Peter bekommt von einem netten Bekannten zwei Euro geschenkt – und den Auftrag, sich tags darauf ein Eis davon zu kaufen. Ich verspreche das hoch und heilig. Am nächsten Tag brechen wir also frohgemut zum örtlichen Bäcker auf – mit der Prämisse „Gelati für den Junior“. Ich frage: „Peter, wo hast Du jetzt also Dein Geld?“ Der Zwerg überlegt: „Hmm… das hab ich leider schon in mein Kässchen gesteckt. Jetzt müssen wir halt Dein Geld nehmen.“ Geschäftstüchtig ist mein Kind. Aber Sparsamkeit soll man ja bekanntlich nicht unterbinden – ich spendiere, großzügig wie ich bin, ein Ed von Schleck. Und alle sind zufrieden.
Kollaps in Ludwigsburg
Mein großer Tag. Tote-Hosen-Konzert in Ludwigsburg. Seit Wochen bin ich aufgeregt, seit ich ein Schulkind war, Tote-Hosen-Fan. Ich kenne Campinos Biografie besser als meine eigene. Ich kann jeden Text auswendig hersingen. Ich mag die Typen einfach riesig gerne. Die Doku-DVD „Friss oder stirb“ habe ich geschätzte 1000 Mal gesehen, genauso die anderen Konzert-DVDs. Ich habe sogar noch Hosen-Videos aus frühester Urzeit. Und jetzt – jetzt fahre ich also wieder einmal zu einem Live-Konzert.
Dummerweise ist die Woche davor Chaos. Viel Arbeit. Viele Termine. Kaum Schlaf, keine Zeit zum Essen. Nur Hetze. Baustress. Ich habe mein Leben gründlich satt. Am Freitagmittag brechen wir trotzdem auf. Wie früher mit Schlafsack, Kulturbeutel, Reserveklamotten, frischen Schuhen. Ich setze meine Festkappe auf – und gut. Müde bin ich trotz Hosen-Klamotten immer noch. Macht nichts. Gatte Liebreiz tröstet mich: „Du schläfst einfach im Auto ein bisschen.“ Gut 30 Minuten klappt alles bestens. Ich döse vor mich hin. Werde wach, weil der Holde Schlangenlinien fährt – vor Müdigkeit. Er schlägt eine Rast auf einem Parkplatz vor. Für ein Nickerchen. Pause? Iwo. Nachher verpasse ich noch meine Hosen. Geht gar nicht. Also klemme ich mich selbst hinters Steuer. Souverän düse ich über die Autobahn Alex, Johnny Thunders, Bonnie und Clyde entgegen. Mein Mann schläft nicht. Er gibt mir Fahrunterricht. Ich fahre noch was schneller. Pah.
In Ludwigsburg angekommen, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Schöne-Barock-Städtchen erschlagen ist vom Punkrock. Die Menschen schauen skeptisch auf uns. Hurra, da gibt es sogar noch ein paar ganz bunte Punks mit Stacheln und liebevoll gebürsteten Irokesen-Igeln auf dem Kopf. Sie gewinnen gar keine Fans. Das Festivalgelände erreichen wir problemlos. Mittag gegessen haben wir immer noch nicht. Wegen meiner geliebten Laktose-Intoleranz gibt es für mich trockene Brötchen. Lecker.
