Sogar noch richtig neu

Es gab ein schweres Gewitter. Bei uns zu Hause funktionieren weder Telefon, noch Internet oder Fernsehen. Ich erkläre Peter, dass da wahrscheinlich weit weg irgend etwas durch einen Blitz kaputt gegangen ist, das aber nicht ganz so tragisch ist, weil wir ja noch die Handys haben, um im Notfall telefonieren zu können. In einem Anschwung von Nostalgie erkläre ich dem aufmerksam lauschenden Knirps, dass ich in einer Zeit ohne Handys groß geworden bin: „Das gab es noch nicht, als ich klein war.“ Das Kind nickt fachmännisch: „Klar, das ist ja auch schon lang her. Gab es da überhaupt schon Telefons?“ Ich erinnere mich an schauderhaft grüne oder orangene Exemplare, gern auch im Brokatröckchen, die meistens auf einem formschönen Telefontisch in der Diele standen. Trotzdem nicke ich eifrig: „Ja, klar Peter, Telefone gab es schon, als ich klein war.“ Peter lässt nicht locker: „Obwohl das schon sooo lang her ist?“ Was denkt das Kind? Dass ich höchstselbst bei der Erfindung des Telefons zugegen war? Der Thronfolger kann das gar nicht fassen. Aber er ist gnädig: „Aber so ganz alt bist Du ja auch noch nicht. Sogar noch richtig neu.“

Unsere Telefon-Diskussion nimmt eine andere Wendung. Peter ärgert sich, dass nichts mehr funktioniert. „Wie ruft man jetzt Emäls ab?“ -„Jetzt zuerst mal gar nicht. Aber das ist nicht so tragisch, ich muss heute nicht mehr arbeiten.“ Peter überlegt weiter und streckt seinen rechten Zeigefinger wissend in die Höhe: „Ich weiß was“, ruft er beglückt aus. „Wir beschweren uns bei Herrn Donner und schreiben dem einfach einen bösen Brief, und dann läuft die Kiste wieder.“ Ich mache mir ernsthaft Gedanken um meine Rolle als pädagogisch-wertvolles Vorbild: So läuft es also bei uns. Wenn irgendwas nicht klappt, schreibt Mama Kasi einen bösen Brief, und alles ist wieder im Lot. Wieder einmal nehme ich mir vor, dass das Kind nicht ALLES mitkriegen sollte.“

Eine Freundin oder mehr

Peter erzählt beim Mittagessen von Lara, einer neuen Freundin. Ich frage ihn nach seiner „Bisherigen“ und verbessere mich: „Ach ja, in Deinem Alter kann man ja durchaus noch zwei Freundinnen haben…“ Peter nickt wissend und sagt: „Oder vier oder noch mehr…“

Peter hat einen liebenswürdigen Nenn-Onkel, den er über alles liebt. Bei diesem gibt es immer Kaubonbons. Peter, wie ein kleiner Drogenhund, weiß das natürlich; dementsprechend groß ist immer die Freunde, wenn besagter Herr irgendwo auftaucht: Dann gibt es nämlich Süßi. Eben hat Peter ein Zitronenbonbon gekriegt und mampft genüsslich. Plötzlich sagt der Bonbon-Geber: „Pass auf, jetzt kriegst Du nochmal drei Bonbons. Du mussts aber Mama und Papa auch eins geben.“ Peter nickt eifrig, greift sich in den Mund und holt das angekaute heraus. Richtig, man hatte ihm ja nicht gesagt, dass er ein NEUES Bonbon hergeben müsse.

