in der Badewanne liege? Immer. Umkehrschluss: Wenn ich also will, dass ein Kunde dringend zurück ruft, sollte ich mir ein Bad einlassen.

* Warum geht immer bei mir das Nutella oder das Mineralwasser aus? Nie bei den anderen beiden.

* Warum klingeln mich Menschen abends um zehn wegen einer Kleinigkeit aus meiner wohl verdienten Ruhephase? Mit Dingen, für die am nächsten Morgen um 9 Uhr auch noch Platz gewesen wäre? Ich erschrecke bei spätem Telefonklingeln immer so…

* Warum muss mein Mann abends um zehn noch lautstark einen Drucker reparieren, der drei Wochen lang kaputt ist? Oder ein Regal montieren? Oder Reifen wechseln? Ich werde es nie verstehen.

* Warum regnet es ständig?

Kollaps in Ludwigsburg

Mein großer Tag. Tote-Hosen-Konzert in Ludwigsburg. Seit Wochen bin ich aufgeregt, seit ich ein Schulkind war, Tote-Hosen-Fan. Ich kenne Campinos Biografie besser als meine eigene. Ich kann jeden Text auswendig hersingen. Ich mag die Typen einfach riesig gerne. Die Doku-DVD „Friss oder stirb“ habe ich geschätzte 1000 Mal gesehen, genauso die anderen Konzert-DVDs. Ich habe sogar noch Hosen-Videos aus frühester Urzeit. Und jetzt – jetzt fahre ich also wieder einmal zu einem Live-Konzert.

Dummerweise ist die Woche davor Chaos. Viel Arbeit. Viele Termine. Kaum Schlaf, keine Zeit zum Essen. Nur Hetze. Baustress. Ich habe mein Leben gründlich satt. Am Freitagmittag brechen wir trotzdem auf. Wie früher mit Schlafsack, Kulturbeutel, Reserveklamotten, frischen Schuhen. Ich setze meine Festkappe auf – und gut. Müde bin ich trotz Hosen-Klamotten immer noch. Macht nichts. Gatte Liebreiz tröstet mich: „Du schläfst einfach im Auto ein bisschen.“ Gut 30 Minuten klappt alles bestens. Ich döse vor mich hin. Werde wach, weil der Holde Schlangenlinien fährt  – vor Müdigkeit. Er schlägt eine Rast auf einem Parkplatz vor. Für ein Nickerchen. Pause? Iwo. Nachher verpasse ich noch meine Hosen. Geht gar nicht. Also klemme ich mich selbst hinters Steuer. Souverän düse ich über die Autobahn Alex, Johnny Thunders, Bonnie und Clyde entgegen. Mein Mann schläft nicht. Er gibt mir Fahrunterricht. Ich fahre noch was schneller. Pah.

In Ludwigsburg angekommen, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Schöne-Barock-Städtchen erschlagen ist vom Punkrock. Die Menschen schauen skeptisch auf uns. Hurra, da gibt es sogar noch ein paar ganz bunte Punks mit Stacheln und liebevoll gebürsteten Irokesen-Igeln auf dem Kopf. Sie gewinnen gar keine Fans. Das Festivalgelände erreichen wir problemlos. Mittag gegessen haben wir immer noch nicht. Wegen meiner geliebten Laktose-Intoleranz gibt es für mich trockene Brötchen. Lecker.

