Denken bei der Arbeit

Kind wird von mir am Kindergarten abgeholt, ausnahmesweise mal pünktlich. Peter ist zur Zeit sehr faul und mag überhaupt nicht zu Fuß gehen. Dieses Mal habe ich in der Tat das Auto dabei, weil ich eben erst von einem Termin zurückkomme. Folgender Dialog am Kindergartentor.

Peter: „Hi, Mama. Hast Du ausnahmsweise heute mal das Auto dabei?“

Ich: „Ja, ausnahmsweise.“

Peter: „Da hasse Dir ausnahmsweise mal was gedacht.“ Danke auch.

Bei den Vorbereitungen fürs Mittagessen gehen die Schmeicheleien weiter. Ich koste die Sauce. Peter kommentiert das mit: „Lirum Larum Löffelstiel. Alte Weiber fressen viel.“ Auch nett. Schön, dass wir auch darüber gesprochen haben.

Warum…

… habe ich immer Herpes, wenn man mich fotografieren muss? Es gibt seit der vierten Klasse kein „offizielles“ Foto von mir ohne Lippenbläschen.

… wacht mein Kind samstags pünktlich um 5 Uhr früh auf und könnte wochentags bis acht schlafen, so dass wir dann in den Kindergarten rennen müssen?

… geht immer bei mir das warme Wasser im Bad aus? Hat sich schon einmal jemand die Haare kalt gewaschen? Igitt.

… warum haben wir nie Milka Zartherb im Haus, obwohl ich für mich immer mindestens drei Tafeln einkaufe?

… warum dauert es beim Einkaufen immer gerade an meiner Kasse am längsten? Obwohl ich so sorgsam überlegt habe, wo ich mich anstelle? Und wenn es einmal schnell geht, muss man spätestens bei der Kundin vor mir storniernen – „Frau Maier, den Schlüssel… Storno!!!“ Und es dauert wieder ewig.

… sind Druckerpatronen immer dann leer, wenn man gerade etwas BESONDERS Wichtiges ausdrucken muss?

… hat Kabel BW immer dann Wartungsarbeiten, wenn ich für den Job wirklich Internet brauche?

… schläft mein Kind im Auto 400 Meter vor dem heimischen Garagenhof ein, wenn es sich nicht mehr lohnt?

DJ Ötzi am iPhone

„Warum heißen manche Sachen so komisch?“ Es ist nicht leicht, wenn man vier Jahre alt ist und einen keiner, aber wirklich keiner, versteht.

Itschi Dötschi – ein freundlicher, Mützen liebender Ballermann-Sänger namens DJ Ötzi. Der uns den tollen Hit vom „Stern, der Deinen Namen trägt“ beschert hat. Dieses Lied singt mein Sohnkind seit gut drei Jahren mit gleichbleibender Begeisterung. Trotzdem kriegt er es nicht auf die Reihe, wie der herzige Mützenträger heißt.

Ei-Fon – ein hochmodernes Mobilgerät, das nicht nur zu Ostern Hochkonjunktur hat: iPhone. „Weißt Du, das ist ein Spielgerät. Und telefonieren kann es auch.“

Lubi Lu – der Rächer von Witwcn und Waisen. „Weißt Du Mama, so ein Held, der die Reichen voll beklaut, um es dann den Armen zu geben“: Klar. Robin Hood, der Mann in Strumpfhosen. Allerdings in abgewandelter Aussprache: „Mama, kannst DU kein Englisch?“

Künstlerpech

Es ist Fasnet. Der Mann will abends noch aus und kämpft tagsüber wacker auf seiner Baustelle mit schicken, integrierten Deckenleuchten, die auf Neudeutsch Downlights heißen. So wie ich mich mit einem porösen Hirn zu erinnern glaube, war Abfahrt zu seiner Fete irgendwann so kurz nach sieben. Jetzt ist kurz nach sieben. Und vom Holden selbstverständlich noch keine Spur. Ich bin eine gute Ehefrau. Rufe ihn an und erinnere ihn an seine Fasnetssause. „Ach komm, was hektiziert Du schon wieder?“ bekomme ich gelangweilt zur Antwort. Abfahrt, so erfahre ich, sei erst gegen acht Uhr. Ich verkneife mir die Frage, ob er wisse, wie lange er im Bad brauche? Dass er Haare waschen UND rasieren müsse? Frau Kasi beschließt: Herr Kasi ist alt genug. Was er de facto mit knapp 40 ja auch ist.

