Denken bei der Arbeit

Kind wird von mir am Kindergarten abgeholt, ausnahmesweise mal pünktlich. Peter ist zur Zeit sehr faul und mag überhaupt nicht zu Fuß gehen. Dieses Mal habe ich in der Tat das Auto dabei, weil ich eben erst von einem Termin zurückkomme. Folgender Dialog am Kindergartentor.

Peter: „Hi, Mama. Hast Du ausnahmsweise heute mal das Auto dabei?“

Ich: „Ja, ausnahmsweise.“

Peter: „Da hasse Dir ausnahmsweise mal was gedacht.“ Danke auch.

Bei den Vorbereitungen fürs Mittagessen gehen die Schmeicheleien weiter. Ich koste die Sauce. Peter kommentiert das mit: „Lirum Larum Löffelstiel. Alte Weiber fressen viel.“ Auch nett. Schön, dass wir auch darüber gesprochen haben.

DJ Ötzi am iPhone

„Warum heißen manche Sachen so komisch?“ Es ist nicht leicht, wenn man vier Jahre alt ist und einen keiner, aber wirklich keiner, versteht.

Itschi Dötschi – ein freundlicher, Mützen liebender Ballermann-Sänger namens DJ Ötzi. Der uns den tollen Hit vom „Stern, der Deinen Namen trägt“ beschert hat. Dieses Lied singt mein Sohnkind seit gut drei Jahren mit gleichbleibender Begeisterung. Trotzdem kriegt er es nicht auf die Reihe, wie der herzige Mützenträger heißt.

Ei-Fon – ein hochmodernes Mobilgerät, das nicht nur zu Ostern Hochkonjunktur hat: iPhone. „Weißt Du, das ist ein Spielgerät. Und telefonieren kann es auch.“

Lubi Lu – der Rächer von Witwcn und Waisen. „Weißt Du Mama, so ein Held, der die Reichen voll beklaut, um es dann den Armen zu geben“: Klar. Robin Hood, der Mann in Strumpfhosen. Allerdings in abgewandelter Aussprache: „Mama, kannst DU kein Englisch?“

Der Rocco kommt

Der Rocco kommt. Ich habe nach langem Hin und Her einen neuen Scirocco bestellt. Den Dreier. In der tollen Farbe Salsared. Mit Sportausstattung. Etwas prollig, aber was soll’s. Peter war bei der Probefahrt dabei, Peter kennt sich mit Autos sowieso super aus, seit er immer Ludolf und den DMAX-Checker guckt. Natürlich hat er mich bei der Farbauswahl beraten: „Das Weiß is bei Dir eh immer dreckig… und schwarz hatten wir schon…“ Stimmt beides auffallend. Wir haben sogar gemeinsam den Kindersitz getestet. Er passt gut rein und ist auch super einfach zu installieren. Okay, der Kofferraum könnte größer sein. Aber sind wir mal ehrlich. Keine Sau kauft einen Scirocco, um Lasten zu transportieren.

Ich gebe es zu: Ich freue mich auf den neuen Wagen. Seit ich Auto fahre (also seit ich 18 bin, was definitiv ein paar Lenze her ist), habe ich immer nur DIE Autos gefahren, die ich bekommen habe oder die ich aus irgendwelchen Vernunftsgründen gekauft habe. Erster Vernunftsgrund war meistens der Kostenfaktor. Dieses Mal habe ich dank des tollen VW-Journalistentrarifs genau DAS Auto, das ich mir zum Geburtstag wünschen würde. Deshalb ist meine Freude umso größer, denn der neue Rote stellt also so etwas wie einen Lebenstraum dar. Trotzdem würde ich meinen alten Rocco, die alte Lady, für nichts in der Welt hergeben. Einen Onkel gibt man ja auch nicht zur Adoption frei.

Selbstverständlich habe ich mich gut eingelesen. Abendeweise im Internet gesurft. Mir einen Scirocco-Bildband zugelegt. Pannenstatistiken gelesen. Den Checker geguckt. Und die Ludolfs :-). Als Peter und ich dann zum Probefahren erschienen, dachte der Verkäufer wohl, die junge Frau hätte sich 1) verlaufen 2) eine Panne oder 3) ein Kind, das dringend aufs Klo muss. Hätte alles sein können. Es war augenscheinlich, dass der schnittige junge Mann alles andere dachte, als er mich und das Sohnkind sah. Nur nicht an eine Probefahrt im Scirocco. Natürlich musste ich all meine Fragen los werden, die sich während meiner langen Abende am Computer aufgetan hatten. Ich fragte nach den besten Motoren. Der Farbskala. Den Sportausstattungen. Das Gesicht des jungen Herrn wurde immer ungläubiger. „Haben Sie sich eingelesen?“ – „Klar“, sagte ich keck, „glauben Sie, ich investiere viel Geld und hab keine Ahnung, für was?“ Das sah er ein. Staunte, als er hörte, dass ich noch einen alten Scirocco Scala aus dem Jahr 1988 besitze. Der nette Mann half mir toll weiter. Beantwortete all meine vielen Fragen mit engelsgleicher Geduld. Zeigte mir das ganze Auto. Servierte Peterchen zweimal Apfelschorle und mir zweimal Milchkaffee. Baute sogar den Rücksitz um. Zeigte mir das Reserverad und die tollen Sitze. Selbstverständlich. Die Probefahrt (dann ohne ihn) war klasse. Bei der Rückkehr erkundigt er sich: „Gibt’s zu dem jungen Mann auch einen Papa?“ Peter ungerührt: „Ja, meinen.“ Das hätten wir jetzt auch besprochen.