Kind von Bord

Wir sind auf dem Sportplatz bei einem Fußballturnier. Während Papa und Mama zielgerichtet den Platz hinterm Tor ansteuern, macht sich Sohnemann auf zum Spielplatz – nicht ohne jedoch genau erklärt bekommen zu haben, wo er Mama und Papa im Notfall findet (Hunger, Durst, Klo oder andere, seelische Nöte). Auf dem Sportgelände gibt es zwei Plätze, auf beiden wird lautstark gespielt. Wir hören nicht, dass „Peter Mama und Papa“ sucht. Wir hören auch nicht, dass er ausgerufen wird. Blöd ist nur, dass es sonst jeder hört. Irgendwann ist das Spiel aus, wir finden unser Kind wieder, und gehen, als sei nichts gewesen, eine Wurst essen. Bis aus dem Lautsprecher eine fröhliche Stimme ertönt: „Wir begrüßen auch ganz herzlich die wiedervereinigte Familie Weiger, die sich offenbar wieder gefunden hat.“ Schön, wenn jeder weiß, was für Rabeneltern das Kind hat.

Peter liest ein Kinderbuch mit der Häschenbande. Auf der letzten Seite kommt der Fuchs zu Besuch, den bei Hasens natürlich niemand so richtig gern mag. Die Häschenbande hat also Angst. Nachdenklich betrachtet Peter die davon rennenden Langohren und meint ganz trocken: „Die hätten sich mal besser Gedanken über eine Überwachungskamera gemacht.“

Die Karriere sitzt

Peters Papa spielt schon seit Jahren in einem Fanfarenzug. Peter geht immer gern mit zu den Auftritten  und findet die Uniform total schick. Ich: „Peter, willst Du auch einmal im FZ spielen?“ – Peter ungerührt: „Neee… ich werd‘ Schlagzeuger bei den Toten Hosen.“ Die Karriere sitzt.

Wir kommen wieder

Ich beneide alle, die ohne Kind ein Haus bauen können. Wir brauchen für jeden gemeinsamen Bau-Dienst einen Babysitter, egal ob Bretter-Tragen oder Firmenbesuch, oder wir nehmen den Knirps halt mit. Mittlerweile fragt das Sohnkind schon, wenn wir mal „nürgends wo“ hingehen: „Gehen wir heute zu keinem Schreiner?“ Nun ja. Diese Woche waren wir zwar bei keinem Schreiner, aber dafür bei einem Sanitärfachmann und Heizungsbauer. Peter, direkt aus Kindergarten und Omas Garten, steht vor Dreck. Zum Umziehen reicht die Zeit nicht, weil sowohl Papa als auch Mama im Büro getrödelt haben. Deshalb nehmen wir unser verdrecktes Sohnkind halt so mit wie es ist. Ohne Abendessen und frische Klamotten, dafür mit viel frischem Sand, Grasflecken und leichtem Sonnenbrand. Kaum im Büro des sehr freundlichen Herrn angekommen, sagt Peter: „Du hast es schön hier. Kann ich bitte ein Glas Wasser haben?“ Die Frau des netten Handwerksmeisters bringt für uns alle Wasser und Gläser. Peter trinkt zufrieden. Um dann mitzuteilen: „Jetzt hab ich aber Hunger.“ Wieder weiß die nette Gattin Abhilfe und bringt ein Überraschungsei. Peter mampft ergeben: „Mönsch, super, sogar mit ner Brosche drin. Jetzt gehe ich in die Spielecke. Wo ist die?“ Während ich den Tisch säubere und das Kind, können mein Mann und der nette Heizungsfachmann wenigstens die Details unserer Heizung klären. Eine Spielecke, bedauert der Firmenchef mit traurigem Gesicht, gebe es nicht. Peter nimmt das einigermaßen gelassen: „Dann gibt’s die halt das nächste Mal.“ So weit alles klar. Weiter im Heizungs-Text.