Das Konzert beginnt. Von Beginn an super Stimmung. Mein Mann steht vorsichtig an seinem Zaun, wir sehen gut. Neue Songs, alte Lieder, klasse. Ich hopse und singe und schreie. Ich hab schließlich bezahlt. Plötzlich wird der Pressegraben geräumt. Die Herren und Damen Journalisten müssen zum Aktualisieren in ihre Redaktionen. Glück vor die Fans: Ein paar wenige dürfen in den Luxus-Bereich direkt vor der Bühne. Ich gehe stiften. Muss ja wenigstens mal gucken. Das Gatter schließt sich wieder. Ich und ein erlesenes Grüppchen stehen in einem nahezu leeren Graben direkt vor der Bühne. Aug‘ in Aug‘ mit Campino, Andi und Co. Ich kneife mich gleich dreimal in den rechten Oberarm. Davon träume ich, seit ich denken kann. Das Konzert ist fantastisch. Meine Stimme schwindet. Wer braucht schon eine? Irgendwann singt Campino „Walk on“. Und ich kehre zurück. Zu meinem Mann an dem Zaun. Er schimpft nicht, guckt bloß etwas skeptisch auf meine wankende Gestalt. Ich erkläre wortreich, wo ich war. Er fragt: „Fühlst Du Dich gut.“ – „Ach, mein Kreislauf war schon besser. Ich trink gleich was.“ Wir setzen uns in Bewegung Richtung Ausgang. Inmitten der ganzen Fanherde merke ich plötzlich, dass mein maroder Kreislauf Faxen macht. Ich wanke zur Sicherheit in Richtung eines benachbarten Bauzauns, weil ich nicht unbedingt in den Massen umkippen will. Das erledige ich dann gepflegt am Zaun. Nicht allerdings ohne vorher freundlich anzukündigen: „Mir nimmt’s grad die Knie weg.“ Ich liege auf warmem Asphalt. Ein netter junger Mann will einen Sani holen. Mein Mann: „Ach, die kommt wieder zu sich. Wir legen einfach mal die Beine hoch.“ Ich liege immer noch. Der junge Mann bleibt hartnäckig: „Ich hole jetzt doch einen Sani.“ Gesagt, getan. Die DRK-ler rücken mit einer Trage an. Über die vielen hundert Fans, die Richtung Auto strömen, werde ich in Richtung DRK-Garage gebracht. „Scheiß Drogen“, meckert eine freche Teenager-Gruppe. Zwischen einer Alkohol-Leiche und einem jungen Mann mit lädierten Beinen werde ich hingebettet. Kriege Wasser. Und wieder trockene Brötchen. Mein Mann schämt sich. Er im DRK-Zelt beim Hosen-Konzert. Ich erkläre ihm, dass ich Leute kenne, die schon bei Roberto Blanco in Ohnmacht gefallen sind. Und ich das peinlicher finde. Die Schimpf-Tirade setzt sich fort: „Weißt Du, wie alt Du bist? Wie unvernünftig? Wie kann man so bescheuert sein? Nach ganz vorn zu gehen?“ Ich liege, fühle mich grün und flau. Und sage ihm: „Ich bin 34. Und ich würde es SOFORT wieder tun.“
Sonnenstrahl mit Toter Hose
Kindergarten-Sommerfest. Im Sommer ’09 findet so etwas im Saale statt. Peter ist Tage vorher schon aufgeregt – er spielt eine tragende Rolle: einen Sonnenstrahl in der Geschichte vom Raben Tao. Auch wir Eltern wollen angesichts der kompletten Erziehungsberechtigten-Armada einen guten Eindruck hinterlassen. Will heißen: keine öffentlichen Tobsuchtsanfälle, Ketchup-Schmierereien, Kuchen-Werf-Attacken und was man sich an Schönem sonst so vorstellen kann. Die Nervosität bei allen Beteiligen ist deshalb groß.
Der häusliche Stress beginnt schon beim Anziehen. Peters Papa blockiert stundenlang das Bad. Zum Glück verzichtet er zur Feier des Tages auf großes Make-Up. Dem Kind gibt er der Einfachheit den guten Ratschlag: „Peter, mein Schatz, such Dir einfach ein schönes T-Shirt aus.“ Würde ich persönlich nie tun. Klamotten hinlegen und gut. Nun ja. Peter sucht sich – ebenfalls zur Feier des Tages – sein neues „Toten-Hosen-Machmallauter-Tourhemd raus. Schwarz. Mit neongelbem Totenkopf und dem Spruch „Machmallauter“. Als ob man das unserem Kind je sagen müsste. Ich denke, mich trifft der Schlag: „So geh ich nicht mit.“ Obwohl ich großer Hosen-Fan bin, erscheint mir das für ein Kindi-Fest nicht die angemessene Kleidung zu sein. Doch Vater und Sohn sind der Meinung, dass ich a) vollkommen überzogen reagiere, b) das Shirt total schick und modern ist und c) sie Hemden beide doof finden. Ich gebe mich geschlagen, weil wir ja pünktlich sein müssen. Und nehmen unsere Tote-Hose mit, wie sie ist: „War der Campino auch mal ein Sonnenstrahl?“
Ankunft im übervollen Pfarrsaal unserer Gemeinde. Peter müsste eigentlich zu seinen Sonnenstrahl-Kumpels, weil es ja gleich los geht. Meinem Sonnenstrahl knurrt aus unverfindlichen Gründen jedoch schon wieder der Magen: „Nein, ich bin jetzt noch keine Sonne. Ich hab zuerst Hunger.“ Ein netter Kinds-Papa erbarmt sich und bringt eine Erste-Hilfe-Wurst mit Ketchup. Peter isst genüsslich, in aller Ruhe und sogar das Brot. Ich werde nervös. „Kau schneller.“ – „Kann ich nicht. Ist ungesund.“ Irgendwann ist das Mahl beendet, die Sonne nimmt Platz und wird verständlicherweise gleich von zwei Erzieherinnen eingekesselt. Nicht lange allerdings. Ich höre im gerade leise gewordenen Saal laut und vernehmlich meinen Sprössling: „Mama, Mama…. ich muss groß… jetzt gleich.“ Umbauaktion, die Kinder sitzen im Stuhlkreis. Peter kommt nicht raus. Im Galopp aufs Klo. Wieder zurück. Die Toten-Hosen-Sonne macht ihre Aufgabe ordentlich. Wenn man davon absieht, dass nach einer knappen halben Stunde ein kleiner Junge zur Erzieherin sagt: „Komm Maria, wir gehen jetzt raus.“ Das Belohnungs-Eis ist jedoch das Beste auf der ganzen Welt.