Einfach selbst schuld

Peter und ich kaufen Marmeladen-Taler in einer Konditorei. Zur sonntäglichen Kaffeestunde. Schon im Ladengeschäft schärfe ich pädagogisch-wertvoll dem Sohnkind ein, dass wir die Taler zwecks Krümel und klebriger Marmelade erst zu Hause essen. Peter nickt verständnisvoll. Er kennt seinen pingeligen Kindsvater.

Umso unverständlicher ist dann das, was zwei Minuten später im Auto passiert. Der pingelige Kindsvater packt die Marmeladentaler höchst selbst aus, bricht sich und dem Sohnkind (mir nicht!) zwei große Stücke ab und meint in heißhungriger Vorfreude: „Also, ich halt es bis zu Hause nicht aus. Du, Peter?“ Meine Blicke schneiden ihn in hauchdünne Scheibchen. Super, die Sache mit der Konsequenz und dem An-einem-Strang-Ziehen. Das Sohnkind krümelt dem Erzeuger hernach passenderweise den kompletten Rücksitz voll. Ich kann mich eines gehässigen Grinsens nicht erwehren. Peters Papa lehnt sich sogar so weit zum Fenster hinaus, ordentlich mit dem Zwerg zu meckern: „Na super. Alles dreckig.“ Peter ungerührt: „Ich würd jetzt mal still sein. Du bist einfach selbst schuld. Die Mami hat ja gleich gesagt, dass erst zu Hause gegessen wird.“

Die rosarote Katze Kitty

Peter mag wie ich die Toten Hosen. Er verehrt Campino. Er schreit hemmungslos gern: „Nie im Leben würde ich zu Bayern gehn…“ Doch leider gibt es im Kindergarten Menschen, die diese Bayern-Anti-Liebe nicht verstehen. Sie womöglich sogar missbilligen. Nun ja. Irrende gibt es überall. Auch bei den Kleinen. Dialog beim Mittagessen. Peter führt heute sein „Nie-im-Leben-würde-ich-zu Bayern- gehn-T-Shirt“ aus.

Peter:  „Mami, meine Freundin findet mein T-Shirt blöd.“

Ich: „Ach was?“

Peter: „Jaaa… sie sagt sogar, die Bayern sind toll.“

Ich: „Dann hat sie keine Ahnung von Fußball.“

Peter: „Ich weiß auch nicht. Traurig bin ich trotzdem. Sie sagt, es sei voll hässlich.“

Ich: „Ich finde, Mädchen haben vor lauter Rosa und Glitzer oft vieeeel hässlichere Sachen an.“ (Merkt man, dass ich das ganze rosa Zeugs für kleine Mädels hasse?)

Peter: „Was denn zum Beispiel?“

Ich: „Würdest Du mit einem rosa Kitty-T-Shirt rumlaufen? Mit so ’ner komischen Katze auf dem Bauch?“

Peter: „Hmmmm….“

Ich: „Peter? Rosa?“

Peter (flüstert schuldbewusst): „Maaaami, ehrlich gesagt, find ich die Kitty gar nicht sooo schlecht…“

Die schönste Frau der Welt

Ich habe mir ein Poster von Audrey Hepburn gekauft, die ich hemmungslos verehre: Sie ist für mich schlicht und einfach die schönste Frau der Welt, so eine Aura und so eine Präsenz, dazu die Rehaugen, Moon River im legendären „Breakfast at Tiffany’s“. Hach. Nun ja, wo war ich? Ach ja. Beim Poster.  Dieses Poster der wunderschönsten Frau der Welt soll also in einen Rahmen. Mein Sohnkind kommt neugierig angetapst. „Mama, was machst Du?“ – „Ich mache ein Bild der wunderschönsten Frau der Welt in diesen neuen Rahmen hier.“ Peter fragt mit einem Lächeln, das einem das Herz aufgehen lässt: „Bist das Du, Mami?“ Ach, ich weiß, Petermann, Du bist ein kleiner Schleimer. Knuddeln könnt ich Dich jetzt trotzdem.