Das Konzert beginnt. Von Beginn an super Stimmung. Mein Mann steht vorsichtig an seinem Zaun, wir sehen gut. Neue Songs, alte Lieder, klasse. Ich hopse und singe und schreie. Ich hab schließlich bezahlt. Plötzlich wird der Pressegraben geräumt. Die Herren und Damen Journalisten müssen zum Aktualisieren in ihre Redaktionen. Glück vor die Fans: Ein paar wenige dürfen in den Luxus-Bereich direkt vor der Bühne. Ich gehe stiften. Muss ja wenigstens mal gucken. Das Gatter schließt sich wieder. Ich und ein erlesenes Grüppchen stehen in einem nahezu leeren Graben direkt vor der Bühne. Aug‘ in Aug‘ mit Campino, Andi und Co. Ich kneife mich gleich dreimal in den rechten Oberarm. Davon träume ich, seit ich denken kann. Das Konzert ist fantastisch. Meine Stimme schwindet. Wer braucht schon eine? Irgendwann singt Campino „Walk on“. Und ich kehre zurück. Zu meinem Mann an dem Zaun. Er schimpft nicht, guckt bloß etwas skeptisch auf meine wankende Gestalt. Ich erkläre wortreich, wo ich war. Er fragt: „Fühlst Du Dich gut.“ – „Ach, mein Kreislauf war schon besser. Ich trink gleich was.“ Wir setzen uns in Bewegung Richtung Ausgang. Inmitten der ganzen Fanherde merke ich plötzlich, dass mein maroder Kreislauf Faxen macht. Ich wanke zur Sicherheit in Richtung eines benachbarten Bauzauns, weil ich nicht unbedingt in den Massen umkippen will. Das erledige ich dann gepflegt am Zaun. Nicht allerdings ohne vorher freundlich anzukündigen: „Mir nimmt’s grad die Knie weg.“ Ich liege auf warmem Asphalt. Ein netter junger Mann will einen Sani holen. Mein Mann: „Ach, die kommt wieder zu sich. Wir legen einfach mal die Beine hoch.“ Ich liege immer noch. Der junge Mann bleibt hartnäckig: „Ich hole jetzt doch einen Sani.“ Gesagt, getan. Die DRK-ler rücken mit einer Trage an. Über die vielen hundert Fans, die Richtung Auto strömen, werde ich in Richtung DRK-Garage gebracht. „Scheiß Drogen“, meckert eine freche Teenager-Gruppe. Zwischen einer Alkohol-Leiche und einem jungen Mann mit lädierten Beinen werde ich hingebettet. Kriege Wasser. Und wieder trockene Brötchen. Mein Mann schämt sich. Er im DRK-Zelt beim Hosen-Konzert. Ich erkläre ihm, dass ich Leute kenne, die schon bei Roberto Blanco in Ohnmacht gefallen sind. Und ich das peinlicher finde. Die Schimpf-Tirade setzt sich fort: „Weißt Du, wie alt Du bist? Wie unvernünftig? Wie kann man so bescheuert sein? Nach ganz vorn zu gehen?“ Ich liege, fühle mich grün und flau. Und sage ihm: „Ich bin 34. Und ich würde es SOFORT wieder tun.“

Ehrlich und mit Fassung

Was ich dieser Tage wieder einmal dachte: Mittlerweile machen mich die Doppelmoral und die Scheinheiligkeit unserer Gesellschaft ganz fertig. Ein Beispiel: Gern reist man nach Mallorca, aber niemand gibt zu, dass er auf dem Ballermann war. Alle reisen nur auf die Nordseite der Insel, so hört man allenthalben. So langsam mache ich mir Gedanken um Mallorca: Vermutlich die einzige Insel weltweit, die nur aus einer Nordseite besteht. Alle gehen nur zum Mountainbiken oder Wandern ins wärmste deutsche Bundesland. Da frag‘ ich mich immer: Wer bitte trinkt den ganzen Sangria? Zweites Beispiel: das Fernsehprogramm. Formate wie „Dschungelcamp“ und Heidi Klums Modelsuche erzielen Top-Quoten, aber offenbar haben sie trotzdem kein Publikum. Niemand schaut so etwas: „Ach, das tu‘ ich mir nicht an. Ich habe es nicht so mit Fernsehen. Ich lese lieber ein gutes Buch.“ Aber irgendjemand muss die Sendungen ja gucken – außer mir. Die Fastfood-Tempel sind auch so ein Thema: Da geht offenbar außer mir und meinem Kind niemand hin. Genauso verhielt es sich in meiner Jugend übrigens mit Modern-Talking-Platten. Bohlen und Nora-Anders verdienten Millionen. Aber niemand kaufte sie. Noch Fragen? Also: Ich oute mich. Ich liebe Chicken-Mac-Nuggets und Burger-King-Pommes. Ich schaue „Germany’s Next Topmodel“. Ich war zwar noch nie auf Mallorca (echt!), würde mir den Ballermann aber unbedingt einmal angucken. Modern-Talking-Platten habe ich zwei (von früher). Und ehrlich gesagt: Manchmal ist mir Bücherlesen zu anstrengend, da gucke ich mir lieber die Schrottplatz-Brüder Ludolf auf DMAX an. Seien Sie ruhig entstetzt. Das trage ich stolz mit Fassung.