Deshalb wundere ich mich auch nicht, als auch um acht Uhr kein Männe zu Hause ist. Was weiß ich, wie er verabredet ist? Ich versorge das müde Kind mit Speis und Trank. Badewanne. Danach bin auch ich müde und platziere meinen Luxuskörper auf der Couch, deren Faszination ich sofort erliege. Der Gatte kommt irgendwann kurz vor halb neun ins Haus gepoltert und will sich gemütlich ins Bad aufmachen. Plötzlich fällt sein Blick auf die Funkuhr an unserer Wohnzimmerwand. Ein spitzer Schrei. Ich hebe verwundert den müden Kopf und blicke entgeistert auf seine Armband-Uhr. Dort ist es exakt 18.26 Uhr. Künstlerpech.

Kasi und Herr Kasi

Üblen Diskussionsbedarf gibt es bei uns wirklich selten, wenn ja, dann:

* Beim Ausgehen: Der Kasi-Mann möchte immer früher heim als Frau Kasi: „Ich könnt‘ so langsam…“  Ich noch nicht. Ich will noch bleiben. Es ist ja erst zwei. Oder drei?

* Bei der Badplanung: „Das ist viel zu modern.“ NEIN! Es gibt höchstens viel zu spießig. Wenn ich groß bin, will ich auch Spießer werden.

* Beim Einkaufen: Vor dem Maggi-Fix-Regal: „Ach, das schmeckt bestimmt alles lecker.“ Stimmt. Und alles gleich. Dann lieber nur Nudeln mit Butter.

* Auf der Baustelle: „Hast Du mir wieder nicht zugehört?“ Kann nicht sein. Allerhöchstens hast DU es umständlich und unverständlich erklärt. Ich bin kein Handwerker, sondern Schreiberin.

* Bei der Kindererziehung: „Das Temperament hat er von Dir!“ (mit mahnendem Unterton gesprochen). JA! Zum Glück!

* Beim Autofahren: „Möchtest Du nicht so langsam bremsen?“ NEIN! Das 80-er-Schild hab ich übrigens auch gesehen. Aber nicht beachtet.

Frau Kasi sucht das Glück

Wo sind die Autoschlüssel? Wo der Geldbeutel? Wo das Handy? Ständig sucht Frau Kasi irgendetwas. Nach meinem Zeitvertreib gefragt, sollte ich statt „Lesen“ besser „Suchen“ angeben. Aber was kann ich dafür, wenn Dinge ständig ihren Platz wechseln? Aber ehrlich gesagt, bin ich eher schusselig. Denn wenn ich zum Training gehe, fehlt mir 1) meistens die Trinkflasche. 2) manchmal das Handtuch. 3) ab und zu sogar die Sportschuhe.

Bei meinem letzten Besuch im Bauch-weg-Tempel fehlte urplötzlich mein Handy, das ich wegen beruflicher Ereichbarkeit (die ich sonst beim Sport meide wie der Teufel das Weihwasser) den ganzen Nachmittag mit mir herumgeschleppt hatte. Ich stellte meinen Spind zweimal auf den Kopf. Räumte meine Tasche exakt dreimal wieder ein und aus. Schreckte sämtliche halbnackten Damen auf, die gerade auf dem Weg in die Dusche waren. Nein. Es war auch nicht in der Sauna. Überall habe ich nachgeschaut. Des Rätsels Lösung war ganz einfach. Es lang am Empfang für mich bereit.

Heute war wieder so ein Ich-bin-Kasi-und-suche-heute-alles-Tag. Stolz darauf, an meine Trinkflasche gedacht zu haben, machte ich meine fette Trainingstasche zu. Es ist übrigens kaum vorstellbar, dass da drinnen etwas FEHLEN könnte. Mein Mann könnte mit dem Inhalt meiner Sporttasche vermutlich eine Woche zelten fahren. Oder wenigstens drei Tage nach Hamburg. Ich hatte den mp3-Player, zwei Garnituren Fitnessklamotten (nach dem Spinning-Bike muss ich mich immer umziehen), super Socken, Turnschuhe, einen Haargummi, einen zur Reserve und sogar einen Eiweiß-Riegel eingepackt. Prima. Dürfte also so ziemlich alles sein. Meine Toilettentasche war auch an Bord. Im Studio angekommen, merkte ich, dass ich keine Geldbörse dabei hatte. Normalerweise brauche ich zum Einchecken eine Karte. Weil die aber im Geldbeutel zu Hause war, gab ich meinen Autoschlüssel als Pfand ab. Kein Problem also. Erwartungsfroh zog ich mich um. Um dabei festzustellen, dass ich kein Handtuch dabei hatte. Weder ein kleines fürs Training, noch ein großes für die Sauna. Prima. Aber in meinem Studio gibt es sogar Handtücher zum Leihen und Kaufen. Endlich beim Sport. Puh. Irgendwann wollte ich zu meinem Spind. Mich umziehen. Was fehlte? Klar. Der Schlüssel.