Narr im Leiden

Peter hat immer dann, wenn er wächst, Probleme mit Bauchweh. Hatte er schon als Baby. Am Samstag war es mal wieder soweit, das Männchen klagte und jammerte, kreidebleich und elend, von Übersäuerung und Bauchdrücken geplagt. Er schlief dann zeitig ein, kurz vor 17 Uhr. Und wurde nicht mehr wach. Was heißt das dann wohl? Heute morgen um 2.30 Uhr war der Thronfolger fit wie ein Turnschuh. Schrie nach Essen (das Leiden war vorbei), wollte kuscheln und glotzen. Nach etlichem Hin und Her (für das ich zu solcher Tageszeit definitiv NICHT geschaffen bin) schlief er noch einmal ein. Sein erster Satz an mich: „Nicht dasss Du denkst, ich bin noch krank. Heute ist Fasnetszumzug, und da ist kein vernünftiger Mensch krank.“

Was weg muss

Wir essen gemeinsam mit den liebsten Handwerkern unseres Vertrauens auf unserer Baustelle. Es gibt ein klassisches Familie-Kasi-Essen: Räubertopf. In den Räubertopf kommt für gewöhnlich alles, was verwertet werden sollte: Hackfleisch, Wurstrestchen, Möhren, Erbsen, Mais, Bohnen, Pilze. Dieses Mal sind ausnahmsweise KEINE Reste drin, sondern frische Möhren und Pilze und bestes Rinderhack. „Na, Peter, ist das Dein Lieblingsessen?“ wird der heftig essende Sohn gefragt. „Hmmmm…“, mümmelt Peter mit vollen Backen, „obwohl. Wir packen da ja eigentlich nur immer Reste rein. Also das, was weg muss oder abgelaufen ist“.

Komisches Gefühl

Ich sitze mutterseelenallein in meinem großen Haus. Das Sohnkind nächtigt heute bei Oma Lotte. Der Mann ist noch auf seiner geliebten Baustelle. Ich warte bis er heimkommt, dann gehen wir zur Fasnet. Der Mann und ich. Um es klar zu sagen: Alles ist also allerbestens. Ich gehe zur Fasnet mit meinem Mann. Die Fasnet, die ich sehr liebe. Mit meinem Mann, ach ja, den natürlich auch. Aber trotzdem. Das stille Haus. Keiner fragt: „Wann darf ich endlich glotzen?“ Oder quengelt nach Schokolade. Ich versuche, das Gefühl einzuordnen. Früher war ich gern allein, habe lang in einer großen Wohnung allein gelebt. Heute ist das anders. Ich fühle mich – ja einsam. In Mitten von so viel Ruhe (ich weiß, ich habe mir an genau dieser Stelle schon sehr oft über die Hektik und die Lautstärke unseres Haushaltes beschwert). Zumal das Sohnkind grad beim Abschied ein, zwei Tränchen verdrückt und geflüstet hat: „Aber gell, Mamilein, ich darf JEDERZEIT anrufen, wenn ich zurück zu Dir will.“ Klar, Peterchen. Darfst Du. Ich auch?

Peter und die Frauen

Peter hat diverse kleine Freundinnen aus dem Kindergarten. Mittlerweile beginnt auch das klassische Spiel „Mama-darf-ich-heute-Mittag-zu“. Häufig wird Peter dabei von jungen Damen eingeladen, die ihm dann voller Stolz Puppenhäuser, Puppenbadewannen, Kinderwagen und Babywippen vorführen. Eine Zeitlang fand Peter das ja auch ganz spannend – all diese Dinge führt sein Kleine-Jungen-Haushalt nicht, dafür aber Polizeiwachen, Playmobil-Handschellen, Räuber, die gerade einen Tresor knacken oder Bagger aller Art. Deshalb begann mein Sohnkind nun, alle jungen Damen zu SICH einzuladen. Kein Problem für mich. Meistens hüten sich zwei, drei, vier Kinder besser als ein gelangweiltes. Allerdings hatte ich die Rechnung ohne die jungen Fräuleins gemacht, die weit weniger besuchsforsch sind als mein Thronfolger. Beim Mittagessen entspinnt sich folgender Dialog.

Peter: „Weißt Du Mama, ich seh‘ echt nicht ein, dass ich meine ganzen Frauen ständig besuchen muss.“

Ich (verschlucke mich gerade am Gulasch): „Wie bitte?“

Peter: „Na ja, immer soll ich auf Besuch kommen. Die sollen jetzt auch mal zu mir und Polizei spielen.“

Ich (empanzipiert): „Da hast Du Recht. Gleiches Recht für alle.“

Peter: „Jaaaa… aber weißt Du. Die Frauen heutzutage sind soooo schüchtern. Woran liegt das?“

Ich: „Hmmm…. weiß ich auch nicht so genau. Vielleicht wollen sie nicht Polizei spielen.“