Ins Sportheim zum Trinken
Peter hat üblicherweise donnerstags Kinderturnen. Zur Zeit ist er etwas lustlos – seit keine Tänze mehr auf dem Programm stehen. Ich erkläre ihm, dass Turnen ganz besonders gut ist für Kinder, gesund macht, man nicht dick wird. Mein Kind nickt: „Jo, klar, weiß ich doch alles, Mama. Aber ich bin nach dem Kindi immer so müde.“ Okay, das klingt glaubthaft. Ich hake trotzdem nach, möchte wissen, ob ihm Turnen generell keine Freude bereitet. „Ooch, doch schon.“ Nicht sehr gesprächig, der junge Herr. Ich lasse nicht locker: „Willst Du lieber Fußball spielen?“ Peter: „Hmmm… überleg ich mir. Bei den Bambinis vielleicht?“ Jetzt nicke ich: „Ich wünsche mir einfach, dass Du Spaß an irgendeinem Sport hast. Und wenn es Fußball wäre, auch gut.“ Peter überlegt mit gerunzelter Stirn: „Na ja, weißt Du… der Sport beim Fußball ist mir eigentlich egal. Ich geh so gern ins Sportheim zum Trinken.“ Aha. Noch einmal: Das Kind ist VIER.
Ehrlich und mit Fassung
Was ich dieser Tage wieder einmal dachte: Mittlerweile machen mich die Doppelmoral und die Scheinheiligkeit unserer Gesellschaft ganz fertig. Ein Beispiel: Gern reist man nach Mallorca, aber niemand gibt zu, dass er auf dem Ballermann war. Alle reisen nur auf die Nordseite der Insel, so hört man allenthalben. So langsam mache ich mir Gedanken um Mallorca: Vermutlich die einzige Insel weltweit, die nur aus einer Nordseite besteht. Alle gehen nur zum Mountainbiken oder Wandern ins wärmste deutsche Bundesland. Da frag‘ ich mich immer: Wer bitte trinkt den ganzen Sangria? Zweites Beispiel: das Fernsehprogramm. Formate wie „Dschungelcamp“ und Heidi Klums Modelsuche erzielen Top-Quoten, aber offenbar haben sie trotzdem kein Publikum. Niemand schaut so etwas: „Ach, das tu‘ ich mir nicht an. Ich habe es nicht so mit Fernsehen. Ich lese lieber ein gutes Buch.“ Aber irgendjemand muss die Sendungen ja gucken – außer mir. Die Fastfood-Tempel sind auch so ein Thema: Da geht offenbar außer mir und meinem Kind niemand hin. Genauso verhielt es sich in meiner Jugend übrigens mit Modern-Talking-Platten. Bohlen und Nora-Anders verdienten Millionen. Aber niemand kaufte sie. Noch Fragen? Also: Ich oute mich. Ich liebe Chicken-Mac-Nuggets und Burger-King-Pommes. Ich schaue „Germany’s Next Topmodel“. Ich war zwar noch nie auf Mallorca (echt!), würde mir den Ballermann aber unbedingt einmal angucken. Modern-Talking-Platten habe ich zwei (von früher). Und ehrlich gesagt: Manchmal ist mir Bücherlesen zu anstrengend, da gucke ich mir lieber die Schrottplatz-Brüder Ludolf auf DMAX an. Seien Sie ruhig entstetzt. Das trage ich stolz mit Fassung.