Bis Peter wieder die Ruhe stört: „Sag mal, wo ist Dein Klo? Ich muss mal groß.“ Ich weiß nicht, wohin ich gucken soll. Mein Mann wünscht sich vermutlich zu seiner Mama zurück in seine Single-Wohnung unter dem Dach. Ich packe den Sprössling und folge mit rotem Kopf dem netten Heizungsbauer in seine sanitären Anlagen. „Cool“, brüllt Peter, „sooo ein schönes Klo will ich auch.“ Ja. Ich spüle Dich gleich das schöne Klo runter, Du Satansbraten. Peter sitzt auf, und alles passt. Wir lüften und gehen frisch gewaschen zurück in den Besprechungsraum. Der Rest des Gesprächs verläuft einigermaßen ruhig. Als wir gehen, bekommt der Zwerg eine eigene Seife, einen eigenen Labello und einen eigenen kleinen Meterstab. Das Kind strahlt vor Glück und sagt: „Danke schön. Du bist so nett. Und alles ist so schön. Sogar die Kaktusse auf dem Balkon. Wir kommen wieder.“ So eine Drohung für so einen netten Mann. Er tut mir Leid.

Am Tag darauf. Peter zieht seine Lieblings-blaue-Latzhose an (viel zu kurz, und trotz Hitze mit gestrickten Socken): „Jetzt fehlt nur noch das Heizungsbauer-Logo. Weil ich werd jetzt Rockstar und Heizungsbauer in einem schönen Büro.“

Wenn der auch nicht hört

Ein hektischer Tag. Spät vom Termin zurück. Im Sturmschritt eingekauft. Kind vom Kindi abgeholt. Wenigstens war der Thronfolger dankbar: „Super Mama, heut‘ war ich wenigstens mal nicht der Letzte.“ Danach mit fliegendem Schurz und unendlicher Hektik ein nahrhaftes und leckeres Mittagsmenü gezaubert. Während ich bis zu den Ellbogen in der Fleischmarinade stecke, klingelt das Telefon. Weil ich den Hörer ungern mit Chili-Sauce vollschlunzen will, weise ich das Sohnkind an, sich ordentlich zu melden und freundlich mitzuteilen, dass seine Mama gerade kocht und später zurückruft, er aber auf jeden Fall nach dem Namen fragen soll. Das Klingeln hört auf, Peter ist also am Telefon. Ich hingegen lausche angestrengt: „Meine Mama kocht. Du sollst später anrufen. Aber erst, wenn wir Mittagessen gehabt haben und Nachtisch gegessen haben.“ Okay. Sinngemäß kommt das ja einigermaßen hin. Ich frage, wer dran war: „Ein unhöflicher Mann. Er hat seinen Namen nicht gesagt. Ich meinen aber auch nicht.“

Exakt drei Minuten später dudelt das Telefon wieder. Peter brüllt in den Hörer: „Hab ich Dir nicht gesagt, dass Du später anrufen sollst? Dass wir erst Mittag essen? Und Nachtisch? Und dass die Mama kocht? Mensch.“ Wütend drückt er das Gespräch ab und meckert vor sich hin: „Wenn der auch nicht hört.“

Ein dicker Bauch und was hilft

Peter liebt Werbefernsehen, obwohl wir wirklich schauen, dass er seltenst diesem Konsum-Wahn ausgesetzt ist. Peinlicherweise kann er trotzdem alle Produkt-Sprüchleins auswendig. Unlängst war er bei einer sehr lieben Bekannten zu Besuch, die, nun ja, etwas kräftig ist. Prompt hatte Peter einen guten Rat: „Also, ich denke, Du solltest es einmal mit Aktivia versuchen. Das hilft gegen einen dicken Bauch, wenn er aufgebläht ist.“

Zukunftsperspektiven

Peter überlegt sich zur Zeit ständig, was er mal machen will, um Geld zu verdienen. Auf der Liste ganz oben: 1) Rockstar (am liebsten Sänger oder „an de Schlagzeug“), Automechaniker, Busfahrer oder Astronaut. Ich erkundige mich, was für ein Wunsch gerade aktuell ist. Der Knirps überlegt: „Ach, eigentlich alles.“ Prima. Dann wird mein Sohn also Astronaut und Werkstattsbesitzer, der in seiner Freizeit Bus fährt und in einer Punkband singt oder schlagzeugt. Wenn das keine Zukunftsperspektiven sind.