Kein Auto zu verkaufen

Wissen Sie, was ich so langsam echt hasse? Diese kleinen, bunten Visitenkärtchen, die nach einem Einkauf im Einkaufscenter oder im Drogeriemarkt an meinem Scheibenwischer hängen: „Möchten Sie Ihr Auto verkaufen? Wir bieten auch für Schrottautos gute Preise und holen sie sofort ab…“ Hallo? Fahre ich ein Schrottauto? Nein, denke ich eigentlich nicht. Mein Kleinwagen ist jetzt mit Sicherheit nicht die Designschönheit schlechthin (das ist für mich der neue Scirocco in der Sportausführung, in Knallrot, mit schwarzen Ledersitzen), aber mein feuriger Spanier fährt mit seinen 75 PS ordentlich schnell (zum Geblitzt-Werden langt’s…). Außerdem hat er schicke Alu-Felgen, Sportsitze und nur eine kleine Schramme vorne links. Diese stammt von dem alten Öltank in meiner Garage. Obwohl mein Auto bald 60.000 Kilometer und etwas über drei Jahre auf dem Buckel hat, läuft das Kistchen prima. Darum ärgern mich diese Windschutzscheiben-Zettel. Ich würde mich schon selbständig regen, wenn ich mein Auto hergeben wollte (spätestens, wenn ich das Geld für einen Scirocco beisammen habe). Ich finde es anmaßend, meinem Auto so klammheimlich und hintenrum zu unterstellen, dass es eine Schrottmühle ist. Außerdem hat er mich noch nie im Stich gelassen – und das, sind wir mal ehrlich, kann man nicht von jedem behaupten.

Ich und Reich-Ranicki

Eigenlob stinkt ja bekanntlich. Aber durchs Internet kann man das ja nicht riechen. Und ich MUSS jetzt einfach einmal von etwas erzählen, was es schaffte, dass ich von einem Zeitungstermin heimflog und danach vor Stolz im Sitzen schlafen musste.

Ein feiner Termin in der örtlichen Stadthalle. Die Männer in Anzug und mit Krawatte (ich deshalb ohne Mann), die Frauen im Kostümchen mit hohen Schuhen (oh ja!) oder manche sogar im langen Kleid. Ich und ein Praktikant vom Konkurrenzblatt (mindestens zehn Jahre jünger) sitzen ganz vorne miteinander an einem Vierertisch, gegenüber von uns ein reizendes, älteres Ehepaar. Wie das so ist, kommt man bei Lachs-Häppchen, Entenbrust und Mousse ins Gespräch. Die nette Dame interessiert sich stark dafür, wie das so ist bei der Zeitung, was man da so lernen müsse, wie die Ausbildung über die Bühne gehe, ob man Journlismus auch studieren könne. Der junge Mann und ich geben bereitwillig Auskunft. Bis sie dann fragt, wann wir denn mit der Ausbildung fertig seien. Ich schweige höflich; der junge Konkurrenzblatt-Praktikant erklärt wortreich sein Praktikum, seine Zukunftsvorstellungen, seine Ideale und Ziele und überhaupt sein ganzes Leben – frei nach dem Motto „Ich, Reich-Ranicki und mein Verleger“.