Michel aus Nusplingen
Peter kriegt jeden Abend mindestens eine Gute-Nacht-Geschichte. Das ist Ritual, bevor wir unsere Fußball-Schlaflieder singen. Heute lesen wir zum wiederholten Male Michel aus Lönneberga. Sie wissen schon, der kleine Junge, der stets im Akkord Holzmännchen schnitzte, wenn er etwas ausgefressen hätte. Bei der Lektüre ich mitunter das Gefühl nicht los, ich selbst hätte ebenfalls zu meinen besten Zeiten das eine oder andere Männchen fertigen müssen. Meinem Kind geht es ähnlich. Es macht ihn immer sehr nachdenklich, wenn der Katthulter Lausbub mal wieder im Tischlerschuppen verschwindet: „Hat der dort auch Essen?“ In der Tat eine elementare Frage.
Es gibt eine Geschichte, in der Michel abends den Hühnerstall zuschließen muss. Wo er schon mal dabei ist, schließt er auch gleich noch den Schweinestall mit Knirpsschweinchen zu und die Trissebude. Das Klo. Dummerweise sitzt da grad der gute Anton, der schwedische Papa, der im Film so markerschütternd „Miiiiiiichel, Du verfliiiiixter Bengel…“ brüllen kann. Anton also im Klo, kommt nicht mehr raus. Er krabselt durch eine kleine Luke, steckt fest. Es regnet, das Unglück nimmt seinen Lauf. Peter ist sichtlich beeindruckt, dass Michel seinen Papa so mir-nichts-dir-nichts im Klo verrammelt hat. „Wieso hat der das gemacht?“ – „Aus Versehen.“ Peter nickt wissend. Ich frage vorsichtig, ob er seinen Papa auch ab und an gern im Klo einsperren würde. Peter überlegt nicht lang und kontert freudestrahlend: „Hach Mama, das kann ich mir sparen. Das macht der doch schon ganz von selbst. Er schließt doch immer selbst zu.“
Eine schöne Passage von Astrid Lindgren möchte ich meinen werten Lesern noch gern mit auf den Weg geben, der diese Trissebuden-Einschließ-Geschichte beschließt: „Aber später ist aus Michel doch noch ein guter Kerl geworden. Da sieht man, dass auch aus den schlimmsten Kindern im Laufe der Zeit noch etwas Rechtes werden kann. Ist das nicht ein schöner Gedanke?“ In der Tat, Astrid. Das ist es. Aus mir wurde ja auch keine kleinkriminelle Autoknackerin.
Mal nicht die Letzte
Ich komme früher vom Termin zurück und bin dementsprechend super-pünktlich am Kindergarten, um Peter zum Mittagessen abzuholen. Peter erzählt allen Erzieherinnen und diversen kinderabholenden Omas und Mamas, dass seine Mama heute mal nicht die Letzte ist: „Seht Ihr alle, heute ist sie schon da.“
Sogar noch richtig neu
Es gab ein schweres Gewitter. Bei uns zu Hause funktionieren weder Telefon, noch Internet oder Fernsehen. Ich erkläre Peter, dass da wahrscheinlich weit weg irgend etwas durch einen Blitz kaputt gegangen ist, das aber nicht ganz so tragisch ist, weil wir ja noch die Handys haben, um im Notfall telefonieren zu können. In einem Anschwung von Nostalgie erkläre ich dem aufmerksam lauschenden Knirps, dass ich in einer Zeit ohne Handys groß geworden bin: „Das gab es noch nicht, als ich klein war.“ Das Kind nickt fachmännisch: „Klar, das ist ja auch schon lang her. Gab es da überhaupt schon Telefons?“ Ich erinnere mich an schauderhaft grüne oder orangene Exemplare, gern auch im Brokatröckchen, die meistens auf einem formschönen Telefontisch in der Diele standen. Trotzdem nicke ich eifrig: „Ja, klar Peter, Telefone gab es schon, als ich klein war.“ Peter lässt nicht locker: „Obwohl das schon sooo lang her ist?“ Was denkt das Kind? Dass ich höchstselbst bei der Erfindung des Telefons zugegen war? Der Thronfolger kann das gar nicht fassen. Aber er ist gnädig: „Aber so ganz alt bist Du ja auch noch nicht. Sogar noch richtig neu.“
Unsere Telefon-Diskussion nimmt eine andere Wendung. Peter ärgert sich, dass nichts mehr funktioniert. „Wie ruft man jetzt Emäls ab?“ -„Jetzt zuerst mal gar nicht. Aber das ist nicht so tragisch, ich muss heute nicht mehr arbeiten.“ Peter überlegt weiter und streckt seinen rechten Zeigefinger wissend in die Höhe: „Ich weiß was“, ruft er beglückt aus. „Wir beschweren uns bei Herrn Donner und schreiben dem einfach einen bösen Brief, und dann läuft die Kiste wieder.“ Ich mache mir ernsthaft Gedanken um meine Rolle als pädagogisch-wertvolles Vorbild: So läuft es also bei uns. Wenn irgendwas nicht klappt, schreibt Mama Kasi einen bösen Brief, und alles ist wieder im Lot. Wieder einmal nehme ich mir vor, dass das Kind nicht ALLES mitkriegen sollte.“
Verkabelte Beziehungsprobleme
Einkaufen für den Bau im Elektro-Großhandel ist klasse, ganz ehrlich. Ich finde es immer irrsinnig spannend, den anwesenden Elektrikern bei ihren Großeinkäufen über die Schulter zu schauen, während ich so elementare Dinge wie Kabelbinder in Schwarz, wetterbeständig, oder Lehrrohre, die 25-er, Sie wissen schon, bestelle. Heute war es besonders lustig. Vor mir stand ein junger Elektromeister, der eine Bestellung abholen musste, die sein Vater, also der Seniorschef der Firma, bestellt hatte. Soweit so gut. Es ging um ein komplexes Beleuchtungskonzept mit Unterbau-Leuchten und Trafos, mit diversen Schiebern und Birnen und allem Pipapo.
