Narr im Leiden

Peter hat immer dann, wenn er wächst, Probleme mit Bauchweh. Hatte er schon als Baby. Am Samstag war es mal wieder soweit, das Männchen klagte und jammerte, kreidebleich und elend, von Übersäuerung und Bauchdrücken geplagt. Er schlief dann zeitig ein, kurz vor 17 Uhr. Und wurde nicht mehr wach. Was heißt das dann wohl? Heute morgen um 2.30 Uhr war der Thronfolger fit wie ein Turnschuh. Schrie nach Essen (das Leiden war vorbei), wollte kuscheln und glotzen. Nach etlichem Hin und Her (für das ich zu solcher Tageszeit definitiv NICHT geschaffen bin) schlief er noch einmal ein. Sein erster Satz an mich: „Nicht dasss Du denkst, ich bin noch krank. Heute ist Fasnetszumzug, und da ist kein vernünftiger Mensch krank.“

Ich freu mich auf den Einzug

Schon häufiger haben meine treuen Leser in letzter Zeit über meine liebe Familie gelesen. Meine Baustelle kam dabei allenfalls am Rande vor. Und dabei ist in der Vergangenheit sooo viel passiert. In aller Kürze.

* Wir haben jetzt eine Heizung. Das heißt, die Zeiten von drei Fleecepullis sind endgültig passé. Ganz super. Super. Super. Für mich alte Frostbeule.

* Wegen veränderter Wasseranschlüsse haben wir kurzfristig noch kein Klo. Wird schon. Das Sohnkind geht seither brav zu Hause.

* Wir haben Türen, Bodenbeläge, die Küche, Lampen und eine Treppe bestellt. Ach ja, eine superschöne Haustüre auch. Und es ist jetzt warm bei uns. Hab ich das schon erwähnt?

* Außerdem habe ich jetzt einen Garagenhof, auf dem ich parken kann. Die vielen Euro-Paletten sind weg.

* Leider hat sich einer unserer treuesten Bauhelfer, Peters geliebter Opa Schatz, das Knie gebrochen und fällt definitiv aus. GUTE, ach was, ALLERBESTE Besserung! Und das natürlich nicht nur aus Eigennutz, Opa Schatz.

* Ein Estrich ist jetzt auch drin. „Das ist jetzt gar keine echte Baustelle mehr“, jubilierte heute das Sohnkind, „sondern schon fast ein Haus“. Den Tipp des Heizungsfachmanns, sich flach auf den Boden zu legen (wegen der eigens von ihm installierten Fußbodenheizung) führte das Sohnkind nahtlos aus. Dummerweise ist der Estrich frisch abgeschliffen und ergo SEHR staubig. Das Kind danach auch.

* Die vielen Leerrohre sind nicht mehr überall sichtbar.

* Ich freu mich auf den Einzug.

* Meine Hochachtung vor meinem Mann, dem Ich-Organisiere-Alles-Ohne-Durchzudrehen-Markus, wird jeden Tag größer.

 Deshalb das! Er hat es sich verdient!

Was weg muss

Wir essen gemeinsam mit den liebsten Handwerkern unseres Vertrauens auf unserer Baustelle. Es gibt ein klassisches Familie-Kasi-Essen: Räubertopf. In den Räubertopf kommt für gewöhnlich alles, was verwertet werden sollte: Hackfleisch, Wurstrestchen, Möhren, Erbsen, Mais, Bohnen, Pilze. Dieses Mal sind ausnahmsweise KEINE Reste drin, sondern frische Möhren und Pilze und bestes Rinderhack. „Na, Peter, ist das Dein Lieblingsessen?“ wird der heftig essende Sohn gefragt. „Hmmmm…“, mümmelt Peter mit vollen Backen, „obwohl. Wir packen da ja eigentlich nur immer Reste rein. Also das, was weg muss oder abgelaufen ist“.

Komisches Gefühl

Ich sitze mutterseelenallein in meinem großen Haus. Das Sohnkind nächtigt heute bei Oma Lotte. Der Mann ist noch auf seiner geliebten Baustelle. Ich warte bis er heimkommt, dann gehen wir zur Fasnet. Der Mann und ich. Um es klar zu sagen: Alles ist also allerbestens. Ich gehe zur Fasnet mit meinem Mann. Die Fasnet, die ich sehr liebe. Mit meinem Mann, ach ja, den natürlich auch. Aber trotzdem. Das stille Haus. Keiner fragt: „Wann darf ich endlich glotzen?“ Oder quengelt nach Schokolade. Ich versuche, das Gefühl einzuordnen. Früher war ich gern allein, habe lang in einer großen Wohnung allein gelebt. Heute ist das anders. Ich fühle mich – ja einsam. In Mitten von so viel Ruhe (ich weiß, ich habe mir an genau dieser Stelle schon sehr oft über die Hektik und die Lautstärke unseres Haushaltes beschwert). Zumal das Sohnkind grad beim Abschied ein, zwei Tränchen verdrückt und geflüstet hat: „Aber gell, Mamilein, ich darf JEDERZEIT anrufen, wenn ich zurück zu Dir will.“ Klar, Peterchen. Darfst Du. Ich auch?