Wieder hektisches Suchen. Unter dem Spinning-Bike. Ich nahm den nächstbesten Schlüssel mit. Bis ein gut aussehender, freundlicher Herr protestierte. Das sei eindeutig seiner. Er könne mir gern mit einem Sliip aushelfen, meinte er mit anzüglichem Augenaufschlag. Ich verzichtete. Was hätte ich, verschwitzt und nass wie ich war, einzig mit einer Unterhose anfangen sollen? Allerdings überlegte ich mir kurz, ob die Unterwäsche des Herrn wohl so hübsch ist wie er. Ich dankte also und suchte hektisch weiter. Währenddessen suchte man an der Theke den Generalschlüssel. Meine Kleidung ruhte noch immer im Spind. Bis eine freundliche Frau mich darauf aufmerksam machte, dass hinten bei den Matten ein Schlüssel nebst Tempo-Päckchen lag. Hurra.

Rasend schnell zog ich mich an und genoss die Dusche besonders ausgiebig. Danach suchte ich wieder. Was? Meinen Autoschlüssel? Es dauerte geraume Zeit, bis mir einfiel, dass dieser ja an der Theke als Einscheck-Pfand lag. Weil ich ja Karte und Geldbörse vergessen hatte. Frau Kasi sucht das Glück.

Der Rocco kommt

Der Rocco kommt. Ich habe nach langem Hin und Her einen neuen Scirocco bestellt. Den Dreier. In der tollen Farbe Salsared. Mit Sportausstattung. Etwas prollig, aber was soll’s. Peter war bei der Probefahrt dabei, Peter kennt sich mit Autos sowieso super aus, seit er immer Ludolf und den DMAX-Checker guckt. Natürlich hat er mich bei der Farbauswahl beraten: „Das Weiß is bei Dir eh immer dreckig… und schwarz hatten wir schon…“ Stimmt beides auffallend. Wir haben sogar gemeinsam den Kindersitz getestet. Er passt gut rein und ist auch super einfach zu installieren. Okay, der Kofferraum könnte größer sein. Aber sind wir mal ehrlich. Keine Sau kauft einen Scirocco, um Lasten zu transportieren.

Ich gebe es zu: Ich freue mich auf den neuen Wagen. Seit ich Auto fahre (also seit ich 18 bin, was definitiv ein paar Lenze her ist), habe ich immer nur DIE Autos gefahren, die ich bekommen habe oder die ich aus irgendwelchen Vernunftsgründen gekauft habe. Erster Vernunftsgrund war meistens der Kostenfaktor. Dieses Mal habe ich dank des tollen VW-Journalistentrarifs genau DAS Auto, das ich mir zum Geburtstag wünschen würde. Deshalb ist meine Freude umso größer, denn der neue Rote stellt also so etwas wie einen Lebenstraum dar. Trotzdem würde ich meinen alten Rocco, die alte Lady, für nichts in der Welt hergeben. Einen Onkel gibt man ja auch nicht zur Adoption frei.

Selbstverständlich habe ich mich gut eingelesen. Abendeweise im Internet gesurft. Mir einen Scirocco-Bildband zugelegt. Pannenstatistiken gelesen. Den Checker geguckt. Und die Ludolfs :-). Als Peter und ich dann zum Probefahren erschienen, dachte der Verkäufer wohl, die junge Frau hätte sich 1) verlaufen 2) eine Panne oder 3) ein Kind, das dringend aufs Klo muss. Hätte alles sein können. Es war augenscheinlich, dass der schnittige junge Mann alles andere dachte, als er mich und das Sohnkind sah. Nur nicht an eine Probefahrt im Scirocco. Natürlich musste ich all meine Fragen los werden, die sich während meiner langen Abende am Computer aufgetan hatten. Ich fragte nach den besten Motoren. Der Farbskala. Den Sportausstattungen. Das Gesicht des jungen Herrn wurde immer ungläubiger. „Haben Sie sich eingelesen?“ – „Klar“, sagte ich keck, „glauben Sie, ich investiere viel Geld und hab keine Ahnung, für was?“ Das sah er ein. Staunte, als er hörte, dass ich noch einen alten Scirocco Scala aus dem Jahr 1988 besitze. Der nette Mann half mir toll weiter. Beantwortete all meine vielen Fragen mit engelsgleicher Geduld. Zeigte mir das ganze Auto. Servierte Peterchen zweimal Apfelschorle und mir zweimal Milchkaffee. Baute sogar den Rücksitz um. Zeigte mir das Reserverad und die tollen Sitze. Selbstverständlich. Die Probefahrt (dann ohne ihn) war klasse. Bei der Rückkehr erkundigt er sich: „Gibt’s zu dem jungen Mann auch einen Papa?“ Peter ungerührt: „Ja, meinen.“ Das hätten wir jetzt auch besprochen.