Ich stehe also unter dem riesigen Ventilator in der Zwei-Mann-Schlange, bestehend aus dem Jung-Elektromeister und mir. Mein Vordermann erklärt dem Personal wortreich, dass sein Vater, der Chef, dies und das und die Unterbau-Leuchten bestellt habe. Von dem Anruf weiß niemand. Während das Personal diesen Umstand mit viel Aufwand unter sich zu klären versuchte, klinglt das Handy des jungen Elektromeisters. Weil ich direkt hinter ihm stehe, bekomme ich alles mit. „Jaja… die Angebote sind fertig….ich bin grad im Großhandel und warte.“ Der Gesprächspartner an der anderen Leitung hat offenbar genauso viel Zeit. „Jaja, bei dem Alex und der Katrin, da kriselt es grad gewaltig. Jaja, eine ganz komische Situation.“ Wissendes Nicken. „Jaja, sowas hab ich mir auch schon gedacht….“ Ich lausche angestrengt. Für Krisen aller Art fühle ich mich mit meinem Mutter-Theresa-Syndrom stets sofort zuständig. Dabei beobachte ich fasziniert, eine winzige Bohrmaschine, die sich auf einem runden Plateau im Kreis dreht und von allen Seiten bestrahlt wird. „Jaja… die haben sich sogar ganz oben auf dem Gerüst UMARMT….“ Die Stimme bekommt ein leichtes Tremolo und steigt in den Sopran.
Schade. Die Lieferung ist doch da. Jetzt werde ich wohl nie erfahren, was bei Alex und Katrin die Krise ausgelöst hat.
Kein Auto zu verkaufen
Wissen Sie, was ich so langsam echt hasse? Diese kleinen, bunten Visitenkärtchen, die nach einem Einkauf im Einkaufscenter oder im Drogeriemarkt an meinem Scheibenwischer hängen: „Möchten Sie Ihr Auto verkaufen? Wir bieten auch für Schrottautos gute Preise und holen sie sofort ab…“ Hallo? Fahre ich ein Schrottauto? Nein, denke ich eigentlich nicht. Mein Kleinwagen ist jetzt mit Sicherheit nicht die Designschönheit schlechthin (das ist für mich der neue Scirocco in der Sportausführung, in Knallrot, mit schwarzen Ledersitzen), aber mein feuriger Spanier fährt mit seinen 75 PS ordentlich schnell (zum Geblitzt-Werden langt’s…). Außerdem hat er schicke Alu-Felgen, Sportsitze und nur eine kleine Schramme vorne links. Diese stammt von dem alten Öltank in meiner Garage. Obwohl mein Auto bald 60.000 Kilometer und etwas über drei Jahre auf dem Buckel hat, läuft das Kistchen prima. Darum ärgern mich diese Windschutzscheiben-Zettel. Ich würde mich schon selbständig regen, wenn ich mein Auto hergeben wollte (spätestens, wenn ich das Geld für einen Scirocco beisammen habe). Ich finde es anmaßend, meinem Auto so klammheimlich und hintenrum zu unterstellen, dass es eine Schrottmühle ist. Außerdem hat er mich noch nie im Stich gelassen – und das, sind wir mal ehrlich, kann man nicht von jedem behaupten.