Und ich? Ich schweige noch immer. Ist ja auch alles schon ne Weile her – das mit Ausbildung und so. Nebenbei: Den Journalismus-Zweig, der mich damals beherbergte, gibt es in der finanzschwachen Weltmetropole Berlin gar nicht mehr, und das auch schon seit einigen Jahren. Bis meine wissbegierige Tischnachbarin mich fragt: „Und Sie? Wann sind Sie fertig?“ Ich dachte, sie meint meine Essenstätigkeit und antwortete wenig einfallsreich: „Ach, in drei Minuten. Noch kurz die Erdbeerchen und die Schokosoße…“ Dann sagt sie und wedelt belustigt mit ihrer Serviette: „Nein, Fräuleinchen… nicht mit dem Essen, sondern mit Ihrer Ausbildung…“ Wäre ich woanders gewesen und hätte jetzt am Eingang einer Disko um Einlass gebeten oder im Fußballstadion auf die Leibesvisitation gewartet, hätte ich mit Sicherheit gedacht, dass mich da jemand ganz gewaltig aufs Ärmchen nimmt. Und gebrüllt: „He, Du glaubst wohl, Du kannst mich verarschen? Nein, kannst Du nicht. DA musst Du schon früher aufstehen…“ Aber die ältere Dame schaut mir ganz freimütig ins Gesicht und lächelt milde ob meiner Begriffsstutzigkeit. Ich fühle mich befleißigt, sie aufzuklären. Dass ich schon längst ausgelernt habe. Dass ich sogar schon studiert habe. Und dass daheim ein vierjähriger Peter auf mich wartet. Ihr Erstaunen ist echt: „Und ich dachte, da haben die Redaktionen heute echt Mut bewiesen und zwei ganz junge Küken geschickt.“ Wie gesagt, ich bin heimgeflogen. Und war glücklich darüber, dass sich meine teure Gesichtscreme rentiert hat und ich in der Nacht zuvor mal ausnahmsweise genug geschlafen hatte. Dass das Licht in der Stadthalle gedimmt war. Dass mein Make-up gelungen war. Stolz war ich trotzdem. Hach.

Der Fairness Willen aber auch ein Ereignis, an das ich mich weniger gern erinnere. Wir unternahmen vor ein paar Jahren eine Fahrt in polnische Partnerstadt unserer Gemeinde. Damals hatte ich mich kurz zuvor mit meinen Inlinern so was von auf die Fr… gelegt… ich sah aus wie gesteinigt. Überall Schürfwunden, das ganze Gesicht verquollen, blutunterlaufen. Kein wahrer Augenschmaus. Und zu allem Überfluss hinkte ich, weil ich mir bei meinem fiesen Sturz auch noch einen Zeh gebrochen hatte. So kam ich also nach Polen. Ich genoss Sonderbehandlung. Durfte immer sitzen, wo andere stehen mussten. Bekam immer gleich zu trinken oder zu essen. So gesehen, profitierte ich durchaus von meiner Sportverletzung und kam mit meiner Behinderung ganz gut zurecht.

Zwei Jahre später kam die polnische Delegation zu uns in den Ort. Es ergab sich ganz zufällig, dass ich kurz zuvor wieder sport-verunfallte: Ich riss mir den Knorpel im Knie im Fitness-Studio, was eine aufwändige OP und Krückenlaufen mit sich brachte. Plötzlich kam eine fröhliche, junge Frau auf mich zugelaufen: „Du musst sein Kaatja.“ Ich bejahte. „Soll Dir sagen viele Grieße von Deiner polnischen Gastgeberin.“ Ich freute mich ehrlich – die Gastgeberin war eine reizende Dame gewesen. Ich fragte, woher sie denn gewusst habe, dass ich Katja bin. Sie antwortete: „War ganz einfach. Deine Gastmutta hat gesagt, Katja is ganz arm Frau, wo kann nicht richtig gehen.“

Weißrot beschirmt und etwas schusselig

Zur Zeit bin ich etwas schusselig. Beispiel: Letztes Wochenende. Viele Termine. Viel Arbeit. Stress pur. Nun gut, da passieren Pannen. Samstagmittag. Ich bin auf einem Termin und vergesse dort meinen Block. Sonntag: Ich vergesse konsequenterweise gleich den ganzen Termin. Dienstag: Ich finde nach dem Termin in der nächtlichen Innenstadt mein Auto nicht mehr. Am Mittwoch muss ich beim Unterzeichnen einer Überweisung doch glatt auch noch überlegen, wie ich eigentlich heiße – schlappe fünf (!) Jahre nach meiner Heirat. Am Donnerstag: blieb ein Regenschirm auswärts. Muss ich mir Sorgen machen? Vermutlich schon. Ich schätze, es gibt Ärzte, die so etwas therapieren. Allerdings würden die mir besser mal einen meiner vielen Termine abnehmen. Ach ja, ich hab übrigens alle Pannen wieder glatt gebogen. Den fehlenden Block brachte mir mein Kind über Umwege aus dem Kindergarten mit („Kannst Du mir mal sagen, warum ich ein Päckchen mit nem Block bringen muss?“). Den vergessenen Termin machte ich durch eine freundliche Telefonrecherche und eine riesig nette Gesprächspartnerin wieder wett. Und das Auto habe ich auch wieder gefunden (zum Glück). Einzig und allein mein Regenschirm blieb verlustig. Leider der einzig schwarze, den ich besitze – für traurige oder feine Anlässe. Wenn Sie also demnächst bei einer Beerdigung oder ähnlichem ein sorgsam gekleidetes Fräulein mit einem weiß-rot-gestreiften Schirm leuchten sehen, bin das ich.