Einfach selbst schuld

Peter und ich kaufen Marmeladen-Taler in einer Konditorei. Zur sonntäglichen Kaffeestunde. Schon im Ladengeschäft schärfe ich pädagogisch-wertvoll dem Sohnkind ein, dass wir die Taler zwecks Krümel und klebriger Marmelade erst zu Hause essen. Peter nickt verständnisvoll. Er kennt seinen pingeligen Kindsvater.

Umso unverständlicher ist dann das, was zwei Minuten später im Auto passiert. Der pingelige Kindsvater packt die Marmeladentaler höchst selbst aus, bricht sich und dem Sohnkind (mir nicht!) zwei große Stücke ab und meint in heißhungriger Vorfreude: „Also, ich halt es bis zu Hause nicht aus. Du, Peter?“ Meine Blicke schneiden ihn in hauchdünne Scheibchen. Super, die Sache mit der Konsequenz und dem An-einem-Strang-Ziehen. Das Sohnkind krümelt dem Erzeuger hernach passenderweise den kompletten Rücksitz voll. Ich kann mich eines gehässigen Grinsens nicht erwehren. Peters Papa lehnt sich sogar so weit zum Fenster hinaus, ordentlich mit dem Zwerg zu meckern: „Na super. Alles dreckig.“ Peter ungerührt: „Ich würd jetzt mal still sein. Du bist einfach selbst schuld. Die Mami hat ja gleich gesagt, dass erst zu Hause gegessen wird.“

Die rosarote Katze Kitty

Peter mag wie ich die Toten Hosen. Er verehrt Campino. Er schreit hemmungslos gern: „Nie im Leben würde ich zu Bayern gehn…“ Doch leider gibt es im Kindergarten Menschen, die diese Bayern-Anti-Liebe nicht verstehen. Sie womöglich sogar missbilligen. Nun ja. Irrende gibt es überall. Auch bei den Kleinen. Dialog beim Mittagessen. Peter führt heute sein „Nie-im-Leben-würde-ich-zu Bayern- gehn-T-Shirt“ aus.

Peter:  „Mami, meine Freundin findet mein T-Shirt blöd.“

Ich: „Ach was?“

Peter: „Jaaa… sie sagt sogar, die Bayern sind toll.“

Ich: „Dann hat sie keine Ahnung von Fußball.“

Peter: „Ich weiß auch nicht. Traurig bin ich trotzdem. Sie sagt, es sei voll hässlich.“

Ich: „Ich finde, Mädchen haben vor lauter Rosa und Glitzer oft vieeeel hässlichere Sachen an.“ (Merkt man, dass ich das ganze rosa Zeugs für kleine Mädels hasse?)

Peter: „Was denn zum Beispiel?“

Ich: „Würdest Du mit einem rosa Kitty-T-Shirt rumlaufen? Mit so ’ner komischen Katze auf dem Bauch?“

Peter: „Hmmmm….“

Ich: „Peter? Rosa?“

Peter (flüstert schuldbewusst): „Maaaami, ehrlich gesagt, find ich die Kitty gar nicht sooo schlecht…“

Die schönste Frau der Welt

Ich habe mir ein Poster von Audrey Hepburn gekauft, die ich hemmungslos verehre: Sie ist für mich schlicht und einfach die schönste Frau der Welt, so eine Aura und so eine Präsenz, dazu die Rehaugen, Moon River im legendären „Breakfast at Tiffany’s“. Hach. Nun ja, wo war ich? Ach ja. Beim Poster.  Dieses Poster der wunderschönsten Frau der Welt soll also in einen Rahmen. Mein Sohnkind kommt neugierig angetapst. „Mama, was machst Du?“ – „Ich mache ein Bild der wunderschönsten Frau der Welt in diesen neuen Rahmen hier.“ Peter fragt mit einem Lächeln, das einem das Herz aufgehen lässt: „Bist das Du, Mami?“ Ach, ich weiß, Petermann, Du bist ein kleiner Schleimer. Knuddeln könnt ich Dich jetzt trotzdem.