Peter ist ungeduldig – er will zu seinem Papa auf die Baustelle. Ich habe jedoch die belegten Brote noch nicht fertig. Deshalb dauert es noch. Mein Sohn quengelt: „Maaaama, gehen wir jetzt oder gleich?“

Peter will zu Hause bleiben und „überhaupt gar nürgends hin“. Ich frage nach dem Grund: „Ich hab‘ schreckliches Beinweh. Immer wenn ich mich fest in mein Bein kneife, tut es weh.“

Die falschen Zielgruppen

Fußballturnier im Nachbarort. Wir gehen nach Baustress kurz hin, um zu Abend zu essen. Peter ist schwer begeistert: Die Band, die nach dem Handwerkerhock auftreten will, macht Soundcheck. „He Mama, komm mal, die spielen voll coole Mucke.“ Erstaunte Blicke von ein paar jungen Männern. Peter brüllt ungeachtet dessen weiter: „Ja, schnell, komm, wir tanzen.“ Peter übt sich im Headbangen. „Maaama, komm… die spielen ‚Zu spät‘ von den ‚Ärzten‘ und die Bonnie von den ‚Tooooten Hooosen…’…“ Die jungen Herren schütteln den Kopf. So was haben sie wohl selten erlebt. Ein headbangender Vierjähriger mit Punkrock-Kenntnissen. Letzten Endes gehen wir natürlich dann doch nach Hause – eine Rockparty gehört für einen Vierjährigen nicht unbedingt zum pädagogischen Grundprogramm. Peter findet das doof. Deshalb vor dem Zelt eine neuerliche Diskussion: „Warum muss ich jetzt heim?“ -„Weil es spät ist. Du ins Bett musst. Und weil Du für so was noch zu klein bist.“ Peter grummelt. „Aber Mama, weiß Du was? Du gehörst da auch nicht unbedingt zur Zielgruppe…“ ????? Ich sollte berufliche Telefonate wohl künftig nicht mehr vor dem Kind führen. Dennoch kontere ich: „Ja, das stimmt. Ich gehöre wohl eher nicht mehr zur direkten Zielgruppe. Soll ich Dir aber was sagen? Du gehörst auf gar keinen Fall dazu…“

Alte Schachteln

Krieg im Kinderzimmer. Peter muss (wieder einmal) die tagesinterne Verwüstung beseitigen. Mein Mann „hilft“ ihm dabei. Was lautstark zu hören ist. Markus ungehalten über eine leere Druckerschachtel (riesig, Ton: seeehr genervt): „Dieses Ding kommt da raus. Du hast keinen Platz.“ Peter (lautstark, Ton leicht quengelnd und ein Tick besserwisserisch): „MEINE Mami (also ich) sagt aber, ich darf sie behalten. Sie hat sie mir sogar GESCHENKT.“ Erstes stimmt das (was hätte ich auch damit tun sollen?). Zweitens hebt er bei „MEINE MAMI“ und „GESCHENKT“ den Ton in astronomische Höhen. Peters Papa: „Ne, Peter. So einen Quatsch kann ich mir nun also wirklich nicht vorstellen.“ Peter (jetzt brüllend): DOOOCH.“ Noch etwas lauter: „MAAAMI.“ Ich schlichte den Streit, tröste den Zwerg, erkläre ihm bestimmt, dass sein Zimmer ein Schweinestall ist. Dann erkläre ich (ich Gutmensch) meinem Mann, dass er vielleicht auch akzeptieren muss, dass das Ordnungssystem eines knapp Vierjährigen ein anderes ist als das eines Mannes, der zehnmal so alt ist. (Anmerkung der Redaktion: Dass dies reines Wunschdenken ist, sieht jeder, der das Arbeitszimmer von meinem Mann kennt. Diesen Aspekt vergisst Markus immer. Peter zu seinem Glück auch 🙂 ) Der Schwäbische Friede im Kinderreich hält an. Peter räumt eifrig auf, Markus assistiert. Und irgendwann höre ich Markus mit samtweicher Stimme fragen, als habe er Kreide gevespert wie der Wolf  im Märchen: „Peter, wo hast Du denn Deine alten Kastanien am liebsten?“