Wann ich einen Tag hasse

* Wenn ich 200 Dinge auf einmal tun soll und jeder denkt, dass ich außer seiner Aufgabe nichts änderes hätte

* Wenn das Telefon dauernd klingelt und der 100. dann sagt: „Naaaa… Sind sind mir ja vielleicht schwer zu erreichen.“

* Und dann noch irgendjemand anruft und sagt: „Na, hosch zu tun?‘

* Ein Staubsaugervertreter, Rettungsfliegertrupp, Apfelverkäufer, Postkartenmaler oder sonst wer klingelt und Lust auf ein Schwätzchen hat: „Ach schön. Sie sind ja daheim.“ Nein. Ich bin bloß eine arme Sau, deren Einkommen für eine Extra-Miete nicht langt und drum daheim ein Büro hat.

* Wenn ich an einem Tag mehr als eine Reklamation erledigen muss. Ich hasse kaputte Brillen, defekte Mobiltelefone, kaputte Spülmaschinen und surrende PCs.

* Mich ein Handwerker fragt: „Wo ist denn hier die Bauherrin?“

Kein Kaffee für Kasi

Ein normaler Morgen bei Familie Kasi. Peter ist als erster wach. „Hunger. Wann gibt’s Frühstück?“ Peters Papa duscht schon seit geraumer Zeit. Peter soll sich anziehen. Ich bin noch nicht wach und deshalb auch nicht wirklich ansprechbar. Peter: „Neee…. will heute nix Blaues.“ Super. Drei Viertel aller Klamotten vom Sohnkind SIND blau. Weil ich Klamottenspiele am Morgen hasse wie die Pest, biete ich ihm zwei Shirts zur Auswahl an. Mit mehr ist mein Kind definitiv überfordert. Eins ist orange, das andere grün. Peter entscheidet sich für das grüne. Zu meinem Leidwesen stark quasselnd. Sagen Sie mal, atmet mein Kind durch die Kiemen wie sein Onkel? Mein Mann duscht noch immer. Ich beschließe, um des lieben Friedens willen einen Kaffee zu trinken – zwecks Menschwerdung. Peter krakeelt: „Mamaaaaa…. heut ist Musikschule. Ich brauch den Ordner.“ Und ich eine Nervenklinik. „Ach ja…. und heut nicht schon wieder Baaaanane.“ Ich erkläre dem Sohnkind ruhig und gefasst, dass er mich vielleicht in 30 Jahren anbrüllen muss – aber noch nicht jetzt und schon gar nicht vor 7 Uhr in der Früh. Mein Mann? Duscht noch immer.

Ich schlurfe endgültig in die Küche. Zur Kaffeemaschine. Während diese freundlich vor sich ihn blubbert, stürmt meine bereits angezogene Männerschar in die Küche. „Warum hast Du schon Kaffee gekocht? Das mach doch ich immer…“, meckert der Kleine, und der Große: „Hast Du Socken gewaschen? Wenn ja, wo sind sie?“ Wo wohl. Entweder a) noch in der Waschmaschine. Oder b) im Trockner. Oder c) in einem Korb. c) ist der Fall. Der Kasi-Mann findet sogar zwei gleiche. Das Kind schreit nach Nutella-Brot und Kaba. Mein Mann möchte einen Tee – „nimm die Innere Ruhe.“ Oh ja. Peter wünscht sich eine Banane zum Vesper. Und ach ja, heute Mittag hat er eine Verabredung. Und im Kindergarten ist heute Raumfahrts-Projekt. Und Kinderkonferenz. Und gemeinsames Frühstück. Ich warte noch immer auf meinen Kaffee. Bin mit Vesper richten, Socken suchen, Nutella-Brot-Schmieren und Terminkalender-Merken vollauf beschäftigt. Mein Mann packt seine Aktentasche schaut mich in meinem Schlafanzug entgeistert an und fragt: „Sach mal, warum bist Du eigentlich noch nicht angezogen?“