Der Kuddel geht zelten

Kennen Sie das auch? Montage, nach denen Sie wünschen, die Woche wäre schon vorbei, Sie am Samstagabend nach „Wetten dass..?“ oder „Auf los geht’s los“ frisch gebadet im Bett (jaaa, ich bin ein Kind der 80-er), und hätten frisch gewaschenes Haar, das nach Schauma Grüner Apfel riecht? So einen Montag hatte ich vorgestern. Frohgemut machte ich mich auf ins Büro, vor dem inneren Auge Berge nicht erledigter Arbeit. Ziel: die Schreibtischplatte mal wieder sehen. Von meinen sage und schreibe vier Druckern im Büro – in Zahl: 4 – funktionierte urplötzlich kein einziger mehr. Ich musste aber unbedingt Korrekturabzüge ausdrucken… Mein Laserdrucker mochte das bereits schon einmal benutzte Papier partout nicht. Mein Tintenstrahler fand die Patrone doof und meldete diverse Patronenfehler. Mein Uralt-Gerät blinkte wild, sein Nebenmann ließ die Sicherung mehrfach schnellen (Wozu ist mein Mann Elektriker? Vielleicht sollte ich mal jemand fragen, der Ahnung von der Materie hat). Ich geriet in panische Zeitnot und bekam rote Backen. Nach langem Hin und Her, etlichen Telefonaten mit der Kasi-Mann-Hotline (verbunden mit herzhaftem Fluchen), funktionierte die Technik wieder. Trotzdem gelang es mir, ein halbwegs schmackhaftes und natürlich farbenfrohes und gesundes Essen für meinen vierjährigen Thronfolger zu kochen; dass dieser nur bedingt begeistert war, soll nicht weiter ausgeführt werden, auch nicht, dass ich wieder einmal die letzte Mama am Kindergarten war und einen vorwurfsvollen Blick aus bernsteinbraunen Augen erntete: „Ich dachte schon, Du kommst wieder nicht…“ (Selbstverständlich habe ich mein Kind noch  NIE vergessen.)

Danach ging es gerade so weiter. Ich versemmelte einen Termin (ehrlich gesagt habe ich ihn inmitten von Baustress einfach vergessen). Mein reizender Kollege rief an und frage: „Liebe Kasi, wann kommt denn Dein letzter Text?“ Ich fragte: „Welcher?“ Er dachte, ich mache Späßeken. Er machte pflichtschuldigst „Haha.“ Um unnachgiebig zu sagen: „Na der Termin von gestern Morgen. Kunst.“ Urplötzlich fiel mir ein. Jaaa, da war doch was. Leider 24 Stunden zu spät. Schön. Jeden anderen hätte ich höchstselbst gesteinigt. Hochrot stammelte ich peinliche Entschuldigungen. Machte eine Verbalwindung nach der anderen. Bekam eine Schweißattacke nach der anderen. Und wieder rote Backen. Und dachte, wenig rotbäckchenlike,  das unschöne Wort mit Sch… Mehrfach. Besser machte es die Sache nicht. Lange Rede kurzer Sinn. Ich brachte die Kuh vom Eis. Brachte trotz Unanwesenheit einen netten Text zusammen. Dreimal Puh.

Danach kam ich Hausfrauenpflichten in meiner sträflich vernachlässigten Küche nach. Räumte die Spülmaschine aus und gleich wieder ein. Dabei schaffte ich es, mehr Scherben als ein Recyclinghof zu produzieren. Das Sohnemannkind, altklug wie sein Erzeuger: „Sag mal, muss das alles heute kaputt sein?“ Was soll ich sagen – er hatte ja Recht. Damit das für den Junior so offensichtliche Elend ein Ende fand und ich nicht doch noch mit Simpsons-Tassen um mich warf, genehmigte ich eine Runde Kika (natürlich mit vorherigem Studium des Fernsehheftes nach pädagogischen Gesichtspunkten). Als sich das Chaos in der Küche gelichtet hatte, fand ich heraus, dass dem Sohn meine Toten-Hosen-DVDs offenbar besser gefallen als der pädagogisch einigermaßen korrekte, werbungsfreie Kinderkanal: „Schau mal, Mama, der Campino geht mit Kuddel zelten. Den VOM haben sie schon im Wald verloren. Der ist genauo verwirrt wie Du.“ Noch Fragen?