Peter und die Frauen

Peter hat diverse kleine Freundinnen aus dem Kindergarten. Mittlerweile beginnt auch das klassische Spiel „Mama-darf-ich-heute-Mittag-zu“. Häufig wird Peter dabei von jungen Damen eingeladen, die ihm dann voller Stolz Puppenhäuser, Puppenbadewannen, Kinderwagen und Babywippen vorführen. Eine Zeitlang fand Peter das ja auch ganz spannend – all diese Dinge führt sein Kleine-Jungen-Haushalt nicht, dafür aber Polizeiwachen, Playmobil-Handschellen, Räuber, die gerade einen Tresor knacken oder Bagger aller Art. Deshalb begann mein Sohnkind nun, alle jungen Damen zu SICH einzuladen. Kein Problem für mich. Meistens hüten sich zwei, drei, vier Kinder besser als ein gelangweiltes. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne die jungen Fräuleins gemacht, die weit weniger besuchsforsch sind als mein Thronfolger. Beim Mittagessen entspinnt sich folgender Dialog.

Peter: „Weißt Du Mama, ich seh‘ echt nicht ein, dass ich meine ganzen Frauen ständig besuchen muss.“

Ich (verschlucke mich gerade am Gulasch): „Wie bitte?“

Peter: „Na ja, immer soll ich auf Besuch kommen. Die sollen jetzt auch mal zu mir und Polizei spielen.“

Ich (empanzipiert): „Da hast Du Recht. Gleiches Recht für alle.“

Peter: „Jaaaa… aber weißt Du. Die Frauen heutzutage sind soooo schüchtern. Woran liegt das?“

Ich: „Hmmm…. weiß ich auch nicht so genau. Vielleicht wollen sie nicht Polizei spielen.“

Tote Hose in der Kiste

Ich habe schlecht geschlafen. Mein herzensguter Mann lässt mich deshalb noch etwas dösen, während er das fortwährend quasselnde Kind bespaßt und anzieht und zum Zähneputzen anhält. Plötzlich höre ich den genervten Sprössling fragen: „Und unser Toten-Hosen-Fan? Der liegt noch in der Kiste, was?“ Kinder machen viel Freude.

Manchmal aber auch ganz in Echt. Peter und ich sind beides leidenschaftliche Stadtbummler (wenn man Besuche im Drogeriemarkt und im Großmarkt mit einrechnet). Am Montag waren wir mittags miteinander unterwegs. Im Auto sagt das Sohnkind mit feuchten Augen: „Ach Mama. Danke dafür, dass ich den Mittag heute mit Dir verbringen darf.“

Zu Gast bei Biene Maja

Das Schöne, wenn man ein Kind hat, ist die Tatsache, dass man jederzeit Sendungen wie Heidi oder Biene Maja gucken kann, ohne sich zu genieren. Was habe ich das kleine Mädchen im roten Kleidchen geliebt, die hoch oben auf der Alm beim Großvater im Heu schlafen durfte. Die so furchtbar litt in Frankfurt unter der dummen Schnefe Fräulein Rottenmeier. Ich bekomme heute noch Hassfalten, wenn ich deren hohe Stimme höre. Bei Biene Maja wollte ich immer den Willi schubsen – damit der wenigstens einmal ein bisschen Tempo kriegt. Auf der Klatschmohnwiese wollte ich immer gerne wohnen, am liebsten in Alexanders gemütlichem Mäuseheim.

Ich erinnere mich auch noch gut daran, wie ich, stolze 25 Jahre alt, eines sonntagnachmittags Lust bekam, mal wieder das Dschungelbuch zu gucken, das just an diesem Tag im Kinderkino mit ermäßigtem Eintritt lief. Dann saß ich inmitten lauter Fünf-, Sechsjährigen (gegebenenfalls mit Mama), die sich mit Popcorn bewarfen, mit Gummibären-Tüten raschelten und bei den spannendsten Stellen – beispielsweise da, wo die Schlange kommt – unter dem Sitz verschwanden. Selten habe ich mich so seltsam – und so alt gefühlt. Kinderkino ohne Kind ist einfach doof. Mittlerweile ist das einfach. Ich habe selbst einen Sohnemann, dem ich solche Filme schmackhaft machen kann. Allerdings funktioniert mein Kind nicht so wie andere. Er guckt lieber den DMAX-Checker, die Ludolfs oder sonstige Schrauber-Sendungen. Außerdem mag er weder Detlef Jöcker noch Rolf Zuckowski, sondern hört lieber die Toten Hosen oder seine geliebte Ballermann-Sammlung. Wie man’s macht…