Gorilla (rechts), Bürgermeister (links)

Ich bin mitunter ein etwas schadenfroher Zeitgenosse. Ich liebe den Hohlspiegel (also die Seite im „Spiegel“, die sich über Schreibpannen der anderen lustig macht). Auch bei der täglichen Zeitungslektüre freue ich mich stets über ein so genanntes Bonmot. Ehrlich gesagt habe ich dafür sogar eine kleine Sammlung. Über die ich mich, ähnlich wie bei Loriot, immer wieder kaputt lachen könnte. Schön war der Satz „Die Gemütlichkeit stand mitten im Raum“. Ein boshafter Mensch wie ich überlegt sich dabei stets, wie das wohl ganz konkret aussehen könnte. Steht mitten im Raum  ein massiger Herr, mit rosigen Wangen, brauner Kordhose mit Hosenträgern überm Flanellhemd? Oder ein rundliches Fräulein im schwarzseidenen Kleid? Sehr gelacht haben wir pietätlosen Journalisten einst auch über die Formulierung aus einem uralten Archivartikel, in dem jemand an „vagina pectoris“ gestorben war. Böse, böse. Oder über den  armen Rathauschef, dem der kalte „Scheiß“ auf der Stirn stand. Selbst vor einer bildlichen Vorstellung dieses Malheurs schreckten wir nicht zurück. Ugh. Solche Stilblüten sind mitunter eine sehr eklige Sache, meine Leser mögen mir verzeihen. Toll war jedoch auch, was eine Kollegin fertig brachte, als ein Zirkus in der Stadt gastierte: „Unser Foto zeigt Bürgermeister XY (links) zusammen mit den beiden Gorillas Bibi und Lola (Mitte und rechts).“ Ja, bei manchem Politiker muss man diese feine Unterscheidung durchaus dazu schreiben. Nicht dass es zu internen Verwechslungen kommt. Und ich selbst? Klar, ich war in all den Jahren auch nicht gefeit vor kleineren Schreibpannen. Ich erinnere mich mit Schrecken an die „Vögel-Ausstellung“ (statt „Vogel-Ausstellung“).

Minzfrische und Bohrgeräusch

Beim Zahnarzt geht es mir immer so, wie wenn ich einen Brief von meiner Stadtverwaltung (Strafzettel wegen Rasens), der Stadtbücherei (Mahnung wegen Fristüberziehung) oder dem Finanzamt (irgendwelche Belege zu spät geschickt)  im Briefkasten habe: Ich fühle mich schuldig. Schuldig, weil ich nicht die Dutzende von Zahnpflegeprodukten im Schrank habe, von denen einen die Werbung glauben macht, man brauche sie unbedingt. Für minzfrischen Atem, gegen Zahnfleischschwund oder für die Dritten (die ich gottlob noch nicht habe). Tausend Gelegenheiten fallen mir ein, zu denen ich die Zähne (aufgrund von Zeitmangel) nur schnell schnell und nicht nach KAI-Prinzipien geputzt habe. Und schon gar nicht in kleinen Kreisen, sondern eher schrubb-schrubb. Ich erinnere mich an meine elektrische Zahnbürste. Schuldbewusst, weil sie gerade nicht aufgeladen ist. Überhaupt bin ich niemand, der gern zum Zahnarzt geht. Obwohl mein Zahnarzt jung, gutaussehend, nett und umgänglich ist. Trotzdem. Trotzdem reisen bei mir zu viel Angst und schlechte Erinnerungen an längst vergangene Zeiten mit (für die mein heutiger Zahnarzt absolut nichts kann). Ich mag den Geruch in der Praxis nicht. Ich kann den Bohrer nicht hören. Ich mag nicht einmal seinen automatischen Stuhl. Selten im Leben bin ich so erleichtert, wenn er sagt: „Alles okay.“ In einem halben Jahr ist es wieder soweit.